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Mary Stone - Winters Vermächtnis: Winter-Black-Serie Staffel zwei

A Taste of… Winters Vermächtnis

Erstes Kapitel

Harlan Lessner fluchte verhalten und fröstelte auf dem kalten Betonboden. Die Zunge klebte ihm am Gaumen, seine Wimpern waren vom Schlaf verkrustet. Als er sich über die Augen wischte, fühlte er auf seiner Stirn etwas Klebriges. Er besah sich die Hand. Blut.

Was zum Teufel ist passiert?

Während er sein Gesicht nach Verletzungen abtastete, stellten sich Erinnerungsfetzen ein. Ein Krankenzimmer. Mit Handschellen an ein Bettgeländer gefesselt, während ein Arzt eine Schussverletzung an seinem rechten Arm nähte. Das Betäubungsmittel hatte den Schmerz kaum gemildert. Bei jedem Einstich drehte sich ihm der Magen um.

Diesen Schmerz hatte ich vollkommen verdient. Weil ich einen FBI-Agenten entführt, gefoltert und verstümmelt habe.

Er schaute sich um und überlegte, wohin man ihn aus dem Krankenhaus gebracht hatte. Hier gab es keine Krankenschwester, kein Bett, keine Handschellen. Nur ein Fenster mit geborstener Scheibe hoch an der Wand, zusammengehalten von Klebeband.

Er setzte sich auf und stützte seinen verletzten Arm. Die Wunde brannte höllisch, vermutlich hatte sie sich entzündet. Mit Hilfe der linken Hand stemmte er sich hoch und tappte zum Fenster.

Das Glas war verdreckt, doch er konnte nach draußen sehen. Im Schein einer Verandalampe machte er bedrohlich wirkende hohe Bäume aus. Ansonsten war es dunkel und still. Da er sich offenbar fernab der Zivilisation und funktionierender Geräte befand, konnte Harlan die Uhrzeit nur schätzen.

Ich bin in einem Keller, im beschissenen Nirgendwo, nachts. Die Wahrscheinlichkeit, lebend hier rauszukommen, ist gering oder gleich null.

Dieser Gedanke löste überraschenderweise ein Gefühl von Erleichterung aus.

Sein Leben war schon lange vorbei, und zwar seit ein Mann im Drogenrausch Quincy überfahren hatte, sein kleines Mädchen. In den folgenden Jahren war er in eine schwere Depression verfallen, die nie wirklich weggegangen war. Seine Frau hatte ihn verlassen und ihren Sohn mitgenommen.

Die Polizeiarbeit hatte ihn aufrecht gehalten, doch auch das hatte er vermasselt. Alles wegen eines Manns namens Erik Waller.

Der Wahnsinnige war ihm mit einem Deal gekommen: die Chance, sich an denjenigen zu rächen, die seine Tochter getötet hatten, und die Möglichkeit, ein Stück von Quincys Leben zurückzuerlangen. Harlans Ex-Frau hatte Quincys Dinge aus ihrer Kindheit in einem Pappkarton auf dem Dachboden verwahrt gehabt. Erik hatte sie gestohlen und Harlan im Austausch gegen Gefälligkeiten angeboten.

Er hat mich dazu überredet, Special Agent Noah Dalton zu kidnappen, um dessen Frau Winter Black zu quälen.

Die Aussicht, die Lieblingsspielsachen seines kleinen Mädchens noch einmal in Händen zu halten und ihr nah zu sein – wenn auch nur in der Erinnerung -, war unwiderstehlich. Seit ihrem Tod war sein Leben leer, bis auf seine stille Wut.

Deshalb hatte Harlan Furchtbares getan, wie Erik es von ihm verlangt hatte, bloß um die letzten Überbleibsel von Quincys Leben zurückzuerlangen.

Doch Erik hatte ihm Quincys Sachen nicht gegeben. Stattdessen hatte er Harlan zu noch abscheulicheren Taten gezwungen.

Er musste daran denken, wie er Noahs Kopf festgehalten hatte, während Winter ihn anflehte. Wie Eve Taggart ihm in den Arm geschossen hatte.

Wie Darnell Davenport ins Krankenzimmer gestürmt war.

Harlan massierte sich die Handgelenke und dachte an die Handschellen, mit denen man ihn an die Trage gefesselt hatte. Er hatte einen Herzanfall vorgetäuscht und einen Officer getötet. Erik hatte ihm bei der Flucht geholfen.

Als sie an dem Abend in einem menschenleeren Park Hamburger verzehrten, die sie in einem Drive-in gekauft hatten, zeichnete sich Enttäuschung in Eriks Miene ab. „Schade, dass ich dir den Karton nicht zurückgeben kann. Du solltest im Krankenhaus Winters Mann töten, und das hast du nicht getan.“

In fünfzehn Jahren bei der Polizei hatte Harlan kein einziges Mal die Fassung verloren.

Diesmal schon.

Als dieser Scheißkerl neue Ausflüchte dafür vorbrachte, Quincys Habseligkeiten zurückzuhalten, hatte Harlan reflexhaft seine Waffe gezogen. Erst im letzten Moment hatte er die Pistole zur Seite geschwenkt. Wenn er Erik tötete, wären Quincys Sachen unwiederbringlich verloren.

Das wollte Harlan nicht riskieren. Deshalb schoss er Erik unmittelbar über dem Knie ins Bein.

Als er sich dafür, dass er Erik eine Kostprobe seiner eigenen Medizin verabreicht hatte, beglückwünschen wollte, blickte er selbst in eine Mündung – Erik zielte auf ihn.

An mehr konnte er sich nicht erinnern. Nun war ihm klar, weshalb er Blut an der Stirn hatte.

Das alles zählt jetzt nicht mehr. Wohin hat er mich gebracht und warum?

Harlan wandte sich um und erkundete im Schein der Verandaleuchte den Keller. Abgesehen von einer Treppe, die zu einer geschlossenen Tür hochführte, war der Raum leer. Unter der Tür zeichnete sich ein schmaler Lichtstreifen ab.

Harlan schlich die Treppe hoch und lauschte.

Vorsicht drückte er die Klinke.

Natürlich abgeschlossen. Wahrscheinlich schläft Erik irgendwo da oben … und wartet darauf, mich zu töten.

Vielleicht blieben ihm zwei bis drei Stunden, um einen Ausweg aus seiner Zwangslage zu finden.

Das Holz der Treppe und des Geländers war alt, aber nicht morsch und rau an den Kanten. Es war nie abgeschliffen oder lackiert worden. Er untersuchte es und stellte fest, dass es stabil genug war, um sein Gewicht zu tragen. Doch mit ein paar gut platzierten Tritten würde er es vermutlich von den Pfosten losbekommen.

Der Lärm wird Erik aufwecken, und dann kommt er runter und erschießt mich, sticht mich ab oder macht sonst was Schreckliches.

Aber wenigstens würde er eine Waffe in Händen halten, wenn er starb. Der Gedanke war irgendwie trostvoll.

Er stemmte den Rücken gegen die Wand, setzte einen Fuß auf das Geländer und drückte dagegen. Mehrmals beugte er das Bein und brachte das Geländer leicht ins Schwingen, doch die Halterungen und Schrauben, die den Handlauf fixierten, bewegten sich keinen Millimeter.

Er vernahm ein Geräusch wie von Schritten auf Holzboden.

Eine Kühlschranktür wurde geöffnet, geschlossen, wieder geöffnet. Jemand brummte. Vom Zischen einer Büchse Bier oder Mineralwasser lief Harlan das Wasser im Munde zusammen. Was hätte er nicht alles für einen Schluck gegeben.

Die Schritte entfernten sich von der Tür am Ende der Treppe. Schlurfen, ein Seufzen und ein Plätschern, als würde jemand pinkeln.

Harlan nutzte die Gelegenheit, verlagerte seine Position auf der Treppe und drückte wieder und wieder gegen den Pfosten. Er ließ nicht locker und schaukelte den Holzpfosten hin und her, bis er sich mit lautem Knacken von der Wand löste.

Gerade als Harlan das Kantholz aus der letzten Befestigung reißen wollte, fiel ihm hinter den Stufen etwas ins Auge.

Er hielt inne und spähte in die Dunkelheit. Kauerte sich hin. Da war ein Pappkarton.

Heraus lugte die Spitze eines kleinen rosafarbenen Kaninchenohrs.

Mit Tränen in den Augen packte er den Karton und zog ihn aus dem Versteck.

„Quincy …“

Der Name seiner Tochter raubte ihm alle Kräfte. Er sackte neben dem Karton zusammen und streckte die Hand nach dem Stoffkaninchen aus.

Was würde Quincy von ihm denken, wenn sie wüsste, was er getan hatte? War er überhaupt würdig, ihre Habseligkeiten zu berühren, die Gegenstände, die sie einst mit Liebe und Freude in Händen gehalten hatte?

Er zitterte so heftig, dass er Herzschmerzen bekam. Er konnte sich nicht länger bezähmen, nahm das Kaninchen und dann eine zusammengefaltete gelbe Babydecke heraus.

Er drückte sich den weichen Stoff an die Wange. Trotz des Modergeruchs hatte er den fruchtigen, blumigen Duft von Quincys Lieblingsshampoo in der Nase, eine Mischung aus Beeren und Lavendel.

Ein Schluchzen steckte in seiner Kehle fest, Ausdruck von Freude und Schmerz. Freude deshalb, weil alles, woran er sich erinnerte, hier war – Quincys Zeichnungen, ihre Lieblingspuppen, ein kleiner Drachen, den sie aus einem mit Wachs imprägnierten T-Shirt gebastelt hatten.

Er konnte kaum glauben, dass seine Ex-Frau die Sachen aufbewahrt hatte. Und dass der Psychopath, dem er gefolgt war, sie gestohlen hatte und ihn damit quälte.

Schniefend stopfte er alles wieder in den Karton und schloss die Klappe. Er hob ihn mit der unverletzten Hand hoch, stützte ihn auf die Hüfte und richtete sich auf.

Erik musste oben sein. Was immer er verlangte, Harlan würde mit Freuden einwilligen. Solange er den Karton mit Quincys Sachen behalten durfte, würde er hundert Menschen töten, tausend Finger abschneiden. Nichts bedeutete ihm so viel, wie die Besitztümer seiner Tochter zurückzuerlangen, und er würde niemals zulassen, dass jemand sie ihm je wieder abnahm.

Er lehnte sich an die Wand, sein verletzter Arm hing schlaff herab, und der sengende Schmerz strahlte von der Schulter in den Ellbogen aus. Gerade als er sich mit einem Seufzer ein wenig entspannen wollte, klickte es am Ende der Treppe, und die Tür ging auf.

Erik stand da, eine dunkle Silhouette im Lampenschein, eine Waffe locker in der Hand. „Ich glaub es nicht.“ Er knipste das Deckenlicht an, schlenderte ein paar Stufen hinunter und zielte auf Harlans Gesicht. Harlan erkannte seine eigene Pistole wieder.

Erik Waller war Mitte zwanzig, groß und schlank und hatte schlaffes blondes Haar. Sein blasses Gesicht war länglich und hatte mit dem eckigen Kinn und den großen dunklen Augen, die das Licht aufsaugten wie zwei schwarze Löcher, etwas Vogelartiges.

Harlan war sein Anblick zuwider.

„Dann hast du also die Schatzkiste gefunden. Ich bin ja so stolz auf dich. Was macht der Arm, Bro?“

„Tut höllisch weh.“

„So ist das nun mal bei Schussverletzungen.“ Erik sah auf sein Bein nieder. „Üble Sache.“

Harlan setzte den Karton ab und wich zurück, während Erik näherkam. Im Keller hätte er mehr Freiraum und könnte seinen verletzten Arm besser schützen. Wenn er sich auf Erik werfen müsste, würden ihm sein größeres Gewicht, seine Polizeiausbildung und die unverletzte Schulter einen Vorteil bringen.

„Was willst du, Erik?“

„Natürlich das, was alle wollen. Geld, Ruhm und eine liebestolle Waifu.“ Speichel spritzte von seinen vollen Lippen. „Was hast du den Cops über mich erzählt? Ich will‘s wissen. Red schon.“

Er richtete die Waffe auf Harlans Unterleib.

Harlan spannte die Beine an, um sich auf Erik zu stürzen und ihn umzuwerfen. Doch dabei würde er riskieren, eine Kugel ins Bein abzubekommen, zu dicht an der Schlagader.

Spiel mit und warte ab, ob er sein Ziel verlagert. Sobald die Waffe sich bewegt, legst du los.

Erik lachte höhnisch. „Ich warte, Arschloch. Was hast du den Cops über mich erzählt?“

Harlan ermahnte sich, den Blick von der Waffe abzuwenden. Einem Angreifer sah man besser ins Gesicht als auf die Hände.

„Wer hat dich angeschossen?“ Erik kam näher und grinste vielsagend, die Pistole noch immer auf Harlans Unterleib gerichtet. „War das Winter?“

Erik redete gern über Winter, und diese Genugtuung gönnte ihm Harlan nicht. Er sah auf Quincys Sachen nieder, wodurch ihm gleich Tränen in die Augen schossen.

„Danke.“ Harlan brach die Stimme. Er räusperte sich. „Danke, dass du sie hier deponiert hast.“

Erik verzog das Gesicht. „Wofür zum Teufel dankst du mir? Bro, erzähl mir einfach, was das FBI weiß.“

„Ich hab ihnen gar nichts gesagt. Sie haben mir Handschellen angelegt, mich zusammengeflickt und versucht, mich woanders hinzubringen. Ich habe dich erkannt. Wie bist du reingekommen?“

„Scheiße, genau so, wie ich gestern Nacht ins Höschen deiner Mom gekommen bin. Bin zur Tür reinspaziert und hab gesagt, der Laden gehört mir. Ehrlich, Bro, im Krankenwagen war nur ein einziger Bulle.“

„Wo sind wir?“

„Irgendwo und nirgends.“ Erik musterte ihn. „Und du hast wirklich nichts über mich verraten? Gegenüber niemandem?“

Harlans Lachen klang beinahe echt. „Ich wünschte, ich könnte das mit Ja beantworten. Ich erinnere mich nur, dass ich Davenport gesagt habe, es tut mir leid. Und dass er das auch Winter und Noah ausrichten soll.“

„Mann, du bist echt der größte Schwächling aller Zeiten.“ Erik spitzte die Lippen und äffte Harlan nach. „Oh je, es tut mir ja soooo leid. Bitte, bitte, tu mir nichts, lieber Bullizist. Du bist die totale Lachnummer. Sie durften dich einfach rumschubsen. Und was hast du jetzt davon? Häh?“

Harlan schaute aufs rosafarbene Häschengesicht. Er hatte den Eindruck, es lächle ihn an, so als wäre ein Teil von Quincy noch am Leben und brächte ihm Zuneigung entgegen, trotz allem, was er getan hatte. „Wenn du Vater wärst, würdest du das verstehen.“

„Väter nerven. Glaub mir.“

„Deiner vielleicht, und deshalb bist du, wie du bist. Deshalb hasst du alles und jeden.“ Harlan wusste genau, wie er Erik reizen konnte.

„Pass besser auf, was du sagst.“

„Das hätte auch von deinem Vater kommen können.“ Erik war vernachlässigt worden, sein Vater hatte ihm nach dem Tod seiner Mutter Geld anstatt Liebe gegeben. Das Ergebnis dieser Erziehung war erschreckend, der vor ihm stehende Mann war der lebende Beweis.

„Ich hab gesagt, du sollst die Klappe halten.“

Die Mündung der Waffe wanderte von Harlans Unterleib nach oben.

Harlan täuschte eine Bewegung nach rechts an, dann warf er sich auf Erik und drückte ihn gegen das Geländer. Eriks Bein prallte gegen die raue Kante, und Harlan genoss einen Moment des Triumphs, als Erik aufschrie und sein Bein sich unterhalb des Knies in einem unnatürlichen Winkel verdrehte. Dann knallte es wie bei einem Feuerwerk.

Das war für den Moment alles – nur ein Geräusch, das in dem kleinen Raum widerhallte, während er und Erik nach Halt suchten.

Es knallte zwei weitere Male. Beide Male flammte in Harlans Bauch der Schmerz auf, und er taumelte rückwärts. Er bekam weiche Knie und brach auf dem Steinboden zusammen. Blutrote Flecken bildeten sich auf seinem Bauch. Er hob die Hand, den Schmerz in der verletzten Schulter nahm er kaum wahr, und berührte die Wunde.

Als er die Finger löste, waren sie klebrig.

Lachend trat Erik gegen den Pappkarton, der über den Boden schlitterte.

Harlan brach es das Herz. „Quincy!“

„Du hast Scheiße gebaut, und jetzt siehst du, wie es Nicht-Spieler-Charakteren ergeht. Glaubst du etwa, du bist was Besonderes?“

Harlan starrte die Silhouette des Kartons an. Er sehnte sich danach, den kleinen Hasen und die fusselige gelbe Decke zu berühren, an ihnen zu schnuppern und seine Wange daran zu reiben.

Erik sah mit hämischer Schadenfreude auf ihn nieder. „Yo, du dämlicher NPC-Idiot. Weißt du, was ich mit deinem Schatz machen werde?“ Er wandte sich ab und stemmte die Arme in die Hüfte. „Ich werd ihn anzünden. Ihn verbrennen, bis nur noch Asche übrig ist.“

Die Pistole knallte erneut, und in Harlans Brust explodierte der Schmerz. Ihm verschwamm die Sicht. Er versuchte nach dem Hasen zu greifen, nur danach, doch wieder donnerte es laut, und Kugel um Kugel bohrte sich in seinen Körper. Einmal, zweimal, dreimal wurde seine Brust von einem glühenden Hammer getroffen.

Blut strömte aus seinen Wunden. Kraftlos drückte er die Hände darauf, während sich um ihn herum eine Blutlache bildete.

Er dachte an seine Kinder, an das Einzige, was er in seinem armseligen, vergeudeten Leben zustande gebracht hatte. Er schloss die Augen in der vagen Hoffnung, am Ende dieses Albtraums warte Quincy und reiche ihm die Hand.

Zweites Kapitel

Winter Black-Dalton lehnte in einer Autoschlange vor dem Flughafen Austin-Bergstrom International an ihrem Honda Pilot. Das Dröhnen und Brausen der Flugzeuge über ihr vermischte sich mit dem geschäftigen Treiben der Reisenden – ihrem Stimmengewirr und dem Rattern der Rollkoffer.

Ein Stück weiter umarmte Noah seine Mutter und küsste sie aufs Haar. Sie war nur ein paar Zentimeter kleiner als er und überragte somit neunzig Prozent aller Frauen, Winter eingeschlossen.

„Gute Reise, Mama.“ Noah zog den Griff ihres Rollkoffers aus. „Ruf mich an, wenn du zuhause bist.“

Liv Alvarez legte ihrem Sohn die Hand auf die Wange und lächelte, so dass sich Fältchen um ihre Augen bildeten. „Ich kann problemlos noch ein paar Tage länger bleiben. Es macht mir wirklich nichts aus.“

„Ich komme schon klar. Außerdem musst du arbeiten. Du hast keinen bezahlten Urlaub mehr.“

Sie zupfte einen Fussel von seinem Ärmel. „Zum Teufel damit. Mein Sohn braucht mich.“

„Dein Sohn hat noch neunzig Prozent seiner Finger und hundert Prozent seiner Frau, die ihm hilft. Ich schaffe das schon. Und dein Flug geht in zwei Stunden.“

„Es kommt mir nicht richtig vor, euch alleinzulassen.“ Liv musterte Winter mit sanftem Blick. „Ihr habt die Hölle durchgemacht. Ihr habt es verdient, ein bisschen verwöhnt zu werden.“

Winter lachte und dachte an die köstlichen Mahlzeiten, die Liv für sie zubereitet hatte. „Du hast uns sehr geholfen. Danke.“

„Aber …“ Noahs Mom räusperte sich, ihr Blick wanderte zu seiner Linken, die er in die Hosentasche geschoben hatte. „Du hast noch nicht mal den Verband abgenommen. Vielleicht sollte ich so lange warten, bis du deine Prothese bekommst.“

„Ich weiß gar nicht, ob ich überhaupt eine haben will.“ Noah verdrehte die Augen, wie jedes Mal, wenn seine Mutter, Winter oder ein Arzt das Thema ansprach. „Es ist doch nur ein Finger. Seine einzige wichtige Funktion bestand darin, meinem Ehering Halt zu geben. Jetzt muss eben dieser Bursche einspringen.“ Er nahm die Hand aus der Tasche und krümmte mehrfach den kleinen Finger. „Trainieren. Eins, zwei, drei, vier.“

„Das ist Unsinn, und du versteckst deinen Schmerz hinter deinem Humor. Deiner Mutter kannst du nichts vormachen.“

Noah hob argwöhnisch eine dunkle Braue. „Zweifelst du etwa an der Kraft meines kleinen Fingers?“

Winter biss sich auf die Lippe und senkte den Blick auf ihre staubigen Stiefel, so dass sie sich praktisch unsichtbar vorkam. „Keine Sorge. Ich achte schon darauf, dass er sich um sich selbst kümmert.“

„Das ist gut. Aber wer kümmert sich um dich?“

Noah schob die linke Hand wieder in die Tasche. Früher hatte er das nicht getan, doch inzwischen war das ihr eigentliches Zuhause. Die Blutergüsse in seinem Gesicht und am Hals waren fast verschwunden, doch er hatte noch gelbliche Tränensäcke und eine geschwollene Nase. In Anbetracht dessen, was er durchgemacht hatte – von einem Wagen angefahren, entführt, unter Drogen gesetzt und verstümmelt –, zeigte seine Genesung erstaunliche Fortschritte.

„Na schön, du störrischer Ochse.“ Liv sah wieder Winter an. „Bitte achte darauf, dass er die Wunde regelmäßig säubert, wie der Arzt es ihm geraten hat.“

„Mach ich.“ Winter drückte sie ein letztes Mal und wartete am Wagen, während Noah Livs Gepäck ins Terminal schob.

Winter ging zur Fahrertür und stieg ein. Ihr Handy meldete eine Nachricht ihrer besten Freundin Autumn Trent.

Hey, Mädel! Geht‘s Noah besser?

Winter lächelte so wie immer, wenn Autumn sich meldete. Anscheinend geht‘s ihm prima. Als wäre nichts passiert. Ich mach mir Sorgen.

Autumns Antwort ließ nicht lange auf sich warten. Warum sind Männer so?

Du meinst wohl Marines.

Touché!

Die Wagentür wurde geöffnet. Noah setzte sich neben sie, und Winter legte das Handy auf der Mittelkonsole ab. „Glaubst du, sie steigt tatsächlich ins Flugzeug?“

Noah schnallte sich an. „Das liegt jetzt nicht mehr in meiner Hand. Und das ist gut, denn ich hab nicht mehr so viel Kraft darin wie früher.“

Ihm zuliebe lächelte sie. Noah neigte schon immer zum Galgenhumor, auch das eine Folge seiner Zeit bei den Marines. In letzter Zeit aber häuften sich seine morbiden Scherze. Sie fragte sich, wie viele Finger-Wortspiele er noch auf Lager hatte.

Immer noch einen. Jedes verdammte Mal.

Sie reihte sich in den langsamen Verkehr ein und folgte den Schildern zum Highway. Es war später Vormittag, kein lästiger Stoßverkehr, und die Sonne stand bereits so hoch, dass sie die Sonnenblende nach oben klappen und die Sonnenbrille abnehmen konnte. Eine Weile schwiegen sie, das Radio spielte leise.

Winter streckte die Hand aus und drückte ihm rasch den Arm. „Alles in Ordnung?“

„Hm?“ Noah schaute sie an. Das dunkelbraune Haar hing ihm in die Stirn und streifte an seinen Augen. Der Bart auf seinem kräftigen, kantigen Kiefer war buschig geworden. „Mir geht‘s gut. Hab alles, was ich brauche.“

Sie unterdrückte einen Seufzer.

„Und wie geht‘s dir?“

„Lenk nicht ab. Seit du zuhause bist, hast du nicht viel geredet. Ich weiß, du wolltest dir vor deiner Mutter keine Blöße geben, aber bei mir ist das nicht nötig. Es ist okay, wenn‘s dich belastet. Das weißt du doch, oder?“

„Und das sagst gerade du?“ Er beugte sich herüber und gab ihr einen Schmatzer auf die Wange. „Ich weiß auch nicht, Schatz. Da du‘s unbedingt wissen willst … ich hab in letzter Zeit das seltsame Gefühl, irgendwas würde fehlen, kann aber nicht genau sagen, was.“

„Ha, sehr komisch.“

Noah lachte glucksend, und das musste reichen. Er hatte seine eigene Art, mit dem Verlust des Fingers umzugehen, so wie sie mit den Dingen auf ihre Weise fertig wurde. Sie hatte es noch immer nicht geschafft, ihre verkrampften Schultern zu lockern.

Wenn oder falls der Tag kam und Noah über das, was ihm zugestoßen war, sprechen wollte, würde sie für ihn da sein. So wie immer.

„Ich habe ein Geschenk für dich.“ Sie zog einen kleinen Samtbeutel aus der Tasche ihres Blazers.

Noah nahm ihn mit der Rechten entgegen – mit der Hand, deren Finger noch vollständig waren. „Was ist das?“

„Ganz ruhig. Ich hab ihn gestern von Darnell zurückbekommen. Ich war mir nicht sicher, ob du die Größe anpassen lassen willst oder …“

Er öffnete den Beutel, und sein Ehering fiel auf seine Handfläche – ein schlichter Ring aus Damaszenerstahl mit einer eingeätzten stilisierten Baumreihe, wie eine Wasserspiegelung im Winter. Sie hatte ihn auf eine filigrane Platinkette gefädelt, damit er ihn um den Hals tragen konnte, denn den Finger, für den er gedacht gewesen war, gab es nicht mehr.

Noahs bekam feuchte Augen, so wie damals, als sie ihm den Ring geschenkt hatte.

„Die Kette hat Grandpa Jack gehört. Er hat mich dabei ertappt, wie ich online nach Halsketten gesucht habe, und hat sie mir geschenkt. Ich glaube, ursprünglich gehörte sie meinem Urgroßvater.“

„Und ich hab schon geglaubt, ich seh ihn nie wieder.“

„Ich lasse deinen Ehering doch nicht in einem Asservatenschrank verrotten. Ich hab Darnell gesagt, ich würde mich nachts reinschleichen und ihn stehlen, wenn er ihn mir nicht gibt.“

„Und das hat er dir geglaubt?“

„Er hat mir den Ring gegeben.“ Winter lächelte schuldbewusst. „Ich liebe dich so sehr.“

„Ich weiß.“

„Okay, Han Solo“, spöttelte sie. „Gleich kriegst du eine gewatscht.“

„Ich liebe dich auch.“ Noah grinste wie ein Honigkuchenpferd. „Genau genommen bin ich besessen von dir. Das ist schon gruselig.“

Er legte ihr den Arm um die Schulter und küsste sie auf den Hals. Winter verspürte ein höchst angenehmes Kribbeln im Bauch, da klingelte ihr Handy.

„Das ist Eve.“ Sie drehte das Display zu Noah herum, so dass die Frontkamera nur sein Gesicht erfasste, und nahm den Anruf entgegen.

„Hey, Taggart. Was gibt‘s?“

„Dalton? Ich wusste gar nicht, dass du schon entlassen wurdest. Wo ist Winter?“ Eves Stimme klang noch immer ein bisschen heiser, eine weitere Spätfolge von Harlan Lessners Versuch, Noah im Krankenhaus zu ermorden. Er wollte Eve erwürgen und hatte ihren Kopf mehrfach auf den Boden geschlagen, um den Prozess zu beschleunigen. Erst als Winter ins Zimmer gestürmt war, hatte er eine Waffe auf Noah gerichtet.

Eine Hand am Steuer, winkte Winter mit der anderen in die Handykamera. „Ich bin da, Eve.“

„Prima. Komm in meinem Büro vorbei.“

„Jetzt gleich?“

„Es sei denn, du willst nicht wissen, was ich über Erik Waller erfahren habe, seit wir vor drei Tagen zum letzten Mal miteinander gesprochen haben.“

„Welcher Erik noch gleich?“

Eve schnaubte. „Erik Saulsons richtiger Name lautet Waller. Das ist sein echter Name, kein weiteres Pseudonym. Kommst du jetzt oder nicht?“

„Bin schon unterwegs, Babe.“

„Bringst du mir einen Kaffee mit?“

„Mach ich.“ Winter legte auf und biss sich auf die Lippe. „Ich glaube, dass Erik kein bloßer Mitläufer von Justin ist.“

Noah runzelte die Stirn. „Wie kommst du darauf?“

„Ich hab heute Nacht mit Autumn über ihn gesprochen, als du geschlafen hast.“

„Ach ja?“

„Am Ende ging es um diesen Typen im Todestrakt, der eine Internetberühmtheit wurde, weil so viele Frauen verrückt nach ihm sind.“

Noah ließ den Kopf zurückfallen, als hätten ihm Ekel und Enttäuschung über die Menschheit sämtliche Halswirbel gebrochen. „Grundgütiger. Die Schöne und das Biest.“

„Was?“

„Die Schöne und das Biest. Frauen, die sich von Männern bedroht fühlen, finden Monster oft sexy, ganz gleich, ob es ihnen bewusst ist oder nicht.“

„Ich frage mich, was Autumn von deiner Theorie halten würde.“

„Sie würde sie bestimmt genussvoll zerpflücken und mir vorhalten, ich hätte keine Ahnung. Was hat Autumn sonst noch zu Erik gesagt?“

„Sie hat eine Menge über männliche Heldenverehrung gesagt, speziell wenn der Held gewalttätig ist. Solche Männer wählen grausame, gewalttätige Typen als Idole, weil ihr erstes Idol, der Vater, sich ihnen gegenüber so verhalten hat.“

„Sie glaubt, Erik ist brutal und hasst Frauen, weil sein Vater gewalttätig und seine Mutter nicht da war, um ihm Liebe und Zuneigung zu schenken.“

„So in etwa.“

„Immer sind die Eltern schuld, wie? Da fragt man sich, weshalb die Leute überhaupt Kinder bekommen.“

Winter brummte zustimmend. „Vielleicht betrachtet Erik Justin und andere, die ihm ähnlich sind, als Vaterersatz … der es ihm erlaubt, seine grausamen Neigungen auszuleben, von der die Gesellschaft erwartet, dass er sie sein Leben lang unterdrückt.“

„Ich frage mich, ob Justin und Erik sich je begegnet sind. Nicht nur online, sondern von Angesicht zu Angesicht.“

Sie zuckte mit den Schultern und unterdrückte ein Schaudern. Das herauszufinden, sollte nicht schwer sein. Diese Frage ging ihr schon länger im Kopf herum wie ein Ohrwurm. Solange Erik nicht hinter Gittern saß, konnten sie und ihr Mann weder zur Ruhe kommen noch das Erlebte verarbeiten. Seine Freiheit bedeutete für sie eine Bedrohung – sie blieben potenzielle Opfer.

Winter musste ihn schnell fassen, und sie war bereit, alles Nötige dafür zu tun. Auch wenn es bedeutete, sich einem noch schrecklicheren Monster gegenüber verletzlich zu zeigen.

Er hat ihren Mann gefoltert. Jetzt will er ihre Seele.

Es ist nicht das erste Mal, dass Privatermittlerin Winter Black es mit einem Monster zu tun hat. Doch Erik Waller ist anders als die anderen: der sadistische Fan ihres Bruders, des Serienkillers, der beweisen will, dass er das ultimative Raubtier ist. In Winters Familie hat er bereits eine Schneise der Gewalt geschlagen – nun greift er sich einen Jungen.

So wie einst Justin. Read More