Ein Vorgeschmack auf... Winters Sturm

Erstes Kapitel

Bevor er vom Waldwanderweg abwich, sah Jackson Fisher sich furchtsam auf der Lichtung um. Der Mond war zwar beinahe voll, doch einige Wolken hatten sich zusammengezogen und ließen nur einen schwachen Schimmer durch. Bisher hatte das Schirmdach der Bäume das Licht des Mondes und der Sterne vollkommen abgehalten.

Auf der Lichtung nahm Jackson dagegen den matten Glanz des Mondes deutlich wahr. Das Schummerlicht wirkte allerdings eher bedrohlich als hilfreich.

Auf dem Weg über die Lichtung riss Jackson sich aus seinen Gedanken. Auch wenn er Jaime noch nicht sehen konnte, bedeutete das nicht, dass er nicht da war. Jackson musste sich konzentrieren.

Nächtliche Treffen mit Jaime im Freien waren nichts Ungewöhnliches, aber Jackson beschlich inzwischen ein Gefühl, als beträte er die Szenerie eines Horrorfilms. Jaime behauptete, sein Gehirn arbeite nachts am besten, und der Junge hasste Großstädte. Für Jaime konnte eine Gegend gar nicht ländlich genug sein.

Auch Jackson war nie ein Fan von Metropolen gewesen, aber im Moment wünschte er, sie hätten sich in einem nachts geöffneten Diner verabredet. Oder in einer verdammten Shoppingmall. Ein Festival mit hunderttausend Besuchern, die ihn von allen Seiten umdrängten, hätte ihm besser gepasst als die unheimliche Stille, die ihm hier den letzten Nerv raubte.

Er sollte einfach gehen, sicher, aber er brauchte dieses Treffen. Jaimes und seine Meinungsverschiedenheit über ihre Methoden bedeutete nicht, dass Jackson es sich leisten konnte, die Verbindung zu ihm abzubrechen. Jaime war ein Macher, und für ihre Sache brauchten sie solche wie ihn.

Als Vertrauensbeweis hatte Jackson widerwillig zugestimmt, sich mit Jaime hier in dieser einsamen Gegend zu treffen. Der Junge rastete schnell aus, doch er wusste kleine Gesten der Höflichkeit zu schätzen.

Jetzt musste Jackson hoffen, dass sein Zeichen guten Willens genügte, um ein erfolgreiches Gespräch in Gang zu bringen.

Er kontrollierte seine Atemzüge und lauschte auf das Rascheln der Zweige im Nachtwind. Es war ein unauffälliges Geräusch, doch vielleicht übertönte es leise Schritte auf dem weichen Grasboden der Lichtung.

Zwischen einer Reihe von Büschen hinter einer Picknickbank bewegte sich etwas. Trotz seiner Bemühungen um gleichmäßige Atemzüge sog Jackson angesichts der plötzlichen Störung die Luft heftig ein.

Die Stelle hinter dem Picknicktisch hatte er sich bereits angeschaut und war sich sicher, dort nichts Ungewöhnliches entdeckt zu haben. Dennoch war Jaime Peterson nun dort.

Beide Hände in die Jackentaschen geschoben, kam er bis zur Holzbank heran. Jackson schritt ihm langsam entgegen, ließ die schattenhafte Gestalt aber nicht aus den Augen.

In der Dunkelheit wirkte Jaimes üblicher olivgrüner Parka schwarz. Als er sich jetzt näherte, gaben seine staubigen Arbeitsstiefel auf dem dichten Gras kaum ein Geräusch von sich.

Offen gestanden, wollte Jackson den Verrückten nicht dichter an sich heranlassen als absolut nötig. Doch jetzt durfte er nicht zurückweichen. Und er würde auch nicht zurückweichen. Vor Jaime Peterson würde Jackson keine Schwäche zeigen, keine Andeutung von Nervosität, nicht die winzigste Spur von Angst.

Er verschränkte die Arme vor der Brust und fühlte das beruhigende Gewicht der Fünfundvierziger, die in einem Schulterholster steckte. Jaime hatte sicher ebenfalls etwas dabei, doch die übliche Waffe des Jungen war ein Jagdmesser mit einer fünfzehn Zentimeter langen Klinge. Nur einmal, bei ihrer ersten Begegnung, hatte Jackson ihn mit dem Messer in der Hand gesehen.

Damals war Jackson überzeugt gewesen, dass Jaime dieselben Ziele und Ideale teilte wie er. Jaimes Verbindung mit Tyler Haldane und Kent Strickland schien ihm Beweis genug für diese Einstellung.

Er hätte es besser wissen müssen.

Der Ausdruck in Jaimes unheimlichen blauen Augen hätte ihm auf den ersten Blick klar machen sollen, dass der Junge ganz anders als er selbst war.

Noch bevor Tyler Haldane und Kent Strickland zu den Waffen gegriffen hatten, um ihre Botschaft in der Riverside Mall von Danville, Virginia, zu verkünden, hatte Jackson sich ganz der gemeinsamen Sache verschrieben. Schon Jacksons Vater und Großvater hatten sich diesem Ziel geweiht – einer Rückkehr zur ruhmreichen Zeit dieses Landes. Einer Zeit, als Frauen noch gewusst hatten, wohin sie gehörten, und ein Mann noch ein Mann sein konnte. Doch er hätte wissen sollen, wie Jaime tickte.

Jaime hatte sich keiner Sache verschrieben. Der Junge war ein Psychopath, und ihm ging es nur um eines. Er diente allein sich selbst. Er nutzte ihre gemeinsame Mission bloß als Vorwand, um seinen persönlichen Blutdurst zu stillen.

Trotz dieser Erkenntnis hatte Jackson Jaimes Angebot angenommen, sich bei dem wackeligen Picknicktisch nahe dem kaum frequentierten Wanderweg zu treffen. Auch wenn Jaime nur seiner eigenen Mordlust folgte, konnte er dennoch hilfreich sein. Er war eine Waffe. Wenn es Jackson gelänge, sie auf ihre Feinde auszurichten, könnte er sie wie eine Haubitze abfeuern. Jaime würde die dreckige Arbeit erledigen, und Jackson müsste sich nicht die Hände schmutzig machen. Wenn die Cops zu der Serie brutaler Morde ermittelten, würden sie vor Jaimes Haustür landen und nicht vor Jacksons.

Doch eine Waffe wie Jaime Peterson war auch im besten Fall unberechenbar und im schlimmsten tückisch. Jaime mochte ein Psychopath sein, aber dumm war er nicht.

Jackson hätte wissen sollen, dass Jaime keiner von ihnen war.

Schatten wanderten über Jaimes stoppelige Wangen, als er die Lippen zu einem Lächeln verzog, von dem es Jackson eiskalt den Rücken hinunterlief. „Du bist gekommen. Ganz ehrlich, ich war mir nicht sicher, ob du das tun würdest.“

Jackson zwang sich zu einer neutralen Miene und nickte. „Wir stehen noch immer gemeinsam in diesem Kampf, Bruder. Dass wir nicht in allem übereinstimmen, macht uns nicht zu Feinden.“

Diese Behauptung stimmte zumindest teilweise. Hoffentlich würde die Halbwahrheit Jaime in Sicherheit wiegen. Jackson war nicht gekommen, um Unstimmigkeiten mit dem Jungen zu bereinigen. Er war hier, um die Beziehung zu beenden.

Jaime erwiderte das Nicken mit demselben verstörenden Lächeln auf den Lippen. „Das freut mich zu hören.“

Die eiskalte Stimme sagte Jackson, dass er sich keineswegs freute.

Obwohl Jackson sich am liebsten vier oder fünf Schritte zurückgezogen hätte, hielt er die Stellung. „Wir kämpfen denselben Kampf, aber nicht auf dieselbe Weise.“

Jaime zog die Augenbrauen hoch. „Du glaubst also, der Mann, den ich für dich getötet habe, hätte weiterleben sollen? Er war mit einer Frau anderer Rasse verheiratet. Wir wissen beide, dass das widernatürlich ist.“

Jackson nickte mit zusammengebissenen Zähnen. „Sicher. Ich verstehe, warum du es getan hast, es erscheint mir nur nicht ratsam, unseren Kampf durch die Ermordung von ganz normalen Leuten zu führen. Wir müssen größer denken. Wir müssen unsere Kräfte sammeln und die Schwächlinge in unserer Regierung aufs Korn nehmen. Aber nicht, indem wir sie töten, sondern indem wir ihre Macht an uns reißen. So können wir diesen Kampf gewinnen. Wir schlagen der Schlange den Kopf ab, nicht den Schwanz.“

Jaime legte den Kopf schief, als dächte er über diese Aussage nach, doch Jackson war klar, dass das nur gespielt war. „Und wie genau sollen wir das tun, ohne die Leute zu ermorden?“

Jackson öffnete den Mund zu einer Antwort, doch Jaime schnitt ihm das Wort ab.

„Die Typen haben immer noch zu viel Unterstützung. Wir sind hier, um diese Unterstützung zu beenden. Wir wollen das abschließen, was Tyler und Kent begonnen haben. Sie hatten keine Angst davor, ein wenig Blut zu vergießen. Unsere Unterstützung bekommen wir nur durch den Beweis, dass wir nicht schwach sind. Wir müssen beweisen, dass wir alles Notwendige tun werden, damit unsere Botschaft ihr Publikum erreicht.“

Obwohl Jackson sich den Kopf über eine passende Antwort zerbrach, war ihm klar, dass er die nicht finden würde. Er konnte ja schlecht sagen, dass die Gesichter der von ihm getöteten Männer und Frauen ihm selbst in wachen Momenten Albträume machten. Er durfte weder Bedauern noch Reue zeigen.

Schließlich schüttelte er den Kopf. „Da kann ich dir nicht helfen, Jaime. Du musst auf deine Weise kämpfen und ich auf meine. Selbst wenn wir derselben Sache dienen, können wir nicht zusammenarbeiten, wenn wir nicht auf dieselbe Weise kämpfen.“

Jaimes Gesicht wurde ausdruckslos, und die Lichtung versank in Schweigen. Während Sekunden verstrichen, waren das ferne Heulen einer Eule und das leise Flüstern des lauen Nachtwinds die einzigen Geräusche.

Die Gemeinschaft mit Jaime Peterson aufzulösen, glich der Entschärfung einer Bombe. Eine einzige falsche Bewegung, und die Granatsplitter würden Jackson durchbohren, als wäre er aus Pappmaché.

Ein kurzes Wort Jaimes durchbrach die unheimliche Stille. „Okay.“

Okay? Das war alles? Mehr hatte er nicht zu sagen?

Bevor Jackson eine Antwort stammeln konnte, begegnete Jaime seinem Blick. Sein Gelächter zerschnitt die Nachtstille. „Was schaust du so? Du siehst aus, als wärest du mitten auf ein Schlachtfeld geraten. Was denn, hast du etwa geglaubt, ich würde dich umbringen? Herrgott noch mal, Jackson.“ Kopfschüttelnd zog Jaime die Hände aus den Parkataschen und stemmte sie in die Hüften. „Sei nicht so paranoid.“

Ein Adrenalinstoß ließ Jacksons Herzschlag losjagen. Er schluckte. Jaimes Bemerkung hatte ihn beruhigen sollen, doch Jackson war sich nicht sicher, ob er irgendetwas glaubte, was aus Jaimes Mund kam. Mehr als ein Nicken brachte er nicht zustande.

Jaimes Lächeln kam nicht in seinen Augen an. Einem weniger scharfen Beobachter hätte die behutsame Bewegung entgehen können, mit der er die Hand hinter seinen Rücken führte und unter den Parka schob, umso mehr, als er sich anders stellte, um das Manöver zu verbergen. Die Bewegung war langsam und kontrolliert, doch sobald die Hand des Psychopathen sich rührte, schrillten bei Jackson alle Alarmglocken.

„Du hast recht.“ Jaime zuckte mit den Schultern, und seine Hände bewegten sich noch ein bisschen weiter. „Wir wären besser daran, wenn jeder von uns seine persönliche Stärke nutzt. Deine ist die Kommunikation, und meine ist … tja …“

Eine blitzschnelle Bewegung spiegelte silbrig funkelndes Mondlicht. Jaime zog sein Jagdmesser aus der Scheide. Als es schon in seiner behandschuhten Hand lag, hatte Jackson gerade erst die Finger um den Griff der Fünfundvierziger gelegt.

Jackson wusste bereits, dass er zu langsam sein würde, um die Waffe zu ziehen, doch er wollte verflucht sein, wenn er es nicht versuchte. Jaime hielt nur ein Messer in der Hand. Jackson dagegen hatte eine Pistole.

Das Tempo jedoch, in dem Jaime das Messer aus der Scheide gerissen hatte, wirkte geradezu übermenschlich. Jackson war durchaus in Form, auch wenn er mit seiner kräftigen Gestalt ein paar Pfunde zu viel auf den Rippen hatte. Jaime war dagegen hochgewachsen, schlank und schnell.

Mit einem einzigen raschen Schritt war Jaime bei Jackson, der gerade die Pistole aus dem Halfter zog. Jackson hatte keine Zeit mehr, die Waffe einzusetzen, denn Jaimes Arm schoss im selben schwindelerregenden Tempo im Bogen nach unten.

Als die Klinge mit einem widerlich feuchten Schmatzen Muskeln und Sehnen zerschnitt, war es, als führe Feuer durch Jacksons Unterarm. Er wusste nicht, wie er den Laut ausgestoßen hatte, aber er hörte, dass er vor Schmerz knurrte. Die Welt bewegte sich wie in Zeitlupe, und er fühlte sich, als kämpfte er sich durch einen zähen Schleim.

Er krümmte die Hand, so gut er es schaffte, kämpfte aber vergebens darum, die Fünfundvierziger gepackt zu halten. Zwar wusste er nicht viel über die menschliche Anatomie, doch er nahm an, dass Jaime eine Sehne durchtrennt oder einen Muskel beschädigt hatte. Mit jeder noch so winzigen Bewegung schoss ein neuer Feuerstoß durch Jacksons Arm bis hinauf zur Schulter.

Mit einem dumpfen Schlag fiel die Fünfundvierziger zu Boden.

Auf der blutverschmierten Klinge blitzte das Mondlicht diesmal nicht, als Jaime zu einem weiteren Messerstich ausholte. Jaimes Arm schoss vor, um Jackson die Klinge ins Herz zu stoßen, doch der warf sich in einer verzweifelten Drehung zur Seite.

Statt Jacksons Herz zu durchbohren, drang die Klinge unmittelbar über seinem Schlüsselbein tief ein. Nun loderte ein frisch entfachtes Feuer um alle Nervenenden an Jacksons Schulter und Brust. Für einen Sekundenbruchteil glaubte er, das Messer habe wirklich sein Herz getroffen.

Als Jaime einen Schritt zur Seite machte, um Jacksons Bewegung zu folgen, spiegelte sich das vom Blut gedämpfte Licht in der bösartigen Klinge, als wäre sie eine Waffe aus einer anderen Welt und nicht nur ein Jagdmesser. Wieder waren Wolken vor den Mond und die Sterne gezogen. Wie passend für den Zeitpunkt, den Jackson für den letzten Moment seines Lebens hielt.

Nein. Ich lasse nicht zu, dass dieser Psychopath siegt. Nicht heute Nacht.

Jackson trat einen verzweifelten Schritt zurück und drückte die unverletzte Hand auf die frische Wunde. Die Fünfundvierziger lag noch immer am Boden, doch Jackson war zu klug für den Versuch, die Waffe an sich zu nehmen. Im selben Moment, in dem er sich herumdrehen würde, um sie zu ergreifen, würde Jaime ihm die Klinge in die Lunge rammen.

Er musste weglaufen. Lange könnte er eine Flucht nicht durchhalten, aber er brauchte es ja nur bis zu seinem Auto zu schaffen, dann wäre der Weg für ihn frei.

Jaime stieß einen Schwall von Flüchen aus, trat vor und hob das Messer erneut.

Mit einem scharfen Atemzug wirbelte Jackson auf einem Fuß herum und rannte von der Lichtung in den Wald. Er geriet sofort in das Gestrüpp, das den Picknickbereich umfasste, wich aber nicht zurück, als Äste und Zweige ihm die Wangen zerkratzten. Das Feuer, das in seinen Stichwunden brannte, ließ solche Kleinigkeiten nichtig erscheinen.

Als er das Dickicht hinter sich hatte, rannte er richtig los. Mit Sicherheit war Jaime ihm dicht auf den Fersen, doch darauf durfte er jetzt nicht achten. Die eine Hand auf seine tiefe Schulterwunde gepresst und die andere durch den erhaltenen Schnitt fast nutzlos, musste Jackson seine ganze Energie mobilisieren, um einen Fuß vor den anderen zu setzen.

Im Slalom lief er zwischen hohen Bäumen und struppigen Büschen hindurch, getrieben vom Adrenalin, das seine Schmerzen dämpfte. Als plötzlich ein umgestürzter Baumstamm vor ihm lag, merkte er, dass er keine Ahnung hatte, wohin er unterwegs war. Er hatte geglaubt, in Richtung des Kiesparkplatzes zu rennen, doch jetzt war er sich nicht mehr sicher.

Zum ersten Mal seit Beginn seiner Flucht wagte Jackson, sich umzuschauen. Er erwartete halb, Jaimes hochgewachsene Gestalt drohend näherkommen zu sehen, aber alles war still. Wie eine Schar von schattenhaften Wächtern standen die Bäume dicht beieinander, doch so sehr er sich auch bemühte, Jackson konnte keine Bewegung erkennen.

Obwohl Jaime nicht zu sehen war, unterdrückte Jackson sein heftiges Keuchen. Nachdem er sich noch einmal ängstlich in alle Richtungen umgeschaut hatte, suchte er sich einen Weg zu einem moosbewachsenen Felsbrocken und kauerte sich hinter ihm nieder.

Wenn er aus diesem Wald herausfinden wollte, musste er sich orientieren. Beim Wandern oder Jagen hatte er sonst immer einen Kompass bei sich, aber er hatte nicht damit gerechnet, das Gerät heute Abend zu brauchen. Als er vorhin sein Auto zurückgelassen hatte, hatte er nicht erwartet, ohne Weg und Steg mitten im Wald zu landen.

Allerdings hätte er jetzt auch mit Kompass nicht gewusst, in welcher Richtung sein Wagen stand. Hätte er daran gedacht, das kleine Hilfsmittel mitzunehmen, wäre er vorhin stehengeblieben, um sich zu orientieren, aber er hatte diese Vorsichtsmaßnahme außer Acht gelassen. Ein dummer Fehler. Einer von vielen Fehlern, die er in dieser Nacht begangen hatte.

Er wischte sich das Blut von der Hand und zog sein Handy aus der Hosentasche. Es überraschte ihn zwar nicht, dass er in diesem abgelegenen Bereich keinen Empfang hatte, aber dennoch konnte er nur mit Mühe einen Schwall von Flüchen unterdrücken.

Er hatte sich verirrt. Mitten im Wald, eine halbe Stunde nach Mitternacht und mit einem Psychopathen auf den Fersen hatte Jackson sich verirrt.

Bittere Galle stieg ihm in die Kehle, als er sich tief zusammenkauerte, um noch ein paar Momente nachzudenken. Er musste nachdenken.

Beim reglosen Verharren sank sein Adrenalinspiegel, und die beiden Stichwunden loderten wieder. Er hatte von Soldaten gehört, dass der Schmerz einer plötzlichen Verletzung wie etwa einer Schusswunde so stark war, dass das menschliche Gehirn ihn fast nicht verarbeiten konnte. Daher entstand in einem solchen Fall eher ein Gefühl, als hätte man Glutstücke im Körper, die man nicht abschütteln konnte.

Diese Geschichten hatte er mit Skepsis betrachtet, doch nun vermutete er, dass sie stimmten. Die Wunden in seinem Arm und über seinem Schlüsselbein hatten ein Eigenleben entwickelt. Wann immer Jackson atmete oder seine Haltung veränderte, fachte er einen unsichtbaren Brand an.

Mit jeder seiner beiden Notlagen würde er einzeln fertigwerden. Wenn er nur von einem Psychopathen verfolgt würde, könnte er davonrennen oder ihn überlisten. Wenn er sich nur verirrt hätte, könnte er weitergehen, bis sein Handy wieder Empfang hatte. Doch er war sich nicht sicher, ob er beide Gefahren gleichzeitig bestehen konnte.

Außerdem blutete er. Und zwar heftig.

Ein Blick auf die Brust seines T-Shirts zeigte ihm, dass von der brennenden Wunde in seiner Schulter stetig Blut nach unten sickerte.

Wie lange brauchte ein Mensch zum Verbluten? Wie lange würde es dauern, bis er einen hypovolämischen Schock erlitt?

Er wusste es nicht, doch wenn er nicht bald etwas unternahm, würden diese Möglichkeiten Realität werden. Gerade wollte er seine Jacke ausziehen, um sie als improvisierten Verband zu verwenden, da erstarrte er mitten in der Bewegung. Zwar nur leise, aber doch deutlich hatte er das Knistern von Blättern oder Zweigen gehört.

Er verhielt sich ganz still, bis seine Lunge schmerzte, weil er die Luft anhielt. Trotzdem wagte er es nicht zu atmen.

Irgendwo in der Nähe war etwas. Etwas oder vielmehr jemand.

Und dieser Jemand hatte einen Namen. Und eine Mission.

Nämlich ihn.

Als das leise Knistern erneut erklang, war es deutlicher vernehmbar. Vielleicht handelte es sich einfach nur um ein Tier – ein Kojote, ein Opossum oder auch ein Waschbär. Doch genauso gut war es möglich, dass das Geräusch von Jaimes vorsichtigen Schritten verursacht wurde.

Auf die unverletzte Hand gestützt, schob Jackson sich zum Rand des Felsbrockens vor. Er atmete langsam durch die Nase ein und blinzelte mehrmals, um im Dunkeln besser sehen zu können. Unter dem Schutzdach der Bäume war das Mondlicht noch schwächer als eben auf der Lichtung.

Jede winzige Bewegung löste eine Schmerzwelle aus, aber trotzdem atmete Jackson ganz leise, bis er um den Fels herum in die Richtung schauen konnte, aus der er gekommen war. Im Dunkeln war keine Bewegung zu erkennen.

Jackson rührte sich nicht, während ein weiterer Adrenalinstoß durch seinen Körper jagte. Er wusste, dass er sich das Geräusch nicht eingebildet hatte. Etwas war dort gewesen.

Mit zusammengebissenen Zähnen schob er sich in den relativen Schutz des Felsens zurück.

Bevor er sich erneut niederkauern konnte, durchbrach ein weiteres Knacken die nächtliche Stille. Wieder schoss Adrenalin in Jacksons Körper, als er begriff, dass das Geräusch von hinter ihm gekommen war.

Ohne das neu aufflammende Feuer zu beachten, das in seiner Schulter wütete, riss er den Kopf herum, um zu sehen, woher das Geräusch stammte. Doch wie schnell er sich auch bewegte, er kam zu spät.

Selbst im dunklen Wald erkannte Jackson das unheimliche Blau von Jaimes Augen. Ohne Jacksons Blick loszulassen, rammte der Psychopath ihm lächelnd das Messer zwischen die Rippen.

Jaime hielt den Saum von Jacksons Shirt mit einer Hand gepackt und beugte sich vor. „Du hast mich enttäuscht, Jackson. Du warst vielversprechend, dann aber hast du dir vor Angst in die Hosen gemacht. Genau wie die anderen.“

Auf Jacksons Zunge legte sich der Geschmack von Eisen. „Die a-anderen?“

Jaimes Lachen war höhnisch. „Hast du dich für was Besonderes gehalten? Für den Ersten?“ Er drehte das Messer in der Wunde und lächelte bei Jacksons Schrei. „Du bist der Dritte“, fuhr Jaime in einem so gelassenen Plauderton fort, als unterhielte er sich gerade mit der Queen. „Du bist nichts Besonderes. Es gibt zehntausende rassistische Arschlöcher, die nach meiner Pfeife tanzen, sobald ich ihnen das Kommando gebe. Ganz ehrlich, ich habe nie begriffen, warum ihr Idioten euch auf jemandes Hautfarbe konzentriert, wo das wahre Problem damit doch gar nichts zu tun hat.“

Jackson bemühte sich verzweifelt, das Blut herunterzuschlucken, das ihm in die Kehle stieg, doch wie alles heute Nacht blieb auch das vergebens.

Mit einem spöttischen Zungenschnalzen drehte Jaime das Messer erneut, was eine weitere Schmerzwelle durch Jacksons Körper jagte.

„Frauen.“ Jaime sprach das Wort so aus, als schmeckte es schlecht. „Das eigentliche Problem sind Frauen. Du und deinesgleichen, ihr habt die Falschen im Visier, aber keine Sorge. Ich werde dafür sorgen, dass sie ihre eigene Schlechtigkeit erkennen. Ich werde ihnen die Augen öffnen.“

Jaime stieß das Messer bis zum Heft in Jacksons Lunge. Nichts als ein feuchtes Röcheln kam zwischen dessen blutigen Lippen hervor.

Der Schmerz in seiner Schulter hatte sich gelegt, aber er fragte sich, wann es nur so kalt geworden war. Eisiger Frost stieg ihm entgegen, und seine Augenlider fühlten sich so an, als wären sie mit Blei beschwert.

Nach einem letzten mühsamen Atemzug gab er auf und überließ sich der Dunkelheit.

Zweites Kapitel

Mit einem Blick auf den Mann neben ihm schlug William Hoult die Kofferraumklappe zu. Jaimes blaue Augen wirkten einen Moment lang unruhig, doch dann sah er Will mit einem Nicken an. Auf dem Weg nach vorn knirschten ihre Schritte auf dem Kies des kreisrunden Parkplatzes. Wortlos öffnete Will die Tür auf der Beifahrerseite und nahm Platz.

Jaime stellte den Rückspiegel ein und schnallte sich an. Als er Will einen erwartungsvollen Blick zuwarf, folgte der seinem Beispiel. Im Kofferraum des Wagens lag eine Leiche. Und nicht nur das, Will hatte geholfen, sie in eine Plane einzuschlagen und durch den Wald zu tragen.

Während des ersten Teils des Gesprächs zwischen Jaime und dem anderen Mann hatte Will sich in der Nähe des Wanderwegs versteckt gehalten. Er war außer Hörweite gewesen, und im schwachen Licht hatte er das Mienenspiel der beiden Männer nicht erkennen können. Die Körperhaltung des breitschultrigen Unbekannten hatte jedoch bewiesen, dass Jaime richtig lag: Der Mann stand nicht auf ihrer Seite. Hatte nie dort gestanden.

Aber bedeutete das gleich, dass Jaime ihn umbringen musste? Will hatte bisher noch nie einen Menschen sterben sehen, und streng genommen war das auch jetzt nicht der Fall. Als Jaime ihn in den Wald geführt hatte, war der andere Mann bereits tot gewesen.

Jaime ließ den Motor an, und Will spürte, dass er ihn von der Seite ansah.

„Was geht dir durch den Kopf, Will?“, fragte Jaime im Plauderton.

Kopfschüttelnd begegnete Will dem Blick seines neuen Freundes. „Ich hab mich nur gefragt, was mit diesem Kerl los war. Was hat er angestellt?“

Jaime legte mit säuerlicher Miene den Gang ein. „Er wollte uns verpfeifen.“

Will sog die Luft scharf ein. „Tatsächlich?“

James nickte, doch sein Blick war auf die Straße geheftet. „Genau. Er hatte nicht genug Mut für das, was wir tun müssen, und hätte den Cops von uns erzählt. Von uns beiden. Er hat auch dich in Gefahr gebracht.“

Wütend warf Will einen Blick nach hinten zum Kofferraum. „Eine Ratte, hm? Dann mache ich dir keinen Vorwurf. Ratten müssen sterben.“

Die Zähne zusammengebissen, nickte Jaime erneut. „Das stimmt. Ich wollte ihn nicht töten. Ich habe versucht, ihm vernünftig zuzureden, aber er wollte nicht auf mich hören. Dann hat er eine Pistole gezogen, bevor er die Flucht ergriff. Mir blieb keine Wahl. Ich musste ihm nachjagen.“

Nun ging Wills Puls schneller, doch nicht, dass Jaime gerade eben einen Menschen getötet hatte, beunruhigte ihn. Vielmehr war er nervös, weil sie beinahe erwischt worden wären, bevor sie auch nur angefangen hatten, ihre Pläne umzusetzen.

Vor einigen Monaten war Will in einem Untergrund-Internetforum, in dem Menschen ähnlicher Geisteshaltung ihre Visionen über die Zukunft der Vereinigten Staaten austauschten, auf Jaime gestoßen. Keiner von Wills Freunden begriff die Gefahren, mit denen ihr Land konfrontiert war, Jaime dagegen schon.

In Jaime hatte Will endlich einen Menschen gefunden, dem er sich anvertrauen konnte.

Es dauerte nicht lange, da erfuhr Will, dass Jaime und er weniger als zwei Stunden voneinander entfernt lebten. Persönlich hatten sie sich erst vor ein paar Wochen kennengelernt, doch Will hatte jetzt schon das Gefühl, dass sie gute Freunde geworden waren. Im Gegensatz zu den anderen Mitgliedern des Onlineforums hatte Jaime einen Plan.

Jaime war fest entschlossen, in der Welt etwas zu bewirken, und nach Wills Ansicht bestand die einzige Möglichkeit, Wirkung zu entfalten, darin, in Tyler Haldanes und Kent Stricklands Fußstapfen zu treten. Zum Glück war Jaime derselben Meinung.

Will riss sich aus seinen Gedanken und warf einen weiteren Blick auf Jaimes stoisches Gesicht. „Müssen wir jetzt jemand Neuen finden? Der diesen Kerl ersetzt?“ Will kannte den Namen des Toten immer noch nicht, aber das war ihm egal. Ein Verräter war ein Verräter.

Jaime schüttelte den Kopf. „Nein. Wir brauchen niemand Neuen. Wir fangen zu zweit an, und dann werden sie uns zuströmen.“

Will hatte zwar noch immer keine Ahnung, was Jaime vorhatte, aber er nickte. „Wo fangen wir denn an? Oder, na ja, wie fangen wir an?“

Die Frage klang zumindest geringfügig klüger, als wenn er einfach gesagt hätte, dass er nicht das Geringste über Jaimes Pläne wusste. Obwohl sie beide sich so nahe gekommen waren, hatte Jaime sich bezüglich der Einzelheiten sehr bedeckt gehalten.

Jaimes blaue Augen hefteten sich auf Will und dann wieder auf die Straße. Er trommelte mit den behandschuhten Fingern auf dem Steuerrad herum und spitzte die Lippen. „Ich kann dir vertrauen, Will, oder?“

Will nickte, als verstehe sich das von selbst. „Das weißt du doch.“

Die Andeutung eines Lächelns schlich sich auf Jaimes Lippen. „Du hast recht. Ich kannte die Antwort auf meine Frage schon. Okay, Will, ich erzähle dir jetzt etwas, was ich nicht einmal unserem Freund dort hinten anvertraut habe.“ Er deutete mit dem Daumen über die Schulter.

Es war so weit. Nach drei Monaten würde Jaime Will endlich in seine Vision einweihen. In die Action.

„Ich habe Tyler und Kent geholfen, den Plan für die Riverside Mall zu schmieden. Ich weiß nicht, warum sie diese dämlichen Nazi-Armbinden angelegt haben, aber uns beiden ist klar, dass das nicht unsere Mission ist. Es gibt keine ‚Herrenrasse’. Gott hat alle Männer gleich erschaffen, aber da sind die Frauen. Die Frauen sind das eigentliche Problem. Wenn die Männer sich nicht so in ihre rassistischen Kreuzzüge verbissen hätten, würden sie sehen, dass es die Frauen sind, die heutzutage unsere Gesellschaft ruinieren.“

Will nickte. „Und wie bringen wir sie dazu, das einzusehen?“

Jaimes Lächeln wurde breiter. „Wir führen das zu Ende, was Tyler und Kent begonnen haben. Sie haben die Riverside Mall nicht grundlos ausgewählt. Sie ist ein Treffpunkt der Sünder und Huren. Für Frauen ist eine Mall wie eine Droge. Sie gehen dorthin, um das hart verdiente Geld ihrer Ehemänner zu verpulvern, oder aber das Geld, das sie durch eigene Arbeit verdient haben. Frauen sollten sich nicht an einem solchen Ort aufhalten, und sie sollten nicht das Geld eines Mannes ausgeben.“

„Sie sollten zu Hause sein“, beendete Will den Satz für ihn.

Jaime winkte Will anerkennend mit dem Finger. „Genau. Deshalb sind Kent und Tyler dorthin gegangen. Sie wussten, dass sie in einer Mall viele Sünder auslöschen können. Und das haben sie getan. Alle dort haben bekommen, was sie verdient haben, und wer noch nicht bekommen hat, was er verdient hat, muss bestraft werden.“

Als Will begriff, was das bedeutete, weiteten sich seine Augen. „Wir müssen das zu Ende bringen, was die beiden begonnen haben. Wir müssen uns die Leute vorknöpfen, die damals fliehen konnten, oder?“

„Richtig.“ Jaimes Stimme war kalt und entschlossen.

Will kratzte sich den Bart. „Aber wie sollen wir sie finden? Einige von ihnen wurden in den Medien genannt, aber nicht alle.“

Jaime nickte zustimmend. „Du hast recht. Computer sind nicht gerade meine Stärke, aber wir können bestimmt jemanden finden, der weiß, wie wir an das herankommen, was wir suchen.“

„Einen Hacker?“

„Einen Hacker“, bestätigte Jaime. Das Lächeln kehrte in sein Gesicht zurück, doch es war so böse, dass Will eine Gänsehaut überlief. „Ja. Wir finden ihre Namen heraus, und dann beginnt unsere Mission.“

Etwas von Jaimes Lächeln fand seinen Weg in Wills Gesicht. Es hatte Jahre gedauert, aber Will war endlich auf jemanden gestoßen, der genauso überzeugt war wie er selbst.

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Winters Sturm by Mary Stone

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