Erstes Kapitel
Clarissa Toler trank einen Schluck Rotwein und rümpfte die Nase. Mit zweiundvierzig hatte sie doch ein Recht auf frischen Wein. Eigentlich hätte sie dieses Gesöff wegschütten und eine neue Flasche öffnen sollen, konnte sich aber nicht dazu aufraffen.
Trotz des bedeckten Himmels fühlte sie sich wohl auf dem Balkon an der Rückseite des Hochhauses. In ihrer Kindheit hatten ihre Eltern mit ihr Urlaub im Haus am See gemacht. Einige ihrer liebsten Erinnerungen spielten unter dem Sternenhimmel auf dem schwankenden Steg. Ihr Vater, ein begeisterter Hobbyastronom, hatte ihr Sternbilder und Planeten gezeigt und ihr Geschichten von den alten Göttern erzählt.
Hier in der Stadt lagen all diese Geheimnisse hinter dem Dunst und der Lichtverschmutzung verborgen. Nach einer Stunde auf dem Balkon hatte sie nicht mehr als ein Dutzend Sterne gezählt. Das einzige Sternbild war der verblasste Umriss des Großen Wagens. Nicht einmal der Polarstern zeigte sich.
Abgetrennt vom Land und vom Himmel. Die moderne Welt war entwurzelt wie sie. Früher wiesen die Sterne den Weg – sie dienten den Seefahrern zur Orientierung. Doch irgendwie hatten die Menschen es geschafft, auch sie überflüssig zu machen.
Eine Träne lief ihr über die Wange. Sie wischte sie nicht weg. Ihre warme Nässe war etwas Reales, so wie ein blinkender Stern, der das Himmelsgrau zu durchdringen versuchte.
Das Seehaus beschäftigte sie – die Erinnerungen pulsierten wie ein gezerrter Muskel. Sie erinnerte sich nicht mehr, ob ihr kleiner Bruder mit der Familie Sterne beobachtet hatte, doch Clark musste dabei gewesen sein. Zumindest eine Zeit lang. Vielleicht war er aber auch noch zu jung gewesen und hatte schon geschlafen.
Das lag eine Ewigkeit zurück. Jetzt war sie eine erfolgreiche moderne Frau. Eine der wenigen Glücklichen, die nicht nur Freude an ihrer Arbeit als Autorin und Illustratorin von Kinderbüchern hatte, sondern die auch noch gut dafür bezahlt wurde.
Keiner ihrer jungen Fans kannte die Wahrheit hinter ihrer fantasievollen Prosa und ihren märchenhaften Bildern. Und ihre Lektorin und Herausgeberin verstand nicht, dass es beruflich deshalb so gut lief, weil sie noch immer eine Zwölfjährige war, gefangen in einem Moment, dem sie nicht entkommen konnte. Jedes Mal, wenn sie sich vor ein leeres Blatt Papier setzte, versuchte sie zum letzten Zeitpunkt zurückzukehren, an dem sie sich lebendig gefühlt hatte. Wenn es ihr gelänge, ihn nachzuerschaffen, könnte sie ihn vielleicht erneut durchleben.
Um es besser zu machen.
Eine weitere Träne, ein weiterer Schluck vom sauren Wein. Clarissa hatte weiche Knie, doch sie zog sich am Geländer hoch.
Fast dreißig Jahre waren seit dem Tag vergangen, an dem sich alles verändert hatte – an dem ihr Bruder gestorben war. Sie hatte niemandem davon erzählt. Ihre Eltern hätten es ihr nie verziehen, wenn sie mit der Wahrheit herausgekommen wäre. Nicht, dass sie Vergebung verdient hätte, doch diesen Schmerz hatte sie auch nicht verdient. Sie hielt ihn fest, so wie man vor einem Sprung in dunkles Wasser die Luft anhält.
Das Atmen brannte stechend. Sie schloss die Augen und setzte das Glas ab, nahm den Drohbrief in die Hand und las ihn erneut.
Sie hatte keine Ahnung, wie es dem Verfasser gelungen war, ihr Geheimnis zu lüften. Niemand war an dem Tag dabei gewesen. Sie hatte das auf den Wellen tanzende dunkle Haar ihres Bruders und seine fuchtelnden Arme gesehen. Seine Schreie gehört.
Das Wasser war eiskalt gewesen, und sie hatte Krämpfe in den Beinen gehabt. Sie hatte verzweifelt versucht, an ihn heranzukommen, doch ehe sie ihn erreichte, war er untergegangen.
Hinterher hatte sie ihre Eltern angelogen. Doch jetzt hatte ein Fremder die Wahrheit herausgefunden. Ein wenig war sie sogar erleichtert. Im Laufe der Zeit war die Erinnerung verblasst, bis sie ihr vorgekommen war wie ein ferner Traum. Wenn sie den Tag, an dem Clark gestorben war, rekapitulierte, blickte sie gewissermaßen durch ein verrostetes Schlüsselloch in eine Dachkammer.
Worte hatten die Macht, Dinge zu verändern.
Als Autorin wusste Clarissa das. Doch auch das Schweigen hatte Macht. Die Macht, etwas auszulöschen. Und allein durchs Vergessen hatte sie so lange überlebt.
Seit sie im Briefkasten zusammen mit ein paar Rechnungen und einem Flyer, der für eine Detektei namens Black Investigations warb, dieses Schreiben entdeckt hatte, überlegte Clarissa, wer der Verfasser war. Jetzt wurde ihr klar, dass es darauf nicht ankam.
Mit einem letzten Blick zu den Sternen setzte sie das Glas ab und erhob sich. Sie beugte sich übers Balkongeländer vor und blickte zehn Stockwerke in die Tiefe. Das würde reichen, um nicht schwerverletzt im Krankenhaus zu erwachen. Davor hatte sie am meisten Angst. Nicht vor dem Tod, sondern vor dem Überleben.
Sie hatte schon genug gelitten. Sie war es leid, ständig nach kreativen Wegen zu suchen, dem Schmerz zu entkommen. Therapie, das Schreiben, Alkohol, Sex, Shoppen. Das alles lief darauf hinaus, ‚Spaß‘ zu haben. Doch sie empfand dabei keine Freude, denn es lenkte sie nur vorübergehend von der Erinnerung an den Tag ab, als ihr Bruder vor ihren Augen ertrunken war.
Das musste ein Ende haben. Ihre Eltern würden um sie trauern. Vielleicht auch ihr Agent.
„Aber vermissen wird dich niemand, falls dich das zögern lässt.“
Sie legte die Hände auf die Ohren, als könnte sie so die Stimme in ihrem Kopf zum Verstummen bringen. Doch sie kam tief aus ihrem Inneren und scharrte hartnäckig an den Rändern ihres Bewusstseins. Sie kam von einem dunklen, eiternden Ort, der ihr Denken und jedes einzelne Wort vergiftete.
Die Stimme war leise und kehlig, heftete sich an ihre Zweifel und verstärkte sie auf heimtückische Weise, ein Echo, das in ihren Knochen nachvibrierte, so als hätte sie etwas Verdorbenes verschluckt, das sie von innen her verzehrte.
Jedes Mal, wenn die Stimme sich meldete, lief ihr ein Schauder über den Rücken, und ihr wurde so kalt, dass sie kaum mehr Luft bekam. Die Stimme kratzte wie mit Klauen an ihrer geistigen Gesundheit.
In letzter Zeit war sie lauter geworden. Immer lauter. Und gemeiner.
Sie sagte die Wahrheit.
Woher kam die Stimme? Clarissa wusste es nicht.
Eines aber war klar: Die Stimme verachtete sie. Wollte ihren Tod. Während sich der dreißigste Jahrestag des Unglücks näherte, pulsierte sie vor Dringlichkeit und wurde immer hartnäckiger, als wartete sie nur darauf, dass sie zerbrach. Sie setzte ihr zu mit geflüsterten Vorwürfen, jeder schärfer als der vorige, eine Aufforderung, endlich zu gestehen – oder Schluss zu machen, bevor jemand die Wahrheit erfuhr.
Anders als die vielen Figuren, die in Clarissas Kopf lebten, war die Stimme nicht besonders wortreich. Ihre Ausdrucksweise war unverblümt, schnörkellos – eine Stimme des Todes, die mit erschreckender Klarheit sprach. Manchmal hielt sie sie für einen Engel der Barmherzigkeit, so mitleidlos sie auch sein mochte.
„Memento mori.“ Häufig bediente sie sich einer fremden Sprache. Das war am gruseligsten: Bedenke, dass du sterblich bist.
Sie weinte heftiger, keine einzelnen Tränen mehr, sondern einen heißen Strom, der auf ihren Wangen brannte.
Ihr Selbsthass wurde davon beflügelt, dass sie, abgesehen von dem Unglück, kaum Erinnerungen an ihren Bruder hatte. Er war nur sieben Jahre alt geworden. An die Schwangerschaft ihrer Mutter oder seine Geburt konnte sie sich nicht erinnern. Oder daran, dass sie aus dem Krankenhaus ein Baby nach Hause gebracht hätte. Sie erinnerte sich nicht, wie sie mit ihm gespielt hatte oder wie er größer geworden war. Hatte sie mit ihrer bösen, feigen Tat die Erinnerungen ausgelöscht?
Ihre Eltern hatten keine Fotos von ihm aufgehängt. Vermutlich wäre das zu schmerzvoll für sie gewesen.
Clarissa schloss die Augen und versuchte sich Clarks Gesicht vorzustellen. Seine Wangengrübchen beim Lächeln und sein schwarzes Haar. Doch sie sah nur seine blassen Hände, die aus dem Wasser ragten … und verschwanden.
„Es ist aus, Clarissa. Du musst Schluss machen.“
Die Stimme hallte machtvoll nach, drückte wie eine Klammer gegen ihre Schädeldecke, unerbittlich und unentrinnbar.
„Ja.“ Sie blinzelte. Alles war verschwommen, als blicke sie in ein Goldfischglas. Sie wandte sich vom Geländer ab.
Der Engel der Barmherzigkeit saß am Balkontisch, in Dunkelheit gehüllt. Er erhob sich und kam mit rauschendem Gewand näher. Im Wohnzimmer brannte eine Kerze, die seinen Umriss orange färbte.
„Tu es.“ Der Engel hob die Hand und zeigte zum Geländer. „Lass dich vom Schmerz verzehren. Dreh dich um. Beende es.“
Clarissa wandte sich wieder der einladenden Dunkelheit des Himmels zu. Der Brief in ihrer Hand war eine Erpressung, doch sie müsste ihr Ruhestandsgeld weggeben, um die Forderung zu erfüllen. Und selbst dann wäre nicht sicher, dass keine weiteren Forderungen nachkamen.
Bezahle für dein Verbrechen oder bring dich um.
Der Tod wäre ein Ausweg … außerdem hatte er etwas eigentümlich Tröstliches an sich.
Clarissa trat vors Geländer und kletterte hinüber. Mit den nackten Füßen stand sie auf der Balkonkante, mit dem Rücken zum Geländer, und hielt sich mit schwitzigen Händen fest.
„Ja.“ Der Todesengel kam näher. „Tu es. Lass los, und du bist frei.“
Ihr wurde schwindelig. Ihr Körper wehrte sich gegen ihr Vorhaben.
„Wir sind in Gefahr.“ Das war eine andere Stimme, die Stimme ihres Blutes, ihres Fleisches, ihrer Knochen. „Klettere zurück, lauf weg, rette dich!“
Sie schloss die Augen, um nicht auf den Parkplatz sehen zu müssen.
In diesem Moment überkam sie der machtvolle Drang zu schreiben. Sie wollte ins Zimmer zurückkehren, ein Notizbuch hervorholen und alles gestehen. Jeden einzelnen Moment mit ihrem Bruder festhalten, an den sie sich erinnerte, und das Buch so hinlegen, dass ihre Eltern es fanden. Die Sprache hatte sie noch nie im Stich gelassen.
Nach ihrem Tod würden ihre Eltern herkommen, zu ihr nach Hause. Sie würden das Notizbuch mit Clarks Namen auf dem Umschlag finden. Würden sie sie verstehen?
Sie hatten bereits ein Kind verloren. War sie ihnen nicht eine Erklärung dafür schuldig, dass ihre Tochter sich dazu entschlossen hatte, sich im Jenseits mit ihm wiederzuvereinen?
„Worauf wartest du?“ Der Engel stachelte sie mit zusammengebissenen Zähnen an. „Tu es.“
Als Clark gestorben war, war sie noch ein Kind gewesen.
„Ich wollte niemandem wehtun.“
Es wunderte sie, dass sie die Worte hervorquetschen konnte, während das Herz ihr bis zum Hals schlug.
„Ich wollte nicht, dass ihm etwas passiert.“
Und da war er auf einmal. Seine kleine blasse Hand griff aus der Dunkelheit nach ihr.
„Es war nicht meine Absicht, sie alle zu enttäuschen.“
Sie wollte seine Hand ergreifen, fasste jedoch ins Leere.
„Das bringt ihn nicht zurück.“ Wieder der Engel, sein warmer Atem an ihrem Nacken.
Clarissa atmete scharf ein und schüttelte den Kopf. Der Engel hatte recht. Nichts würde Clark jemals zurückbringen. Bestimmt keine Notizen, die sie noch nicht einmal angefangen hatte zu schreiben. Was sollte sie auch sagen? Sie konnte schlecht schildern, wie er ertrunken war, doch dies war die einzige Erinnerung an ihren Bruder, die sie hatte. Sie fühlte sich darin gefangen. Warum war das Leben so grausam zu ihr?
Die Angst vor dem Tod schnürte ihr die Kehle zu.
„Ja, genau das werde ich tun. Die Wahrheit sagen.“ Worte würden sie befreien, als würde man am Käfig eines gefangenen Vogels die Klappe öffnen. Sie packte das Geländer fester. „Ich werde es meinen Eltern und der ganzen Welt sagen. Ich werde mich den Folgen stellen.“
„Nein. Wenn du es ihnen sagst, werden sie dich hassen.“
„Das macht mir nichts aus.“ Sie schniefte und blinzelte die Tränen weg. „Ich will nicht sterben, und sie haben es verdient, die Wahrheit zu erfahren. Ich muss stark sein.“
Clarissa drehte sich um in der Absicht, über das Geländer zu klettern.
Der dunkle Engel knurrte, sein stinkender Atem wehte ihr ins Gesicht, verstopfte Mund und Nase.
„Das funktioniert nur, wenn du springst!“
„Nein!“, schrie Clarissa, während sie von kräftigen Händen gestoßen wurde. Als sie den Halt verlor, setzte ihr Überlebensinstinkt ein, und sie wollte sich festhalten. Wie durch ein Wunder bekam sie das Geländer zu fassen. Sie klammerte sich fest, doch ihre Hände waren verschwitzt.
„Ich hab‘s mir anders überlegt! Hilf mir!“ Sie machte den Fehler, in die Tiefe zu blicken. Zehn Etagen. Sie schrie wie ein blökendes Lamm. „Alle sollen es erfahren. Ich nehme die Strafe auf mich!“
Mit einer mächtigen Anstrengung wuchtete Clarissa den Arm über das Geländer und zog sich hoch. Befeuert vom Adrenalin, schob sie den Oberkörper über das Geländer und brachte sich zur Hälfte in Sicherheit. Schweiß lief ihr über das Gesicht und den Rücken. Es brannte. Sie hatte noch eine letzte Chance, weiterzuleben und alles in Ordnung zu bringen.
„Bitte hilf mir!“
Der dunkle Engel packte ihr T-Shirt, verdrehte es in seiner bleichen Hand. Genau wie Clark …
„Danke, danke.“ Clarissa legte die Hand um den Arm. „Ich …“
Die Worte verflüchtigten sich wie eine Rauchfahne, als sie in die wilden Augen aufsah – Menschenaugen -, dann versetzte der Engel ihr einen Stoß, und sie wurde von der Schwerkraft erfasst.
Nein, kein Engel.
Ein Monster.
Die Sterne, die die Lichtverschmutzung der Stadt eben noch ausgeblendet hatte, funkelten wie ferne Zeugen. Und da war auch der Polarstern, klarer denn je.
Weitere Sterne tauchten auf und verschmolzen zu einer Hand – zur Hand ihres kleinen Bruders. Finger streckten sich vom Himmel herab, versuchten sie zu retten.
Sie wollte danach greifen. Er hatte ihr verziehen. Das spürte sie.
„Danke …“
Als der Schmerz aufflammte, wusste sie, dass er sie im Stich gelassen hatte, so wie sie ihn vor so langer Zeit.
Diesmal aber war sie einverstanden.
Zweites Kapitel
Winter Black-Dalton beendete den Anruf und legte das Handy neben den würzigen Kartoffelbrei, den Noah zum Frühstück bereitet hatte. Vor der glänzenden Scheibe des Küchenfensters öffneten sich an der anderen Straßenseite die kleinen roten Blüten des Berglorbeers. Sie wünschte, sie könnte daran schnuppern.
In Richmond hatte sie keine Allergien gehabt, doch hier in Texas war es anders. Andere Blumen und Gräser, eine andere Erde. Was auch immer es war, sie hatte häufig eine verstopfte Nase.
„Wer war das?“ Noah saß ihr gegenüber am Frühstückstisch und trank schwarzen Kaffee. Sein Frühstück hatte er bereits verschlungen, als säße ihm ein Rudel ausgehungerter Wölfe im Nacken. Schnell zu essen war eine schlechte Angewohnheit, die er aus seiner Zeit bei den Marines zurückbehalten hatte, so wie das Eine-Viertelstunde-zu-früh-Kommen, das ständige Hin- und Herschwenken des Kopfes und seine Abneigung gegen hohes Gras.
„Ariel.“ Seufzend stützte Winter das Kinn auf die Faust. Sie nahm die Gabel in die Hand und spießte ein Stück Rührei mit Anaheim-Chili auf. „Wie es aussieht, wird sie noch mindestens weitere zwei Wochen im Büro fehlen.“
Verwunderlich war das nicht. Erst vergangene Woche hatte ein Meth-Dealer Winters arme Assistentin mit einer Desert Eagle bedroht, während seine durchgeknallte Freundin Rache gefordert hatte. Natürlich war das Winters Schuld gewesen. Sie hatte einen als Kosmetikfirma getarnten Drogenring auffliegen lassen und sich dadurch den Zorn der Frau zugezogen.
Wäre Winter nicht rechtzeitig aufgetaucht, hätte Ariel sterben können. Verständlicherweise brauchte die junge Frau Zeit, um sich von dem Schreck zu erholen.
Winter fragte sich, ob sie überhaupt zurückkommen würde.
Noah schwieg. Er schaute grinsend aus dem Fenster und beobachtete die ersten Kolibris, die sich am Futterspender labten, den er aufgestellt hatte. Er hatte Talent für die Hausarbeit – fürs Gärtnern und Kochen. Er konnte sogar fantastisch gut bügeln. Vor ihrer Hochzeit hatte Winter von dieser Seite ihres Mannes nichts gewusst, doch sie bot definitiv Vorteile.
Als ihre letzte Bemerkung bei ihm gesackt war, ergriff er ihre Hand. „Es gefällt mir nicht, wenn du im Büro allein bist.“
Sie brummte zustimmend. „Mir eigentlich auch nicht, aber so ist es eben.“
„Wenn ich mit Falkner fertig bin, schaue ich vorbei.“
Noahs Boss bei der Abteilung für Gewaltverbrechen hatte ihn zu einem Abschlussgespräch einbestellt, bevor sein einjähriges Sabbatjahr begann. Heute war sein vorerst letzter Tag als aktiver FBI-Agent.
Winter war sich bewusst, dass Noah dringend eine Auszeit brauchte, doch es gab auch offene Fragen, die sie für sich behielt. In den Monaten vor dem Umzug nach Austin war ihr bei ihrem nüchternen, knallharten Mann eine Veränderung aufgefallen.
Sie waren beide nicht mehr dieselben, seit ihr jüngerer Bruder Justin erneut in ihr Leben getreten war und Narben bei ihr hinterlassen hatte, die kein Therapeut heilen konnte. Diese Erfahrung hatte Noah ängstlicher gemacht, vorsichtiger und nachdenklicher. Er hatte kein Problem damit, regelmäßig sein Leben zu riskieren, doch wenn es um seine Frau ging, sah das anders aus.
Winter wusste das. Sie spürte es, wenn er sie ansah. Sie hatte auf verschiedene Weise versucht, ihn davon zu überzeugen, dass er sich keine Sorgen machen müsse, doch gegen seine tief verwurzelte Furcht kam sie nicht an.
Vielleicht würde das Sabbatjahr etwas daran ändern. Vielleicht könnte er ohne den Druck seines Jobs seine Erfahrungen verarbeiten und neue Kräfte sammeln. Und bis dahin …
„Ich glaube, du solltest dich nicht gleich wieder in neue Arbeit stürzen.“ Endlich schob Winter sich den Happen in den Mund. „Das ist eine einzigartige Gelegenheit. Ich möchte, dass du dich entspannst und dich fragst, was dir Freude macht. Vielleicht gibt es noch etwas anderes als das FBI. Du hast es dir verdient, darüber nachzudenken.“
Noah schüttelte wie erwartet den Kopf. „Da draußen ist jemand, der dir wehtun will. Jemand, der dich beobachtet.“
Sie hatte das Gefühl, eine Spinne laufe ihr über den Rücken. Vor ein paar Wochen hatten Noah und Winter bemerkt, dass jemand am Haus ihrer Großeltern und an ihrem Büro Kameras installiert hatte, die über einen lokalen Router mit einem unbekannten Rechner verbunden waren. Als Noah den Urheber als Carl Gardner identifizierte, stellte sich heraus, dass er kein Einzeltäter war.
Die ganze Angelegenheit hing in der Schwebe. Sie hatte noch immer keine Ahnung, wer Carl Gardner beauftragt hatte. Als FBI-Agenten ihn festnehmen wollten, hatte Gardner auf sie geschossen, und Noah musste den Mistkerl niederschießen. Bevor die Sanitäter eintrafen, war er verstorben und hatte seine Geheimnisse mit in den Tod genommen. Die Beweise auf seinen zahlreichen Rechnern ließen jedoch Rückschlüsse auf sein Motiv zu.
Jemand – der Strippenzieher, der auch bei Gardner die Fäden gezogen hatte – stalkte Winter.
Um alles noch schlimmer zu machen, gehörte er Justin Blacks Fangemeinde an. Justin. Der berüchtigte Serienkiller. Der Mann, der sie entführt, unter Drogen gesetzt und gefoltert hatte. Der Kinder bedroht und Winter dazu gebracht hatte, unaussprechliche Dinge zu tun. Der über das Chaos und das Grauen gelacht hatte, während seinem sadistischen Hirn immer neue Bestialitäten eingefallen waren.
Winter dachte nicht gern an die Menschen da draußen, die in Justin eine Art Idol sahen – an die Frauen, die ihm Nacktfotos und Heiratsanträge schickten, an die Männer, die ihm nacheiferten. Jedes beliebige Gesicht in einer Menschenmenge konnte einer von ihnen sein.
Ihr Stalker hatte es sich zur Aufgabe gemacht, zu Ende zu führen, was Justin begonnen hatte, bevor Winter ihn den Behörden übergeben und dafür gesorgt hatte, dass er den Rest des Lebens in einem geheimen Hochsicherheitsgefängnis verbrachte.
Wegen dieser Situation – und speziell wegen der damit einhergehenden Ungewissheit – fühlte Winter sich hilflos und schwach. Ihr wäre es lieber gewesen, eine richtige Spinne wäre ihr am Hals hochgekrabbelt.
Noah erhob sich, ging zur Theke und schenkte sich Kaffee nach. „Die Kameras, die ich bestellt habe, sollten heute an dein Büro geliefert werden. Wenn ich mit Falkner fertig bin, komme ich vorbei und installiere sie.“
Sie wollte ihm widersprechen. Seine Besorgnis war ansteckender als eine Erkältung, und die hatte ihr mit ihrer verstopften Nase gerade noch gefehlt. „Kline hat angerufen und gemeint, es gehe ihm wieder besser. Er will heute vorbeischauen. Ich komme schon klar.“
Vor zwei Tagen war Kline von Philadelphia zurückgekommen und hatte ihr berichtet, er wisse jetzt, weshalb seine Schwester gestorben sei. „Mach dich auf was gefasst“, hatte er gesagt. „Das wird dir nicht gefallen.“ Dann war er ins Bad gelaufen und hatte sich übergeben.
Seitdem hatte sie ihn nicht mehr gesehen.
Noah wirkte unbeeindruckt. Der Grund war nicht, dass er Kline Hurst, wie sie ihren biologischen Vater noch immer nannten, nicht gemocht hätte. Oder vielmehr war das nicht der einzige Grund.
Winter seufzte schwer. „Was?“
„Glaubst du wirklich, Kline ist der Richtige, um ein komplexes, WLAN-vernetztes Sicherheitssystem zu installieren?“
Beinahe hätte sie gelächelt. „Hältst du ihn für unfähig?“
„Natürlich nicht. Er kann einen Hammer schwingen wie kein anderer. Aber er ist alt. Richtig alt.“
„So alt nun auch wieder nicht.“ Winter verdrehte die Augen. „Na schön. Komm vorbei und richte das System ein. Er kann die Kameras anbringen. Ich möchte bloß nicht, dass du dich verpflichtet fühlst, für mich zu arbeiten.“
Seine Brauen ruckten nach oben. „Für dich?“
Sie lächelte. „Mir zu helfen. Es ist nur … ich weiß, du warst dein Leben lang mit dem Herzen beim FBI, auch damals schon, als du beim Militär warst. Jetzt hast du zum ersten Mal Gelegenheit, innezuhalten und dich neu zu orientieren. Willst du überhaupt weitermachen oder lieber ein Restaurant eröffnen?“
Die Brauen kletterten noch höher. „Ein Restaurant?“
„Das war nur ein Beispiel. Ich will damit sagen, bei dem Sabbatjahr geht es um dich, nicht um mich. Du solltest dir Zeit nehmen, dich besser kennen zu lernen.“ Sie breitete die Arme aus. „Die ganze Welt steht dir offen.“
Er runzelte die Stirn. „Ich dachte, du brauchst mich.“
Seine großen grünen Augen funkelten, lockten sie über den Abstand hinweg. Ihr wurde schwummerig, was ihr nur bei ihm passierte.
„Natürlich brauche ich dich.“
„Trotzdem willst du nicht, dass ich dir in die Quere komme.“
Am liebsten hätte sie Noah ständig um sich gehabt, doch so funktionierten normale, gesunde Beziehungen nicht. „Das stimmt nicht.“ Sie schüttelte lachend den Kopf. „Du bist bei Black Investigations stets willkommen. Das habe ich dir bereits gesagt. Aber ich kann es mir nicht leisten, dich angemessen zu bezahlen. Ich kann dich überhaupt nicht bezahlen.“
„Das macht nichts, Schatz. Wir haben Rücklagen. Ich bekomme ein Drittel meines Gehalts und habe vor, mir nebenbei etwas dazuzuverdienen.“
Sie rollte mit den Augen. „Ein Grund mehr, dir ein paar Tage freizunehmen und zu überlegen, was du tun willst. Außerdem dachte ich, du hättest große Pläne für unseren Garten?“
„Darauf freue ich mich schon.“ Er schaute so wehmütig aus dem Fenster wie ein Seemann aufs Meer. „Sobald die Kameras installiert sind. Und wenn Ariel wieder zur Arbeit erscheint. Vielleicht. Wenn mir danach ist.“
Auf einmal hatte Winter heftige Gewissensbisse. Es gefiel ihr, dass er so bedacht auf ihre Sicherheit war – wäre es anders gewesen, hätte sie ihn nicht lieben können. Manchmal aber fand sie seine Fürsorglichkeit jedoch erstickend.
„Wo wir gerade von Arbeit sprechen, ich muss los.“ Noah schraubte den Deckel auf den Kaffeebecher, schulterte die Laptoptasche, näherte sich Winter und gab ihr einen Schmatzer auf die Lippen.
„Was will Falkner eigentlich von dir?“
„Ich muss noch den Bericht zu der Drogenbande einreichen, außerdem möchte er ein Abschiedsgespräch führen.“
„Klingt spaßig.“ Stöhnend erwiderte Winter seinen Kuss. Seit seinem Arbeitsantritt in Austin klagte Noah über seinen Boss. Der Mann saß ihm wie ein kleiner Avatar auf der Schulter, so wie Darnell Davenport von der Austiner Polizei auf ihrer, und redete auf ihn ein. Was würde er ohne Falkner anfangen?
„Keine Ahnung.“ Noah zuckte mit den Schultern. „Ist schon okay. Falkner ist kein schlechter Kerl. Ich war einfach sauer auf ihn, weil er … na ja, weil er in Bezug auf mich recht hatte.“
„Viel Glück, Liebster.“ Winter klopfte ihrem Mann auf den Po. „Bis bald.“
Sie sah ihm nach und fragte sich, was er im nächsten Jahr tun würde. Ob er zum FBI zurückkehren würde. Sollte er sich entschließen, Vollzeit im Privatsektor zu arbeiten, wäre das eine tolle Sache, doch sie wollte nicht, dass er es tat, weil er sich dazu verpflichtet fühlte.
Sollte Noah wieder ihr Partner werden – so wie in ihrer gemeinsamen Zeit beim FBI -, dann sollte er es aus freien Stücken tun und nicht deshalb, weil er befürchtete, ihr könnte etwas zustoßen, wenn er ihr keine Rückendeckung gab.
Noah zuliebe musste Winter sich von Ärger fernhalten, damit er sich nicht ständig um sie sorgte, sondern an sich selbst denken konnte, um sich weiterzuentwickeln und Erfüllung zu finden.
Doch der Ärger ließ meistens nicht lange auf sich warten.
Liebe ist der Anfang von allem. Und das Ende.
Sie wissen, was Sie getan haben. Und ich auch.
Der Mann, der die Privatermittlerin Winter Black gestalkt hat, ist tot, aber er hat nicht allein gearbeitet. In den Schatten lauern Bedrohungen, und sie kann das beängstigende Gefühl nicht abschütteln, dass jemand sie beobachtet.
Es wird persönlich … wieder.
Ein Werbeflyer für Winters Detektei – Black Investigations – wird im zehnten Stock auf dem Balkon einer Frau gefunden, die sich von dort anscheinend… Read More

