Erstes Kapitel
Peter Davis fuhr sich durchs Haar und löschte mit einem mulmigen Gefühl einen weiteren Namen aus dem Kassenbuch. Er machte Überstunden und vergewisserte sich zweimal, dass tatsächlich jeder Name getilgt war – außer den beiden, die er stehen lassen sollte.
Er atmete tief durch, ging zum Wasserspender in der Ecke und füllte seinen dritten oder vierten Becher. Auch den Inhalt dieses Bechers stürzte er hinunter und ging zurück zu seinem Platz.
Die Behörden würden von seiner Beteiligung nie erfahren, und er bräuchte sich keine Sorgen wegen der nächsten Steuerprüfung zu machen. Damit wäre die Angelegenheit erledigt.
Hoffte er jedenfalls.
Hätte er gewusst, wie viel Ärger er sich einhandeln würde, indem er Mat Schultz half, hätte er nie akzeptiert, der Steuerberater für die schmierigen Geschäfte dieses Schuftes zu sein. Die Bezahlung war verlockend gewesen, keine Frage. Aber die Kosten – sollte er erwischt werden – waren viel zu hoch.
Und doch habe ich eingewilligt.
Bis heute Abend das Telefon geklingelt hatte, war seine Welt in Ordnung gewesen. Ein unbekannter, elektronisch verzerrter Anrufer hatte mit dumpfer Stimme gedroht, den Betrug auffliegen zu lassen, wenn Peter nicht das Kassenbuch säuberte. Die Stimme hatte ihn angewiesen, in den Daten alle Spuren zu entfernen bis auf die von Mat und einer der Maklerinnen seiner Firma, Leanne Flick.
Warum gerade die? Da konnte Peter nur mutmaßen.
Leanne war vor kurzem in Zusammenhang mit einer Affäre ausgeschieden. Gewundert hatte das Peter nicht. Er wusste Bescheid über Mats außereheliche Aktivitäten.
Der Mann behält die Hose nicht lange genug an, um sich die Schuhe zu binden.
Die Stimme hatte verlangt, dass Mats und Leannes Namen im Kassenbuch stehen blieben, und Peter hielt sich daran. Selbst wenn er den ganzen Abend beschäftigt sein würde.
Zum Glück war er schon fast fertig.
Auf dem Desktop waren die Buchungen der letzten Transaktionen geöffnet. Im Display spiegelte sich die Bankierslampe. Zeilen und Spalten sowie Namen und Kontaktinformationen wurden angezeigt. Es war spät, doch vor allem war er emotional erschöpft. Er musste nur noch ein Konto säubern. Noch eine letzte Aufstellung, und er konnte nach Hause gehen.
Er war bereits fünf Stunden mit der Aufgabe beschäftigt, seine Angestellten waren längst gegangen. Seine Frau hatte ihm das Essen im Backofen warmgestellt, doch beim Gedanken daran wurde ihm übel. Vielleicht machte ihm auch der viele Kaffee zu schaffen. Er konnte es nicht mehr unterscheiden.
Patty … es tut mir ja so leid.
Ihren Namen aus dem Mund des anonymen Anrufers zu vernehmen, hatte Peter geschockt. Stundenlang hatten ihm die Ohren geklungen.
„Ihre liebe Frau ist an all dem unschuldig, ich weiß. Es wäre doch bedauerlich, wenn Patty dafür büßen müsste, dass Sie nicht genau das tun, was ich Ihnen sage.“
Diese zwei Sätze hatten die Angelegenheit eskalieren lassen und die Last auf Peters Schultern ins Unermessliche gesteigert. Wer tat so etwas? Und warum?
Trotz seiner Angst war ihm die verzerrte Stimme bekannt vorgekommen, noch ehe sie als Krönung des Ganzen Patty ins Spiel gebracht hatte. Woher kannte er sie?
Hör auf! Bring‘s einfach hinter dich.
Peter schlug zornig nach einem Insekt, das sich in den Raum verirrt hatte, und machte sich wieder an die Arbeit, obwohl er eigentlich auf die Toilette musste. Das hier hatte Vorrang. Er brauchte seine Arbeit nur noch zu überprüfen.
Eine Stunde später, nachdem er jeden Eintrag doppelt gecheckt hatte, sicherte er die Dateien in der Cloud und schickte einen Downloadlink an die Mailadresse, die die Stimme ihm genannt hatte.
Erschöpft und erleichtert stützte er den Kopf auf die Hände und nahm sich vor, nie wieder mit jemandem wie Mat Schultz zusammenzuarbeiten.
Endlich kann ich in Ruhe pinkeln gehen.
Als er aufstand, hörte er ein leises Geräusch. Er fuhr sich mit der Hand übers Stoppelkinn und fragte sich, welcher seiner Angestellten das sein mochte. Es war Nacht, und ihm fiel nichts ein, was nicht bis morgen hätte warten können.
„Hallo? Barb?“
Das musste entweder seine Assistentin oder deren Praktikant sein. Beide ließen häufig ihr Handy am Arbeitsplatz liegen.
Als niemand antwortete, beugte Peter sich vor und blickte zu den dunklen Büros hinaus. Eine Art Rascheln war zu hören.
Ohne zu überlegen, nahm er den Brieföffner vom Schreibtisch und schlich zur offenen Tür. Vorsichtig beugte er sich hinaus und spähte in die Dunkelheit, die Hand um den schmalen Brieföffner gekrampft. Das war zwar kein Messer, würde einen Einbrecher aber dennoch abschrecken, wenn er kräftig damit zustieß.
Schweißperlen bildeten sich auf seiner Oberlippe, während die Sekunden verstrichen. Ein tiefes, kehliges Lachen war zu hören, das Peter in Panik versetzte. Er kniff die Augen zusammen und machte schließlich einen menschlichen Umriss aus.
„Was wollen Sie?“
Er musterte die Schattengestalt, versuchte Einzelheiten zu erkennen.
„Was wollen Sie?“, wiederholte er, nun lauter.
Der ungebetene Gast gab keine Antwort, sondern trat aus einer dunklen Nische in den durch Peters Bürotür fallenden Lichtschimmer vor.
Wie eine eiskalte Flut schwoll die Panik in Peters Brust an.
„Verschwinden Sie. Sonst rufe ich die Polizei!“ Er bemühte sich, seiner Stimme einen kalten, entschlossenen Klang zu verleihen, und schwenkte den Brieföffner, als wäre er das Schwert des Damokles.
Die unbekannte Gestalt war von Kopf bis Fuß schwarz gekleidet, hatte sich ein Halstuch vor den Mund gebunden und trug außerdem eine dunkle Sonnenbrille, wollte offenbar nicht erkannt werden, aber warum?
Er fürchtete, die Antwort bereits zu kennen.
„Sagen Sie mir, wer Sie sind!“
Peter wich in sein Büro zurück und stieß gegen die Ecke des Schreibtischs. Mit zitternder Hand streckte er den Brieföffner vor, zweifelte aber inzwischen an dessen Nutzen.
Als die Gestalt das Wort ergriff, hätte Peter sich beinahe eingenässt. „Haben Sie Ihre Aufgabe erledigt?“
Seltsamerweise milderte die Frage ein wenig seine Panik. Peter senkte die provisorische Waffe und sackte erleichtert gegen den Schreibtisch. „Ja, ja! Ich habe alle Namen gelöscht. Vor zwei Minuten habe ich Ihnen eine Mail geschickt. Ich habe nicht damit gerechnet, dass Sie …“
„Zeigen Sie mir die Dateien. Ich will sehen, dass nur noch die beiden Namen drinstehen.“
„Kann ich vorher pinkeln gehen? Ich habe den ganzen Abend gearbeitet und …“
„Zeigen Sie mir die Dateien. Jetzt gleich.“
Peter glaubte, nicht richtig gehört zu haben, doch je schneller die Person verschwand, desto eher durfte er auf die Toilette. Er wandte sich zum Monitor um. „Selbstverständlich. Ich zeige Ihnen die verdammten Dateien. Da sind sie.“
Schmerz. Weißglühender Strom schoss durch Peters Schultern und seinen ganzen Körper, lähmte ihn in Sekundenschnelle. Alle Muskeln kontrahierten, und er kippte um wie ein gefällter Baum.
Sein Kopf traf die Schreibtischkante, und er sah weiße Sterne, doch den Aufprall spürte er kaum, denn der Schmerz ging unter in der Qual, die ihn erfüllte.
Als der sengende Schmerz endlich nachließ, lag Peter auf dem Boden. Er konnte sich nicht bewegen, der Herzschlag dröhnte ihm in den Ohren. Er atmete rasselnd, und sämtliche Muskeln taten ihm weh.
Er versuchte, die Gestalt anzuschreien oder auch nur das Wörtchen warum zu bilden. Warum hatte man ihm das angetan? Doch sein Körper gehorchte ihm nicht mehr.
Etwas Kühles tropfte auf sein erhitztes Gesicht. Wasser lief ihm über Wangen und Kinn. Er schaffte es nicht mal, es abzuwischen.
Das ätzende Gelächter schien von überallher zu kommen, während noch mehr Wasser auf ihn gegossen wurde. Er konzentrierte sich auf das Gluckern des Behälters. Als Nächstes standen vor seiner Nase schwarze Stiefel. Er wollte schreien, die Hand dagegen erheben – sich wehren.
Ein lautes Krachen. Die Schreibtischlampe erlosch, es wurde dunkel. Nur durch das Fenster sickerte ein wenig Licht, und es regnete immer noch Wasser auf ihn herab.
Peters Finger zuckten. In wenigen Sekunden oder Minuten würde er die Hände um den Hals dieses sadistischen Schweins legen können und es erwürgen.
Er wälzte sich auf die rechte Seite und stützte die Hand auf den nassen Teppichboden, um ihn herum lagen Pfützen. Vor seinem Gesicht pendelte das Stromkabel der Leuchte wie das Medaillon eines Hypnotiseurs, die blanken Kupferdrähte dicht über der Wasserlache.
Peter wurde von überwältigender Panik erfasst, als er begriff, was die Gestalt vorhatte.
Bitte … nicht …
Mit bebenden Lippen versuchte er zu sprechen. Er wollte eine Erklärung haben. Seine Unterlippe bewegte sich leicht. Er zog sie zurück, prüfte, ob er sie bereits spürte.
„Was einen nicht umbringt, macht einen stärker.“ Halb Zischen, halb Knurren. Hasserfüllt. „Mit Ausnahme von Strom. Der bringt einen um.“
Ehe Peter etwas erwidern oder auch nur nach Luft schnappen konnte, berührten die Drähte die Wasserlache.
Der Stromschlag warf ihn auf den Rücken. Er bäumte er sich auf. Er bekam keine Luft mehr. Er musste den fürchterlichen Schmerz hilflos ertragen.
Plötzlich hatte er Patty vor Augen und versuchte, sich auf sie zu konzentrieren.
Es gelang ihm nicht.
Eine unsichtbare Faust presste seine Lungenflügel zusammen. Der Gestank von verbranntem Fleisch stieg ihm in die Nase, dann schrumpfte die Welt zu einer gleißenden Sternschnuppe der puren Qual.
Mit dem Rest seines Verstandes betete Peter. Er flehte Gott an, sein Leiden zu beenden. Während sein Lebenslicht erlosch, hoffte Peter Davis, dass die Person, die gelacht hatte, während er starb, eines Tages das gleiche Schicksal ereilen würde.
Zweites Kapitel
Winter Black-Dalton saß an ihrem nagelneuen Eichenschreibtisch und schaute durchs große Fenster auf die Austin Street hinaus. Vor ihr lagen ein leeres Notizbuch sowie Stifte in verschiedenen Farben, mit denen sie ihre nach Dringlichkeit geordneten Aufgaben festhielt.
Ihr Stadtbüro hatte seit gestern inoffiziell geöffnet, und es gab noch immer viel zu tun. Der Lärm einer Schleifmaschine unterbrach ihre Gedanken, und schon hatte sie den ersten Punkt vergessen, den sie auf die heutige To-do-Liste setzen wollte.
Sie erhob sich und ging zum Empfangsbereich von Black Investigations, wo ein Handwerker den Dielen den letzten Schliff gab. Sie lächelte, denn unter dem hässlichen alten Teppichboden waren nicht nur wundervolle Eichendielen zum Vorschein gekommen, sondern sie hatte auch jemanden gefunden, der sich auf Restaurierungen verstand.
Kline Hurst, ein großer, hagerer Mann mit schütterem grauem Haar und wunderschönen blauen Augen, war zwei Tage nach Unterzeichnung des Mietvertrags bei ihr aufgetaucht und hatte ihr seine Dienste angeboten. Sie kannte ihn nicht – vor Fremden war sie immer auf der Hut -, doch er hatte eine beruhigende Ausstrahlung.
Eine Stunde lang hatten sie sich unterhalten, über die Dallas Cowboys, seine Abneigung gegen das Internet, das er für alle Übel der Welt verantwortlich machte, und seine Sammelleidenschaft für Coca-Cola-Classic-Memorabilien. Der urwüchsige Texaner gewann sie schnell mit seiner rauen Stimme und seinem verschmitzten Lächeln. Winter heuerte ihn umgehend für die Bürorenovierung an.
Dem Rat ihres FBI-Gatten folgend, machte sie einen Hintergrundcheck und fand nichts Belastendes. Keine Vorstrafen, keine undurchsichtige Vergangenheit. Von Jugend an war er als Handwerker bei Projekten im ganzen Bundesstaat tätig gewesen.
„Ehrliche Handarbeit ist was Feines. So seh ich das.“
Sie schaute zu, wie Kline dort, wo sie Regale aufstellen wollte, fertig wurde. Obwohl sie ihre Recherchen überwiegend am Computer durchführte, benötigte sie für ihr neues Domizil doch auch eine zweckmäßig ausgestattete Bibliothek und eine Besprechungsecke. Bücher waren so tröstlich wie Hühnersuppe bei einer schlimmen Erkältung. Sie versetzten sie zurück in die Kindheit, in der sie stundenlang gelesen hatte.
Als ein Serienkiller ihr Leben auf den Kopf gestellt hatte, war damit Schluss gewesen.
Sie schloss die Augen und dachte an Douglas Kilroy und das Grauen, das mit ihm über ihre Familie hereingebrochen war. Sie war noch ein Teenager gewesen, da hatte der Preacher, wie die Presse ihn nannte, ihre Eltern ermordet und ihren kleinen Bruder entführt und ihn während der nächsten Jahre in ein noch schlimmeres Monster als ihn selbst verwandelt.
Ihr pochten die Schläfen, eine weitere Erinnerung an den Schaden, den Kilroy angerichtet hatte. Er wollte sie töten, versetzte sie jedoch lediglich ins Koma. Als sie zu sich kam, gab es ihre Familie nicht mehr, und sie verfügte über die sonderbare Gabe, Dinge zu sehen, die eigentlich hätten verborgen sein sollen. Eine Art von sechstem Sinn, Segen und Fluch zugleich. Sie …
„Wissen Sie schon, was für Regale Sie aufstellen wollen?“
Klines tiefe Stimme verscheuchte die Erinnerung an den wochenlangen Krankenhausaufenthalt, den sie Douglas Kilroy zu verdanken gehabt hatte.
Winter öffnete die Augen und konzentrierte sich auf die Wand, verglich in ihrer Vorstellung Registratoren mit offenen Regalen. „Ich habe mich noch nicht entschieden.“
Kline runzelte die Stirn. „Noch nicht entschieden, wie meinen Sie das? Ich dachte, Sie hätten einen Plan für Ihr Büro.“
Winter zuckte schuldbewusst mit den Achseln. Innenausstattung war nicht ihr Ding.
Sie drehte sich im Kreis und schaute sich um. Vor dem Entfernen des Teppichbodens hatte Kline den Resopaltresen hinter dem Eingang abgebaut. Auf dem Tresen hatte die Kasse des Schuhgeschäfts gestanden, das zuvor hier untergebracht gewesen war. Anschließend hatte er die Bohrlöcher der Verkaufsregale zugespachtelt und die Wände grundiert und gestrichen.
Das Büro entsprach nicht unbedingt dem Standard der Fifth Avenue, doch es nahm allmählich Gestalt an und machte von Tag zu Tag einen besseren Eindruck. Winter sah bereits den Eingangsbereich vor sich, wo ihre Assistentin, die sie bald einzustellen gedachte, die Kunden in Empfang nehmen würde.
„Ich hatte bisher keine Zeit, mir darüber Gedanken zu machen. Da hinten sollen ein paar Regale hin, aber ich weiß noch nicht, wie viele. Oder welche.“ Sie ging zur rückseitigen Wand, das Geräusch ihrer Schritte auf dem Holzboden war Musik in ihren Ohren. „Ich war zu sehr mit der Grundausstattung und meinem letzten Fall beschäftigt … Über das Design muss ich erst nachdenken.“
Kline schnaubte, was sich anhörte wie das Grollen eines Bären, dann lachte er. „Vielleicht sollten Sie das tun, bevor Ihre neuen Kunden hereinströmen und den unfertigen Boden und die kahlen Wände sehen. Könnten denken, Ihnen sei das Geld ausgegangen.“
Kunden zu beeindrucken, war ebenfalls neu für Winter. Bis vor Kurzem hatte sie eine FBI-Marke gehabt, die Eindruck genug gemacht hatte. Sie brauchte sie nur vorzuzeigen, und schon taten die Leute, was sie von ihnen verlangte. Und jetzt …
Sie seufzte. Kline hatte recht. Als Privatermittlerin musste sie sich um diese Dinge kümmern.
„Also … machen wir zunächst den Boden fertig, dann reden wir über die Wände und die Regale. Klein anfangen, immer eins nach dem anderen.“
„Klingt gut. Wenn ich mir die Bemerkung erlauben darf, hier wäre eine Regalecke sehr passend.“ Er beschrieb ein U auf den Dielen. „Dadurch entstünde ein abgetrennter Bereich, in dem Sie einen Besprechungstisch oder sogar bequeme Clubsessel aufstellen könnten, wenn Sie die mögen.“
Er hatte recht.
Winter sah es beinahe vor sich. „Das klingt gut. Dann wäre die Sicht auf den Pausenraum und die Toilette versperrt: mehr Diskretion.“
Er ging zur Hintertür. „Genau. Und das Regal an dieser Seite würde als Raumteiler dienen, hinter dem Sie all die Sachen verstecken könnten, die Ihre Kunden nicht sehen sollen.“
Sie wurde ganz aufgeregt, als sie sich das zukünftige Erscheinungsbild ihres Büros vorstellte. Dann schaltete sie von kreativer Fantasie wieder auf Logik um. „Was würde das kosten?“
Kline kratzte sich am grauen Stoppelkinn. „Wenn Sie wollen, mache ich Ihnen einen Kostenvoranschlag. Mit mehreren Optionen, angefangen von schlicht bis eher extravagant.“
Winter seufzte, denn ihr war klar, dass etwas Extravagantes ihren Kostenrahmen sprengen würde. Doch Kline hatte recht. Früher oder später musste sie sich mit der Ecke befassen. Das würde sie auch mit Freuden tun, wenn sie sich nur weiterhin auf die anstehenden Aufgaben und die Gewinnung eines neuen Kunden konzentrieren konnte.
Das Freddie-Schumaker-Debakel lastete noch schwer auf ihr. Ständig dachte sie an ihre Klientin Julia und deren jüngere Tochter, die kleine Gabriella. Wie würde sie damit fertigwerden, wenn sie irgendwann erfuhr, was ihre ältere Schwester getan hatte? Dieser Gedanke hielt Winter nachts wach, obwohl sie wusste, dass sie loslassen musste.
Der Fall war abgeschlossen. Ihr Job war erledigt.
Trotzdem wurde sie von Schuldgefühlen geplagt. Genauso wie von der Erinnerung an Timothy Stewart und dem, was sie seiner Familie angetan hatte. Das war eine Wunde, die nicht heilen wollte. Bei ihrem Besuch in San Antonio, bei seinem Onkel, hatte der kleine Timothy ganz entspannt gewirkt. Die Therapie hatte ihm geholfen, das erlittene Trauma zu überwinden.
Winters Bruder Justin hatte den armen Jungen entführt und ihm eingeredet, Winter und deren FBI-Kollegen seien die wahren Bösewichter. Großer Überredungskunst hatte es nicht bedurft. Winter wusste aus eigener Erfahrung, wie böse ihr Bruder war, denn er hatte sie gezwungen, Timothys Eltern zu töten.
Vor Timothys Augen, auf dem Boden des Wohnmobils.
Sie hatte versucht, sich mit ihrer Vergangenheit zu versöhnen, doch die Bewältigung eines solchen Traumas glich einer niemals endenden Achterbahnfahrt. An guten Tagen war sie auf Kurs, an schlechten hatte sie einen steilen Anstieg, und wenn es dann in die Tiefe ging, drehte sich ihr der Magen um.
Schau nach vorn, ermahnte sie sich.
Sie musterte den Handwerker abschätzend. Auf einmal interessierte sie sich für den steinigen Weg, den er zurückgelegt hatte, bevor er an ihrer Tür gelandet war. „Haben Sie Familie in Austin? Sie haben nie eine erwähnt.“
Er zupfte an den Trägern seines Overalls. „Nein.“
Seine knappe Antwort steigerte ihre Neugier. „Und woanders?“
„Also, Sie lieben doch Google – müssten Sie da nicht meinen Familienstammbaum finden?“ Er ging zurück zu seinem Arbeitsplatz und stellte das lärmige Schleifgerät an. Sie war froh, dass sie darauf bestanden hatte, ein Gerät mit Absaugevorrichtung zu verwenden. Trotzdem trübten Staubreste die Luft.
Kichernd schaute Winter ihm bei der Arbeit zu. Dass sie sich in Klines Gegenwart so wohl fühlte, war eine angenehme Überraschung. Normalerweise machten Fremde sie misstrauisch. Jeder konnte sich als ein zweiter Justin entpuppen. Sie blickte zu der Stelle, die der Empfangsbereich einnehmen würde. Hoffentlich wurde der neue Tresen bald geliefert. Würden bei ihr die Alarmglocken läuten, wenn sie die nächsten Klientengespräche führte?
Du hast nur eine Möglichkeit, dachte Winter zynisch. Konzentrier dich auf die anstehenden Aufgaben und erledige eine nach der anderen, bis alles zusammenbricht und du wieder beim FBI antanzen musst.
Als sich knarrend die Ladentür öffnete, setzte ihre Paranoia ein, und sie langte unwillkürlich nach der Waffe, die sie früher immer bei sich geführt hatte.
Geht für Winter das Licht aus?
Winter Black jagte früher als FBI-Agentin Serienkiller und steht jetzt auf der anderen Seite des Gesetzes. Wer hätte sich träumen lassen, dass sie einmal für einen potenziellen Mörder als Privatermittlerin arbeiten würde? Ihr neuer Klient ist ein skrupelloser Geschäftsmann, der sich Millionen erschwindelt hat, doch hat er tatsächlich drei Menschen unter Strom gesetzt und sie getötet? Winter glaubt das nicht.
Aber ist sie bereit, für ihn ihr Leben zu riskieren? Read More

