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Mary Stone - Winters Schlinge: Winter-Black-Serie Staffel zwei

A Taste of… Winters Schlinge

Erstes Kapitel

Nick Riley blinzelte in die verschwommene Dunkelheit und stöhnte, denn sein Kopf pulsierte von einem tiefen, hämmernden Schmerz. Nur mit Mühe konnte er über sich die Decke erkennen – ein geflicktes Gitter wasserfleckiger Ziegel, und ein Geruch von altem Rauch hing schwer in der Luft.

Wo zum Teufel bin ich?

Im Geist hangelte er sich durch einen Nebel der Verwirrung und versuchte herauszufinden, wie er an diesen Ort geraten war. Er bewegte sich leicht und verzog das Gesicht, als der schmutzige Teppich, der unter ihm lag, über seine Wange kratzte. Bei der Bewegung wurden seine Kopfschmerzen schlimmer, und er führte die Hand zur Wange.

In diesem Moment bemerkte er das Blut. Warm und klebrig verfilzte es sein Haar und verschmierte sein Gesicht. Dort, wo es aus seinem Ohr sickerte, spürte er mit jedem Herzschlag ein Stechen.

Jemand war in seinen Wagen gesprungen. Die Erinnerung überkam ihn mit einem Ruck.

Auf dem Heimweg war er an einer kleinen Kreuzung zweier Nebenstraßen aufgehalten worden, in Gedanken mit anderem beschäftigt, doch plötzlich hatte jemand – nein etwas – die Tür aufgerissen und war mit einem Satz auf den Beifahrersitz gesprungen. Nick hatte kaum Zeit gehabt, die Gestalt wahrzunehmen, geschweige denn darauf zu reagieren, da war auch schon etwas Stumpfes seitlich gegen seinen Kopf geschlagen worden.

Jetzt sah Nick es vor seinem inneren Auge: den kleinen metallenen Schlagstock und die behaarte Hand des Angreifers, die ihn umklammert hielt. Oh Mann, es hatte furchtbar wehgetan. Bei der Erinnerung an das kurze verwirrende Gefühl, das ihn überkommen hatte, als er wie eine Leiche aus dem Wagen gezerrt worden war, im selben Moment, in dem er das Bewusstsein verloren hatte, drehte sich ihm der Magen um.

Nun war er an einem neuen Ort. Und jeder Idiot, der je eine Krimiserie verfolgt hatte, wusste, was das bedeutete – den sicheren Tod. Warum also war er noch am Leben?

Er hatte keine Ahnung, wer zum Teufel der Kerl sein mochte oder warum er ihn überfallen hatte, doch das spielte im Moment kaum eine Rolle.

Nick zwang sich, sich zu konzentrieren. Der Raum kam ihm auf unheimliche Weise bekannt vor, obwohl er noch nie hier gewesen war. Ganz bestimmt nicht. Doch er erinnerte ihn an einen schmuddeligen Schuppen, in dem er einmal Gras gekauft hatte. An den schmucklosen Wänden klebte eine glänzende Schmiere von altem Zigarettenrauch, und dort, wo die Wände von Fausthieben und Gott-weiß-was getroffen worden waren, bröckelte der Verputz in Schichten ab. Der billige beigefarbene Teppich war an manchen Stellen schwarz verfärbt. Verfleckt vom Wasser, das aus Bongs gelaufen war, oder vielleicht angesengt. Was auch immer, keiner hatte sich die Mühe gemacht, ihn zu säubern.

Der Mann hatte ihn bewusstlos auf diesem dreckigen Teppich abgelegt. Er musste wohl glauben, dass er sich nicht rühren würde, denn inzwischen redete er am Handy, den Rücken ihm zugekehrt.

Jetzt hatte Nick etwas zu tun. Es war seine einzige Chance.

Er zog sich langsam hoch. Die Bodenbretter unter dem Teppich quietschten, und in seinem Kopf drehte sich alles. Solche Kopfschmerzen hatte er noch nie gehabt. Er wusste nicht einmal, ob er rennen konnte, doch ihm blieb keine Wahl.

Weglaufen oder sterben. Das waren seine Optionen.

Er befand sich in einem Wohnzimmer, und unmittelbar hinter der geöffneten Tür hörte er das leise Brummen eines Kühlschranks. Den Blick auf den Mann geheftet, schlich Nick langsam in Richtung des Geräuschs. Dann sah er etwas Entscheidendes: Am Ende einer Seitenwand, dort, wo er einen Flur vermutet hatte, lag eine Hintertür, an deren kleinem Fenster ein fettiger Vorhang halb geöffnet herabhing. Draußen war Nacht.

Nicks Blick schoss zu dem Mann. Er war hochgewachsen und mager. Über seinen Unterarm wand sich eine grünliche Tätowierung – ein Gefängnis-Tattoo. Sein Haar war von einem Bandana bedeckt, dessen Rot inzwischen so ausgebleicht war, dass es rosa wirkte.

Nick verstand nicht, was der Mann sagte. Seine Stimme klang grob und schwerfällig, er nuschelte wie Eddie Vedder. Ob er Nick für tot hielt? Der Mann trug nicht einmal eine Maske oder sonstige Verkleidung. Doch er musste Nick ja den Puls gefühlt und sich überzeugt haben, dass sein Opfer noch lebte.

Egal. Nick war nicht tot, würde es aber bald sein, wenn er nicht aus diesem Raum floh. Er schluckte kräftig und schlich sich zur Hintertür.

Mit zitternder Hand drehte er den Türgriff. Er ließ sich bewegen, doch als er die Tür aufziehen wollte, gelang ihm das nicht. Ein leises Klappern erklang, und vor Angst lief ihm ein Schauer über den Rücken. Zusammenzuckend blickte er sich um.

Der Mann hatte nichts bemerkt.

Mit einem kräftigen Schlucken wendete Nick sich zurück und untersuchte die Tür. Der Türriegel war vorgelegt. Nick riss sich zusammen, schob ihn auf und öffnete die Tür. Er rannte los.

„He!“ Wie ein Löwe brüllte der Mann hinter ihm auf.

Nick stieß einen Schrei aus und rannte eine kurze bröckelnde Betontreppe in einen überwucherten Garten hinunter. Barfuß und wankend jagte er durch Disteln und Wolfsmilchgewächse. Das Grundstück war von einem zwei Meter hohen, mit Draht geflickten Holzzaun umschlossen, doch Nick entdeckte eine Stelle, an der ein herabgefallener Ast eine Lücke in den Zaun gerissen hatte. Durch die könnte er klettern und zum nächstgelegenen Haus rennen. Es stand ziemlich weit entfernt auf der anderen Seite eines Stücks Ödland, aber vermutlich war es möglich. Gerade so eben.

Er jagte los.

Als er einen Satz über einen modrigen Laubhaufen machte, bekam er keinen Boden mehr unter die Füße. Der eine Fuß glitt ins Leere, der andere verfing sich am Rand des Lochs. Ein grässliches Knacken hallte durch Nicks ganzen Körper, während er in Dunkelheit stürzte.

Hilflos schlug er in dem schmalen Schacht um sich, und seine Arme und Beine prallten bei dem immer tieferen Sturz gegen raue Backsteinwände. Mit einem abscheulich dumpfen Krachen schlug er sich den Kopf an, und vor seinen Augen flammten Sternchen auf.

Er war in einem hüfthohen Wassertümpel gelandet und rammte den Boden mit Flanke und Rücken. Eiskaltes Wasser durchtränkte seine Kleider, als er sich nach Luft schnappend zur Oberfläche emporstieß, der schmerzende Körper vom Sturz verkrümmt.

Beim Versuch, sich aufzusetzen, schoss ein schrecklicher Schmerz durch sein Bein, und die scharfe Bruchkante eines Knochens durchstieß seine Haut. Tränen schossen ihm in die Augen, vor Schmerz wurde er beinahe ohnmächtig. Im Nacken lief ihm ein warmes Blutrinnsal herunter, das dort, wo er gegen die Wand gekracht war, aus dem Hinterkopf sickerte, doch das kalte Wasser und das Adrenalin in seinem Blut hielten ihn bei Bewusstsein.

All dieser Schmerz hätte ihm die Sinne rauben sollen, doch er wurde durch die Wogen instinktiver Panik gedämpft. Er musste hier raus, weg von diesem Mann.

Nick betastete die schleimigen Steinwände um sich herum – ein quadratischer Schacht von nur zwei Schritten Durchmesser. Als er aufblickte, sah er den Mond. Oder zumindest einen Teil davon. Etwas versperrte ihm die Sicht darauf, eine Silhouette.

Der Kopf eines Mannes, der zu ihm hinunterschaute.

„Hilfe!“ Im Versuch, die Wände hinaufzuklettern, schlug Nick die Fingernägel in den Backstein, doch er befand sich mindestens fünf Meter unter der Erde. In der Falle.

Hinter den Schultern des Mannes glitzerten Sterne, sein Gesicht war von Schatten verhüllt.

„Warum tun Sie mir das an?“ Jetzt schmeckte Nick Blut. Blut, Gallensaft und etwas, das sich im Wasser zersetzte. Gleich darauf füllte der Gestank seine Nase.

Würgend erkannte er, dass um ihn her Brocken im Wasser trieben, gegen ihn stießen und an seiner nackten Haut klebten. Ohne nachzudenken packte Nick einen – etwas Langes und Dürres mit der ungefähren Form eines Servierlöffels. Er hob es vors Mondlicht.

Ein Knochen. Ein Knochen, an dem noch das verwesende Fleisch hing.

Sogar zu entsetzt zum Schreien, ließ Nick ihn fallen. Er konnte noch einen letzten Blick auf den funkelnden Nachthimmel werfen, und dann wurde der Brunnendeckel mit kreischenden Angeln zugeschlagen. Dunkelheit umfing ihn.

Die tintenschwarze Finsternis umschloss ihn drohend, scharfer Schmerz fetzte durch sein gebrochenes Bein wie ein Feuerwerk und erfasste seinen ganzen Körper. „Kommen Sie zurück! Bitte. Hilfe! Hilfe! Hilfe!“

Er schrie, bis das Hallen seiner eigenen Stimme unerträglich wurde. Dann hielt er sich die Ohren mit beiden Händen zu und schrie noch mehr.

„Hört mich jemand! Ich brauche Hilfe!“

Bis zur Brust umfing ihn das Wasser und liebkoste ihn mit Knochenstücken und Klumpen von Fleisch. Der Gestank und der Geschmack auf seinen Lippen waren unerträglich. Wieder und wieder krallte er sich in die Wände, doch für seine Finger gab es weder Griffe noch Höcker. Aber selbst wenn sie Halt gefunden hätten, konnte er unmöglich mit einem gebrochenen Bein, das durch die Haut stieß, einen lotrechten Schacht hinaufklettern.

Die Verzweiflung umfing ihn wie eine in Teer getränkte Decke. Seine Gliedmaßen wurden schwer, und sein Herz schlug langsamer. Der Schmerz im Bein drang mehr und mehr in sein Bewusstsein vor und wurde immer bohrender, bis er nur noch brüllen konnte. Seine Stimme hallte den Schacht hinauf und kehrte wie ein Bumerang zurück, um ihn zusätzlich zu quälen.

Bei jedem zischenden Atemzug tanzten Wellen über den Tümpel und sorgten dafür, dass die Knochen mit den Fleischfetzen gegen ihn trieben und seine Übelkeit verstärkten. Er versuchte, sich nicht zu erbrechen, doch der Mageninhalt füllte seine Kehle und verschloss seine Luftröhre. Er beugte sich zur Seite und übergab sich in den stinkenden Tümpel. Keuchend würgte er weiter. Weil der Gestank so grässlich war, konnte er nicht damit aufhören, bis nur noch Galle hochkam.

Nick wünschte sich plötzlich, die Wunde in seinem Bein hätte die Oberschenkelarterie verletzt, sodass er verblutete. Oder vielleicht würde die Kopfwunde ihn erledigen. Wenn er schon in diesem Höllenloch sterben musste, sollte es wenigstens schnell gehen. Fühllos werden und sich im Nichts auflösen, damit er allem entfliehen konnte.

Er dachte darüber nach, dass keiner auch nur ahnen würde, wo er sich befand. Keiner würde kommen. Weder jetzt noch jemals. Er würde hier einfach verwesen, sein Körper würde sich zersetzen und sich mit all den anderen in dieser albtraumhaften Suppe vermischen.

Würde irgendwer sich sorgen, weil er nicht mehr auftauchte? Würde es auch nur ein paar Schlagzeilen über sein geheimnisvolles Verschwinden geben? Würde man über die fruchtlose Suche nach ihm und über seine Freunde und seine Familie berichten, die auf eine für immer ausbleibende Erklärung warteten? Würde sich denn keine Seele um ihn scheren?

Doch. Seine Mutter.

Sie würde niemals aufhören, ihn zu suchen. Sie würde immer darauf warten, dass er zur Tür hereinkäme. Selbst wenn man ihr sagen würde, sie solle die Hoffnung aufgeben, würde sie das nicht tun. Niemals.

Nick konnte sich vorstellen, dass sie am Fenster sitzen und nach ihm Ausschau halten würde, so wie sie es in seiner Kindheit getan hatte, wenn er vom Skateboardfahren nach Hause zurückkehrte. Sie würde die Einzige sein, der er so sehr am Herzen lag, dass sie ihn einfach für lebendig halten musste.

Dieser Gedanke schmerzte ihn mehr als der zersplitterte Knochen, der von innen seine Haut durchstieß. Es war eine grässliche Vorstellung, sie mit nichts als Ungewissheiten zurückzulassen, mit einem leeren Stuhl an den Feiertagen und der Bürde, sich für den Rest ihres Lebens zu fragen, was ihrem Sohn zugestoßen war.

Seine Kehle war knochentrocken und der Geschmack in seinem Mund widerlich. Voll Sehnsucht nach Wasser schnalzte er mit den Lippen. Nur noch ein paar wenige Schlucke, bevor die Dunkelheit ihn vollständig verschlang. Aber es gab nichts, was er hätte trinken können. Da waren nur die Kälte, der Gestank und die Qual, die seinen Körper mit jedem flachen Atemzug durchströmte.

Um sich von den nicht endenden Schmerzen abzulenken, versuchte er, sich an der Erinnerung an seine Mutter festzuhalten – sich ihr Lächeln und ihr Lachen vor Augen zu rufen –, doch er litt so heftig, dass die Vorstellung sich ihm entzog und er sie nicht greifen konnte. Die Zeit schleppte sich weiter, sein Denken wurde immer vernebelter, seine Gedanken abstrakter, und schließlich übernahm eine Art gnädiger Schlaf die Herrschaft.

Nicks letzter Gedanke vor dem Versinken in Bewusstlosigkeit war ein Gebet mit der Bitte, nie wieder aufzuwachen. So wäre es einfacher – für sie beide. Einfach in die Leere entschlüpfen und den Schmerz, die Kälte und den Schrecken zurücklassen. Nicht mehr warten. Sich keine Fragen mehr stellen. Einfach nur Frieden.

Endlich.

Zweites Kapitel

Winter Black stand allein auf der Straße, der kalte Wind wehte ihr Haar hoch und biss sie in die Haut. In beide Richtungen konnte sie kein Ende des Wegs erkennen, da war nur ein sich endlos windendes Band aus schwarzem Asphalt. Wie eine Schlange ohne Schwanz, die durch graue Wolken glitt …

Auf gut Glück entschied sie sich für eine Richtung und ging erst einen Schritt und dann den nächsten. Wenn sie schnell und lange genug rannte, könnte sie vielleicht doch zum Ende gelangen. Sie musste wissen, wohin diese Straße führte oder wovon sie sie wegbrachte. Ganz weit in der Ferne meinte sie am Rande ihres Gesichtsfeldes den roten Schimmer zu erkennen – ihr vertrauenswürdiges Leuchtfeuer.

Sie rannte so, dass ihre Füße kaum den Boden berührten. Ein schriller Schrei durchbrach den Rhythmus ihres Laufs. Er erzeugte in ihr ein Gefühl, als stieße ihr jemand ein Messer in den Bauch, was sie unvermittelt anhalten ließ. Wieder ertönte ein Schrei, gefolgt von einem Schuss und dem Knacken beim Zerbrechen eines Knochens. Aus der Ferne hallte Gelächter zu ihr heran wie das Grollen von Donner über einer stillen Ebene.

Winter machte auf dem Absatz kehrt. Mitten in der Straße öffnete sich ein tiefer Krater. Eine kleine Hand reckte sich daraus hervor, so blass wie der Mond an einem Winterabend.

Sie eilte näher, spähte hinunter und sah das Gesicht des Menschen dort unten – weit geöffnete, braune Augen, zerzaustes goldbraunes Haar und weiche, unschuldige Gesichtszüge.

Timothy Stewart. Der Junge, dessen Leben sie innerhalb weniger Momente zerstört hatte. Der Junge, der ihr niemals verzeihen würde.

„Pack meine Hand!“ Sie reckte sich ihm wieder und wieder entgegen, doch je angestrengter sie es versuchte, desto mehr wich seine Hand zurück. Der Boden grollte und zog ihn tiefer hinab, ein Höllenmaul, das seine Beute verschlang.

„Nein!“ Winter legte sich flach auf den Bauch, um in die Grube zu greifen, und stöhnte beim Anblick, der sich ihr bot, laut auf. Dort loderte Feuer, und halb verweste Leichen zogen den Jungen nach unten.

„Nimm meine Hand!“ Winter beugte sich tief in die Grube hinunter. „Tim, bitte! Lass zu, dass ich dir helfe!“

Die Ungeheuer schlugen ihre Klauen in ihn. Winter reckte sich verzweifelt, um ihn zu packen, und schrie auf, als er taumelnd in die Finsternis stürzte.

In kalten Schweiß gebadet, erwachte Winter mit einem Schwindelgefühl. Um Atem ringend setzte sie sich im Bett auf. Einen Augenblick lang war alles verschwommen, und sie sah nichts als die unmenschlichen Zombiegesichter der Monster, die Timothy Stewart mit sich in die Hölle schleiften.

„Winter?“ Die Hand ihres Manns legte sich sanft auf ihren Rücken – warm und tröstlich. Ihr Atem ging bebend, er war gleichzeitig eiskalt und sengend heiß. „Alles ist gut, Darling. Du bist in Sicherheit. Du hast nur geträumt.“

Sie versuchte zu sprechen, doch ihre Unterlippe zitterte, und sie sog Luft in ihre schmerzende Brust. Langsam konnte sie im Schlafzimmer Einzelheiten ausmachen. Durch einen schmalen Spalt zwischen den Vorhängen lugte das Sonnenlicht herein. Sie strich sich mit der Hand über die Stirn und spürte in den schmerzenden Schläfen das Pochen ihres Herzschlags.

„Es geht schon.“ Sie zwang sich zu einem Lächeln, das ebenso schwach ausfiel, wie es gespielt war. „Alles okay mit mir.“

„Möchtest du mir von deinem Traum erzählen?“

Winter wandte sich Noah zu und konnte jetzt endlich richtig Luft holen. Der schräg einfallende Sonnenstrahl tauchte sein Gesicht ins Licht, und so erkannte sie das Grün seiner sanften, freundlichen Augen. Er wünschte sich nichts mehr, als ihr zu helfen.

Schon während des größten Teils ihres Lebens litt sie an Albträumen. Erst seit ihrer Heirat mit Noah gab es jemanden, der ihr half, damit klarzukommen. Seufzend fühlte sie den Halt seiner starken Arme und lieh sich etwas von seiner Stärke, bis sie imstande war, ihre eigenen Kräfte zu sammeln.

„Ging es um Opal?“ Als Noah den Namen ihrer leiblichen Tante aussprach, krümmte Winter sich innerlich ein wenig. Sie war dieser Frau noch nie persönlich begegnet und hatte ihre Bekanntschaft erst letzte Woche am Telefon gemacht.

Es hatte zwei Gespräche gegeben. So weit war ihre Beziehung gediehen, doch dann hatte Winter erfahren, dass ihre Tante tot war. Man hatte sie leblos in ihrem Wagen aufgefunden.

Das war das eine, und dazu kam die Erinnerung an die seltsame Handynachricht, die Winter empfangen hatte.

Jede Familie hat ihre Geheimnisse. Doch vor mir kann man nichts geheim halten.

All das hatte Winter noch nicht verarbeitet, und sie wusste nicht, wie sie das einordnen sollte. Die einzigen Gedanken, die sie dazu hatte, waren so grässlich, dass sie sich ihnen nicht überlassen wollte.

Die Stirn an die Brust ihres Mannes gepresst, schüttelte sie den Kopf und nahm dabei die Weichheit seines Baumwollshirts und den beruhigenden Geruch seiner Haut wahr. Mehr als jeder andere Ort, den es je für sie gegeben hatte oder jemals geben würde, war das hier ihr Zuhause.

„Es ging um Tim“, flüsterte sie, und sein Name stieß ihr sauer auf. Ihn laut auszusprechen war, als spritzte man ihr Essig in den Rachen.

„Schon wieder?“ Noah versuchte, einen Seufzer zu unterdrücken, doch es gelang ihm nicht. Er presste sie noch fester an sich.

„Diesmal war es anders. Er wurde in die Hölle hinuntergesaugt, und ich habe versucht, ihm zu helfen. Doch er ließ es nicht zu. Je näher ich ihm kam, desto tiefer fiel er.“

Noah rieb ihr mit der kräftigen Hand über die Schulter und strich ihr mit der anderen das schweißnasse schwarze Haar aus der Stirn. „War es ein Traum oder war es ein Traum?“

Winter wusste genau, wonach er fragte – ob sie einfach nur geträumt hatte wie jeder andere oder ob dies eine ihrer Visionen war. Sie wünschte, sie könnte ihm eine eindeutige Antwort geben, aber tatsächlich erkannte sie den Unterschied oft erst, wenn die Wirklichkeit die gesehenen Bilder bestätigte.

„Vielleicht sollte ich nach ihm schauen. Ich habe noch immer die Adresse seines Onkels.“

„Das könnten wir tun.“ Die Erschöpfung in Noahs Stimme war unverkennbar. Sie wusste, in der Nähe des kleinen Jungen wollte er wirklich nicht sein. Das war das Letzte, was er sich wünschte, denn Tim hatte Noah in dem verzweifelten Versuch, Justin zu beschützen, den Mann, der ihn monatelang gequält hatte, ein Messer in den Bauch gerammt.

An Noahs Brust gelehnt, schüttelte Winter den Kopf. „Je näher ich ihm komme, desto schlechter geht es ihm.“

„Was Tim erleben musste, ist nicht deine Schuld.“ Noah berührte sie am Kinn und hob ihr Gesicht an, um ihr in die Augen zu sehen. „Und wie es ihm von jetzt an ergeht, liegt nicht in deiner Verantwortung.“

Sie nickte, weil ihr klar war, dass er, rational gesehen, recht hatte, auch wenn sie es emotional nicht so empfand.

Winter entzog sich der Berührung ihres Mannes und schwang die Beine über die Bettkante. Ihre Zehen glitten in das Kunstschaffell, das ihnen als Bettvorleger diente. Sie stand auf und ging ins Bad.

„Du kannst die Vergangenheit nicht nachträglich heil machen.“ Noah sah ihr aus dem Bett nach. „Tim befindet sich jetzt in Sicherheit. Er ist bei seinem Onkel. Du hast alles für ihn getan, was dir möglich war. Es wird Zeit, ihn loszulassen.“

Sie blieb stehen, eine Hand an den Türrahmen gelegt, und sah sich zu ihm um. „Begreifst du nicht, dass ich das nicht kann?“

Er antwortete nicht. Das Schweigen sammelte sich zwischen ihnen wie ein Tümpel voll Brackwasser, bis sie es keinen Moment länger ertrug. Sie schlüpfte ins Bad, schloss die Tür und lehnte sich mit dem Rücken dagegen. Die Erinnerung an jenen Tag – den Tag, an dem Justin sie gezwungen hatte, einen kleinen Jungen zu verraten und dessen ganzes Leben zu zerstören – wollte sie mit Macht überwältigen.

Sie drückte die Hand an die Brust und schloss die Augen. „Durchatmen.“ Eine Träne rollte ihr über die Wange und biss sie in die Haut. „Einfach nur durchatmen.“

Winter betrat ihr Arbeitszimmer früher als üblich. Noah musste noch ein letztes Mal zum FBI gehen, um seine Sachen aus seinem Büro zu räumen und alles in Ordnung zu bringen, bevor sein Sabbatjahr offiziell begann. Sie freute sich darauf, dass er häufiger zuhause sein würde. Sie hätten mehr gemeinsame Zeit als Paar, und er könnte ihr bei ihren Fällen helfen, sollte sie Hilfe benötigen.

Ganz zu schweigen davon, dass er endlich Zeit finden würde, den Grill zu mauern, von dem er schon redete, seit sie das verdammte Haus gekauft hatten. Vor allem aber war sie froh, dass Noah eine Weile die Gelegenheit haben würde, sich zu erholen. Es war unverkennbar, wie sehr die Arbeit ihn seit dem Umzug von Richmond nach Austin erschöpfte.

Beinahe beneidete sie ihn um das freie Jahr. Aber auch nur beinahe. Denn tatsächlich wusste Winter nicht recht, was sie mit sich anfangen würde, wenn sie nicht arbeitete.

Felsklettern, dachte sie mit einem Grinsen. Ihr letzter Fall hatte sie direkt zu ihrem neuen Lieblingshobby geführt, und sie hätte gern richtig damit losgelegt. Vielleicht hätte Noah ja Lust, wieder gemeinsam klettern zu gehen. Sie konnte sich nicht erinnern, wann sie jemals mehr Spaß mit ihm gehabt hatte als beim Abseilen von jenem Felsen im Naturpark.

Gewiss, sie waren auf dem Weg zu einem Tatort gewesen, aber sie war sich ziemlich sicher, dass Klettern ohne eine Leiche am Grund der Schlucht nicht weniger Spaß machen würde.

Online hatte sie Kletterausrüstung für beide bestellt. In den nächsten Tagen würde das Paket eintreffen.

Winter trank einen Schluck von ihrem Mokka-Latte, setzte sich an ihren Schreibtisch und schaltete ihren Computer ein. Wenn sie in ihr Büro bei Black Investigations kam, saß ihre Assistentin Ariel Joyner normalerweise schon an ihrem Schreibtisch und tippte auf ihrer pastellrosa Tastatur herum. Beinahe hatte Winter sich inzwischen auch daran gewöhnt, dass Kline da war – ihr jüngst gefundener leiblicher Vater, den sie ursprünglich als Handwerker eingestellt hatte, um ihre kleine Firma richtig in Schuss zu bringen.

Äußerlich war das Haus hell und glänzend – sauberes Glas und grüne Zierleisten -, aber tatsächlich war es im Inneren ein wenig marode. Inzwischen hatte Kline den alten Büroteppich herausgerissen, das Parkett, das sich darunter befand, sandgestrahlt und versiegelt, einen neuen Teppich verlegt, die Wände gestrichen, neue Zierleisten angebracht und wunderschöne Regale für sie gebaut. So würden alle sehen, dass sie mit ihrer Detektei gutes Geld verdiente.

Allerdings ließen die Toilettenräume noch ein wenig zu wünschen übrig. Kline hatte beschlossen, sie sich als Nächstes vorzuknöpfen. Der Wasserhahn tropfte, die Fliesen waren braun von alten Wasserflecken, und es roch ein wenig merkwürdig. Der Geruch war nicht stark – tatsächlich zu schwach, um ihn nach einer Weile noch wahrzunehmen -, doch da gab es wirklich einen Hauch von Abwasserkanal. Kline sagte, das liege daran, dass die Versiegelung der Toilette ersetzt werden müsse.

Aber kaum hatte er sich nach seiner Entführung und Befreiung von seinem Schreck erholt, war Kline verschwunden wie ein Dieb in der Nacht, um seine Schwester zu besuchen.

Leider war Opal zwei Tage zuvor in ihrem Wagen ermordet worden und lag nun in irgendeinem Leichenschauhaus. Und Kline, den die Polizei bei ihr zuhause angetroffen hatte, wurde zur Befragung festgehalten.

Für einen Moment schien das Büro um Winter zu versinken, denn sie fragte sich, ob Kline etwas mit Opals Tod zu tun hatte. Die Antwort lautete, dass sie es wirklich nicht wusste.

Am besten, sie dachte nicht zu viel darüber nach. Sie trank noch einen Schluck Mokka-Latte. Im Moment sollte sie ihre Gedanken vor allem darauf konzentrieren, wie neue Fälle und neue Klienten zu finden waren. Da Noah während seines Sabbatjahrs nur ein Drittel seines üblichen Gehalts bezog, würde Winter für einen Ausgleich sorgen müssen. Damit war sie nun an der Reihe. Noah hatte ihr geholfen, die Gründung der Detektei zu finanzieren und Black Investigations am Laufen zu halten, während sie noch rote Zahlen schrieb. Jetzt musste sie ihm den Gefallen erwidern.

Während Winter durch die langweiligen Formulare mit der Erstschilderung der Fälle scrollte, um sich zu entscheiden, welche von ihnen sie annehmen sollte, kehrten ihre Gedanken zu ihrem Albtraum zurück. Zu Timothy Stewart und den knochigen Händen, die ihn nach unten zerrten.

Vielleicht hatte Noah recht, und sie musste den Jungen loslassen. Er befand sich ja jetzt in Sicherheit. Justin würde den Rest seines Lebens im Gefängnis verbringen, und so könnte er weder Tim noch sonst jemandem je wieder etwas antun.

Lass es einfach los.

Aber wie sollte sie das schaffen, wo doch das innere Elend des Jungen ihre Schuld war? Wie könnte sie ihn vergessen, wenn die Narben dessen, was Justin ihm angetan hatte, niemals verheilen würden? Das wusste sie, weil sie die gleichen Verletzungen trug – oberflächlich verschorfte Wunden, die sich nach Belieben öffnen und Blut und schwarze Galle über ihr Leben verströmen konnten.

Erneut erwog Winter, loszufahren und Tim zu besuchen. Einfach nur um sich zu vergewissern, dass er sich bei seinem Onkel gut einlebte. Doch ihr Traum ließ sie davor zurückschrecken. Je mehr sie darum kämpfte, ihn zu erreichen, desto tiefer sank er hinab.

Vielleicht war der Traum eine Vision, und diese ermahnte sie, Abstand von ihm zu halten?

Die über der Tür hängende Glocke läutete, und Winter zuckte zusammen. Ihr Büro war früher einmal ein Schuhladen gewesen, und so hatte die Fensterfront zur Straße etwas von einem Aquarium. Dadurch konnte sie Besucher kommen sehen, bevor sie eintraten. Diese Vorwarnung tat ihrer allgegenwärtigen Paranoia gut. Aber manchmal versank sie wie jetzt in Gedanken, und dann konnte jemand sich an sie heranschleichen. Zum Glück war es einfach nur Ariel, die wie jeden Morgen pünktlich um acht Uhr eintraf.

„Hallo Winter.“ Ariel lächelte sie strahlend an. Die Vierundzwanzigjährige mit ihrem runden Gesicht und den drahtigen braunen Locken trug Jeans und eine geblümte Seidenbluse.

Winter kleidete sich meist noch immer so wie in ihrer Zeit als FBI-Agentin – eine marineblaue Hose und eine Bluse. Warum sollte sie sich eine neue Garderobe zulegen? Ihr übliches Outfit half ihr tatsächlich, an Tatorten unauffällig zu bleiben, sich zwischen den Diensttuenden zu bewegen und ihre Pistole verdeckt zu halten, wenn sie sich entschied, eine zu tragen.

Als sie eine Privatdetektei gründete, hatte sie gehofft, das gewohnheitsmäßige Tragen von Waffen beenden zu können, doch das fühlte sich allmählich wie Wunschdenken an.

„Guten Morgen.“ Winter zwang sich zu einem freundlichen Lächeln. Sie warf einen Blick auf die Vorladung, die auf ihrem Schreibtisch lag, und erwog, Ariel zu bitten, diese zu ihrem eigentlichen Adressaten zu bringen. Doch sie zögerte und hielt ihre Stimme und ihre Hände zurück. Einerseits würde eine derartige Aufgabe ihrer eifrigen jungen Assistentin einen Geschmack davon geben, wie der Alltag in diesem Job tatsächlich aussah – nicht nur Schießereien und Undercover-Operationen, sondern eine Menge langweilige untergeordnete Arbeit. Andererseits würde eine Fahrt mit dem Auto Winter Gelegenheit verschaffen, einen klaren Kopf zu bekommen.

„Könnten Sie die Erstschilderungsformulare durchgehen und ein paar neue Fälle für uns auswählen?“ Winter erhob sich von ihrem Schreibtisch, den Umschlag mit der Vorladung in der Hand.

„Möchten Sie das?“ Ariel zwinkerte, die braunen Augen geweitet. „Wird erledigt. Haben Sie irgendwelche Kriterien?“

„Nehmen Sie das, was am besten bezahlt wird und den geringsten Aufwand macht.“

Wenn ich klug wäre, würde ich es immer so halten.

„Alles klar, Boss.“ Mit einem Nicken ließ Ariel sich hinter ihrem Schreibtisch nieder, während Winter zur Tür ging.

Die Vorladung würde sich nicht von selbst überbringen.

Liebe ist der Beginn von allem. Und das Ende. Gequält von Albträumen über den kleinen Jungen, dessen Leben sie zerstört hat, und belastet von dunklen Familiengeheimnissen, die sie gerade erst zu verstehen beginnt, versucht die Privatermittlerin Winter Black, ihr Leben vor dem Zerfall zu bewahren. Da ihr Mann Noah sich ein Jahr lang vom FBI hat beurlauben lassen, stapeln sich die unbezahlten Rechnungen, und Winter bleibt keine andere Wahl, als selbst die banalsten Aufträge anzunehmen. Eine Vorladung zu überbringen, sollte einfach sein. Read More