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Mary Stone - Winters Labyrinth: Winter-Black-Serie Staffel zwei

A Taste of… Winters Labyrinth

Erstes Kapitel

Drei Monate zuvor …

Mit einem Tastendruck an der festgeschraubten Fernbedienung schaltete Willa York den Fernseher aus. In der einsetzenden Stille schien die abgestandene Luft im Motelzimmer stickiger zu werden, eine unliebsame Erinnerung, wie tief sie gesunken war.

Sie ließ sich auf die durchgelegene Matratze zurückfallen und fluchte, weil sich ihr die Sprungfedern in die Rippen bohrten. Jede Ablenkung, die sie ausprobiert hatte, war ein Fehlschlag gewesen.

Ein Viertelliter Whisky – nicht hilfreich.

Dass sie sich die Seele aus dem Leib geheult hatte – sinnlos.

Nicht einmal Wie ein einziger Tag hatte etwas genutzt. Nicht einmal Ryan Goslings seelenvolle Augen. Was konnte sie dann überhaupt noch aufmuntern?

Sie betrachtete den fadenscheinigen Teppich, die zitternden Schatten der flackernden Straßenlaternen, so rastlos wie Gespenster. Angezogen wie eine Motte vom Licht wanderte ihr Blick zum Handy auf dem Nachttisch, dessen Display im Halbdunkel leuchtete. Vielleicht hatte Rich – ihre große Liebe und ihr tiefster Schmerz – angerufen. Oder gesimst.

Oder er lag irgendwo tot im Straßengraben. Damit wäre sie leichter fertiggeworden.

Keine Nachrichten. Es war bereits halb drei. Sie warf das Handy aufs Bett.

Erst vorige Woche hatten sie Silvester gefeiert. Sie waren glücklich gewesen, zumindest hatte sie das geglaubt.

Mit einem so schweren Seufzer, dass ihr die Lunge wehtat, drückte Willa eines der flachen Kissen an ihre Brust. Diesmal funktionierte keines ihrer Trennungsrituale. Und der Barbesuch mit Chelsea? Großer Fehler. Ihrem losen Mundwerk war die Wahrheit entschlüpft: Rich betrog sie schon seit Monaten.

Dieses Miststück. Eine schöne beste Freundin war sie, dass sie ihr schmutziges Geheimnis so lange bewahrt hatte. Trotz allem, was sie dem Mann, den sie als ihren Seelenverwandten betrachtet hatte, geopfert und wegen ihm erduldet hatte, fühlte Willa sich so ausgenutzt und hintergangen wie noch nie in ihrem Leben.

Noch immer hatte sie sein dämliches verdutztes Mausgesicht vor Augen. Als hätte er es überspielen wollen. Er war buchstäblich mit heruntergelassener Hose ertappt worden und hatte den Nerv, ihr ins Gesicht zu lügen. „Es ist nicht so, wie du denkst“, hatte er gejammert und sich unter Missy hervorgeschlängelt, die auf dem Sofa rittlings auf ihm saß.

Auf ihrem Sofa!

Als sie, Chelsea und Missy zusammengezogen waren, hatte Willa es mit dem Geld gekauft, das sie als Rezeptionistin verdiente. Missy hatte sich achselzuckend aufgerichtet. Keine Entschuldigung, nichts. Sie hatte beinahe zufrieden gewirkt, dieses durchtriebene Miststück.

„Ich könnte den Schuft umbringen!“ Willa sprang wütend aus dem Bett, schnappte sich ihren Matchbeutel und leerte ihn auf den Boden. Ihre Unterwäsche, vereinzelte Socken, Bluse und Jeans, alles zerknittert, ihre Schmutzwäsche war noch im Trockner des Motels. Ihr ganzes Leben lag in Trümmern.

Was zum Teufel ist denn das?

Sie hielt einen aufreizenden Fummel aus Kunstseide hoch. Das Lieblingskleid der hinterhältigen Schlampe.

Eigentlich hätte Willa froh sein sollen, dass sie versehentlich den Lieblingsdress der Hure eingepackt hatte, doch ein Blick auf die nuttigen Pailletten genügte, und ihr wurde speiübel. Ein Klagelaut kam aus ihrem Mund, und sie brach erneut in Tränen aus.

Sie taumelte ins Bad und sank neben der Wanne auf die Knie. Sie stellte das Wasser an und hielt ihren Kopf unter den Hahn. Ihr Haar wurde patschnass. Als das eiskalte Wasser sie in der Nase kitzelte und ihr in den Mund lief, schrie sie so lange, bis ihr die Stimme versagte und die Lunge schmerzte.

Allmählich kam wärmeres Wasser. Sie wollte nicht länger heulen. Der Mistkerl hatte ihre Tränen nicht verdient. Doch sie konnte nicht aufhören. Der Magen zog sich ihr zusammen, und sie würgte, ohne dass etwas kam.

Mit zitternden Fingern stellte Willa das Wasser ab. Ihre Schultern bebten, ihre Brust wogte. Sie hätte nicht so viel Whisky trinken sollen. Die Umgebung verschwamm – besonders die blauen Bodenfliesen. Sie sahen aus wie kleine Fische in einer schwindelerregenden Strömung.

Aus dem Haar tropfte Wasser auf ihr T-Shirt mit dem Aufdruck VOTE FOR PEDRO. Sie schnappte sich ein Handtuch vom Halter und wickelte es zum Turban.

Lange saß sie neben der Badewanne, während ein und derselbe Gedanke durch ihren Kopf kreiste.

Ich könnte ihn fertigmachen. Ein Anruf, und er wäre erledigt.

Er sollte wie ein Häufchen Elend dahocken und weinen, nicht sie. Er sollte im Gefängnis sitzen. Sie hatte gelitten, um ihm ein schlimmeres Schicksal zu ersparen. Um ihn zu retten, hatte sie ausgesagt, sie habe am Steuer des Wagens gesessen, der eine Fußgängerin überfahren hatte. Er war mal wieder betrunken gewesen. Und high. Er hatte bereits mit der Polizei zu tun gehabt.

Hätte er die Schuld auf sich genommen, wäre er für Jahre hinter Gitter gewandert, und sie liebte ihn so sehr, dass sie ihm das ersparen wollte. Irgendwann wollten sie heiraten. Deshalb hatte sie für den zukünftigen Vater ihrer verdammten Kinder den Kopf hingehalten, bloß um ihn dabei zu überraschen, wie er ihre Mitbewohnerin vögelte.

Jetzt war sie mit ihm fertig.

Es ist vorbei, Rich.

Der Hurensohn würde endlich seine verdiente Strafe bekommen.

„Wo ist mein Handy?“ Willa richtete sich schwankend auf. Sie wollte sich festhalten und riss dabei das eine Ende des Handtuchhalters aus der Wand.

Sie taumelte aus dem Bad und warf sich auf das zweite Queen-Size-Bett, das in der Mitte des Zimmers. Es war unberührt, denn sie hatte noch nicht die Energie aufgebracht, sich umzuziehen oder unter die Decke zu kriechen.

Sie schnappte sich das Handy und wischte zur Nummer der Polizei von Austin. Ein kühler Luftzug streifte ihren Nacken, sie fröstelte. Als sie aufsah, bemerkte sie, dass die Zimmertür einen Spalt weit offenstand.

Von Angst gepackt, wurde sie augenblicklich nüchtern. Sie sprang aus dem Bett und stürzte zur Tür, zog sie auf und schaute in die Nacht hinaus.

Hatte sie sie vielleicht offengelassen? Schließlich war sie ziemlich betrunken gewesen.

Sie lachte leise, um ihre Nerven zu beruhigen, und zog die Tür fest zu. Sie ging zurück zum Bett und sah aufs Handy. Auf die angezeigte Nummer. Sollte sie das wirklich tun?

Ihr Zeigefinger schwebte über dem Anrufbutton.

Tu‘s einfach …

Etwas knallte gegen ihren Hinterkopf und schleuderte sie gegen den TV-Ständer. Zu geschockt, um zu schreien, stürzte sie auf den Boden. Blut sammelte sich in ihrem Mund und zwischen den Zähnen. Als sie zu schreien versuchte, würgte sie.

Mit dröhnendem Schädel sackte sie zusammen, ihr verschwamm die Sicht.

War sie ohnmächtig geworden? War die Kombination von Alkohol und Tränen zu viel für sie gewesen?

Sie drehte sich um und schnappte nach Luft – da wanderte ein Schatten über sie hinweg. Sie nahm die Gestalt verzerrt wahr, als blicke sie durch welliges Glas. Die Umrisse waberten. Dann kam die Gestalt näher, und die Details fügten sich zu einem bedrohlichen Bild zusammen.

Ein Mann mit tief herabgezogener Kapuze. Ein Mundschutz. Schutzbrille mit runden Gläsern. Weißer Schutzanzug.

„So weit hätte es nicht kommen müssen.“

Wie von selbst wich ihr Körper zurück, doch schon nach wenigen Zentimetern stieß sie mit dem Kopf gegen die Wand. Sie rappelte sich hoch. „Nimm mein Geld! Nimm alles, was du willst. Bitte!“

„Sehe ich so aus, als ging‘s mir um Geld?“ Er klatschte die Hände rechts und links von ihr gegen die Wand.

Willa duckte sich unter seinem Arm hindurch, doch er packte sie bei der Hüfte und hielt sie fest, während sie nach ihm trat.

„Hilfe! Zu Hilfe!“ Sie fuchtelte mit den Armen, traf ihn mit der Faust im Gesicht. Er krümmte sich zusammen, so dass sie sich befreien konnte. Keuchend stürzte sie zur Tür.

Der Mann packte sie beim Knöchel und riss das Bein unter ihr weg.

Sie prallte mit der Nase auf. Blut strömte auf ihre bereits blutigen Lippen.

Der Mann wälzte sich herüber und setzte sich rittlings auf sie. Sie bäumte sich auf und schlug um sich. Ehe Willa einen klaren Gedanken fassen konnte, begann er sie zu würgen.

Sie trat um sich, versuchte sich loszumachen, doch er war kräftig und schwer. Er presste ihr die Luft aus der Lunge und drückte ihr die Luftröhre zu. Sie wand sich unter ihm. Sie bekam die Arme frei und kratzte an seinen Händen, konnte mit ihren dicken, stumpfen Acrylnägeln aber nicht viel ausrichten. Sie tastete nach etwas, das sich als Waffe benutzen ließe. Neben dem ganzen Zeug, das aus ihrem Matchbeutel gefallen war, lag der Föhn.

Sie packte den Griff und schlug mit dem Ding so fest zu, wie sie konnte. Der Föhn prallte von seiner Schulter ab.

„Nicht wehren.“ Der Druck seiner Finger ließ etwas nach.

Sie schnappte nach Luft.

„Dass du deine Strafe annimmst, ist ja wohl nicht zu viel verlangt. Du weißt, du hast sie verdient. Es muss sein.“

„Ich hab es nicht … ich kann nicht.“

Das von draußen einfallende Licht spiegelte sich in seiner Brille, aber Willa erkannte wässrige braune Augen, in denen wilder, animalischer Zorn glomm.

„Du weißt, was du getan hast, Willa York.“ Er drückte ihr die Kehle noch fester zu als zu Anfang und schüttelte sie wie eine Stoffpuppe. „Du dachtest, du würdest auch damit durchkommen. Nicht mit mir! Hast du gehört?“

Was hatte sie getan? Ging es um den Autounfall? Darum, dass sie für Rich die Schuld auf sich genommen hatte? Was meinte der Angreifer? Sie dachte häufig daran, doch es war so lange her … und niemand wusste davon.

Er schüttelte sie am Hals und schlug ihren Kopf immer wieder auf den Teppich, ein dumpfer Laut wie von fernen Trommeln. Der Schmerz kam in Wellen, ihr Gesichtsfeld kippte und drehte sich, während sie um Atem rang. Sie krallte die Fingernägel in seinen Arm, doch mit jedem Schlag wurde sie schwächer, ihre Muskeln wurden träger. Ihr Körper ließ sie im Stich.

So wie alle anderen.

Ihr Gesichtsfeld dunkelte von den Rändern her ein, seine Stimme füllte alles aus, jedes boshafte Wort ein gutturales Getöse. Die Welt zersprang – die Geräusche zu scharf, die Teppichfasern stachen ihre Kopfhaut wie Nadeln. Ihre Brust wogte, doch sie bekam keine Luft.

Als hätte jemand einen Schalter umgelegt, ließ der Schmerz plötzlich nach, und eine unheimliche Stille setzte ein. Während es schwarz um sie wurde, verflüchtigte sich ihr Bewusstsein.

Es war vorbei.

Zweites Kapitel

Gegenwart …

Die Baustellen in der Nähe ihres Büros machten Winter Black-Dalton ganz zappelig. Ausgerechnet heute. Sie musste nach Hause, zu Noah. Es war Dienstag, halb zwölf. Fünf Minuten zuvor hatte sie das schreckliche Foto gefunden, auf dem Noahs Augen ausgekratzt waren.

Geh schon ran, verdammt noch mal.

Während es bei ihm läutete, verfluchte sie den Frühling, weil in dieser Jahreszeit Straßenarbeiten durchgeführt wurden. War es denn allen egal, dass sie dringend zu ihrem Mann musste, um ihn in die Arme zu schließen und sich zu vergewissern, dass alles in Ordnung war? Sie hatte Herzklopfen und knirschte hilflos mit den Zähnen.

Die Fotos aus dem Umschlag, der unter dem Scheibenwischer geklemmt hatte, lagen in einem unordentlichen Haufen auf dem Beifahrersitz. Sechs der Bilder zeigten sie zusammen mit Noah, bei ihrem ersten gemeinsamen Restaurantbesuch seit einer kleinen Ewigkeit. Sie hatte nicht gewusst, dass sie die ganze Zeit über von einem Mörder beobachtet worden waren.

Erik Saulson lautete sein Name. Jedenfalls hatte seine ehemalige Komplizin ihn so genannt, bevor er sie auf der Gasse hinter ihrer Wohnung ermordet hatte.

Cybil Kerie hatte für die Psychologin Dr. Ava Poole gearbeitet. Die wahre Absicht hinter ihrer Anstellung beim Blue Tree Wellness-Center hatte darin bestanden, Dr. Poole mehrere Morde anzuhängen, die Cybil begangen hatte, um sich an der Psychologin für eine Affäre mit ihrem Vater zu rächen, die zum Selbstmord ihrer Mutter geführt hatte. Damals war sie dreizehn gewesen.

Als Winter und Noah Cybil in ihrer Wohnung stellten, hatten sie erfahren, dass Erik Saulson der eigentliche Strippenzieher hinter dem Plan war, Dr. Pooles Patienten mittels Hypnose dazu zu bringen, sich das Leben zu nehmen. Cybil hatte gemeint, Erik sei ein Hater, der besonders auf Winter ausgerichtet war. Den Grund kannte sie nicht.

Noah hatte jedoch keine Informationen zu dem Mann gefunden, dabei war er ein Recherche-As.

Saulsons Voicemail hatte sich von selbst gelöscht, wie seine übrigen Nachrichten auch. Damit hatte Winter gerechnet und sie deshalb in die Cloud hochgeladen, bevor sie die Nachricht geöffnet hatte.

Sie bremste, auf einer nur einspurig befahrbaren Straße hinter einem Kipplaster und einem Bagger eingeklemmt. Sie saß fest. Wäre sie zu Fuß schneller gewesen, wäre sie aus dem SUV gesprungen und gelaufen. Sie wählte erneut Noahs Nummer. Dann rief sie ihre Großeltern an und fragte Gramma Beth, ob sie ihn gesehen habe.

„Zum letzten Mal bei eurem Besuch. Ist alles in Ordnung, meine Liebe?“

„Mir geht‘s gut. Ich melde mich später. Hab dich lieb.“ Winter legte auf und boxte gegen das Armaturenbrett, während der Laster einen Meter vorrückte. Sie packte das Lenkrad mit beiden Händen, schaukelte mit dem Oberkörper vor und zurück und wünschte, ihr Wagen hätte eine Polizeisirene. Nicht, dass ihr damit im Moment geholfen wäre. Um hier weiterzukommen, brauchte es keine Sirene, sondern eher ein Batmobil.

Winter öffnete Saulsons Nachricht und spielte sie erneut ab.

„Glückwunsch, Winter.“

Seine Tenorstimme hatte kaum Tiefe, so als spräche er nur mit der Mundspitze. Sie hörte, wie sich unter seiner Zunge Speichel sammelte, während er sie verspottete. Sie war seinen dämlichen Hinweisen nachgegangen, hatte sein Spiel mitgespielt und herausgefunden, wer seine Komplizin war.

„Du hast dich wie erwartet durch Cybils dummes kleines Spiel gemogelt.“

Gemogelt? Was zum Teufel sollte das heißen? Sie kannte den Ausdruck aus dem Comicfilm, in dem Shaggy zu Scooby-Doo meinte, sie sollten sich durchmogeln, um dem als Gespenst verkleideten Fleischfresser zu entkommen.

Wollte er damit sagen, Winter sei seinem Spiel gefolgt?

Aber sie war bloß Kanonenfutter. Ja, ich habe sie getötet.“ Er klang so stolz wie ein Kind, das seiner Mutter erzählt, es habe eine Eins in Kunst bekommen.

Als ein Straßenarbeiter in Neonweste sein Schild von STOP auf SLOW umschaltete, hielt Winter die Wiedergabe der Voicemail an. Sie nahm den Fuß von der Bremse und fuhr im Schneckentempo zwischen orangefarbenen Absperrkegeln hinter dem Laster her zur anderen Seite des einspurigen Abschnitts.

Noch nie hatte ein Stau sie so wütend gemacht.

Als die Straße frei war, gab sie Gas und brachte den Wagen auf Highway-Geschwindigkeit.

Während sie ständig die Spur wechselte und einen Wagen nach dem anderen überholte, tropfte etwas von ihrer Oberlippe. In dem Glauben, ihr laufe wegen ihrer Allergie oder unterdrückter Tränen die Nase, riss sie ein Papiertaschentuch aus dem an die Beifahrersonnenblende geschnallten Spender.

Blut. Winter wurde von panischer Furcht erfasst. „Nicht jetzt. Bitte nicht jetzt.“

Doch der Kopfschmerz baute sich bereits auf, was sich anfühlte, als grabe sich eine Rasierklinge in ihren Hinterkopf. Ihr verschwamm die Sicht, und aus jahrelanger Erfahrung wusste sie, dass es nicht mehr lange dauern konnte, bis ihre ‚Gabe‘ die Kontrolle übernehmen würde.

Mit einem genervten Knurren fuhr Winter rechts ran. Die Vision kündigte sich mit einem bohrenden Schmerz an. Sie brachte den Wahlhebel in Parkposition und schloss die Augen. Dann wurde sie so plötzlich wie ein Fisch im Fangnetz an einen anderen Ort versetzt.

Manchmal schwebte sie wie ein Geist durch die neue Umgebung. Heute jedoch gruben sich ihre Füße in raschelndes Laub.

Sie hob das Kinn und sah, dass sie sich in einem Wald befand. Die Äste waren kahl wie zum Ende des Herbsts, wenn die Bäume das Laub bereits abgeworfen haben, der erste Schnee aber noch nicht gefallen ist.

In der Realität erfolgte der Jahreszeitenwechsel selten so gut abgestimmt.

Sie hatte das verwirrende, beinahe peinliche Gefühl, sie habe ein Zimmer betreten und stehe jetzt dumm herum. Sie suchte nach etwas – wonach? Ihr Kopf war leer, doch ihr Bauchgefühl drängte sie zu laufen.

Sie setzte sich in Bewegung, ohne zu wissen, wohin sie ging. Sie wusste nur, sie hatte nicht viel Zeit.

„Winter!“, rief ihr Mann, mit leiser, ferner Stimme.

„Noah!“ Winter lief schneller durch den unbelaubten Wald.

Sie stürmte auf eine Lichtung – und dort lag er auf dem Boden. In seinem Bauch steckte ein Messer, Blut lief ihm aus dem Mund.

Benommen stolperte sie zu ihm.

Bevor sie ihren Mann erreicht hatte, stürzte Winter, und alles drehte sich um sie, doch egal wohin sie sich wendete, Noah blieb verschwunden. Aus den kahlen Bäumen sprossen jetzt Blumen.

Sie drang wieder in den Wald ein, die blühenden Äste peitschten ihr Gesicht, scharf wie Klauen. Winter kämpfte und versuchte zu rufen. „Noah!“, brachte sie schließlich hervor. „Noah, ich komme!“

Klopf, klopf, klopf.

Winter regte sich auf dem Sitz, richtete sich auf, um den Ästen zu entkommen.

Sie riss die Augen auf und atmete mühsam durch. Sie befand sich wieder im Honda Pilot, und von ihrer Nase tropfte Blut auf ihren Schoß.

Klopf, klopf, klopf.

Winter zuckte zusammen. Ein Mann mit Schutzhelm und Sonnenbrille spähte in den Wagen. Sie ließ das Seitenfenster ein Stück herunter.

„Ma‘am, Sie können hier nicht stehen bleiben. Das ist eine Baustelle.“

Winter zog ein weiteres Taschentuch aus dem Spender und drückte es sich unter die blutende Nase. „Tut mir leid. Mir war ein bisschen schwindelig.“

„Alles in Ordnung?“ Der Arbeiter nahm die Sonnenbrille ab, seine freundlichen Augen waren von Staub verkrustet. „Was ist mit Ihnen?“

„Migräne.“ Sie wischte das Blut ab und blickte in den Rückspiegel, was sie sofort bedauerte. Ihre blasse Haut war fleckig von Tränen, an ihren Nasenlöchern klebte geronnenes Blut, geplatzte Äderchen durchzogen ihre Augen. Selbst ihr schwarzes Haar wirkte ermattet.

Winter schaute nach rechts, wo sich alle möglichen Gegenstände auf dem Beifahrersitz breitgemacht hatten. In ihrem Büro und zu Hause war es stets aufgeräumt, doch in ihrem Wagen sah es aus wie bei einem Messie.

Sie schnappte sich einen Müsliriegel, den sie vor ein paar Tagen gekauft hatte, und riss die Hülle auf. „Ich muss was gegen meinen niedrigen Blutzuckerspiegel tun.“

Der Mann musterte sie besorgt. „Kommen Sie klar? Soll ich jemanden anrufen? Ihren Mann vielleicht?“

Seine Bemerkung traf sie wie ein Messerstich in den Bauch. „Nein, danke.“ Sie biss ein Stück vom Müsliriegel ab und schob den Wahlhebel vor. „Es geht mir schon wieder besser. Ich muss los.“

Der Mann wirkte skeptisch, trat aber zurück, und Winter fuhr weiter. Nachdem sie sich Papier in die Nasenlöcher gestopft hatte, um die Blutung zu stoppen, packte sie das Lenkrad mit beiden Händen. Sie hatte im Moment nicht die Kraft, sich mit Visionen von scharf zupackenden Ästen auseinanderzusetzen. Das musste warten, bis sie mit Noah wiedervereint war.

Mit jeder Meile wurde ihr jedoch mulmiger. Immer wieder wählte sie seine Nummer. Er hatte gemeint, er wolle im Baumarkt ein paar Sachen für ihr Haus und ihr Büro kaufen – Sicherheitsausrüstung, die verhindern sollte, dass Erik Saulson oder sonst wer unbemerkt bei ihnen eindrang. Außerdem hatte er gesagt, er wolle bald zurück sein, um noch zu joggen.

Wenn er gerade lief, würde er nicht ans Handy gehen. Vielleicht machte sie sich unnötig Sorgen. Noah sah häufig stundenlang nicht aufs Handy – so war er eben. Vermutlich trug er seine Smartwatch, um Schrittzahl und Herzfrequenz zu überwachen, doch die hatte er nicht für den Empfang von Benachrichtigungen konfiguriert.

„Ich bekomme schon genug Müll aufs Handy, da muss nicht auch noch meine Smartwatch ständig piepen.“

Mit Noah war alles in Ordnung. Und wenn sie in ein paar Minuten zur Tür hereinstürmte und ihr großer Teddy von einem Mann sie erstaunt musterte, würde sie über all das lachen.

Sie würden beide lachen. Gemeinsam. Beim Sandwichessen.

Das Spiel ist jetzt freigeschaltet. Viel Spaß, viel Erfolg. Aber eine einzige falsche Bewegung, und es heißt: Game over.

Die Privatermittlerin Winter Black kennt endlich die Identität des Puppenspielers, der bei der letzten Mordserie, in deren Ermittlungen sie verstrickt wurde, die Fäden gezogen hat. Es ist derselbe Mann, der sie seit Wochen stalkt und quält. Doch als er Fotos hinterlässt, die er von Noah und ihr geschossen hat, sind die Augen ihres geliebten Mannes ausgekratzt, und so wird der Rachefeldzug erschreckend real. Und verstörend persönlich.

Denn Noah wird vermisst. Read More