Ein Vorgeschmack auf... Winters Gespenst

Erstes Kapitel

Tyler Haldane schnitt eine Grimasse, als der Deputy Sheriff den letzten Gurt der Schutzweste strammzog. Er versuchte tief Luft zu holen, doch sein Brustkasten wurde eng eingeschnürt. Es wunderte ihn, dass er sich mit der Weste und der Stahlkette, die seine Handgelenke mit den Fußfesseln verband, überhaupt bewegen konnte.

Na ja, zumindest am Anfang hatte es ihn gewundert. Jetzt, fast ein halbes Jahr, nachdem man ihn und seinen Kumpel Kent Strickland festgenommen hatte, war er die grobe Behandlung des Deputys gewohnt.

Immer wenn Tyler von der Zelle zu einer Sitzung in der Psychiatrie oder zum Gericht transportiert wurde, galten vergleichbare Sicherheitsvorkehrungen wie beim amtierenden Präsidenten. Die Ironie des Ganzen blieb ihm nicht verborgen.

Tyler konnte noch immer nicht glauben, dass es sechs Monate her war, dass er und Kent kugelsichere Westen, Kampfstiefel und Tarnanzüge angelegt hatten. Sechs lange Monate, seit sie ihrem Plan gefolgt waren, den sie im Sommer zuvor ausgeheckt hatten.

Gegen Ende ihres ersten College-Jahrs hatte Tyler zusammen mit Kent seinen Vater in Bowling Green besucht. In den Frühjahrsferien hatte er sie mit dem Jungen bekanntgemacht, der gegen Bezahlung den Rasen mähte.

Jaime war ein paar Jahre jünger als Kent und Taylor, doch der Zufall wollte es, dass seine Schulferien in ihre vorlesungsfreie Zeit fielen. Ihr neuer Freund hatte interessante Vorstellungen, die nahezu deckungsgleich waren mit denen von Tyler und dessen bestem Freund.

Es hatte einiger Überzeugungsarbeit bedurft, bis Tylers Mutter ihm gestattete, das Frühjahr mit Kent zusammen auf dem Stück Land seines Vaters zu verbringen. George Strickland besaß eine eindrucksvolle Waffensammlung, und er und Kent veranstalteten fast täglich Schießübungen.

Bei Sonnenuntergang hockten sie sich um eine Feuergrube und sprachen über ihre Vision für die Zukunft der amerikanischen Gesellschaft. Wenn Jaime dazukam, spornte er Kent und Tyler an und bestärkte sie in ihren Ansichten.

Sie wollten alle drei das Gleiche – eine Rückbesinnung auf die gute alte Zeit. Als eine Familie aus Mann, Frau und deren Kindern bestanden hatte. Als hart arbeitende Männer ihre Familien ernähren und Männer sein konnten, ohne sich Sorgen wegen der Launen von Frauen machen zu müssen, die den Bogen überspannten.

Die Unterhaltungen führten zu Plänen, die Pläne zu Taten, und vor Wiederbeginn des Unterrichts hatten Kent und Tyler einen detaillierten Plan für die Riverside Mall in Danville, Virginia, ausgearbeitet.

Zwar wäre das naheliegende Ziel die Großstadt Richmond gewesen, doch dort befand sich auch eine FBI-Niederlassung. Um die Zugriffszeit der bestens ausgerüsteten Einsatzkräfte zu erhöhen, entschieden Tyler und Kent sich für einen Ort, der mehrere Fahrstunden von ihrem Feriendomizil in Bowling Green entfernt lag.

Sie rechneten nicht damit, dass sie die Riverside Mall als freie Menschen verlassen würden, doch sie wollten eine Botschaft übermitteln und nicht ungestraft mit einem Verbrechen davonkommen. Die SS-Armbinden kamen erst in letzter Minute hinzu, und obwohl Kent und Tyler nicht unbedingt Neonazis waren, wussten sie doch, dass die schwarzen Hakenkreuze in weißem Kreis auf rotem Grund für mediale Aufmerksamkeit sorgen würden.

Letztlich ging es ihnen genau darum – um Aufmerksamkeit.

Und ohne diesen Hurensohn, den Preacher, hätten sie auch alle Aufmerksamkeit der Welt bekommen. Es ärgerte Tyler noch immer, dass der alte Mann ihnen die Schau gestohlen hatte.

Aber woher hätten sie wissen sollen, dass die Ergreifung eines Serienkillers ebenso viele Schlagzeilen produzieren würde wie ein Massaker in einer Mall?

Diese Scheißgesellschaft war total auf den Hund gekommen.

Auch wenn es nicht ganz so geklappt hatte wie geplant, waren Tyler Haldane und Kent Strickland jetzt doch im ganzen Süden bekannt, und das Ereignis war in aller Munde. Von Virginia über Maine bis zur Europäischen Union sprachen alle über die fünfzehn Toten in der unscheinbaren Mall.

Ob perfekt oder nicht, Tyler und Kent hatten Geschichte geschrieben.

Dreizehn Menschen hatten sie vor Ort erwischt, zwei weitere waren binnen vierundzwanzig Stunden ihren Verletzungen erlegen. Die Zahl war enttäuschend klein, aber bevor sie sie erhöhen konnten, hatte Kent einen Kopfschuss abbekommen. Als Tyler seinen Freund zusammenbrechen sah, hielt er ihn für tot.

Tyler nahm sofort die FBI-Agentin ins Visier, die den Schuss abgefeuert hatte, konnte aber nur einen Schultertreffer anbringen, bevor er zu Boden geworfen und ihm die Luft abgepresst wurde.

Am nächsten Tag erwachte er in einer tristen grauen Betonzelle. Kurze Zeit darauf eröffnete ihm sein Pflichtverteidiger, Kent sei einer langwierigen Operation unterzogen worden, welche die Gehirnschäden minimieren solle. Man hatte ihn ins künstliche Koma versetzt, und die Ärzte bezifferten seine Überlebenschancen auf fünfzig zu fünfzig.

Zwei Wochen später weckte man ihn jedoch auf. Nach aktueller Einschätzung würde Kent vollständig genesen.

Wenn das nicht ein Zeichen göttlicher Billigung war.

Lautes Stimmengewirr versetzte Tyler in die Gegenwart zurück. Flankiert von zwei bewaffneten Deputys, begann er den Weg durch den Flur. Die Neonleuchten an der Decke schienen alle Farben auszubleichen. Selbst Tylers orangefarbenes Hemd und die gleichfarbene Hose wirkten in dem grellen Licht eher gedeckt.

Die Ketten klirrten, als sie durch die erste und die zweite Doppeltür schritten. Die psychiatrische Einrichtung war fast ebenso gut gesichert wie ein Gefängnis, doch Tyler wusste, dass hinter dem Maschendrahtzaun Reporter und Gaffer stehen und ihn mit Fragen bombardieren würden.

Vielleicht würde er irgendwann mal reagieren, aber nicht heute. Er hatte keine Erklärung vorbereitet und wollte warten, bis seine Worte so viel Gewicht hätten, dass sie den scharfen Verweis der beiden Deputys an seiner Seite aufwiegen würden.

Die einzelnen Stimmen wurden deutlicher, als sich die Doppeltür teilte und das Abendlicht hereinließ. Wie erwartet drängte sich am Zaun eine Horde von Gaffern, deren Kameras und Blicke auf Tyler gerichtet waren.

Unwillkürlich musste er grinsen, und trotz der Handschellen, die sich schmerzhaft in seine Gelenke gruben, fühlte er sich wohl in seiner Haut. Ihre Botschaft würde durchs Internet landesweit verstreut und schließlich von den großen Nachrichtensendern aufgegriffen werden.

Wandel lag in der Luft. Er spürte es ganz deutlich.

Auch wenn er hinter Gittern dabei würde zusehen müssen, konnte er doch stolz sein auf seine Rolle und würde indirekt die Früchte seiner Bemühungen ernten. Egal welches Urteil das Gericht fällen würde, er stand am Anfang seines Lebens, und er würde noch viele neue Ideen verbreiten.

Als er tief die frische Luft einatmete, glaubte er, alles liege vor ihm, doch dann auf einmal … ein Knall.

Ehe er das Geräusch einordnen konnte, wurde es für immer schwarz um ihn.

Zweites Kapitel

Noah Dalton schaute sich an seinem staubigen Arbeitsplatz um und unterdrückte ein Gähnen hinter vorgehaltener Hand. Es war Viertel vor elf, und ein Tatort war das Letzte, was er um diese Zeit sehen wollte.

Die Ballistiker hatten ihn und Bree Stafford auf das sechsstöckige Wohngebäude aufmerksam gemacht, nachdem sie die Zusammenfassung ihrer Berechnungen abgeschlossen hatten. Dabei ging es um eine komplizierte Gleichung, die Tyler Haldanes Körpergröße mit der Eintrittsstelle der Kugel in seinem Kopf in Beziehung setzte – das war alles, was Noah sich gemerkt hatte.

In der obersten Etage waren er und Bree an der dem psychiatrischen Krankenhaus zugewandten Seite von Wohnung zu Wohnung gegangen. Aus einer Dreiviertelmeile Entfernung wirkte das Krankenhaus so unauffällig wie das kleine Einkaufszentrum an der gegenüberliegenden Straßenseite.

Das leise Knirschen von Schritten auf Staub und Dreck lenkte seine Aufmerksamkeit zu der breiten Tür in seinem Rücken. Weißes Neonlicht fiel auf Brees Gesicht, als sie ein Fernglas hervorholte.

Der Wohnkomplex wurde gerade saniert und hatte noch keinen Strom. Deshalb waren hier und da batteriebetriebene Arbeitsleuchten angebracht.

„Hast du schon mit dem Bauleiter gesprochen?“, fragte Noah.

„Ja.“ Bree nickte und reichte ihm das Fernglas. „Er konnte uns nicht weiterhelfen. Da hier gebaut wird, gibt es keine Überwachungskameras. Die Tankstelle und das Einkaufszentrum liegen im falschen Winkel, aber wir versuchen dort morgen unser Glück. Der Bauleiter meint, die Arbeiter sind alle vor fünf gegangen. Aus Gründen des Arbeitsschutzes bleibt niemand allein zurück, um Überstunden zu leisten.“

Noah wischte sich mit dem Unterarm den Schweiß vom Gesicht. „Und Haldane wurde natürlich gegen sieben erschossen. Die Kriminaltechniker sind unterwegs, aber mir ist nichts Ungewöhnliches aufgefallen. Keine Patronenhülsen, und da das hier eine Baustelle ist, wimmelt es bestimmt von Fingerabdrücken.“

Bree richtete ihre dunklen Augen auf den Fensterrahmen, der die ganze Wand einnahm. Die Glasscheibe war noch nicht eingesetzt, deshalb würde die Spurensicherung sich nicht nur mit zahllosen Fingerabdrücken im Haus, sondern auch mit den Wetterbedingungen auseinandersetzen müssen.

„Also“, sagte sie und deutete aufs Stadtpanorama. „Die Psychiatrie liegt fast eine Meile entfernt, hab ich recht? Und nach allem, was Ted uns in der Trigonometrie-Stunde erzählt hat, hat keines der näher gelegenen Gebäude die passende Höhe für den Schuss.“

Noah nickte und blickte durchs Fernglas. Mit der höchsten Zoomeinstellung sah er die Kriminaltechniker, die auf dem blutverschmierten Gehsteig umherwimmelten. Auch Winter befand sich dort, doch er konnte sie bei der flüchtigen Musterung nicht erkennen.

Mit einem leisen Pfiff reichte er Bree das Fernglas an.

„Das klang irgendwie beeindruckt.“ Bree lächelte ihn kurz an und blickte wieder aus dem Fenster.

„Allerdings. Das war ein Mordsschuss, selbst für einen ausgebildeten Scharfschützen. Es gibt ein paar Gewehre speziell für diesen Zweck, aber die sind nicht billig und auch schwer zu bekommen. Wenn sie die Kugel finden, dann wissen wir wenigstens, womit wir es zu tun haben.“

„Das Ganze hier musste man genau auskundschaften.“ Bree musterte noch immer das vor ihnen liegende Gebäude. „Einen Ort, wo ein Scharfschütze in Stellung gehen kann, findet man nicht im Handumdrehen. Der hat das gut geplant.“

Noah sah das auch so. Ein gelungener Fernschuss beruhte zu neunundneunzig Prozent auf der Vorbereitung, zu einem Prozent auf der Durchführung.

Entfernung. Windgeschwindigkeit. Luftdruck. Selbst die Temperatur konnte einen Fernschuss beeinflussen.

„Was meinst du?“

Bree spitzte die Lippen und klopfte mit dem Zeigefinger aufs Fernglas. „Wegen des Motivs? Es muss mit dem Massaker in Danville zu tun haben. Glaube kaum, dass jemand, der einen persönlichen Groll hegt und mit Tyler Haldane ein Hühnchen zu rupfen hat, so lange wartet, bis er sich in Polizeigewahrsam befindet und von vier Bewaffneten zum Gefängnis zurückeskortiert wird.“

„Er und Kent Strickland haben fünfzehn Menschen getötet, und die SS-Armbinden haben ihnen bestimmt nicht viele Fans eingebracht. Es herrscht also jedenfalls kein Mangel an Verdächtigen.“ Seufzend verschränkte er die Arme vor der Brust.

„Eine schöne Scheiße“, pflichtete sie ihm bei.

Er blickte seine Partnerin an, in deren Miene sich Verwirrung abzeichnete. „Was meinst du?“, wiederholte er.

Sie klopfte wieder aufs Fernglas. Immer wenn sie sich ärgerte, wurde sie zappelig. Daran musste sie noch arbeiten. Selbst nach zwanzig Jahren als FBI-Agentin gelang es ihr nicht zuverlässig, ihre Gereiztheit zu verbergen. „Welche Leute werden von einem Scharfschützen aus fast einer Meile Entfernung getötet?“

Statt zu antworten, zuckte er mit den Schultern.

Sie klopfte weiter und beantwortete ihre eigene Frage. „Solche, die eine Menge Dreck am Stecken oder Feinde ganz weit oben haben. Selbst in Baltimore und D.C. schalten die Gangster ihre Konkurrenten nicht mit Scharfschützen aus.“

Noah nickte. Bree musste es wissen. Sie hatte jahrelang in der Abteilung Organisiertes Verbrechen gearbeitet.

„Einige haben es schon getan“, fuhr sie fort, „aber niemals aus einer solchen Entfernung. Also hatte Haldane entweder einen persönlichen reichen Feind, oder jemand war sehr darauf bedacht, ein offenes Problem zu lösen.“

„Du glaubst, da steckt mehr dahinter?“

Bei der Vorstellung, dass ein ganzer Haufen von gewaltbereiten Leuten Haldanes verschrobenen Ideen anhingen, wurde ihm fast übel. Aber es wunderte ihn nicht. In seiner Zeit beim Militär und durch die Arbeit bei Strafverfolgungsbehörden hatte er gelernt, dass es viele verdrehte Menschen mit gleichermaßen verdrehten Ideen gab.

„Das halte ich für möglich“, erwiderte Bree und nickte bedächtig. „Aber wenn ja, könnte Kent Strickland als Nächster drankommen.“

„Strickland liegt immer noch im Krankenhaus. Er wird rund um die Uhr bewacht.“

Sie schnaubte. „Er sollte aufpassen, dass er nicht zu nahe ans Fenster tritt.“

Ihre Bemerkung triefte vor Sarkasmus, und er verkniff sich ein Lachen, als er sich das Handy an den Mund hielt, um ihre Warnung weiterzugeben.

Sarkasmus hin oder her, vermutlich lag sie richtig.

Winters Gespenst Veröffentlichungen am 23. Dezember. Jetzt zu Goodreads hinzufügen.

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Winters Gespenst by Mary Stone

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