Ein Vorgeschmack auf... Winters Ende

Erstes Kapitel

Es war dunkel.

Ich mochte die Dunkelheit nicht. Die Einsamkeit bei Nacht fühlte sich an wie ein lebendiges Wesen. Wenigstens lugte der Mond zu mir herein, deshalb fühlte ich mich nicht ganz so allein. Das war okay, denn manchmal lag ich im Bett und erwiderte sein Starren, also ging das in Ordnung.

Wie spät war es? Ich blinzelte angestrengt, wälzte mich zum Nachttisch herum und drehte den Wecker so, dass ich …

Wumm.

Von dem Geräusch zuckte ich zusammen. Es hörte sich an, als sei etwas umgefallen, ein hohler, nachhallender Laut, der nicht in unser Haus gehörte. War ich davon aufgewacht? Normalerweise hatte ich einen tiefen Schlaf. Das sagte jedenfalls Mommy. Jetzt aber war ich wach. Hellwach. Das gefiel mir nicht. Vielleicht hatte ich deshalb einen so tiefen Schlaf, damit ich nicht über die Dunkelheit nachgrübeln musste.

Ich wünschte, ich müsste auch jetzt nicht daran denken. Sie beobachtete mich.

Der Herzschlag verstopfte mir die Ohren. Ich setzte mich auf, zog die Decke hoch bis ans Kinn und spähte in mein Zimmer, das voller Schatten war.

Die Schranktür war zu, so sollte es auch sein. Es machte mir Angst, wenn die Tür angelehnt war, denn dann konnte das Böse in mein Zimmer gucken. Dann spürte ich, dass es wartete. Sich bereit machte, über mich herzufallen. Mich zu verschlingen.

Hatte das Monster das Geräusch verursacht? Legte es die Hand auf den Drehgriff, um die Tür aufzustoßen und mich anzuspringen?

Scharrr.

Ich krampfte die Hände um die Decke und hätte beinahe geschrien, schaffte es aber, den Mund zu halten. Hätte ich geschrien, hätte das Monster gewusst, dass ich wach war. Und am Morgen hätte meine große Schwester mich ausgelacht. Ich hasste es, ausgelacht zu werden, weshalb ich auch nicht mehr das Nachtlicht anließ. Jetzt hätte ich es gern brennen gehabt.

Blöde Schwester.

Das scharrende Geräusch war wieder da, und vorübergehend konnte ich kaum atmen. Es erklang noch einmal, doch anstatt auszuflippen, überlegte ich, woher es kam. Schleifte das Monster eine Axt über den Boden? Rückte es näher? Oder war es bereits unter dem Bett und wartete darauf, dass ich die Füße auf den Boden setzte, wollte es mir die Zehen abhacken und mich festhalten, bevor ich weglaufen konnte?

„Sei doch kein solches Baby“, flüsterte ich und schaute mich im Zimmer um, zu verängstigt, um das Licht einzuschalten. Ich mochte es nicht, wenn man mich Baby nannte. Vor allem meine Schwester tat das. Dabei war ich sechs Jahre alt, praktisch erwachsen, jawohl.

Vielleicht hatte das, was ich gehört hatte, die Schranktür zugezogen, und es versteckte sich jetzt da drin. Oder, schlimmer noch, es war im Zimmer. Ich schaute überall hin, spähte in die Dunkelheit, doch nichts regte sich. Nichts kroch über den Boden oder an der Decke entlang. Supervorsichtig guckte ich über die Bettkante, darauf gefasst, dass mich etwas anspringen würde.

Was war schlimmer? Das Monster zu stellen oder darauf zu warten, dass es über mich herfiel?

Ich hatte keine Ahnung.

Vor Unentschlossenheit wie gelähmt, machte ich mir die verschiedenen Möglichkeiten klar. Wenn das Monster nicht im Schrank, am Boden oder an der Decke war, konnte das nur eines bedeuten: Es war unter dem Bett.

Ich brauchte meinen Daddy. Monster fürchteten sich vor Daddys. Ich zog die Decke hoch bis ans Kinn und hielt sie mit beiden Händen fest. Monster durften sich nicht unter Decken wühlen, hatte Daddy gemeint. Wenn ich hier bliebe, kämen sie nicht an mich heran. Das Gesicht aber konnte ich nicht zudecken, denn dann hätte ich keine Luft mehr bekommen. Außerdem hatte ich zu viel Angst. Ich musste sehen, ob ein Monster sich vom Boden aufrichtete und nach mir langte.

Doch das passierte nicht.

Als ich schon dachte, ich sei in Sicherheit, rumste es erneut, und mir dröhnte wieder der Herzschlag in den Ohren. Diesmal aber war ich schlauer. Das Geräusch war nicht aus meinem Zimmer gekommen. Es kam vom Flur. Aus dem Schlafzimmer meiner Eltern.

Ich spitzte die Ohren und stellte fest, dass ich das Geräusch kannte. So hörte es sich an, wenn ich auf dem Bett herumsprang. Mommy mochte das nicht. Daddy hatte gemeint, ich soll an meinem … Abgang arbeiten, was immer das bedeutete. Anstatt mit den Füßen aufzukommen, landete ich immer mit dem Po auf dem Holzboden, und dieses Nachtgeräusch klang ganz ähnlich.

Was seltsam war, denn ich konnte nicht hören, dass Mommy und Daddy auf dem Bett herumsprangen. Wenn ich das tat, quietschte das Bett, und das Kopfbrett stieß gegen die Wand. Vielleicht hatte ich ja geschlafen, als sie herumsprangen, und war aufgewacht, als sie auf den Boden geplumpst waren. Ich grinste und stellte mir vor, es wäre doch lustig, wenn auch einer von ihnen am Abgang arbeiten müsste. Ich wollte mir das ansehen und mit ihnen lachen. Ich wollte sehen, wie sie auf den Hintern fielen, genau wie ich.

Aber wenn ich aufstand, müsste ich die Lampe einschalten. Monster mochten keine Daddys, keine Decken und besonders kein Licht. Das bedeutete, dass sie versuchten, einen vom Lichtmachen abzuhalten.

Ich dachte lange darüber nach, dann zog ich den Arm unter der Decke hervor, denn ich war tapfer – sagte Mommy -, und tapfere Jungs machten das so. Ich streckte schnell den Arm aus und hätte die herabbaumelnde Kette trotzdem fast verpasst, doch dann klickte es, als sie gegen das Metalldingsda schlug, an dem die Lampe saß.

Ich zog an ihr, so fest, dass sie über den Nachttisch tanzte. Der Rennwagen unten an der Lampe leuchtete auf, und die kleine Windschutzscheibe funkelte.

Wenigstens brannte jetzt das Licht. Die Monster mussten mich in Ruhe lassen. Captain America sah mich von einem Poster an, das ich vor ein paar Tagen aufgehängt hatte. Ich wusste, er war nur aus Papier, aber ich glaubte trotzdem, Cap würde Alarm geben, wenn irgendwann Monster auftauchten. Jetzt, wo ich wach war, hatte ich auch Durst, und ein Glas Wasser wäre jetzt genau richtig.

Ich schnappte mir meine Giraffe. Mommy und Daddy haben sie mir geschenkt, als ich noch klein war, und ihr Hals war ein bisschen schlapp geworden, aber deshalb lehnte sie sich umso fester an mich. Sie hieß Raff. Sie kam an Sachen heran, die ich nicht erreichen konnte. Ich mochte Raff, auch wenn Winter den Namen blöd fand.

Meine Schwester fand viele Dinge blöd. Sie war dreizehn und fast schon erwachsen. Selbst mich nannte sie ‚blöd’. Vielleicht kam sie ja mit Namen nicht klar und hatte vergessen, dass ich Justin hieß, denn sie nannte mich meistens ‚Blödmann’.

Mein Schlafoverall raschelte leise, als ich zur Tür ging. Ich hatte Mühe, den Knauf zu drehen, denn meine Hände schwitzten. Ich wünschte, Raff hätte für mich den Knauf drehen können. Sie hatte es drauf, Sachen von Regalen oder so herunterzuwerfen, aber mit kniffligen runden Dingern kam sie nicht zurecht, und die Türknäufe waren nun mal rund und glatt und sollten aus allen amerikanischen Häusern verbannt werden.

Als ich in den Flur guckte, sah ich, dass die Tür zum Schlafzimmer meiner Eltern offen stand. War die Tür zu, musste ich klopfen, und selbst dann wurde Daddy sauer. Aber wenn die Tür offen war, durfte ich reingehen und sie aufwecken. Wer solche Rums-Geräusche verursachte, war bestimmt schon wach.

Trotzdem machte ich mir ein bisschen Sorgen, dass sie gerade ‚Spaß haben’ könnten – so hatte Daddy das ausgedrückt, als ich eines Abends, als sie vergessen hatten, die Tür zu schließen, ins Schlafzimmer spazierte und sie nicht schliefen, sondern etwas anderes taten.

Ich sagte ihm, ich wolle auch ‚Spaß haben’, und er meinte, ich solle mit Mommy über die ‚Vögel und Bienen’ reden, was mich verwirrte, denn Vögeln guckte ich gerne zu, aber Bienen wollten einen bloß in den Po stechen. Ich wollte nicht, dass mich jemand in den Po stach, und schon gar keine Biene.

Erwachsene waren echt seltsam.

„Sollen wir reingehen?“, fragte ich Raff mit Flüsterstimme.

Raff nickte. Sie nickte oft. Das gefiel mir an Raff, denn manchmal brauchte ich jemanden, der Ja sagte, weil die anderen ständig Nein sagten.

„Okay“, flüsterte ich. Ich hielt Raff an ihrem langen Hals, als ich ins Zimmer trat. Schließlich beobachtete sie mich mit ihren Plastikaugen, so wie der Mond mich beobachtete, deshalb fühlte ich mich nicht so allein. Und Mommy und Daddy konnten schließlich nicht zu jedem Nein sagen, oder?

Aber sie sagten gar nichts.

Ich blieb stehen und starrte bloß, denn Daddy hing mit dem Kopf nach unten aus dem Bett und sah mich verkehrt herum an. Sein einer Arm lag irgendwie auf dem Kopf, der andere steckte unter der Decke. Das war eine komische Art zu liegen. Es gefiel mir nicht, wie Daddy mich ansah. Er sah mich so an wie Raff. Er blinzelte nicht, und seine Augen glänzten, als wären sie aus Plastik und gar nicht echt.

Er hatte auch noch ein drittes Auge auf der Stirn, das dort vorher nicht gewesen war. Ich fragte mich, woher er es hatte und weshalb er es da hingemacht hatte. Hätte ich ein drittes Auge gehabt, dann im Hinterkopf, damit ich sehen konnte, wer hinter mir war. Denn Monster schlichen sich von hinten an Kinder ran, damit sie sie verschlingen konnten, bevor sie schrien.

Kreisch …

Kreisch …

Offenbar hatte ich den Lärm gemacht, denn der Mond kam hervor, um nachzuschauen, was los war. Das Schlafzimmerfenster wurde hell, und dann sah ich das Rot.

Es war überall. Es musste Ketchup sein. Vielleicht hatte Daddy ja eine Flasche zerbrochen, denn der Ketchup bedeckte sein Gesicht, tropfte oben in seinen Mund und lief unten wieder raus. Ich wollte Mommy und Daddy fragen, weshalb sie Ketchup mit ins Bett nahmen, denn in meinem Zimmer durfte ich nicht essen. Aber Daddy schluckte nicht, und ich glaube, er gab mir auch keine Antwort, als ich ihn fragte.

Ich hoffte, es wäre Ketchup. Ich hoffte es sehr, denn es sah ein bisschen so aus wie nach meinem Sturz letzten Sommer, da hatte ich mich am Arm geschnitten, und das Blut war mir vom Handgelenk zum Ellbogen gelaufen.

Mommy hatte mir den Arm verbunden, und Daddy hatte das Fahrrad repariert, aber das hier war viel mehr Blut. Daddy war überall damit beschmiert. Es musste wehtun, aber Daddy blinzelte nicht, und er starrte mich an, als wär’s ihm nicht recht, dass ich hier war.

Mommy kümmerte sich um Auas. Sie verband sie und schmierte so ein Zeug auf Kratzer und Schnitte, das ganz schlimm brannte, aber das musste sein. Ich mochte es, wenn sie mich verband und mir einen Kuss auf die Stirn gab und lächelte, denn dann war wieder alles gut. Mommy würde Daddy heil machen; sie würde das brennende Zeug auftragen und mir und Raff ein Glas Wasser holen.

Ich trabte zur anderen Seite des Betts. Zuerst sah ich Mommys Füße, aber sie stand nicht auf. Ihre Füße wirkten merkwürdig schlaff und verdreht, als wäre sie beim Einschlafen todmüde gewesen. Ich dachte, wenn ich sie anfasse, wacht sie auf und lacht, denn Mommy war kitzlig. Doch ich traute mich nicht und wusste nicht, was ich tun sollte.

Raff meinte, sie würde Mommy anfassen, bräuchte aber dabei Unterstützung. Ich hob sie hoch, und Raff berührte ihre Füße mit ihrem Gesicht. Es passierte nichts. Ich drückte Raffs Nase gegen ihre Füße, doch sie bewegten sich nicht. Aus irgendeinem Grund wollte ich ihr nicht ins Gesicht sehen. Ich brachte es nicht über mich.

Auf einmal wollte ich gar nichts mehr sehen und nichts mehr wissen. Ich wollte zurück in mein Zimmer, mich unter der Decke verkriechen und dort so lange bleiben, bis der Mond und Daddy aufhörten, mich anzustarren. Ich wollte, dass die Sonne aufging und dass Mommy mir Pfannkuchen machte und dass Daddy schimpfte, weil er wie immer zu spät zur Arbeit kommen würde.

Ich wollte nichts mehr mitbekommen, bis das Leben normal weiterging.

Mein Herz riet mir wegzulaufen, doch meine Füße waren neugierig. Sie führten mich ums Bett herum. Ich wollte das nicht, sie machten das von selbst. Der Mond leuchtete wieder, und ich sah, dass Mommy über und über mit dem roten Zeug bedeckt war. Die Zudecke, die Kissen. Alles war rot.

Die Decke hatte sie nicht gerettet. Auch Daddy nicht. Vielleicht hatten manche Monster doch keine Angst vor Daddys oder Decken. Ich fragte mich, ob sie sich vor der Helligkeit fürchteten.

Mit diesen Monstern wollte ich lieber nichts zu tun haben.

Mommy sah an die Decke. Sie starrte sie an, aber irgendwas stimmte nicht mit ihren Augen, genau wie bei Daddy. Ich stand noch immer dicht bei ihren Füßen. Wenn ich sie kitzelte, würde sie vielleicht aufwachen. Ich streckte die Hand zum Fuß aus wie vorhin zur Lampe, doch ihr Fuß fühlte sich kalt an und bewegte sich nicht.

Er war nicht echt. Er war nicht lebendig. Das war nicht sie.

Das konnte nicht wahr sein.

Ich brauchte Daddy, doch er hing immer noch verkehrt herum aus dem Bett. Ich fragte mich, ob er deshalb so dalag, damit er nachsehen konnte, ob Monster unter dem Bett waren. Oder vielleicht hatte er schon nachgesehen … und eins hatte ihn erwischt.

Ich zitterte am ganzen Leib, und das Herz hämmerte mir in der Brust.

Ich schüttelte Mommy, bis ihr ganzer Körper in Bewegung war. Ihr Kopf drehte sich, und irgendwas stimmte nicht mit ihrem Hals, denn er war verdreht, und auf einmal war da noch mehr Blut. Es floss über meine Hände und auf meinen Schlafanzug.

Das waren nicht Mommy und Daddy. Jetzt hatte ich richtig Angst und wollte, dass sie sofort aufwachten.

Ich drehte mich um und rief nach meiner Schwester. Sie würde das wieder in Ordnung bringen, denn Winter machte immer alles heil, auch den Lampenschirm, wenn ich ihn mit dem Ball getroffen hatte. Sie würde Mommy und Daddy aufwecken, und wenn sie mich Blödmann nannte, wäre es mir egal. Wenn sie sie nur aufweckte, konnte sie mich meinetwegen ausschimpfen, mich schlagen oder sich über mich lustig machen. Dann würde ich ein Glas Wasser und einen Kuss auf den Kopf bekommen, und sie würden mich ins Bett bringen.

Ich konnte nicht schreien. Der Mund stand mir offen, doch es kam nichts heraus, obwohl mir das Herz bis zum Hals schlug und mir das Blut in den Ohren rauschte und ich ganz taub war davon. Ich konnte nicht einmal um Hilfe rufen.

Ich setzte meine Füße in Bewegung. Ich zwang sie, mich umzudrehen und wegzubringen, fort von den Plastikaugen und den seltsamen Mommy- und Daddy-Dingern. Aber meine Füße klebten am Boden. Wegen dieses roten Zeugs, der Bettvorleger war damit vollgesogen. Die Pyjamafüße waren rot und hinterließen auf dem Weg zum Flur rote Fußstapfen. Ich wusste nicht, wie ich dorthin gekommen war.

Mommy würde sich ärgern über die Fußstapfen, wenn sie aufwachte. Wach auf, wach auf, wach auf! Plötzlich fand ich meine Stimme wieder und kreischte so laut wie ein Feuerwehrauto.

„Wach auf! Wach auf! Wach auf!“

Der Name meiner Schwester fiel mir nicht ein. Ich konnte nicht mehr klar denken. Ich wollte bloß, dass alle aufwachten, aufwachten, aufwachten, und schrie so laut und so lange ich konnte.

Doch es kam niemand.

Ich ging rückwärts, bis ich gegen die Zimmertür meiner Schwester stieß. Ich musste zu ihr rein und sie wecken. Aber … wenn sie auch ein drittes Auge hatte?

Wimmernd stand ich vor ihrer Tür, die Hand auf dem Knauf. Raff meinte, ich solle ihn drehen, doch dann hörte ich ein leises Klicken, das von unten kam. Von der Haustür.

Ging das Monster fort, oder ließ es seine Freunde herein?

Ich schauderte so heftig, dass sich meine Hand vom Türknauf löste, und schmiegte mich an die Tür, während sich über die Treppe Schritte näherten. Ich wartete auf das Knarren der fünften Stufe von oben, doch es kam nicht. Das Monster wusste Bescheid.

An meinem Po wurde es warm und feucht, als am Ende der Treppe eine dunkle Gestalt auftauchte. Sie hatte langes schwarzes Haar und schlich auf den Zehenspitzen. Lautlos.

Die Gestalt hielt vor der Schlafzimmertür von Mommy und Daddy an, und im Licht, das auf den Flur fiel, sah ich, dass es kein Monster war. Es war Winter. Meine Schwester.

Unendlich erleichtert, versuchte ich sie anzusprechen, doch ich hatte einen Kloß im Hals und bekam kaum Luft.

Als sie ins Schlafzimmer sah, gab sie eine Art Schrei von sich, schlug sich die Hand vor den Mund und taumelte rückwärts.

Auch sie hatte den Ketchup gesehen, das konnte ich erkennen. Sie würde sauber machen, und am Morgen, wenn wir Pfannkuchen aßen, würden wir vier darüber lachen.

Einen Moment lang glaubte ich, alles würde wieder gut, aber dann passierte etwas Seltsames: Hinter meiner großen Schwester löste sich ein Schatten aus der Dunkelheit. Der Schatten veränderte sich und wurde immer größer. Nach mindestens drei Herzschlägen wurde er zu einem Mann. Einem erwachsenen Mann.

Juhu, ein Erwachsener! war das Erste, was ich dachte. Vielleicht würde er meine Eltern aufwecken. Schließlich war er erwachsen, und das taten Erwachsene. Sie halfen einem.

Doch anstatt zu helfen, hob er die Hand, in der er etwas hielt. Es war ein langes Stück Holz, eine Art Baseballschläger, nur dünner. Ich wusste, ich würde schreien oder etwas sagen, aber bevor ich den Mund aufbekam, drehte meine Schwester sich um und sah den Mann. Sie hatte keine Zeit mehr zu schreien, denn der Schattenmann schlug ihr mit dem Ding auf den Kopf, und sie brach zusammen. Und dann starrte sie an die Wand, so wie mein Daddy gestarrt hatte.

Auch ihr Kopf blutete jetzt.

Meine Finger wurden taub, mein Kopf war leer. Raff glitt mir aus den Fingern und fiel zu Boden, blutig. Sie sah mich vom Boden aus an, als wollte sie sagen: Lauf weg, lauf weg. Doch der Mann sah mich an, trat über meine Schwester hinweg und warf den Stock ins Schlafzimmer meiner Eltern. In der Hand hielt er etwas, das im Mondschein funkelte. Es war ein Messer, und die Klinge blutete ebenfalls.

Er ließ sich auf ein Knie nieder und lächelte mich an.

„Deine Mommy und dein Daddy wollten nicht, dass du mich begrüßt“, sagte er. Seine Stimme war ein tiefes Grollen, er hörte sich an wie Mr. Washington aus dem Laden. Mommy sagte, Mr. Washington redet so, weil er zu viel geraucht hat. Ich fragte mich, ob auch der Mann zu viel rauchte. Er roch nach Rauch, aber alles andere roch stärker, seltsam süß – wie Metall, das man mit der Nase schmeckte.

„Wir sind eine Familie“, sagte er. „Man sollte dich nicht von deiner Familie fernhalten.“ Er blickte kurz zum Schlafzimmer meiner Eltern, dann sah er wieder mich an. Er nahm mich auf die Arme. Ich wollte nach Raff greifen, erstarrte aber, als der Mann über meine Schwester hinwegtrat, ruhig die Treppe hinunterstieg, unser Haus verließ und mit mir im nassen SpongeBob-Pyjama zu dem Pick-up ging, der am Straßenrand parkte.

Er setzte mich auf den Beifahrersitz und meinte, ich soll warten. Ich dachte: Lauf weg, lauf weg, lauf ganz weit weg. Ich kannte den Mann nicht, und ich sollte nicht zu Fremden ins Auto steigen, doch ich konnte mich nicht bewegen und hatte wieder einen Kloß im Hals.

Der Mann schwang sich auf den Fahrersitz und ließ den Motor an. „Du bist ein braver Junge“, sagte er mit grollender Stimme. „Du hast mir gehorcht, und so soll es sein. ‚Ihr Kinder, seid gehorsam euren Eltern in dem Herrn; denn das ist recht.’ Das steht im sechsten Kapitel des Epheserbriefs. Kennst du dich mit der Bibel aus, Junge?“

Ich schüttelte stumm den Kopf. Mein Daumen wanderte zum Mund.

„Hätte mich auch gewundert. Aber das wird sich ändern, Junge. Ich werde dich unterrichten.“ Er fuhr los und sah mich von der Seite an. „Ich war in deinem Haus, um dich zu treffen, und von jetzt an werde ich mich um dich kümmern. War nicht recht, dich von deiner Familie fernzuhalten. Gar nicht recht.“

Das Auto ratterte, hustete und stieß Qualmwolken aus. Das sah ich im Seitenspiegel, und ich sah auch unser Haus, das immer kleiner wurde. Wir fuhren durch die Nachbarschaft und ließen die Gegend hinter uns, wo ich Fahrrad fahren durfte. Ich suchte im Rückspiegel unser Haus und sehnte mich nach Mommy und Daddy, Winter und Raff. Der Mann fuhr Straßen entlang, die ich nicht kannte.

„Wie wär’s, wenn ich dich … Jaime nenne?“, sagte der Mann plötzlich. „Ich heiße Kilroy. Manche Leute nennen mich den Preacher.“

Ich steckte mir den Daumen in den Mund und nickte.

Was blieb mir auch anderes übrig?

Ich schüttelte den Kopf. Ach Gott, was für eine Zeitverschwendung. Das waren Erinnerungen meistens. Eigentlich wollte ich reden, aber dann kam der ganze Unsinn aus der Vergangenheit bei mir hoch. Das war vierzehn Jahre her. Manchmal vergaß ich, dass allein das Hier und Jetzt zählte.

Justin war tot. Wieso konnte ich ihn dann nicht in Ruhe lassen?

Mir wurde bewusst, dass die Kamera noch immer lief und dass sie aufgezeichnet hatte, wie ich verloren dasaß und die Albträume kleiner Jungs durchlebte. Ich fluchte verhalten und schimpfte mich einen Volltrottel, dann nahm ich die Speicherkarte heraus und ersetzte sie durch eine neue, die nicht Zeuge meiner Abgelenktheit geworden war. Die erste würde ich zerstören müssen.

Ich lehnte mich zurück, atmete tief durch und betrachtete abschätzend mein Bild auf dem kleinen Display. Es war perfekt, genau so, wie ich es von langer Hand geplant hatte.

Ich tippte auf ein Symbol, dann wurde in der unteren linken Ecke REC angezeigt. Ich sah in die Kamera und stellte mir vor, wie sie meinen Blick erwiderte.

Ich hatte einer sehr wichtigen Person etwas mitzuteilen.

Es konnte losgehen.

Zweites Kapitel


Max Osbourne, der leitende Special Agent der Abteilung für Gewaltverbrechen in Richmond, holte tief Luft und bedachte Winter Black mit einem der Blicke, für die er berüchtigt war. Sie hatte bereits erlebt, dass neue Agents in einem solchen Fall ganz klein wurden. Da das Team gerade daran arbeitete, einen der gewalttätigsten Kriminellen des Landes zu fassen, sagte das schon einiges aus.

Winter zuckte nicht mal mit der Wimper, womit sie ihm suggerierte, sie sei bereit, auch größere Fälle zu übernehmen. In letzter Zeit hatte er sie mit Routinearbeit abgespeist, um sie von ihrem Bruder fernzuhalten. Es war an der Zeit, ihm klar zu machen, dass sie sich alles zutraute, auch die Jagd nach ihrem Bruder.

„Ich will alles wissen. Ich werde mich nicht persönlich in Justins Fall einmischen.“ Im Geiste überkreuzte sie die Finger. „Ich will nur bei den Ermittlungen im Fall der Ermordung von Timothy und Mariah Young helfen.“

Sie schluckte, als sie an Mariah dachte, das reizende kleine Mädchen, das nach der brutalen Ermordung ihrer Mutter und ihrer Schwester eine schwere Zeit durchgemacht hatte. Winter litt noch immer darunter, dass es ihnen nicht gelungen war, Vater und Tochter zu schützen. Sie hätten sich mehr anstrengen, mehr unternehmen sollen. Es war einfach zu wenig gewesen.

Als sie erfuhr, dass Tim und Mariah im Stil des Preachers abgeschlachtet worden waren, hatte sich das angefühlt, als werde sie mit einem Messer ausgeweidet. Die beiden waren die Letzten auf einer langen Liste von Unschuldigen gewesen, die das Mall-Massaker in Danville überlebt hatten … bloß um von jemandem umgebracht zu werden, der das zu Ende bringen wollte, was Tyler Haldane und Kent Strickland in jener schrecklichen Nacht angefangen hatten.

Kelsey und Adrian Esperson.

Sandy und Oliver Ulbrich.

Willa Brown.

Dana Young und ihre zwölfjährige Tochter Sadie.

Und jetzt Timothy und die zehnjährige Mariah. Eine ganze Familie, grausam ausgelöscht.

Von Winters kleinem Bruder?

Danach sah es aus.

Max’ Blick wurde durchdringender, als sich ihre Gedanken der Vergangenheit zuwandten. Knurrte er etwa verhalten? Das war ihr Boss, und inzwischen war sie seine polternde Art gewöhnt und wusste damit umzugehen. Zumindest hoffte sie das.

„Helfen können Sie, wenn es nötig ist, aber ich werde Sie dem Fall nicht direkt zuteilen. Verstanden?“ Er zog eine Aktenmappe zu sich heran. Sie war neu zusammengestellt worden, und darauf stand ein ihr sehr vertrauter Name. Justin Black alias Jaime Peterson.

Als sie die Namen gedruckt vor sich sah, Seite an Seite, als gehörten sie zueinander, schluckte sie mühsam. Konnte jemand, der schon so lange vermisst wurde und so viel durchgemacht hatte wie Justin, in eine Mappe passen? Sie hätte sich gern das Foto ihres dunkelhaarigen Bruders angeschaut, das sich unter dem durchsichtigen Deckblatt abzeichnete.

Max räusperte sich. „Eigentlich sollte ich gar nicht mit Ihnen darüber reden, verstehen Sie? Dieser Fall … liegt schon eine ganze Weile im Argen. Kaum haben wir einen Namen vorliegen und einen Mörder dingfest gemacht, taucht ein neuer auf. Der Preacher ist tot. Jetzt brauchen wir nur noch die dritte Person hinter dem Manifest.“

Das Manifest, auf das er sich bezog, war ein Online-Dokument, das angeblich von Strickland und Haldane verfasst worden war, bevor sie zahlreiche unschuldige Opfer getötet hatten. Wie sich herausstellte, gab es einen Komplizen, der auf eigene Faust weitermordete.

War das Justin?

Winter fiel es noch immer schwer zu glauben, dass der Mörder ihr kleiner Bruder sein könnte. Andererseits hatte er einen SpongeBob-Pyjama getragen und sein Lieblingsstofftier Raff in der Hand gehalten, als sie ihn zum letzten Mal gesehen hatte.

„Bei dieser möglichen Verbindung zu Ihrem verschwundenen Bruder“, fuhr Max fort, „da hatte ich noch gehofft, wir hätten uns geirrt. Aber George, Kent Stricklands Vater, hat Jaime Peterson identifiziert, als Miguel und Noah ihn vernommen haben. Sie hatten eine Art …“ Max warf einen Blick auf seine Notizen. „Eine Art Club, mit Codenamen und speziellem Händeschütteln, solchen Sachen.“

Winter schluckte und hob die Hand zum Mund, streifte sich dann aber eine schimmernde schwarze Haarsträhne hinters Ohr und nickte. Sie setzte eine ruhige, gelassene Miene auf. „Richtig. Haben Sie herausgefunden, weshalb sie Codenamen benutzten?“ Sie wusste das alles schon und verstand nicht, weshalb Max das Thema wieder aufbrachte, deshalb spielte sie mit.

„Ja, anscheinend wollten sie irgendwann eine paramilitärische Einheit gründen. Sie benutzten die Codenamen nach der Art von Spezialeinheiten in Filmen. Wie Sie wissen, war Ihr Bruder ‚White Ghost’.“

Und das passte. Schließlich suchte sie seit Jahren ein Gespenst namens Jaime/Justin.

„Das geht alles auf Strickland zurück, nicht wahr?“ Winter blickte auf und verspürte einen Anflug von Hoffnung, die jedoch gleich wieder zerstob. Strickland war nicht unbedingt der verlässlichste Zeuge, doch er hatte keinen Grund mehr zu lügen.

„Er war ausgesprochen kooperativ.“ Max musterte sie unter seinen dichten Augenbrauen hinweg. „Winter, Sie wissen, das ist nicht Ihr Fall. Sie sind emotional zu sehr involviert.“

Mit jeder Faser ihrer Seele wollte sie schreien und das Büro auseinandernehmen. Natürlich musste sie bei der Ermittlung dabei sein, denn es ging um ihren Bruder, um das Kind, das sie nicht hatte schützen können, den letzten Überlebenden ihrer Familie.

Verstandesmäßig war ihr klar, dass sie aus eben diesem Grund außen vor bleiben sollte. Ihre Objektivität war nicht gewährleistet. Wenn ein Agent sich von seinen Gefühlen leiten ließ, gefährdete er nicht nur sich selbst, sondern auch seinen Partner und alle anderen, die mit dem Fall befasst waren. Doch diese Erkenntnis half ihr nicht, die Energie zu zügeln, die sich in ihr aufbaute.

„Ich bin ein Profi.“ Ihre Stimme klang ruhig und bedächtig. „Ich bin mir der Risiken bewusst. Ich erwarte nicht, mit dem Fall betraut zu werden. Ich möchte bloß …“ Sie senkte den Blick auf den Schreibtisch und die Aktenmappe mit den Informationen zu ihrem verschwundenen Bruder. „Ich möchte bloß informiert werden. Bitte.“ Sie schaute hoch und sah ihn an. Max erwiderte nachdenklich ihren Blick.

Ich bin nicht unvernünftig. In Anbetracht der Umstände handle ich vollkommen rational.

Sie hatte keine Ahnung, welche Überlegungen Max anstellte.

„Ich halte Sie auf dem Laufenden.“

Winter blinzelte. Er hatte nachgegeben. Okay, sie spürte bei ihm einen gewissen Widerwillen, doch er war bereit, ihr wenigstens das zuzugestehen. Sie entnahm seinem Gesichtsausdruck, dass er sich bemühte. Na ja, vielleicht bildete sie es sich auch bloß ein, denn seine stoische Miene war undurchdringlich. Er hätte einen prima Pokerspieler abgegeben.

Beruhig dich. Du weißt, was er dir verschweigt. Freu dich nicht zu früh.

Max hatte Folgendes vor: Er würde sie mit Informationsfitzelchen abspeisen, die er unbedenklich fand, und zwar nur dann, wenn er es für geraten hielt.

Was immerhin besser war als nichts. Zumindest hoffte sie das.

Hinter ihrer gelassenen Fassade baute sich wieder ein Schrei auf.

Nein. Es war nicht besser. Insgeheim wusste sie das.

Sie wollte mehr. Sie wollte vollständig informiert werden und jeden einzelnen Hinweis kennen. Sie wollte ihren Bruder wiederhaben, verdammt. Sie war gerade mal dreizehn gewesen, als sie ihn verloren hatte. Jetzt, nach jahrelanger Suche, war sie fast am Ziel. Das spürte sie. Wie zum Teufel sollte sie sich da zurückhalten und es jemand anderem überlassen, ihn zu finden?

Sie sollte die Sache zu Ende bringen. Nicht irgendein Fremder, der ihm nie begegnet war und ihn nicht so gut kannte wie sie. Sie sahen in ihm nur den eiskalten Killer, nicht den verängstigten kleinen Jungen, der ständig seine Plüschgiraffe mit sich herumgeschleppt hatte.

„Die Frage ist vermutlich dumm, aber ich muss sie stellen. Wie kommen Sie mit alldem zurecht? Wenn Sie eine Auszeit brauchen …“ Max klappte die Mappe zu. Das Foto von Jaime Peterson – von Justin Black, dem Schützling Douglas Kilroys … von Winters vermisstem Bruder, der des mehrfachen Mordes verdächtigt wurde – war wieder verdeckt. Max hatte das Thema abgeschlossen. Mehr würde sie von ihm nicht bekommen.

Weshalb stellte er ihr persönliche Fragen? Auf einmal unsicher geworden, erwiderte sie seinen Blick. Das war Max. Für einen Vorgesetzten war er immer zugänglich gewesen, doch für ihn drehte sich alles um den Job. Dass er sich plötzlich für die emotionale Verfassung einer Untergebenen interessierte, war ungewöhnlich. Seltsam. Als hegte er eine bestimmte Erwartung.

Als erwartete er, sie werde unter dem Druck zusammenbrechen.

Atmen. Einfach atmen. Alles wird gut.

Winter lächelte und schaute weg. Vergiss nicht, es dreht sich alles um den Job. Max wollte wissen, ob seine Agentin einsatztauglich war. Er überprüfte sein Werkzeug, vergewisserte sich, dass es nicht im entscheidenden Moment versagte. Es ging gar nicht um sie. Es ging um ihre Arbeitsfähigkeit und um das, was sie würde leisten können. Oder auch nicht.

Diese bittere, instinktive Einschätzung war möglicherweise unfair, aber das war die ganze Situation. Frustriert ließ sie den Atem entweichen.

Er macht seinen Job, ich meinen.

„Mir geht es gut.“ Winter sah ihm wieder in die Augen. Vielleicht lag ein wenig Sorge um sie in seinem Blick, doch sie antwortete dem Vorgesetzten, nicht dem Menschen. „Allerdings wäre es für mich einfacher, wenn ich mich auf das konzentrieren könnte, was ich tun kann. Auch wenn ich nicht unmittelbar an Justins Fall mitarbeiten kann, könnte ich doch andere, wichtigere Aufgaben übernehmen. Das wäre viel besser, als Däumchen zu drehen und zwanghaft darüber nachzudenken, was ich nicht tun kann, meinen Sie nicht auch?“

 „In Ordnung.“ Max lehnte sich zurück, und Winter erhob sich. Das Gespräch war beendet. Jetzt musste sie ihren Worten Taten folgen lassen und ausblenden, wie Justin zu Jaime geworden war. Oder dass Kilroy ihn angeleitet hatte. Vor allem musste sie sich klar machen, dass sie daran nichts ändern konnte.

Max hatte Recht, sie war zu stark involviert. Das spürte sie instinktiv.

Sollen andere das regeln.

Theoretisch war somit alles in Butter. Sie nahm sich vor, professionell zu handeln, hatte aber immer noch Bauchschmerzen, und weil sie ihre Gefühle im Zaum halten musste, stand sie unter Adrenalin. Sie trat auf den Flur und blickte zu ihrem Schreibtisch, auf dem sich die Papiere stapelten, wo das Telefon niemals aufhörte zu klingeln – alles Pflichten, die ihr Job so mit sich brachte. Und dann waren da noch die zahlreichen ungelesenen Nachrichten in ihrem Eingangsordner.

Sie machte kehrt, wandte sich zum Ausgang und ging zum Fitnessstudio des FBI. Sie musste eine Menge Energie abbauen, und wenn sie schwitzte, klärte sich ihr Kopf, und sie konnte besser nachdenken.

Heute jedoch reizten sie weder das Aerobic noch die Laufbänder. Heute war ein guter Tag für den Sandsack. Zum Glück war er frei, das hieß, sie konnte loslegen, bevor das Adrenalin sich abgebaut hatte.

Sie liebte es, den Sandsack mit den Fäusten zu traktieren. Sie schlug auf Douglas Kilroy ein, auf Justin Black und die dreizehnjährige Winter, die ihren kleinen Bruder nicht hatte schützen können. Sie verprügelte ihre Eltern, weil sie gestorben waren. Sie schlug Max, ihren Freund Noah, Strickland und Haldane. Dann wieder Kilroy, den so genannten ‚Preacher’, den Auslöser von allem.

Sie schlug ihn wegen dem, was er getan hatte, weil er so war, wie er war und weil er gestorben war, ohne ihr den Aufenthaltsort ihres Bruders zu verraten. Sie schlug ihn wegen dem, was er Justin, ihr selbst und vor allem ihren Eltern angetan hatte.

Doch egal wie kraftvoll und wie schnell Winter gegen den Sandsack boxte, sie wollte Douglas Kilroy immer noch härter treffen. Sie legte ihre ganze Kraft in jeden einzelnen Schlag; mit den gutturalen Lauten, die sie dabei ausstieß, verfluchte sie sein Andenken.

Sie boxte um der Menschen willen, die in der Mall von Danville gestorben oder nur deshalb getötet worden waren, weil sie überlebt hatten. Um der Espersons und der Ulbrichs willen. Um Willas und der Young-Familie willen.

Vor allem aber wegen Mariah.

Als ihr die Opfer ausgingen, fühlten sich ihre Arme an wie Gummi, und ihr taten die Schultern weh. Sie richtete sich auf, streckte sich und stellte fest, dass man sie beobachtete. Unbehaglich schaute sie sich um.

Das waren nicht die abschätzenden Blicke, die Männer zu verbergen suchten, wenn sie eine trainierende Frau angafften. Diese Blicke hier waren eher verwundert und besorgt. Erstaunt und verärgert blickte sie in die Runde. Wenn noch jemand die Stirn runzelte, würde sie ihre Wut statt auf den Sandsack auf die nächste Person lenken, die sie fragte, ob sie noch bei Sinnen sei, oder die auch nur den Anschein erweckte, als wollte sie sie fragen. Jeder hatte das Recht, sich auf seine eigene Art abzureagieren.

Dann dachte sie an ihr Ächzen und die Laute und Worte, die sie hervorgestoßen hatte, und sie errötete, denn es waren ein paar erlesene Ausdrücke darunter gewesen.

Mit dem Handrücken wischte sie sich übers Gesicht, und da bemerkte sie das Blut. Sie hatte Nasenbluten. Sie wollte nach dem Tuch greifen, das sie für einen solchen Fall immer bei sich trug, bekam es wegen der Boxhandschuhe aber nicht zu fassen.

Kein Wunder, dass die anderen Männer und Frauen sie so aufmerksam beobachteten, als werde sie jeden Moment explodieren.

Zähneknirschend ignorierte sie sie, bis sie sich wieder mit ihren Gewichten und Laufbändern befassten. Sie wartete, bis sie zu Atem gekommen war, und wunderte sich darüber, dass der Sandsack ihre Attacken ohne Schaden überstanden hatte.

Jetzt schoss ihr ein Gedanke durch den Kopf, der im Widerspruch stand zu der strengen Professionalität, die sie sich unter großen Mühen erarbeitet hatte.

Ich muss dem Fall gar nicht zugeteilt werden.

Einen Moment lang bekam sie keine Luft mehr. Angestrengt überlegend und äußerlich ruhig, ging sie zu der Stelle, wo sie die Wasserflasche abgestellt hatte. Ich habe noch immer Zugang zu den Akten. Ich kann mir ansehen, wie die Ermittlungen laufen, und selbstständig damit arbeiten. Jedenfalls solange ich meine Privatermittlung geheim halte.

Sie zog mit den Zähnen den Schnürverschluss des rechten Handschuhs auf und schüttelte die Hand, bis er abfiel. Das wiederholte sie mit dem linken, dann band sie die Handschuhe aneinander und nahm einen großen Schluck aus der Flasche. Es tat gut, wie das kühle Wasser durch ihre Kehle rann.

So könnte es gehen. Niemand muss davon erfahren.

Aufgeregt schnappte sie sich das Handtuch, tupfte sich die Nase ab und wandte sich zur Dusche. Eine heiße Dusche, ein Happen Toast, und der Nachmittag war gerettet. Wenn alles glattlief, würde sie die kühle, gefasste Agentin spielen, und das würde es ihr ermöglichen, sich unbemerkt auf Gebieten umzutun, von denen sie eigentlich die Finger lassen sollte.

Im Eingang hielt sie inne, drehte sich um und verabschiedete sich stumm vom Sandsack und den vielen Opfern ihres Zorns, die er repräsentierte. Einen wilden, schwindelerregenden Moment lang fragte sie sich, ob es nicht am besten wäre, alles hinter sich zu lassen und den Gespenstern zu gestatten, ungehindert im Fitnessstudio umherzustreifen.

Das geht nicht. Ich kann das ebenso wenig zulassen, wie ich aufhören kann zu atmen. Ich bin nicht bereit zu vergessen. Das kann ich nicht, Justin. Du brauchst mich noch.

Als sie unter der Dusche stand, bestärkte das heiße Wasser sie in ihrem Entschluss. Die überschüssige Energie hatte sich abgebaut, und jetzt fühlte sie sich fit für den Tag, doch sie hatte nicht vor, untätig zuzusehen, wie der Fall ohne sie vorangetrieben wurde.

Sie musste dabei sein. Um des verängstigten kleinen Jungen willen, der vor dem Schlafzimmer ihrer Eltern gestanden hatte. Um ihretwillen. Justin hatte das verdient, und sie auch.

Wenn sie bei dem Idiotenjob im Büro versauerte, wären ihr die Hände gebunden.

Winter trocknete sich ab, flocht ihr Haar sorgfältig zu Zöpfen und zog die frische Kleidung an, die sie im Spind verwahrte. Zehn Minuten später ging sie zurück zu ihrem Schreibtisch.

Als Max ihren Namen rief, hielt sie inne. „Kommen Sie in mein Büro.“ Da sie sich nicht vom Fleck rührte, setzte er hinzu: „Jetzt gleich.“

Winter schluckte mühsam. „Jawohl, Sir.“

Die Angst kroch wie eine Spinne über ihre Haut, als sie seine Bürotür hinter sich schloss.

„Winter, wir haben ein Problem.“

Offenbar war ihm ihr kleiner Ausbruch im Fitnessstudio bereits zu Ohren gekommen. Und nun beurlaubte sie Max.

„Für wie lange?“

Sein Blick wurde milder. „Bis ich Sie auffordere zurückzukommen.“

Winters Ende Veröffentlichungen am 27. Mai. Jetzt zu Goodreads hinzufügen.

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Winters Ende by Mary Stone

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