Ein Vorgeschmack auf... Winters Aufbruch

Erstes Kapitel

Als der Nebel in Jensons Kopf sich lichtete, öffnete er die Augen einen Spalt weit. Zwar konnte er am Rande seines Gesichtsfelds eine Spur weißen Lichts wahrnehmen, doch der Rest des Raums war verschattet. Hinten in der Kammer gab es eine Tür, und im Licht des schmalen Fensters erkannte er einen düsteren Gang. Nichts von alldem war ihm vertraut.

Wo befand er sich?

Und wie war er hierher gelangt?

Langsam schlossen sich seine Lider, und die Erinnerung kehrte nach und nach zurück. Er sah den Parkplatz der Bar vor sich, wo die in den Fenstern leuchtende Neonschrift sich auf dem nassen Asphalt gespiegelt hatte.

Obwohl er gestern Nacht – war es gestern Nacht gewesen? – ein bisschen zu tief ins Glas geschaut hatte, hatte er seine Sorgen beiseitegeschoben und sich berappelt. Ein paar Blocks weiter gab es ein Lokal, in dem man rund um die Uhr frühstücken konnte, und dorthin war er aufgebrochen. Nach einer Mahlzeit und ein paar Tassen Kaffee hatte er zu seinem Wagen zurückkehren und heimfahren wollen.

Befand er sich jetzt zuhause?

Nein. Seit zehn Jahren wohnten seine Frau und er im eigenen Haus, und diese Kammer gehörte nicht dazu.

Mit vor Anstrengung zusammengebissenen Zähnen versuchte er, sich die verschwommene Erinnerung an seinen Weg zum Diner ins Gedächtnis zu rufen. Unbestimmt war ihm bewusst, dass er auf dem Bürgersteig gegangen war und nur sein Handydisplay beachtet hatte, nicht seine Umgebung.

Während er eine liebevolle Nachricht an seine Frau Faith Leary getippt hatte, war die Welt plötzlich in Finsternis versunken.

Allerdings hörte die Erinnerung damit nicht auf. Zumindest glaubte er das nicht. Er war sich sicher, den Diner betreten zu haben, und könnte schwören, dass er beim Passieren der vertrauten Flügeltür einen Augenblick verharrt hatte, um den Geruch von Röstkaffee und gebratenem Speck zu erschnuppern.

Er war durch die Tür gegangen, oder etwa nicht?

Nein, war er nicht. Als er das begriff, schlug er die Augen auf. Die Welt war in Finsternis versunken, bevor er auf dem Bürgersteig gelandet war, doch eines wusste er: Für einen Blackout war er nicht betrunken genug gewesen.

Man hatte ihn mit etwas betäubt. Nicht in der Bar, sondern schon auf dem verdammten Parkplatz. Ein Piks in den Nacken war von einem Sturz ins Nichts gefolgt worden.

Bei seinem ersten Erwachen lag sein schmerzender Kopf auf einem Kissen, und es war ihm beinahe gelungen, sich einzureden, er hätte es nach Hause geschafft. Als er sich jedoch unter einer leichten Decke auf der harten Liegefläche bewegt hatte, hatte er sich gefragt, ob er vielleicht neben dem Ehebett auf dem Boden eingeschlafen war.

Dann hatte er die Augen aufgeschlagen.

Er erinnerte sich, dass goldenes Sonnenlicht eine quadratische Luke in der Decke am anderen Ende des schmalen Zimmers hervorgehoben hatte. Ein Zimmer? Er hatte sofort gewusst, dass es sich um einen ihm unbekannten Raum handelte.

Von einem Adrenalinstoß durchschossen, der die Kopfschmerzen verjagte, hatte er die Decke abgeworfen und war aufgesprungen. Im kärglichen Licht hatte er die Wände abgetastet und gehofft, ja sogar gebetet, er möge einen Türgriff finden. Doch nichts als glattes, kaltes Metall hatte ihn empfangen.

Seine Bewegungen waren hektisch gewesen und bald schon nahezu panikartig. Immer wieder hatte ihn die eine Frage bestürmt – wo zum Teufel befand er sich? Im Rückblick war er sich selbst jetzt nicht sicher.

Als seine Augen sich an das schwache Licht gewöhnt hatten, entdeckte er etwas, und das weckte eine weitere Erinnerung. In der hinteren Ecke der Decke erkannte er eine dunkle Blase. Ein Kameraauge. Wo zum Teufel er sich auch immer war, jemand beobachtete ihn.

Als die Luke aufgegangen war, hatte das hereindringende Tageslicht heller als eine Supernova gewirkt, und er hatte die Hand heben müssen, um die Augen gegen diese höllischen Strahlen abzuschirmen.

„Wer sind Sie?“ Mit heiserer Stimme hatte er der Person, die in die Kammer hinabstieg, diese Frage gestellt. Er hatte sich nach Kräften bemüht, die Schultern zu straffen.

Jenson hatte kämpfen wollen.

Er war in einem Arbeiterviertel in Philadelphia groß geworden. Er wusste sich zu verteidigen, und mit seinen einunddreißig Jahren hatte er schon einige Gefahren durchgestanden. Doch als die Person sich ihm näherte, fühlte es sich an, als könnten seine beiden Einsätze in Afghanistan ebenso gut in einer anderen Dimension stattgefunden haben.

Genauso schnell, wie die dunkle Gestalt herankam, packten ihn erneut Kopfschmerz und Erschöpfung, und seine disziplinierte Kampfhaltung fiel in sich zusammen. Was auch immer man ihm am Vorabend gespritzt hatte, es war vom Adrenalinstoß nur kurzfristig besiegt worden, und er hätte schwören können, dass sein Gegenüber wusste, wie schnell die Energie aus Jensons erschlafften Muskeln weichen würde.

Nach einem weiteren Stich war die Welt erneut in Finsternis versunken.

Und jetzt befand er sich hier, in einem Raum, der wie eine der Zeit entrückte Wiederkehr eines Obdachlosenasyls der Sechzigerjahre wirkte.

„Sie sind wach“, ertönte hinter ihm eine Stimme.

Er versuchte, das Gesicht zur Seite zu drehen, um zu sehen, wo sie herkam, doch sein Kopf war in einer Vorrichtung fixiert, die sich seinem Blick entzog.

„Wer …“ Mehr bekam er nicht heraus. Seine Kehle war wund und sein Mund so trocken wie die ferne afghanische Wüste. „Wer sind Sie?“ Die kurze Frage stellte für ihn eine kaum zu bewältigende Aufgabe dar.

„Oh, Sie kennen mich“, antwortete die Frau mit einem Glucksen. Selbst ihre Belustigung fühlte sich eiskalt an.

Er blinzelte, bemüht, sich zu konzentrieren. Wollte sich erinnern. „N-nein, k-kenne Sie nicht.“ Es ärgerte ihn, dass er so nervös klang.

Wie sehr er es auch versuchte, es gelang ihm nicht, ihre Stimme zuzuordnen. Im Schweigen, das seinen Worten folgte, durchforstete er sein Gedächtnis nach jeder einzelnen Frau, die in letzter Zeit seinen Weg gekreuzt hatte. Keine von ihnen hörte sich so ähnlich an. Er wusste nicht, warum sie ihn zu kennen glaubte.

„Sie haben mich verwechselt“, brachte er heraus. Die Worte klangen dünn und kläglich, doch selbst die minimale Anstrengung des Sprechens erschöpfte ihn.

„Nein, Jenson. Ich habe genau den, den ich haben will.“ Es gab keinen Zweifel in ihrem Tonfall und keinen Raum für Diskussionen.

Ihrer Erklärung folgte ein metallisches Surren. Was zum Teufel war das? Ein Bohrer? Eine Säge?

Die Beschleunigung seines Pulsschlags verstärkte das Hämmern in seinem Kopf. Die Augen fest zusammengepresst wie ein Kind, das sich vor eingebildeten Ungeheuern verstecken will, die in den dunklen Ecken seines Schlafzimmers lauern, schluckte Jenson die Galle, die ihm in die Kehle stieg, herunter.

„Ich werde Sie nicht töten, Jenson.“

Ihre ruhigen Worte unterbrachen seine wirren Gedanken, doch er wünschte, sie hätte geschwiegen.

„Tatsächlich könnten Sie sogar ein Glückspilz sein. Wenn wir hier fertig sind, sind Sie vielleicht in besserer Verfassung als jemals zuvor. Entspannen Sie sich einfach. Ich habe das schon viele Male gemacht und weiß, was ich tue. Sie sind in guten Händen.“

Seine Angst wurde immer größer, und er glaubte ihren Beschwichtigungen nicht.

Als das metallische Surren lauter wurde, rief er sich seine Frau vor Augen. Faith war seit dreizehn Jahren an seiner Seite. Bei jeder Feier, jeder holprigen Stelle des Weges, jedem neuen Aufbruch hatte er sich immer auf ihr strahlendes Lächeln und das Funkeln in ihren goldgesprenkelten Augen verlassen können.

Doch jetzt war es aus.

Aus irgendeinem Grund konnte er nicht begreifen, dass er gleich sterben würde. Und er hatte es noch nicht einmal geschafft, die Textnachricht mit seiner Liebeserklärung an seine wunderschöne Frau abzuschicken.

Zweites Kapitel

Mit einem Lächeln und einem Fünfdollarschein verabschiedete Bree Stafford sich vom Fahrer der eleganten schwarzen Limousine. Als sie auf den Bürgersteig trat, blickte sie in einem Reflex zur Ecke des Gebäudes.

Vor drei Monaten hatte Douglas Kilroy – der Preacher, wie die Medien ihn so gern nannten – sie an eben dieser Straßenecke mit einem schnell wirkenden Beruhigungsmittel betäubt. Danach hatte das Schwein sie hinten in einen weißen Lieferwagen gezerrt und war mit ihr zum Rand einer kleinen Stadt in Virginia gefahren, McCook.

Vielleicht hätte die Begegnung mit einem so berüchtigten Killer sie zeichnen sollen, doch als sie zu der schlecht beleuchteten Ecke schaute, spürte sie nicht einmal eine Spur von Beklommenheit. Schließlich war Douglas Kilroy tot, und der Mann, mit dem sie sich heute Abend im Lokal treffen würde, hatte den tödlichen Schuss abgegeben.

So dankbar Bree dafür war, gerettet worden zu sein, wusste sie doch mit einer Gewissheit, die sie nicht vollständig verstand, dass sie es auf die eine oder andere Weise geschafft hätte, unverletzt aus Kilroys Fängen zu entkommen. Die Nacht in der verfallenen Kirche war nicht das erste Mal, dass jemand sie gefangengenommen hatte, doch sie hoffte, es würde das letzte Mal bleiben.

An einer Gruppe von Tischen und Bänken draußen neben dem Eingang erregte eine kurze Bewegung ihre Aufmerksamkeit. Der Schein von Noah Daltons Smartphone brach sich noch im Weiß seiner Augen, bevor er das Display ausschaltete, um das Gerät einzustecken.

Wenn Noah nicht im Büro war, würden wahrscheinlich die wenigsten Menschen erraten, dass er als FBI-Agent arbeitete. Mit dem karierten Flanellhemd über dem grauen T-Shirt, der abgetragenen Jeans und den staubigen Arbeitsschuhen sah er eher aus wie jemand, der gerade seinen Arbeitstag als Handwerker auf einer Baustelle beendet hatte.

Beim Blick auf ihre weiße Bluse und die eng anliegende schwarze Hose fühlte Bree sich overdressed. „Was machst du denn in der Raucherzone?“ Mit hochgezogenen Augenbrauen und einem fragenden Lächeln zog sie die Tür auf und winkte ihn herein.

„Was bist du nur für ein Gentleman, Bree.“ Noah Dalton lächelte sie auf dem Weg ins Lokal so entwaffnend an, wie es seine typische Art war. „Ich habe übrigens Mahjong gespielt und nicht geraucht. Meine Schwester hat immer gesagt, die coolsten Leute findet man im Raucherbereich. Bisher muss ich ihr recht geben. Dort riecht es zwar beschissen, aber ich bin da schon einigen ziemlich coolen Kätzchen begegnet.“

Bree konnte ihre Überraschung nicht verbergen. „Deine Schwester?“

Der schwarz gekleidete Rausschmeißer im Eingangsbereich erhob sich gar nicht erst von seinem Hocker, um sie um ihre Ausweise zu bitten. Er blickte nur von seinem Smartphone auf und nickte ihnen freundlich zu. Er kannte sie gut.

„Ja, meine Schwester“, antwortete Noah.

„Steht ihr euch eher fern? Ich kann mich nicht erinnern, dass du jemals eine Schwester erwähnt hast.“

Er zog eine seiner breiten Schultern hoch. „Im Gegenteil, wir sind uns nah. Vermutlich haben wir einfach bloß viel zu tun. Außerdem lebt sie ganz da unten in Texas, in Austin. Sie führt ein Tattoostudio, und es hat sich herumgesprochen, wie talentiert sie ist, darum wird sie seit ein, zwei Jahren mit Aufträgen überhäuft.“ Er zog die Schulter erneut hoch.

„Sie ist also dort und du bist hier“, hakte Bree in der Hoffnung nach, von diesem interessanten Mann weitere Informationen über sich selbst zu erhalten. Wäre sie nicht lesbisch, könnte er vielleicht ihr Typ sein. So oder so war er jedenfalls der Typ, der auf ihrer Seite stand.

Er zwinkerte ihr zu. „Schöne Ermittlungsarbeit, Bree. Ja, ich bin hier, und wir hier waren … na ja, vielleicht nicht mit Aufträgen überhäuft, aber du weißt, was ich meine.“ Sein Lächeln verblasste, und eine Andeutung von Niedergeschlagenheit trat in seine grünen Augen.

Diese bedrückte Stimmung war mit der Grund, aus dem Bree heute, an einem Donnerstag, den Abend im Lokal vorgeschlagen hatte. Abgesehen von einem kurzen Telefongespräch vor ein paar Tagen, in dem Noah Winter von der Spur berichtet hatte, die vielleicht zu ihrem verschollenen Bruder führen könnte, hatte keiner im Büro auch nur ein einziges Wort von Winter gehört.

Obwohl Noah sich redlich bemühte, sich seine düstere Stimmung nicht anmerken zu lassen, hatte Bree lange genug an der Seite des groß gewachsenen Mannes gearbeitet, um zu wissen, dass Winters Abwesenheit ihn belastete. Und da sie oft genug gesehen hatte, wie Winter und er miteinander umgingen, war ihr klar, dass er sich die Schuld an ihrer aller Unvermögen gab, Justin Black aufzuspüren.

Bree hatte ihn zunächst nur sanft daran erinnert, dass seine Entscheidung, Douglas Kilroy zu erschießen, richtig gewesen war, doch in den letzten Wochen hatte sie sich dazu immer nachdrücklicher geäußert.

Hätte er nicht genau im richtigen Moment abgedrückt, wäre Winter tot. So sah es aus. Ende der Durchsage.

Bree war in die ganze Folge von Ereignissen verwickelt gewesen, und der einzige Grund, aus dem nicht sie selbst den tödlichen Schuss abgegeben hatte, war ihre Sorge gewesen, das größere Kaliber ihrer Kugel würde durch Kilroy hindurchschlagen und Winter treffen.

Winter war intelligent, und Bree hatte Noah versichert, dass Winters eventuelle Verärgerung über Kilroys unzeitigen Tod niemals so lange vorgehalten hätte. Inzwischen hätte Winter diesen Punkt überwunden. Ob Noah ihr das einfach nicht glaubte oder aus einem anderen Grund beschlossen hatte, sich mit Schuldgefühlen zu beladen, wusste Bree nicht.

„Es klingt so, als wäre deine Schwester eine total coole Frau.“ Lächelnd dachte Bree an ihre Verlobte und deren großes Talent. Sie stürzte sich auf das neue Thema wie eine Ertrinkende auf ein Floß. „Meine Shelby ist eine fantastische Künstlerin. Du kennst doch das Gemälde in unserem Wohnzimmer, oder? Das Bild über der Couch?“

Bree beobachtete, wie Noahs Blick beim Durchforsten seiner Erinnerung nach oben wanderte. „Die Seerosen und der Alligator? Meinst du das?“

„Ja, genau. Das hat Shelby gemalt. Sie ist in Louisiana aufgewachsen, und es ist sozusagen ihr kleines Stück Heimat.“

„Wirklich?“ Noah kratzte sich die dunklen Bartstoppeln auf seinem Kinn. „Wow, das Bild ist wirklich toll. Wie ein Gemälde von Bob Ross oder so. Hängen bei euch noch mehr Bilder von ihr?“

„Ein paar.“ Bree nickte, unfähig, ihren Stolz zu unterdrücken. „Ich habe im Haus ein Arbeitszimmer und sie ein Atelier. Gerade hatte sie bei der Arbeit viel zu tun, und ihr blieb kaum Zeit zum Malen. Aber sobald es dort ein bisschen ruhiger wird, nimmt sie bestimmt wieder den Pinsel zur Hand. Soll ich bei ihr ein Bild für dich in Auftrag geben?“

Auf dem Weg zur Theke schob er die Hände in die Hosentaschen und nickte. „Meine Einrichtung ist noch immer sehr schlicht. Vielleicht wäre es schön, etwas Buntes in der Wohnung zu haben. Ich kann dafür bezahlen.“

Bree winkte ab und schüttelte den Kopf. „Nicht nötig. Du bist unser Freund. Es ist ein Werk der Liebe.“

„Ich überleg mir was zum Ausgleich.“ Mit breitem Lächeln sah er sie an. „Ich hab mir das Kochen beigebracht, und inzwischen mache ich meine Sache ziemlich gut. Ich kann einfach rüberkommen und eine Woche lang für euch kochen oder so.“

„He, sag das nur, wenn es dir ernst damit ist“, erwiderte Bree lachend. „Vielleicht wundert dich das, aber Shelby hat einen unglaublichen Appetit. Sie ist Schwimmerin, und bei denen scheint das so üblich zu sein.“

„Da hat sie Glück, denn meine Momma hat mir nur beigebracht, wie man für eine ganze Armee kocht. Ich weiß eigentlich gar nicht, wie man ein Gericht für eine einzige Person zubereitet, und darum habe ich praktisch nie nur für mich selbst gekocht.“

„Shelby kann wie eine ganze Armee essen, das trifft sich also gut.“ Lachend wandte Bree sich um und winkte der Frau hinter der Theke zu.

Mit einem ungezwungenen Lächeln folgte Noah ihrem Beispiel. „Kennst du sie?“

Der Rotschopf winkte zurück und begrüßte dann ein Paar, das kurz nach Bree und Noah eingetroffen war.

„Gewissermaßen“, antwortete Bree achselzuckend. „Shelby ist ganz begeistert von ihr. Vor ein paar Monaten musste ich abends arbeitsbedingt noch mal los, und da ist Shelby einfach hier an der Theke sitzen geblieben und hat sich stundenlang mit ihr unterhalten. Seitdem nimmt Shelby sie bei jeder Begegnung kurz in den Arm. Ehrlich, es ist total süß.“

Sie hatten inzwischen einen Lieblingstisch gefunden, und als sie sich dort setzten, machte Noah ein nachdenkliches Gesicht. „Hm, das ergibt dann wohl Sinn.“

„Was?“ Bree furchte die Stirn. „Ich glaube, du hast den ersten Teil des Satzes vergessen, Kumpel.“

„Oh, richtig, stimmt. Die Frau ist diejenige, die auf deine Freunde verwiesen hat, damals in der Nacht, als … na ja … du weißt schon.“ Er beendete den Satz nicht und warf ihr einen unglücklichen Blick zu.

„Ach so  …“ Bree zog die Augenbrauen hoch. „Du meinst die Nacht, in der Kilroy mich geschnappt hat? Ja, ich erinnere mich an diese Nacht.“

Noahs glucksendes Lachen war ein bisschen selbstironisch. Er griff nach der Speisekarte.

„Schon gut, Dalton.“ Sie lachte. „Es ist übrigens nicht das erste Mal, dass ich entführt worden bin. Ich war früher in der Bekämpfung der organisierten Kriminalität tätig, schon vergessen? Das ist ewig her, damals warst du wahrscheinlich noch in der Grundschule.“

„Wirklich?“ Er blickte von der Speisekarte auf. „Das hast du nie erwähnt. Anscheinend lernen wir heute Abend alles mögliche Neue übereinander.“

„Wohl schon.“ Bree lachte. „Ich schlage dir einen Deal vor. Du erzählst mir mehr von deiner Schwester, der Tattoo-Künstlerin, und ich erzähle dir von all der verrückten Scheiße, die passiert ist, als ich in Baltimore in der Abteilung für organisierte Kriminalität gearbeitet habe.“

„In Baltimore?“

„Wie gesagt, es ist eine Ewigkeit her. Zwanzig Jahre, Kumpel. Ich war etwa fünf Jahre in Maryland, und dann bin ich hierhergekommen. Und eines kann ich dir sagen, die organisierte Kriminalität ist anders. Total anders, und nichts für schwache Nerven.“

Er sah sie ungläubig an. Soll das ein Scherz sein?

Bree lachte. „Schon gut, schon gut, was wir hier machen, ist auch nichts für schwache Nerven. Aber wenn man für die Abteilung für organisierte Kriminalität arbeitet, kann einen das nach Hause verfolgen, falls man nicht aufpasst. Ich hab nie als verdeckte Ermittlerin gearbeitet oder so, aber ich kenne Leute, die es getan haben. Für diese Art Arbeit ist man entweder geschaffen oder eben nicht. Dazwischen gibt es nichts.“

„Okay, ich hoffe, du weißt, was ich von jetzt an tun muss.“ Klatschend schlug er mit der Speisekarte auf die sauber gewienerte Tischplatte. „Ich muss anfangen, bei der Arbeit Witze über The Wire zu reißen.“

Bree lachte und versuchte nicht einmal, ihren ungläubigen Tonfall zu unterdrücken. „Du hast The Wire gesehen? Das kommt mir so gar nicht wie eine Serie vor, die dir liegen könnte.“

„Ich weiß nicht, wie ich das auffassen soll.“ Er hielt inne, um einen gespielt nachdenklichen Blick aufzusetzen, was ihn sogar noch jünger wirken ließ. „Aber um deine Frage zu beantworten, natürlich habe ich The Wire gesehen. Es ist die beste Serie aller Zeiten. Was dachtest denn du, was ich schaue?“

Sie dachte eine ganze Weile über die Frage nach. „Ehrlich gesagt, keine Ahnung.“ Brees Lächeln vertiefte sich, und sie breitete die Hände aus. „Wie du selbst gesagt hast, wir lernen heute Abend alles mögliche Neue übereinander.“

Bree, die ihn lachen sah, sagte sich, dass sie ihm notfalls eine Zusammenfassung ihrer kompletten FBI-Karriere geben würde, wenn sie ihn damit nur aus dem Fahrwasser der Trostlosigkeit holen könnte, in dem er seit einigen Monaten schwamm. 

Das FBI von Richmond war in den Abendstunden kaum besetzt, und die einzige Person, an der SSA Parrish auf dem Weg zu Max Osbournes Büro vorbeikam, war Sun Ming. Selbst drei Monate nachdem eine Kugel sie in die Schulter getroffen hatte, lag ihr Arm immer noch in einer blauen Schlinge.

Sie und ein weiterer FBI-Agent waren in der Nacht, in der Douglas Kilroy erschossen wurde, als Verstärkung zu einem Einsatz gefahren. Ihre Unterstützung war nicht in der Kirche am Rand von McCook erbeten worden, sondern am Schauplatz eines Massakers, das mit einer Geiselnahme endete.

Einer der beiden Täter war bei dem Feuergefecht angeschossen worden, doch vorher hatte er einen Schuss abgegeben und Suns linke Schulter getroffen. In Fernsehpolizeiserien wirkten Schüsse in die Schulter wie oberflächliche Verletzungen, doch eine vollständige Genesung war selten und schnelle Genesungen noch seltener. Trotz der intensiven Physiotherapie würde Sun von Glück sagen können, wenn ihr Arm irgendwann wieder voll einsatzfähig wäre.

Suns Verletzung und Winters Abwesenheit hatten bei Aiden das Gefühl erzeugt, dass sie sich niemals von dieser schicksalhaften Nacht erholen würden.

In den vergangenen drei Monaten hatten Noah Dalton und er selbst ihre Meinungsverschiedenheiten hintangestellt, um eine Spur zu suchen, die zu Justin Black führte. Die Ermittlungen waren zunächst zäh verlaufen, doch Anfang der Woche hatte ihre Sorgfalt sich endlich ausgezahlt.

Erst wenige Tage zuvor hatten sie einen Tipp bekommen, und der hatte ihnen den Durchbruch verschafft, den sie so dringend brauchten. Eine Frau, die vor Kurzem Großmutter geworden war und sich ein halbes Jahr lang in einem anderen Bundesstaat bei ihrer Tochter und dem Neugeborenen aufgehalten hatte, erinnerte sich daran, Douglas Kilroy in eben dem Selfstorage-Gebäude gesehen zu haben, in dem sie selbst Lagerraum gemietet hatte.

Nachdem Aiden und Noah sich endlich Zugang zu der Box des Preachers verschafft hatten, waren sie seine kärglichen Besitztümer durchgegangen. Viel hatten sie nicht gefunden, immerhin aber einen Hinweis darauf entdeckt, dass ein Junge im Highschool-Alter für eine unbestimmte Zeit unter Kilroys Obhut gestanden hatte. Abgesehen von der Tatsache, dass es diesen Jungen gab, hatten sie bedauerlich wenige Anhaltspunkte, doch Aiden hatte sich so sehr daran gewöhnt, mit leeren Händen dazustehen, dass diese vage Information ein riesiges Gewicht zu haben schien.

Max Osbournes Tür stand offen, und Aiden klopfte gegen den Metallrahmen. Die Augen des Special Agent in Charge – des Leiters – der Abteilung für Gewaltverbrechen lösten sich von seinen beiden Computerbildschirmen und richteten sich auf Aiden. „Parrish. Kommen Sie herein.“

SAC Osbourne tippte noch kurz etwas auf seiner Tastatur und wandte sich dann dem Mann vor seinem Schreibtisch zu. Beide Ellbogen auf die mattschwarze Tischplatte gestemmt, rollte er mit seinem Bürosessel ein Stück heran.

Max ließ Aiden, der sich auf einen der Stühle vor seinem Schreibtisch setzte, nicht aus den Augen. „Welchem Umstand habe ich dieses Vergnügen zu verdanken, SSA Parrish?“

Die Skepsis in seiner Stimme war unüberhörbar. Aiden und Max hatten nicht oft miteinander zu tun, und Aiden spürte, dass seine Bitte um ein Gespräch das Misstrauen des älteren Mannes erregt hatte.

„Es ist jetzt schon drei Tage her, seit Noah Dalton Winter Black kontaktiert hat. Warum zum Teufel ist sie noch nicht aufgetaucht? Ohne sie kommen wir in dieser Ermittlung nicht weiter.“

Aiden versuchte es mit einer gezielten Frage, weil er hoffte, Max dadurch weniger zu reizen. Er kannte den erfahrenen SAC nicht gut, doch wann immer er mit ihm zu tun gehabt hatte, hatte er die Erfahrung gemacht, dass der Mann eine direkte Herangehensweise schätzte.

„Sie wissen, dass ich Ihnen das nicht sagen darf, Parrish.“ Max’ Stimme war ausdruckslos, fast so, als hätte er von vornherein mit dieser Frage gerechnet.

„Seit wann sind Sie in einer solchen Situation zur Verschwiegenheit verpflichtet?“ Aiden bemühte sich nach Kräften, ebenfalls äußerst gleichmütig zu klingen, doch er bezweifelte, dass irgendjemand anderes sich genauso blasiert geben könnte wie Max.

„Wenn meine Agents mich aus persönlichen Gründen um unbezahlten Urlaub bitten, behalte ich diese Gründe für mich. Die gehen Sie nichts an, Parrish, es sei denn, Agent Black möchte, dass sie Sie etwas angehen. Wenn Sie wissen wollen, warum sie nicht hier ist, sollten Sie sie vielleicht selbst fragen.“

Aiden schaffte es nur mit Mühe, nicht genervt die Augen zu verdrehen. „Das habe ich versucht. Sie nimmt nicht ab, wenn ich anrufe. Weder bei mir, noch bei Dalton, noch bei Agent Stafford.“

„Haben Sie schon einmal darüber nachgedacht, dass sie vielleicht einen guten Grund hat? Sie sind ein kluger Mensch, Parrish. Der Leiter der verdammten Abteilung für Verhaltensanalyse. Da sollten doch Sie als Erster sich einen Grund zurechtlegen können, aus dem jemand Abstand von seinen Freunden und Kollegen braucht.“

Über den Spott verärgert, räusperte Aiden sich. „Es gibt viele Gründe, aus denen jemand sich von seinem Umfeld zurückziehen könnte, aber hier werden dadurch laufende Ermittlungen behindert.“

Diese Aussage war korrekt, das Bedürfnis, eine neue Spur zu finden, war jedoch nicht der wichtigste Antrieb hinter seinen eisernen Bemühungen, Winter nach Richmond zurückzuholen. Bei diesem Gedanken biss er die Zähne zusammen und zwang sich, auf Osbourne zu achten.

„Dann tun Sie das, was Sie mit jeder anderen Zeugin auch tun würden, Parrish.“ Achselzuckend ließ Max sich in seinen übergroßen Bürosessel zurücksinken.

„Sie wollen, dass ich eine gerichtliche Vorladung erwirke, damit eine FBI-Agentin wieder bei der Arbeit erscheint?“, hakte Aiden nach und bemerkte mit zusammengezogenen Augenbrauen die Belustigung, die über Max’ Gesicht huschte.

„Tun Sie, was Sie tun müssen, Parrish. Ich vertraue Ihrem Instinkt. Falls Sie denken, es wäre das richtige Mittel, um Zugriff auf Agent Black zu bekommen, wissen Sie, wo das Gericht ist. Ich werde Sie nicht aufhalten.“

In dem Schweigen, das sich im Raum ausbreitete, musste Aiden sich heftig zusammenreißen, um nicht über den Schreibtisch zu hechten und Max mit beiden Händen zu würgen.

Ein oder zwei Tage nach Kilroys Tod war Winter offiziell zur Abteilung für Gewaltverbrechen zurückversetzt worden. Als Aiden begriffen hatte, dass sie nicht plante, bald wieder zur Arbeit zurückzukehren, befand sich ihr Personalbogen bereits wieder bei Max unter Verschluss.

Auch wenn Aiden nicht wirklich böse auf Max Osbourne war, musste er sich doch zwingen, einige gereizte Bemerkungen darüber zu unterdrücken, dass dieser Kerl dermaßen mauerte. Genauso gut hätte er sich mit einem Granitklotz unterhalten können.

„Verdammt, Osbourne“, knurrte Aiden. „Sie können mir nicht einfach sagen, wann sie zurückkommt?“

„Wenn ich Sie damit loswerden würde, wäre es das Erste, was ich Ihnen mitgeteilt hätte“, erwiderte Max. „Ich wollte nämlich gerade gehen, und meine Frau hat zum Abendessen Lasagne gemacht. Vielleicht bedeutet Ihnen das nicht viel, aber das liegt daran, dass Sie noch nie Amys Lasagne gegessen haben. Sollte diese Lasagne kalt werden, bevor ich sie essen kann, mache ich Sie persönlich dafür verantwortlich.“

„Herrgott“, murmelte Aiden.

„Das heißt übrigens nein. Nein, ich sage Ihnen nicht, wann Winter zurückkommen will. Und auch nicht, warum sie nicht zur Arbeit erscheint. Betrachten Sie es doch einmal von der anderen Seite. Hätte es damals in Ihrer Zeit als einfacher Agent einen Grund gegeben, aus dem Sie unbezahlten Urlaub hätten nehmen müssen, hätten Sie dann gewollt, dass Ihre Vorgesetzte allen Kollegen davon erzählt? Und falls sie es getan hätte, hätten Sie ihr danach je wieder vertraut?“ Max beugte sich vor und fasste Aiden mit einem harten Blick ins Auge. „Wenn Sie auch nur eine dieser Fragen bejahen, glaube ich Ihnen kein Wort.“

Er hatte recht.

„Schön“, knurrte Aiden und stand auf. „Ich werde Winter erzählen, wie großartig Sie ihre persönlichen Daten beschützt haben.“

„Ja, tun Sie das“, erwiderte Max und verschränkte mit einem zufriedenen Blick die Hände hinter dem Kopf. „Bis morgen.“

„Ja. Gute Nacht, Osbourne.“

„Nur noch eines, Parrish.“

Aiden war gerade bei der Tür angekommen und blieb stehen, um sich dem SAC wieder zuzuwenden.

„Winter Black ist eine verdammt gute Agentin, und ich habe nie erlebt, dass sie ihr Engagement für die Abteilung hier nicht ernst nimmt. Ich weiß nicht, mit welchen Tricks Sie es geschafft haben, dass sie in die Abteilung für Verhaltensanalyse versetzt wurde, oder wie Sie sie in die Kilroy-Ermittlungen hineingezogen haben, aber sollten Sie so etwas noch einmal versuchen, haben wir beide ein viel größeres Problem als kalt gewordene Lasagne.“

Aiden wollte auffahren. „Ich …“

Max stand auf, stützte sich vorgebeugt mit den Handknöcheln auf dem Schreibtisch ab und walzte ihn platt. „Keine Ahnung, welche Art von persönlichem Interesse Sie an ihr haben, aber diesen Mist sollten Sie an der Bürotür abgeben. Sie sind Leiter einer Abteilung, Parrish, und kein Babysitter. Winter Black ist erwachsen und absolut fähig, ihre Entscheidungen selbst zu treffen.“

„Ich verstehe …“

Max hob die Hand. „Es ist mir egal, ob Ihr Gemauschel dazu dienen sollte, dafür zu sorgen, dass sie Büroarbeit erledigt und sich nicht in Gefahr begibt. Ganz ehrlich, wenn das Ihr Beweggrund war, ist das ein ziemliches Machogehabe, oder? Sie sind nicht ihr Aufpasser. Winter Black braucht keinen Beschützer. Wenn Sie weiterhin versuchen, sie zu beschützen, würgen Sie sie nur ab. Sie wird hier gute Arbeit leisten, und Sie können sie entweder behindern oder ihr den Weg freimachen.“

Winters Aufbruch Veröffentlichungen am 29. Oktober. Jetzt zu Goodreads hinzufügen.

(Um weiterzulesen Winters Aufbruch Klicken Sie hier)

Winters Aufbruch by Mary Stone

SUBSCRIBE TODAY TO GET A FREE BOOK!