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Mary Stone - Autumns Schlag (Autumn-Trent-Serie 7

A Taste of… Autumns Schlag

Erstes Kapitel

Ely Turner lockerte seine Krawatte, stellte seine Aktentasche auf dem glänzenden Tisch im Eingangsbereich ab und stieß einen leisen Pfiff aus.

Es war verdammt gut, zuhause zu sein.

Das Licht der späten Nachmittagssonne fiel durchs Fenster auf den schimmernden Mahagoniboden, wo kein einziges Stäubchen störte. Vom antiken Büffet über den importierten Couchtisch bis zum eleganten Kronleuchter mit seinen Hunderten Glaskristallen glänzte jede Oberfläche von frischer Politur oder frischem Wachs.

Cheryl achtete immer darauf, dass ihr Haus sauber und gepflegt war, aber gerade jetzt ähnelte es einem königlichen Palast.

Hoffentlich hatte sie der Reinigungskraft heute Vormittag ein Extratrinkgeld gegeben.

Er ließ die Schultern kreisen und schüttelte den letzten Rest von Bürostress mit einem Seufzer ab. Nichts war schöner, als abends nach Hause zu kommen. Jedenfalls, wenn das Zuhause ein so wundervolles Refugium war wie dieses hier.

Sobald Ely seinen Hemdkragen aufgeknöpft hatte, folgte er dem Duft von Knoblauch durch das offene Erdgeschoss. Als prominenter Rechtsanwalt in der Hauptstadt Washington kam er täglich mit sehr vielen mächtigen Menschen zusammen. Heute Abend hatte er mehrere Kollegen zum Essen eingeladen, und Cheryl war eine begeisterte Gastgeberin. Zweifellos hatte sie Stunden auf die Zubereitung der Speisen verwandt, die jetzt einen so köstlichen Duft verbreiteten, dass ihm der Magen knurrte.

Cheryl mochte das Putzen an eine bezahlte Kraft abgegeben haben, doch wenn es ums Kochen ging, wollten alle, die das Glück gehabt hatten, an ihrem Esstisch zu sitzen, ihrem Können fünf Sterne verleihen.

Als er die Küche betrat, stand seine Frau, genau wie erwartet, über die Theke gebeugt und vermischte Zutaten in einer großen Glasschüssel. Cheryl erfüllte es mit Stolz, eigene Gerichte zu kreieren, und wenn sie Gäste hatten, zeigte sie ihre Kochkünste gerne her, doch nicht die kulinarischen Wunder, die sie vorbereitete, stachen ihm ins Auge.

Sondern ihre Schönheit.

Fasziniert betrachtete er die Figur seiner Frau, die mit dem Rücken zu ihm am Tresen werkelte. Ihr langes Haar war in perfekte Locken gelegt worden, und wenn sie sich bewegte, schwang die dunkle Pracht hin und her.

Sein Blick wanderte nach unten, und sein Atem beschleunigte sich. Ganz besonders ihr Arsch war wirklich hinreißend. Natürlich hatte er das nie zugegeben, doch ihr süßes, pfirsichrundes Hinterteil war eines der ersten Dinge, die ihm an ihr aufgefallen waren. Vielen seiner Kollegen war diese Besonderheit ebenfalls ins Auge gestochen, und zwar bei mehr als einer Gelegenheit.

Ein weniger selbstbewusster Mann wäre vielleicht eifersüchtig geworden, aber nicht Ely. Diese ganze Aufmerksamkeit machte ihn nur noch stolzer darauf, dass Cheryl sich für ihn entschieden hatte.

Er schlängelte sich an sie heran und schlang ihr die Arme um die Taille. „Das riecht köstlich, Liebling.“ Sie quietschte, drehte sich um und schlug ihn auf die Schulter. „Du weißt genau, du sollst dich nicht an mich ranschleichen, wenn ich koche.“ Die Fröhlichkeit, die aus ihren wunderschönen Augen sprühte, strafte ihre strengen Worte Lügen.

Beim Blick in ihr Gesicht mit den rosigen Wangen stockte ihm der Atem. Sie schlang ihm die Arme um den Nacken und beugte seinen Kopf herunter, bis ihre Lippen sich trafen. Er zog sie an sich, legte die Hand um ihren saftigen Arsch und vergaß seine Kollegen vollkommen.

Ely wollte sie schon hochheben und auf die Theke setzen, da entwand sie sich ihm. „Okay, Cowboy, das reicht jetzt erst mal.“ Als er protestierend stöhnte, musste sie kichern. „Bloß weil ich Myrtle früher nach Hause geschickt habe, darfst du hier nicht einfach reinmarschieren und mich vernaschen.“

Mit vor der Brust verschränkten Armen lehnte er sich gegen den Kühlschrank. „Doch, genau das darf ich. Ich bin Anwalt. Ich weiß so was.“

Ihr ansteckendes Lachen lockte auch bei ihm ein Lächeln hervor. „Es ist sechs Uhr, Mr. Alleswisser. Du musst dich duschen. Und zwar in Lichtgeschwindigkeit.“

Er grinste hinterlistig. „Nur wenn du mitkommst.“

Cheryl schlug mit einem Geschirrhandtuch nach ihm. „Ich muss noch das Hähnchen begießen, die gefüllten Pilze grillen und das frisch gebackene Brot aufschneiden. Du bleibst wohl auf dich gestellt.“

Ely schob die Unterlippe vor, als würde er schmollen. „Okay, aber dann stelle ich mir dich während des ganzen Abends nackt vor. Damit musst du klarkommen, Mrs. Turner.“ Als er die Treppe hinaufstieg, folgte ihm ihr Lachen.

Später würde er ihr beim Abendessen zuzwinkern, wenn sie es am wenigsten erwartete, und es genießen, wie sie rosa anlief. Nach der Party würde er es dann mehrmals hintereinander mit ihr treiben.

Grinsend machte Ely sich daran, in Lichtgeschwindigkeit zu duschen, wie er es seiner Frau versprochen hatte. Schon bald würden sich einige der arroganten Pinkel um seinen Esstisch versammeln, die seine Anwaltskanzlei ‚zierten‘, und ebenso ihre hochnäsigen Frauen.

Als aus dem riesigen Duschkopf Wasser auf seinen Kopf prasselte, seufzte er.

Warum noch mal machen wir das?

Cheryls lachendes Gesicht trat vor sein inneres Auge. Sie war so gern Gastgeberin. Wenn es sie glücklich machte, seine Kollegen zum Dinner zu bewirten, war der Abend die Mühe wert. Solange keiner dieser Drecksäcke zu lange auf ihren Arsch starrte.

Es gab eine feine Grenze zwischen Anerkennung und lüsternem Gaffen.

Ely trocknete sich mit einem der unglaublich flauschigen Handtücher ab, die seine Frau so gern kaufte, und zog seine Boxershorts an. Barfuß ging er über die maßgefertigten Steinfliesen zum riesigen begehbaren Kleiderschrank, in den Cheryl ihm mit Sicherheit ein frisch gestärktes Hemd und eine tadellos gebügelte Anzughose gehängt hatte.

Trotz der bevorstehenden Abendgesellschaft musste er lächeln. Wenn man bedachte, mit was für Xanthippen einige seiner Kollegen gestraft waren, hatte er ein Riesenglück gehabt. Die Ehe war nicht immer einfach, aber seine Frau gab niemals auf, und er würde das auch nicht tun. Mit Cheryl hatte er den Jackpot geknackt.

Er schwang die Schranktür auf und legte den Lichtschalter um. Es blieb dunkel. Mehrmals wiederholte er das Schalten erfolglos, dann brach er den Versuch ab und trat in den Schrank ein. Die Birne war wohl durchgebrannt. Er würde sie später wechseln. Von außerhalb sickerte genug Licht herein, dass er sich seine sauberen Kleider nehmen konnte.

Ely griff gerade nach seinem Hemd, da traf ihn ein Elektroschock am Hals. Ein fürchterlicher Schmerz schoss durch seinen Körper, dann verloren seine Beine die Kraft, und er brach auf dem Boden zusammen.

In flachen, kleinen Schüben kehrte Ely aus der Leere ins Bewusstsein zurück. Sein Schädel hämmerte, und sein ganzer Körper tat weh, als hätte er frisch mit einem CrossFit-Training angefangen.

Was zum Teufel war passiert?

Gestern war doch die Abendgesellschaft gewesen. Oder? So, wie es in seinem Kopf pulsierte, musste er sich fürchterlich besoffen haben.

Na toll, das hatte ihm ja gerade noch gefehlt, sich wie ein Collegestudent vor seinen Kollegen bis zur Bewusstlosigkeit volllaufen zu lassen. Bestimmt war seine wundervolle Frau jetzt total sauer auf ihn. Er wollte die Hand zur anderen Bettseite ausstrecken, doch sein Arm verharrte reglos.

Himmel. Wie sternhagelvoll warst du eigentlich, du Idiot? Cheryl bringt dich um.

Allmählich lichtete sich der Nebel in seinem Kopf, und Ely kam so weit zu sich, dass er den Rest seines Körpers wahrnehmen konnte. Er lag nicht auf dem Rücken im weichen Kingsize-Ehebett, und er schaute auch nicht zur weißen Zimmerdecke hoch.

Irgendetwas stimmte absolut nicht.

Mit einem Ruck schlug er die Augen auf. Er lag überhaupt nicht. Er war an Cheryls thronartigen Schminkstuhl gefesselt. Jemand hatte ihn mit Schichten von Isolierband umwickelt, und zwar so dick, als wären seine Fesseln in den Eingeweiden der Hölle ersonnen worden.

Ely lauschte, ob er irgendwelche Geräusche erkannte, doch das Herz hämmerte ihm zu heftig in den Ohren. Was war hier los? Spielte seine Frau ihm einen Streich? Vielleicht hatte er sich so schlimm besoffen, dass er besinnungslos auf dem Stuhl zusammengebrochen war, und sie zahlte es ihm mit diesen Fesseln heim.

Sofort verwarf er den Gedanken wieder. Das wäre so gar nicht Cheryls Art … wie also war er in diese Lage geraten?

„Cheryl?“ Er wollte die Worte mit den Lippen formen, doch es kam nur ein gedämpfter Laut heraus. Nun war er schon etwas klarer im Kopf.

Ein Knebel. Jemand hatte ihm einen dicken Knebel in den Mund geschoben.

Die nackte Brust von Schweiß bedeckt, zerrte er an seinen Fesseln. Sie hielten stand. Nur mit einer Boxershorts bekleidet, war er an den stabilen Stuhl gefesselt. Sein Hals pulsierte schmerzhaft, als wäre er dort viele Male geschlagen worden. All das ergab überhaupt keinen Sinn.

Du bist aus dem Bad gekommen … und dann … in den Schrank getreten, um deine Kleider zu holen, und …

Ein elektrischer Schlag. Schmerz.

Er erstarrte vor Schreck, und ein Schauer lief ihm über den Rücken.

Himmel. Im Schrank hatte sich jemand versteckt gehalten. Um sich an ihn heranzuschleichen? Und mit einem Taser außer Gefecht zu setzen?

Als ihm klar wurde, in was für einer Lage er war, spannte sich jeder Muskel seines Körpers vor Entsetzen an.

Jemand hatte die ganze Sache geplant. Schlimmer noch, die Person befand sich wahrscheinlich noch im Haus.

Die Haut vor Angst feucht und kalt, suchte er mit dem Blick das Schlafzimmer ab. Wo? Wo war die Person? Was wollte sie?

Er konnte keinen Eindringling entdecken, doch das hatte nichts zu bedeuten. Vielleicht versteckte er sich hinter dem Bett oder im Kleiderschrank oder wühlte unten in ihren Sachen herum.

Sein Mund wurde trocken. Unten.

Cheryl.

Ely wollte den Namen seiner Frau brüllen, doch die vom Knebel gedämpften Rufe hätten nicht einmal eine Person alarmiert, die auf seinem Schoß saß, geschweige denn jemanden in einem anderen Zimmer.

Was, wenn Cheryl bereits tot war?

Adrenalin schoss durch seine Adern. Er kämpfte gegen seine Fesseln an und wippte mit dem Körper in alle Richtungen. Doch das bewirkte nur, dass der schwere Stuhl wackelte und umzukippen drohte. Hilfloser Zorn stieg in ihm auf. Fünf Mal pro Woche anderthalb Stunden Fitnesstraining, und trotzdem kam er nicht gegen ein paar Streifen Isolierband an.

„Ely? Schatz? Bist du da oben bald fertig?“ Cheryls melodische Stimme drang in den Raum, und eine riesige Last fiel ihm von der Seele. Sie war quicklebendig.

Elys Erleichterung verflog sofort, als ihm ein gedämpftes Lachen in die Ohren drang. Er fuhr mit dem Kopf zu dem Geräusch herum, doch dort neben der Schlafzimmertür, wo es hergekommen war, stand nur der schwere Holzschrank seiner Frau.

Spielte seine Fantasie ihm einen Streich, oder versteckte sich dort jemand im Schatten? Und wartete einfach ab, bis Cheryl eintrat?

Sein Puls war wie ein Rattern in seinen Ohren.

Nein! Komm nicht hoch, Schatz. Bitte. Verschwinde aus dem Haus. Lauf weg. Wähl die neun-eins-eins.

Doch der Knebel verschluckte seine Warnrufe.

„Schatz?“ Diesmal schwang eine leichte Verärgerung in der Stimme seiner Frau mit. „Du musst dich beeilen. Ich möchte die Gäste nicht alleine empfangen. Ely? Ely? Überhörst du mich absichtlich?“

Das Klacken ihrer Absätze auf der Holztreppe entfachte eine Panik in ihm, wie er sie in den zweiunddreißig Jahren seines Lebens noch nie durchgestanden hatte. Seine wunderschöne Frau kam die Treppe herauf und lief direkt in eine Falle. Er hatte die Aufgabe, sie zu beschützen. Sie vor allem Schlimmen zu beschirmen.

Und nun tat er genau das Gegenteil. Wahrscheinlich führte er sie als Köder ins Verderben.

Er kämpfte gegen seine Fesseln an. Doch das Isolierband hielt stand. Cheryls Absätze klackerten durch den Flur zum Schlafzimmer. Schweiß lief ihm die Wangen hinunter, und er versuchte, erneut zu schreien. Doch er war kaum lauter als eine Maus.

„Was sind das für komische Geräusche, Mensch. Jetzt sag mir nicht, dass du dich da oben versteckst, um wieder mal einen dieser lächerlichen Affenfilmchen auf YouTube zu schauen.“ Ihre Schritte kamen näher.

Als die schlanke Hand seiner Frau an der Tür auftauchte und sie weiter aufschob, waren Elys Muskeln so krampfhaft angespannt, dass er fast glaubte, in zwei Teile zu zerbrechen.

Einen Moment lang verharrte Cheryl mitten im Schritt und öffnete verwirrt die Lippen. „Was machst du …“ Mit aufgerissenen Augen registrierte sie, dass er gefesselt und geknebelt war. „Oh Gott!“

Cheryl stürzte auf ihn zu, was Ely mit Entsetzen erfüllte. Er schüttelte heftig den Kopf und versuchte, eine Warnung zu schreien. Er brauchte nur eine einzige Silbe hervorzustoßen: „Flieh.“

Das Geräusch, das er herausbrachte, war unverständlich, doch Cheryl zögerte. „Ely?“, fragte sie mit bebender Stimme und machte einen weiteren zögernden Schritt auf ihn zu.

Hinter ihr, in dem Winkel zwischen dem Schrank und der geöffneten Tür, schlich eine Kapuzengestalt langsam aus ihrem Versteck.

Es war, als durchlöcherte die Angst Elys Lunge und saugte allen Sauerstoff heraus. Krampfhaft schüttelte er den Kopf und riss die Augen auf, bemüht, ihr mit jedem Teil seines Körpers, den er bewegen konnte, eines klarzumachen: „Verschwinde!“

Der Befehl war bloß ein Lallen, doch diesmal verstand sie ihn. Sie warf ihm einen Blick zu, in dem halb Verzweiflung und halb Entsetzen standen, drehte sich um und rannte durch den Flur davon.

Der Eindringling sprang hinter der Tür hervor und verfolgte Cheryl mit schnellen Schritten. Etwas Langes, Glänzendes blitzte in seiner rechten Hand.

Ein Messer. Die Person, die seine Frau verfolgte, schwang ein Messer.

Ely bäumte sich auf und warf sich gegen seine Fesseln. Er musste sich befreien. Er musste einfach.

Vor der Treppe angekommen, blickte Cheryl sich um, stieß einen ohrenbetäubenden Schrei aus und verschwand aus seinem Blickfeld.

Der Eindringling folgte ihr.

Danach konnte Ely dem Albtraum, der sich entwickelte, nur noch lauschen.

Während er angestrengt horchte, schoss ihm der Gedanke durch den Kopf, dass er Cheryls wunderschöne blaue Augen vielleicht niemals wiedersehen würde. Vielleicht würde er ihre weiche Haut nie mehr berühren und nie mehr die Finger über ihr zartes Rückgrat gleiten lassen. Er wehrte sich gegen die Woge des Leids, die seiner Gefasstheit den Rest zu geben drohte.

„Lass uns in Ruhe!“ Entsetzt schluchzend stieß Cheryl die Worte hervor. „Nimm dir, was du willst, und verschwinde!“ Als Nächstes ertönten die Geräusche eines Zweikampfs, lautes Rumsen und Rumpeln. Ely stellte sich umfallende Stühle vor. Und Haushaltsgeräte, die nach dem Eindringling geworfen wurden.

Von diesem vernahm er kein einziges Wort.

Die Schreie seiner Frau verwandelten sich in ein abgerissenes Flehen. „Nicht! N-nein! Nein! Bitte, aufhören!“ Dann brachen die Worte ab und wurden von einem Kreischen abgelöst, das ihn mit seinem schrillen Entsetzen wie die Schläge einer Lederpeitsche trafen.

Gerade, als Ely es nicht länger ertrug, wurde es still im Haus.

Diese Stille war noch viel, viel schrecklicher.

Mit angehaltenem Atem lauschte er auf ein winziges Geräusch seiner Frau. Irgendeinen Hinweis, dass sie noch lebte. Stattdessen hörte er das kräftige Stampfen von Schritten, die wieder die Treppe hinaufkamen.

Schritte einer Person.

Ein alles überwältigender Zorn brannte in seiner Brust. Erneut spannte er jeden einzelnen Muskel an, fest entschlossen, seine Fesseln zu brechen. Cheryl war noch am Leben. Sie musste einfach noch am Leben sein. Er würde sie retten. Wie schrecklich auch immer das war, was gerade stattgefunden hatte, wenn Ärzte sich um sie kümmerten, könnte sie sehr wohl überleben …

„Ich war mehr als ein schmutziges kleines Geheimnis. Ich habe dich geliebt. Niemand könnte dich jemals so lieben, wie ich dich geliebt habe. Das wirst du verstehen. Ich weiß, dass du es verstehen wirst.“

Die Stimme gehörte einer Frau, aber nicht Cheryl. Mit wem zum Teufel sprach diese Person? Mit jemandem am Handy?

Die Schritte beschleunigten sich und verharrten dann, als wartete sie auf eine Antwort.

„Du wirst verstehen, was du aufgegeben hast …“ Erneut verstummte sie nach ihrer Erklärung. Es klang beinahe so, als hätte sie ihren Ex-Freund angerufen, aber das ergab keinen Sinn. Wer rief denn seinen Ex an, um sich mitten in einem Überfall mit ihm zu streiten?

„Du wirst zu mir zurückkehren.“

Die mit einem dunklen Kapuzenpulli und einer dunklen Hose bekleidete Gestalt kam wieder ins Schlafzimmer. Die Kapuze verbarg zum größten Teil das Haar der auf ihn Zuschreitenden, doch ihre Augen glänzten vor fiebriger Erregung.

„Ich bin dein Glück. Ich bin das einzige echte Glück, das du je gekannt hast. Du wirst es verstehen … Ich werde es dir klarmachen, du Drecksack.“

Eine Gänsehaut überzog Ely am ganzen Körper. Sie hielt kein Handy ans Ohr, und unter der Kapuze zeichneten sich keine verräterischen Abdrücke von drahtlosen Ohrhörern ab.

Die Angreiferin sprach mit sich selbst.

Elys Angst um seine Frau erreichte einen neuen Höhepunkt. War Cheryl verletzt? Bewusstlos?

Oder doch tot?

„Ich bin nicht einfach irgendeine Sexbombe, die man mal eben flachlegen kann.“ Als die Frau zu ihm hin tigerte, hob sie die rechte Hand und wedelte damit durch die Luft.

Sein Herz setzte mehrere Schläge aus. Sie hielt immer noch ein Messer. Dasselbe Messer, mit dem sie eben aus dem Raum gestürmt war, nur dass die Klinge jetzt von Blut troff.

Cheryls Blut. Du weißt, es ist Cheryls Blut.

Elys Puls dröhnte in seinen Ohren. Er konnte sich nicht bewegen. Konnte nicht reagieren. Er war einer Psychopathin auf Gedeih und Verderben ausgeliefert. Und diese Psychopathin hatte fast mit Sicherheit seine Frau erstochen.

Die Verrückte kauerte sich nieder, bis sie auf einer Höhe mit ihm war, und spähte ihm mit solcher Intensität in die Augen, dass es ihm so vorkam, als schaute sie direkt in ihn hinein. „Ich hätte dich niemals Nacht für Nacht in meinen Körper eindringen lassen, hätte ich gewusst, wie leichthin du mich einfach verlassen würdest. Ich war nicht deine H… Hure.“

Ihre Stimme klang jetzt erstickt, als stünde sie am Rand von Tränen. Was immer dieser Person zugestoßen war, hatte sie traumatisiert. Und sie die Zurechnungsfähigkeit gekostet.

Natürlich vorausgesetzt, sie war nicht von Anfang an vollkommen verrückt gewesen. Manche Menschen waren seit dem Tag ihrer Geburt seelisch gestört.

„Diese Schlampe da unten.“ Sie deutete mit dem Messer zur Tür. „Scheinbar war sie genau richtig für dich, oder? Sie passte dir viel besser als ein Mädel aus dem Trailerpark wie ich.“

Ihm fiel auf, dass sie von Cheryl in der Vergangenheitsform sprach, und erneut brach ihm das Herz.

Sie könnte trotzdem noch leben. Das weißt du nicht. Du darfst jetzt nicht aufgeben.

„Wie viele!?“ Ihr heißer Atem versengte ihm beinahe das Gesicht, da sie die Worte nur einen Fingerbreit von ihm entfernt aus voller Kehle schrie. „Sag mir, wie viele andere du genau wie mich weggeworfen hast! Wer war sonst noch gut genug für dein Bett, aber nicht für einen Brillantring? Sag mir, wie viele!“ Sie knirschte mit den Zähnen, und aus ihrer Kehle stieg ein leises Knurren auf.

Ely schüttelte den Kopf. Wie sollte er sich gegen diese Anschuldigungen wehren, wenn er nicht sprechen konnte? Wie konnte er sich gegen diesen Wahnsinn verteidigen?

Er presste die Kiefer zusammen und spannte die Oberschenkelmuskeln an, wild entschlossen, sich von den Fesseln loszureißen, die seine Gliedmaßen am Stuhl fixierten.

Seine Lage machte ihn rasend. Und sie war hoffnungslos.

Die Angreiferin strich mit dem Messer über seine Brust. Mit den Knöcheln der anderen Hand streichelte sie sanft seine Wange. „Die Frauen aus deinem kleinen Harem für den Spaß nebenher, hast du sie geliebt? Ja? Nein, bestimmt nicht. Zu Liebe bist du gar nicht fähig. Aber wenn du wenigstens mich hättest lieben können … du hättest mich nur lieben müssen, mehr nicht!“

Er versuchte zu reden und sich am Knebel vorbei verständlich zu machen, doch seine Worte waren nur ein gelalltes Brummen.

Sie spannte sich an, legte den Kopf schief wie ein Hund, sprang auf und wandte sich der hinteren Ecke des Raums zu. „Aber nein, falsch, dieses Mädchen bin ich nicht mehr! Ich habe nicht fünfzehn Jahre lang in diesem Trailer gelebt! Fünfzehn Jahre, du Mistkerl! Ich habe mich mit Zähnen und Klauen aus dieser Hölle herausgearbeitet!“

Trotz allen Entsetzens empfand Ely auch eine makabre Faszination. Diese Irre glaubte wirklich, sie redete mit jemandem, der gar nicht da war. Mit einer Ausgeburt ihrer krankhaften Psyche.

Drohend näherte sie sich der leeren Ecke, die Fäuste geballt. „Dein guter Ruf war dir einfach zu wichtig. Ich war ein Dreckfleck. Ein Scheißefleck auf deinem perfekten, wundervollen Leben.“ Sie erhob das Messer gegen die Wand. „Na, du kannst mich nicht einfach rausbleichen! Ich bin immer noch da! Ich werde dich niemals loslassen. Ich werde dich ruinieren! Ich mach dich fertig!“

Ely war nur so lange fasziniert, bis das raubtierhafte Geschöpf wieder zu ihm herumfuhr. Er schluckte, als sie auf ihn zutrat, sich mit der Klinge gegen die Stirn klopfte und lachte. Verschmiertes Blut, das nur von Cheryl stammen konnte, malte Streifen auf ihre bleiche Haut.

„Ihr Männer. Ihr seid so verdrahtet, dass ihr nur grauenhaft böse Dreckskerle sein könnt. Ihr könnt gar nicht anders, oder?“ Sie heftete den Blick in seinen. „Nein. Ihr könnt nicht anders. Aber ihr könnt verdammt sicher dafür bezahlen.“

Als sie sich näherte, schloss Ely die Augen und stellte sich Cheryl vor, wie sie in der Küche hantierte. Ihr glückliches Lächeln. Ihr wunderschönes Gesicht. Er hätte in der Küche einfach weitermachen und sie küssen sollen. Er hätte jeden Tag Sex mit seiner Frau haben sollen. Er hätte …“

Schau mich an“, befahl ihm die Teufelin.

Er schlug die Augen auf.

Sie beugte sich wieder zu ihm vor und kam ihm so nah, dass ihre Nase beinahe gegen seine stieß. Ihr Atem roch nach Wein und Cheryls Kartoffelpüree mit Knoblauch. „Du betrügst mich schon wieder, nicht wahr.“

Es war eine Feststellung, keine Frage. Ely schüttelte erneut den Kopf und versuchte, durch den Knebel hindurch zu schreien.

Nur Grunzen kam heraus. Mehr als ein unverständliches Ächzen schaffte er nicht.

„Ich lasse nicht zu, dass du das mir oder sonst jemandem noch einmal antust.“ Ihre Stimme bebte, doch das Messer lag ruhig in ihrer Hand.

So also geht es mit mir zu Ende. Ich werde Opfer einer Psychopathin.

Gerade als Ely glaubte, gleich erstochen zu werden, schlug die Frau sich die Hände auf die Ohren und schrie. Er beobachtete entsetzt, wie Cheryls Blut von der Klinge tropfte und ihr über die Hand rann, während sie mit fest geschlossenen Augen kreischte und heulte.

Einen winzigen Moment lang hoffte er, sie werde sich selbst töten. Offensichtlich durchlebte sie gerade unvorstellbare seelische Qualen. Gut möglich, dass sie seine Anwesenheit ganz vergessen würde.

Das ohrenzerreißende Heulen verstummte, und die Wahnsinnige konzentrierte sich erneut auf ihn. Sie senkte die Hände, und ihr fiebriger, leerer Blick jagte ihm Schauer über den Rücken.

Mit verzerrten Lippen legte die Frau ihm den Finger vor den zugeklebten Mund. „Wie oft muss ich dir noch sagen, dass du die Schnauze halten sollst?“

Zu einer Antwort war Ely Turner außerstande, und ihm blieb keine Zeit mehr, es auch nur zu versuchen. Mit einer einzigen schnellen Bewegung hob seine Gegnerin das Messer und schnitt ihm die Kehle durch.

Weißglühender Schmerz versengte Elys Hals. Wie ein Geysir sprühte sein Blut hervor. Ein grässliches Gurgeln ertönte aus der versehrten Luftröhre, während er um Atem rang.

Das letzte Bild, das er sah, bevor alles in Dunkelheit versank, war das grinsende Gesicht seiner Angreiferin, die entzückt verfolgte, wie das Leben aus ihm herausströmte.

Zweites Kapitel

Gegen das Kopfbrett ihres Bettes gelehnt, schmiegte Special Agent Autumn Trent sich in die Kissen, die ihren Rücken stützten, und genoss den Frieden, der in ihrem Schlafzimmer herrschte. Kein Adrenalinstoß bei der Jagd auf Bösewichte. Keine Bedrohung durch Gewalt oder Tod. Einfach nur ein ruhiger Abend zuhause mit ihren beiden pelzigen Gefährten. Gemeinsam entspannten sie sich in ihrem Kingsize-Bett, während der Mond durchs Fenster hereinlugte.

Manche Menschen würden so einen ereignislosen Abend in Richmond, Virginia, vielleicht langweilig finden, aber Autumn nicht. Seit sie ihre Stelle bei der Abteilung für Verhaltensanalyse des FBI angetreten hatte, waren solche gemütlichen Stunden im Schlafanzug ein seltenes Ereignis geworden.

Zwar hatte sie angesichts ihrer Mühen um Ausbildung und Karriere ihre knappe Freizeit schon immer sehr geschätzt, doch nun genoss sie Pausen im Getriebe ganz besonders. So lange sie sich erinnern konnte, hatte sie bis über beide Ohren in absurd viel Arbeit gesteckt. In ihren Twen-Jahren hatte sie in forensischer Psychologie promoviert, während sie gleichzeitig im Nebenfach Kriminalrecht studierte und außerdem noch ein Juris Doctorate erwarb. In der Zeit danach war sie als Dr. Autumn Trent für die Privatwirtschaft tätig gewesen.

In den Dreißigerjahren ihres Lebens, die sich rasch näherten, würde sie wohl kaum weniger beschäftigt sein. Das Leben als FBI-Agentin ließ wenig Gelegenheit zur Freizeit.

Nur ein typisches Beispiel: Mitte Februar war Autumn zu ihrer Ausbildung nach Quantico gereist. Kaum war sie Anfang Juli von der FBI-Akademie nach Richmond zurückgekehrt, hatte sie sofort ihre erste offizielle Mission in Angriff genommen. Seitdem war sie nicht dazu gekommen, zwischen den Ermittlungen einmal richtig Luft zu schnappen, und so würde es wohl für immer bleiben.

Toad, ihr flauschiger Zwergspitz-Mischling mit dem rührenden Unterbiss stieß genau in diesem Moment ein Stöhnen aus. Autumn streichelte ihm den weichen Kopf. „Ich weiß, ich war jetzt viel unterwegs. Tut mir leid.“

Die schlanke rötliche Tigerkatze Peach warf Toad einen drohenden Blick zu, doch selbst sie lag nur eine Armlänge von Autumn entfernt auf dem Bett. Beide Tiere wirkten fest entschlossen, sie im Blick zu behalten, als machten sie sich Sorgen, dass sie jederzeit wieder verschwinden würde.

Das konnte sie ihnen nicht verübeln. Die vertrauten Schuldgefühle stiegen in ihr auf, weil sie sie in letzter Zeit immer häufiger allein zu Hause ließ.

„Bestimmt werdet ihr nach Strich und Faden verwöhnt, wenn ich nicht da bin.“ Autumns großzügige Nachbarin kümmerte sich um beide Tiere, wenn Autumn verreiste, aber das war nicht dasselbe, wie wenn ‚ihr Mensch‘ zuhause war. „Ihr beide fehlt mir ebenfalls, wenn ich weg bin.“

Vorläufig würde sie sich an Peachs Schnurren erfreuen, Toads pfeifendem Schnarchen lauschen und dem leisen Surren des Boxventilators zuhören. Dies hier war die reine Wonne … oder kam diesem Gefühl zumindest so nahe, wie es das Leben auf dem unberechenbaren Planeten Erde zuließ.

Peach streckte sich neben ihr aus und schmiegte sich mit dem Kopf an ihren Oberschenkel. Autumn rubbelte die Katze hinter den Ohren. „Ihr beide seid meine Glücksinsel. Vergesst das nicht.“

Vor wenigen Minuten hatte sie ihren Laptop zur Seite geschoben und beschlossen, für heute den Papierkram zum Harmony-House-Fall ruhen zu lassen. Das Rätsel um die Reihe von Selbstmorden in Beechum County war gelöst, doch die korrekte Dokumentation jedes Details der Ermittlungen war entscheidend dafür, dass die Täter vor Gericht verurteilt werden konnten.

„Ich fasse es einfach nicht, dass ich um ein Haar auf den Unsinn dieses Mannes hereingefallen wäre“, murmelte sie. „Ich wette, du hättest seinen Schwanz als Kratzpfahl benutzt.“

Peach ignorierte ihr Frauchen und kratzte sich stattdessen lieber mit dem Hinterbein. Ihre Katze sah das genau richtig. Damien Parr, der anrüchige Führer der Harmony-House-Sekte, gegen den sie als Undercover-Agentin ermittelt hatte, war des Nachdenkens über ihn nicht wert.

Bei der Erinnerung daran, wie mühelos dieser charmante Charismatiker Autumn anfangs mit dem Versprechen eines Lebens ohne jede Reue für sich eingenommen hatte, drehte es ihr immer noch den Magen um. Dieser Bluthund hatte gleich beim ersten Gespräch ihre Wunden gewittert und sie zu nutzen versucht, um Autumn in seine Herde einzugliedern.

„Wenigstens hat er sich nicht als Mörder erwiesen, oder?“ Er war einfach nur ein habgieriges, sexsüchtiges Arschloch, das zudem Geld gewaschen hatte. Doch das änderte nichts an der Tatsache, dass Autumn für seine Art von Manipulation empfänglich gewesen war. Für eine frisch gebackene FBI-Agentin war das keine tolle Leistung.

Mit einem tiefen Seufzer rutschte Autumn auf dem Bett nach unten, bis sie lag.

Wenn alle Männer und Frauen, die solche tiefen Einblicke in andere werfen konnten, ihre Fähigkeiten nutzen würden, um die Leiden der Menschheit zu lindern, würde die Welt vielleicht von weniger Krisen geschüttelt. Doch stattdessen schlugen viele der derart Begabten den gleichen Weg ein wie Damien und ließen zu, dass ihre menschliche Unvollkommenheit ihr vielversprechendes Talent besudelte. Am Ende war er einfach nur ein selbstsüchtiger Gauner gewesen, der verletzliche oder tief verletzte Menschen ausgenutzt hatte.

Wunderbare Menschen. So wie Alice.

Ein dumpfer Schmerz pochte in Autumns Brust. Alice Leeson war das liebenswürdigste, reinste Gemüt gewesen, das ihr in ihrem bisherigen Leben begegnet war. Das engagierte Mitglied von Harmony House hatte etwas so viel Besseres verdient gehabt als Damian Parr und das schreckliche Schicksal, das ihr zugestoßen war.

Alice war von einem anderen Gefolgsmann Parrs ermordet worden, der die unschuldige junge Frau im Garten ihrer eigenen Familie an einem Baum aufgehängt hatte. Und noch fast ein Dutzend weitere Menschen hatte dieser Täter getötet, da er sie als Bedrohung für Damiens Mission empfunden hatte.

Dieser Mann war zweifellos ein tief gestörtes Individuum, das eine Psychotherapie und Medikamente benötigte und für seine Verbrechen würde bezahlen müssen. Aber er war auch ein sanfter junger Mensch, der niemals Zugang zu der Art von Unterstützung gehabt hatte, die ihm hätte helfen können, den eingeschlagenen Weg zu vermeiden.

So sehr Autumn auch verabscheute, was dieser Mann Alice angetan hatte, war seine Geschichte doch eine fast ebenso große Tragödie.

Sie rückte sich in ihrem Bett zurecht und streckte die Beine aus. Peach warf ihr einen warnenden Blick zu, der deutlich machte, dass sie den Platz neben ihrem Frauchen einfach verlassen würde, sollte die Störung anhalten. „Wenn man bedenkt, dass du nur ein kleiner orangeroter Fellball warst, als ich dich hergeholt habe. Und jetzt schau dich einmal an, Ms. Schlafzimmer-Queen.“

Das war der Teil, den der Rest der Welt gern übersah. Auch die Bösewichte, die in den Abendnachrichten über den Bildschirm flimmerten, waren einmal Neugeborene gewesen, die wie alle anderen nach ihrer Mutter schrien. Als sie in diese Welt eintraten, hatte es ein Zeitfenster und die Gelegenheit gegeben, ihnen alles mitzugeben, was sie für ein erfülltes Leben brauchten.

Autumns wichtigstes Ziel bestand darin, Menschen mit beschädigter Psyche zu finden, aber bevor eine Heilung nicht mehr möglich war, und ihnen zu helfen, ihre besten Eigenschaften hervorzuholen. Außerhalb der Wände ihrer Wohnung lebten acht Milliarden Menschen, und wenn sie nur immer wieder einem einzigen von ihnen helfen könnte, die innere Dunkelheit zu überwinden, würde sie das als einen Sieg betrachten.

Jeder hatte einen strahlenden Leuchtturm in seinem Inneren. Aber nicht jeder wusste, wie er ihn finden sollte.

Irgendwo unter der Bettdecke vibrierte ihr Handy. Sie wühlte unter Toads wuscheligem Hinterteil, bis sie es fand, und wischte darüber, um die Nachricht zu lesen.

Tschüs, bis morgen früh, Agent Trent. Erhol dich gut von deiner Krav-Maga-Orgie.

Autumn lächelte und tippte rasch zurück: Mit mir kannst du rechnen.

Sie hoffte, dass Winter Black das ruhige Wochenende nutzte, um einfach zu Hause zu bleiben. Mehr noch als die anderen Special Agents hatte ihre Freundin nach der Hölle, die ihr jüngerer Bruder Justin ihr jüngst bereitet hatte, Ruhe und Erholung verdient.

Doch halb unbewusst machte Autumn sich Sorgen. Winter hatte sich zwar während des Harmony-House-Falls gut gehalten, doch sie hatte so gewirkt, als wäre sie nicht richtig bei der Sache. „Das ist okay, Agent Black. Jetzt bin ich damit dran, den Wachhund zu spielen.“

Ihre leisen Worte brachten ihr einen fragenden Stupser Toads ein. „Keine Sorge, du bist immer noch der Alpha-Hund, Kumpel.“ Sie beschwichtigte ihn mit einem Kraulen unterm Kinn.

Männer und ihre gottverdammten Egos. Apropos Ego

Ihre Gedanken wandten sich ihrem Chef zu, Supervisory Special Agent Aiden Parrish. Ihm zufolge würden sie sich vielleicht schon Montagmorgen auf den Weg machen, um eine Serie von Morden zu untersuchen, die bei Hauseinbrüchen in Washington D.C. verübt worden waren. Wenn das stimmte, blieben Autumn keine zwölf Stunden, bis sie wieder unterwegs war. Sie sollte jetzt wirklich schlafen.

Statt die Augen zu schließen, griff Autumn jedoch erneut nach ihrem Handy, rief ihre E-Mails auf und vergewisserte sich doppelt, dreifach und vierfach, dass sie nichts übersehen hatte. Sie fand keine neuen Nachrichten. Zumindest keine, die sich auf Sarah bezogen. Ihre zwei Jahre jüngere Schwester, von der Autumn als Neunjährige getrennt worden war.

Autumn vermisste sie schrecklich und wollte sie wiederfinden.

Sie erinnerte sich, wie traurig sie gewesen war, als Sarahs Vater Autumns kleine Halbschwester mitgenommen und versprochen hatte, Autumn vor ihrem leiblichen Vater zu retten, der inzwischen ein richtiger Unmensch war.

Doch stattdessen hatte Autumns Vater seine neunjährige Tochter beinahe getötet, als ein Hieb von ihm sie mit dem Kopf gegen eine Tischkante schleuderte. Eine Notfalloperation hatte Autumn gerettet, aber nach der Gehirn-OP war nichts mehr so gewesen wie zuvor.

Die Operation hatte Autumn die ‚Gabe‘ verliehen, durch leichten Körperkontakt Zugang zu den Gedanken und Emotionen anderer Menschen zu finden. Sie hatte schließlich gelernt, ihren eigenartigen sechsten Sinn dazu zu nutzen, viele chaotische Situationen zu entschärfen, doch als Kind hatte sie die auf sie einstürmenden Gefühle – positive wie negative – als überwältigend empfunden.

Die bei weitem schlimmste Veränderung, die sie erfahren hatte, bestand darin, dass Sarah weiter bei ihrem leiblichen Vater lebte, während man Autumn ins Pflegefamiliensystem eingliederte. Sarahs Vater hatte versprochen, zurückzukommen und ihr gesetzlicher Vormund zu werden, doch das war nie geschehen.

Autumn strich mit den Fingern über Toads wuscheligen Rücken und sein Rückgrat. „Fragst du dich manchmal, was eigentlich mit deinen Geschwistern passiert ist, kleiner Mann? Und glaubst du, dass sie da draußen über dich nachdenken?“

Toad schlief so tief, als läge er im Koma, und zuckte bei ihrer Frage nicht einmal mit den Ohren. Sie nahm an, dass seine Wurfgeschwister sich umgekehrt auch über seinen Aufenthaltsort keine tiefschürfenden Gedanken machten.

Menschen allerdings … wie anders doch Vertreter ihrer Art solche Fragen sahen.

Vor gar nicht so langer Zeit hatte das National Name Check Program sie auf die Möglichkeit aufmerksam gemacht, dass Sarah in Florida leben könnte. Als sie ohnehin in der Nähe war, um mit der Abteilung für Verhaltensanalyse einen Fall zu lösen, spürte sie Sarahs Zuhause und ihren Arbeitsplatz auf.

Letzterer stellte sich als Strip-Club heraus, doch das war nicht das Schlimmste. Ihre jüngere Schwester war außerdem noch eine Prostituierte. Autumn wollte die junge Frau unbedingt wiedersehen – ihr helfen –, aber mit dem Besuch von Sarahs Wohnwagen in einem Trailerpark hatte sie sie verschreckt.

Sarah war geflohen. Beinahe acht Monate waren vergangen, ohne dass Autumn einen weiteren Anlauf unternommen hatte … bis gestern, als sie Jackie Cohen kontaktiert hatte, eine Detective im Dezernat für Schwerverbrechen des Sheriff-Amts von Lavender Lake. Sie hatte die Kriminalpolizistin während der Ermittlungen in Florida kennengelernt.

Jackie hatte sich bereit erklärt, sich ein wenig umzuhören und zu versuchen, die Spur der Verschwundenen zu finden. Das war ein guter Anfang, aber Autumn wollte noch mehr tun. Zum Beispiel Aiden Parrish um die Hilfe des FBI bitten.

Diese Aufgabe wäre wesentlich einfacher, gäbe es zwischen ihm und Autumn nicht … dieses Irgendetwas … was für eine Art von Verbindung das auch immer war.

„Puh.“ Sie vergrub den Kopf in ihrem Kissen. Aiden war ihr Vorgesetzter, was dieses eigenartige Prickeln zwischen ihnen kompliziert machte. Eine Beziehung mit ihm einzugehen, wäre für beide Seiten ein riskantes Unterfangen. „Dam-diddel-daddel-dudel-dumm. Ja, es wäre dumm.“

Doch die Chemie zwischen ihnen ließ sich nicht abstellen. Bisher war dieses Prickeln nicht durch das Verstreichen von Zeit verschwunden. Sie spürte, dass sich der Tag näherte, an dem all das auf den Tisch musste, und bei dem Gedanken zog sich ihr Magen vor Nervosität zusammen.

„Glücklicher kleiner Kerl“, flüsterte sie Toad zu und krabbelte ihn sanft am Bauch. „Falls es die Wiedergeburt gibt, möchte ich als ein verwöhnter kleiner Schoßhund zur Welt kommen. Deine größte Sorge ist das nächste Leckerli.“ Toads glückliches Grunzen beim Wort „Leckerli“ genügte, um ihre Stimmung zu heben.

Tatsächlich sollte sie jetzt besser packen. Ein paar Kleider und Toilettenartikel in ihre Reisetasche werfen, falls sie wirklich am Morgen nach Washington aufbrachen. Schon lange vor ihrem Ausbildungsprogramm in Quantico war ihr klar geworden, dass es aus Sicht des FBI zur Stellenbeschreibung gehörte, immer auf eine Reise vorbereitet zu sein.

Doch der Gedanke, ihre beiden zufriedenen und ahnungslosen Gefährten aufzuschrecken, kam ihr hartherzig vor. Sie könnte früh aufstehen und sich ein paar Sachen aus dem Kleiderschrank schnappen, bevor sie zum FBI aufbrach. Das würde genauso gut hinhauen.

Gerade als Autumn die Hand nach ihrer Nachttischlampe ausstreckte, klopfte jemand bei ihr an. Das Geräusch hallte durch die ansonsten stille Wohnung.

Peach öffnete ein Auge, während Toad wachsam hochfuhr. Autumn warf einen Blick auf die digitale Wanduhr. Beinahe zweiundzwanzig Uhr.

Ein bisschen spät für Besuch, oder?

Es sei denn, es wäre Winter. Freundschaft kannte keinen Stundenplan, und schon gar nicht derzeit, da Winter eine so herausfordernde Phase ihres Lebens durchmachte.

Andererseits hielten auch Verbrecher sich normalerweise nicht an einen Achtstundentag.

Sie sprang aus dem Bett und nahm die Glock aus ihrer Nachttischschublade. Sie wusste nicht, ob ihre Vorsicht angebracht war oder ob vielmehr Misstrauen zu einem Teil ihrer Persönlichkeit geworden war.

So oder so, sie schlich durch den Flur zur Tür. Alle Lichter waren aus, abgesehen von einer kleinen Lampe beim Sofa. Sie holte tief Atem, spähte durch den Türspion und staunte.

Was will denn Philip Baldwin so spät am Sonntagabend bei mir? Und woher zum Teufel weiß er überhaupt, wo ich wohne?

„Einen Moment!“ Autumn sicherte ihre Waffe wieder und legte sie rasch in eine Küchenschublade. Philip war ein unerwarteter Gast, aber er hatte es nicht verdient, dass sie ihn mit einer Pistole in der Hand empfing.

Sie öffnete die Tür weit und bemerkte den gequälten Ausdruck in seinen dunkelgrünen Augen. Was war los? „Philip, kommen Sie herein. Ist alles in Ordnung mit Ihnen?“

Er folgte ihrer Aufforderung und begegnete ihrem Blick nur für einen Augenblick. „Es tut mir furchtbar leid. Es ist lächerlich, Sie zu so später Stunde zu stören.“

Autumn schloss die Tür und wandte sich dem gehetzt wirkenden Psychiater zu. „Keine Sorge. Was gibt’s denn? Sie sehen aufgewühlt aus.“

Philip war die Nervosität in Person, wie er sich mit der Hand durch sein dunkelbraunes Haar fuhr. „Ich bin nicht besonders … Also, am besten komme ich einfach zur Sache. Warum es in die Länge ziehen? Schon seit Monaten grüble ich über, na ja, über das hier nach. Ich habe versucht, es mir aus dem Kopf zu schlagen, aber umsonst.“

Wenn man bedachte, dass Autumn eine Psychologin mit einer Sonderbegabung war, blieb ihr seine Absicht erstaunlich dunkel. „Was meinen Sie damit?“

„Also“, Philip trat näher. „Ich würde Sie gern einmal ausführen, Autumn Trent. Es wäre ein Date. Ich denke, wir sollten … Ich denke, dass da vielleicht etwas ist. Zwischen uns.“

Der Schreck strahlte in jede einzelne Körperzelle Autumns aus. Zwar hatte sie diesen Gefühlsstrom bei Philip einmal aufgefangen, als sie versehentlich seine Hand gestreift hatte, aber sie hatte nicht erwartet, dass daraus irgendeine Handlung folgen würde.

Herrgott, bei ihrer ersten Begegnung hatte Philip Baldwin sie noch verabscheut. Die Vorstellung, dass ein solcher Widerwille in sein jetziges Verhalten umschlagen konnte, war extrem verwirrend.

Er legte den Kopf schief und zeigte ein schüchternes Lächeln. „Jetzt müssen Sie etwas sagen. Ich bin bei so etwas keineswegs ein Experte, aber ich glaube, dass jetzt Sie das Rederecht haben.“

Trotz der peinlichen Situation musste Autumn über seine humorvolle Ausdrucksweise lächeln. Doch ihre Stimmung verdüsterte sich, als ihr klar wurde, wie fehl am Platz seine Zuneigung war. Dieser hoffnungsvolle Glanz in seinen Augen würde gleich erlöschen, und sie bedauerte sehr, dass sie nicht die Worte sagen konnte, die Philip sich wünschte.

Er trat einen Schritt zurück und runzelte die Stirn. „Sie empfinden nicht dasselbe. Das sehe ich genau in Ihrem Gesicht.“

Einen Psychiater konnte man nicht hinters Licht führen. „Es tut mir furchtbar leid.“ Sie schüttelte den Kopf. „Ich würde Ihnen niemals absichtlich wehtun. Glauben Sie mir.“

„Ja, davon bin ich überzeugt.“ Diese Versicherung kam sofort, obwohl er niedergeschlagen zu Boden schaute. „Es ist nicht Ihre Schuld. Überhaupt nicht.“ Erneut vermied er ihren Blick.

Autumn erwog, ihm tröstend auf den Arm zu klopfen, hielt sich aber zurück. Sie wollte nicht, dass er die Geste falsch interpretierte.

Knapp, trocken und eindeutig, so ging man am besten mit solchen Situationen um.

„Ich sollte gehen.“ Als Philip sich zur Tür wandte, ließ er die Schultern hängen.

„Wir bleiben natürlich Freunde.“ Sie folgte ihm, von einem Gewirr widerstreitender Gefühle bedrängt. „Versprochen.“

Er zog die Tür auf und wandte sich ihr zu. „Ah. Das ‚F-Wort‘. Davon träumt ein Mann natürlich.“

Der schwache Scherz war seine Art, mit der Situation fertigzuwerden, das war ihr klar. Autumn hatte den entmutigenden Eindruck, dass Philip sich schrecklich fühlen würde, wenn er wegfuhr.

Ihr Magen krampfte sich von schlechtem Gewissen zusammen, doch sie schob die Empfindung beiseite. Sie hatte Mitgefühl mit Philip, aber an seiner Lage trug sie keine Schuld. Wenn sie sich nicht zu ihm hingezogen fühlte, war das eben so, und wenn sie ihm falsche Hoffnungen machte, würde das langfristig gesehen die emotionale Wunde nur vergrößern.

Sie trat hinter ihm in den überdachten Außengang. „Sollen wir uns umarmen?“ Klug war dieses Angebot nicht, aber eine andere Form von Zuneigung oder Trost hatte sie diesem Mann nicht zu bieten.

Er zögerte und betrachtete sie voll von unübersehbarem Elend. Gerade als sie annahm, dass er auf die Umarmung gänzlich verzichten würde, trat er vor, nahm ihr Gesicht zwischen die Hände und drückte die Lippen auf ihre.

Vor Verblüffung war Autumn wie erstarrt. Als Philips Lippen die ihren trafen, erwachte ihre Gabe zum Leben. Aus seiner Berührung strömte ein steter Fluss von Leidenschaft und Wärme, doch darunter pulsierte ein dunkleres Gefühl.

Verzweiflung.

Schlage als Erster zu, sonst wirst du geschlagen …

Dr. Autumn Trent hat nach ihrem ersten offiziellen Fall als FBI-Agentin noch nicht einmal alle Berichte geschrieben, da werden Sie und der Rest der Abteilung für Verhaltensanalyse in die Hauptstadt Washington gerufen, um eine Serie von Einbruchsmorden aufzuklären. Die sechs Opfer haben nicht viel gemeinsam, doch sie alle sind wohlhabende Ehepaare, die eine Dinner-Party geben wollten und kurz davor getötet wurden. Wer hat sie aufs Korn genommen und warum?

Am wichtigsten aber: Wer kommt als Nächstes dran? Read More