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Mary Stone - Autumns Risiko (Autumn-Trent-Serie 6)

A Taste of… Autumns Risiko

Erstes Kapitel

Natalie Garland lächelte in der kühlen Morgenluft, die durch die offenen Wagenfenster hereinwehte. Ihr Haar flatterte, und sie schnupperte frischen Pinienduft. Im Morgengrauen über den noch dunklen Highway zu fahren, während die Sonne gerade die ersten Gipfel und Einschnitte am bergigen Horizont erhellte, erinnerte sie an ihr früheres Leben. An die Person, die sie gewesen war … und vor allem daran, wer sie jetzt war.

Die nächste Zeile sang sie mit Kelly Clarkson im Duett. „What doesn’t thrill you makes you wrooonger…”

Sie hatte diesen verdammten Song als Jugendliche geliebt. Sie und ihre beste Freundin auf der Mittelschule hatten sich beim Text ein paar künstlerische Freiheiten herausgenommen, doch sie mochte ihn bis heute.

Durch ihre Variationen hatte der Text noch gefühlvoller gewirkt.

Das war eine der besten Entdeckungen, seit sie das Tief, in das sie vor zwei Jahren nach einer schrecklichen Serie kummervoller Erfahrungen gestürzt war, hinter sich gelassen hatte: Natalie hatte erkannt, dass sie trotz allem, was sie durchgemacht hatte, noch immer Natalie war.

Sie war schon immer ein bisschen wild gewesen. Wild und unabhängig. In ihrer Jugend hatte es kaum Langeweile gegeben, denn sie entdeckte überall Abenteuer. Es tat gut zu wissen, dass die vielen persönlichen Verletzungen dieses Mädchen nicht ausgelöscht hatten.

Sie hatte sich verändert, das musste sie zugeben, doch im Grunde war sie die Gleiche geblieben. Und so kitschig das Klischee auch sein mochte: Was sie nicht umbrachte, machte sie tatsächlich stärker.

Als Natalie am alten grünen Ortsschild von Rutshire vorbeifuhr, wurde ihr noch ein bisschen leichter ums Herz. Sie war nur wenige Meilen von Zuhause entfernt, und der Schmerz, der sie begleitet hatte, seit sie die Enge der kleinen Stadt in Virginia hinter sich gelassen hatte, war nicht länger ihr ständiger Begleiter.

Sie wollte hier sein. Sie hatte sich dafür entschieden, hierherzukommen

Sie war bereit, sich den Gespenstern der Vergangenheit zu stellen. Bereit, sich ihrer Familie zu stellen. Bereit, nach vorn zu blicken.

Ring-riiing! Ring-riiing!

Sie nahm das Handy vom Beifahrersitz und warf einen Blick aufs Display. Bradley, natürlich.

Bradley Garland, ihr Cousin und Stadtrat des Kleckses auf der Landkarte, war schon immer Frühaufsteher gewesen. Als sie jünger war, hatte sie kein Verständnis dafür aufgebracht.

Jetzt konnte sie es nachempfinden.

In den vergangenen zwei Jahren war der frühe Morgen ihre liebste Tageszeit geworden. Den Sonnenaufgang zu beobachten, war für sie eine geradezu heilige Erfahrung. Die Schönheit des Alltäglichen schätzen zu lernen, hatte es ihr ermöglicht, von den Drogen und dem Alkohol wegzukommen, die ihr so sehr zu schaffen gemacht hatten. Die Natur hatte ihr geholfen, die postpartale Depression infolge einer Fehlgeburt zu überwinden.

Natalie stellte das Handy auf Freisprechen. „Zehn vor fünf Uhr morgens? Wieso wundert mich das nicht?“

Bradley lachte. „Der frühe Vogel fängt den Wurm, liebe Cousine.“

Es tat so gut, in sein Lachen einzustimmen. „Damit konnte ich früher wenig anfangen.“

„Da hast du wohl recht. Der Morgen war nicht dein Ding. Aber sieh dich an … auf und davon mit den Besten.“

Natalie rollte mit den Augen und lenkte den Wagen durch eine Kurve. „Die ehemalige Nachteule in mir hört das gar nicht gern.“

„Tut mir leid, Nat. Deine Vampir-Lizenz wurde widerrufen“, verkündete Bradley ernst.

Sie mochte diese Stimmung. In den letzten beiden Jahren war nach Sonnenuntergang nichts Gutes passiert. Im Dunkel der Nacht fiel es leichter, alte und zerstörerische Gewohnheiten beizubehalten.

„Also.“ Bradley räusperte sich. „Du bist unterwegs? Wie wir’s besprochen haben?“

Die Scheinwerfer beleuchteten den dichten Wald zu beiden Seiten, deren Laub bereits die verschiedenen Farbtöne des Julis zeigten. „Wie wir’s besprochen haben“, bestätigte sie. „Ich bleibe fast bis zum Herbst. Bin gleich am Wasserfall. Ich möchte den Sonnenaufgang von meinem Lieblingsort aus sehen, bevor ich in die Stadt fahre.“

Bradley tat beleidigt. „Wie oft habe ich dich angefleht, mit mir am frühen Morgen zu den Dogwood Falls zu wandern? Und jedes Mal hast du abgelehnt. Das schmerzt, Nat. Sehr sogar.“

Sie lachte. Das Gelächter perlte aus ihrer Kehle und breitete sich in der friedlichen Morgenluft aus. „Diese Schuld muss ich wohl mit ins Grab nehmen.“

„Ja. Genau.“ Sein Kichern übertrug sich auf sie. „Aber ernsthaft, du klingst gut. Glücklich.“ Die Erleichterung war ihm deutlich anzuhören.

Natalie fuhr langsamer und wappnete sich für die scharfe Rechtskurve an der Zufahrt zu den Dogwood Falls. „Ich bin glücklich. Weil es aufwärts geht. Ich komme nach Hause.“

„Und was fühlst du dabei?“, stichelte Bradley auf seine sanfte Art.

Hätte er vor ihr gestanden, hätte sie ihm den Zeigefinger in die Rippen gebohrt, so wie damals, als sie noch klein waren. „Du hättest Psychiater werden sollen. Das ist Psychogeschwätz.“

Er lachte trocken auf. „Also, als dein persönlicher Ratsvertreter habe ich mit vielen gestörten Menschen zu tun, und zwar viel zu oft.“

Natalie hielt auf dem kiesbestreuten Parkplatz, den sie häufig in ihrer Jugend aufgesucht hatte. „Ich hätte nie so weit von meinen Eltern wegziehen sollen. Es war nicht gut, die Verbindung zu kappen, aber ich war damals nicht klar im Kopf. Das Kind zu verlieren … das hat mich aus der Bahn geworfen. Hat mich vom Planeten geschleudert. Jetzt bin ich wieder da. Es geht mir besser.“

„Das höre ich.“ Bradleys Optimismus schien proportional zu ihrem eigenen zu wachsen. „Ich kann’s gar nicht erwarten, dich wiederzusehen. Wir müssen zwei Jahre Kleinstadttratsch nachholen. Und nimm’s mir nicht übel, aber ich bin sehr froh, dass du von diesen Leuten wegkommst.“

Seufzend zog sie den Zündschlüssel ab. „Ich hab einen sauberen Schnitt gemacht, ehrlich. Mit denen bin ich fertig. Ich möchte mein altes Leben wiederaufnehmen. Mein richtiges Leben. Auch wenn es voller Makel ist.“

„Wir haben alle Makel, Nat. Glaub ja nicht, du wärst etwas Besonderes.“ Er lachte, doch sie hörte die Zuneigung aus seinen Worten heraus.

„Vermutlich werde ich wohl Rod davon überzeugen müssen, dass ich nichts Besonderes bin.“ Sie schnaubte und schüttelte leicht gefrustet den Kopf.

Bradley stöhnte. „Sag bloß, der alte Idiot ist zurück. Verzeih meine Ausdrucksweise, aber der ist das größte Stück Scheiße, das mir je vor Augen gekommen ist.“

„In einer gehobenen Ausdrucksweise wäre er ein morceau de merde. Ich hatte immerhin Französisch auf der Mittelschule. Aber ja … Er hat ein paarmal versucht, Kontakt aufzunehmen. Er glaubt, wir sollten unserer Beziehung noch eine Chance geben. Aber das hat keine Zukunft. Rod hat mich dermaßen verletzt, das kann er nie wiedergutmachen.“

„Wohl wahr.“ Ihr Cousin knurrte jetzt. „Er hat dich sitzenlassen, als du von ihm schwanger warst. Er hat dich verlassen, weil du von ihm schwanger warst. Kannst du dir vorstellen, wie oft ich dem Hurensohn die Fresse polieren wollte, wenn ich ihm in der Stadt begegnet bin?“

Natalie schloss die Augen, denn daran mochte sie im Moment nicht denken. Die Erinnerung an den kalten, leeren Blick ihres Freundes, als sie ihm sagte, sie sei schwanger, trübte ihre gute Stimmung.

Der Morgen war zu kostbar, um ihn mit Gedanken an Rod Norris zu verderben, deshalb verdrängte sie ihn aus ihrem Kopf. „Kann ich, Braddy. Aber, hey, ich bin am Wasserfall, und wenn ich mich nicht beeile, verpasse ich den Sonnenaufgang.“

„In Ordnung. Okay.“ Bradley spürte anscheinend, dass sie dem Thema ausweichen wollte. Vorerst jedenfalls. „Heute Abendessen im Rosie’s?“

„Punkt sieben. Wehe, du kommst nicht.“ Natalie drückte die Fahrertür auf und kicherte erneut. Es tat so gut, mit ihrem Cousin herumzublödeln. Er urteilte nie über sie. Von ihm kam nichts als Liebe und Unterstützung, selbst dann, wenn sie selbst weder lieben noch unterstützen konnte.

„Ist gebongt. Hab dich lieb, Nat.“

„Ich dich auch, Braddy.“ Sie beendete das Gespräch und schob das Handy in die Vordertasche ihres Rucksacks, in dem sie Wasser, Müsliriegel, Nüsse und ein Erste-Hilfe-Kit verstaut hatte.

Es gab Zeiten, da hatte sie das Wandern als lästige körperliche Anstrengung betrachtet, und die Erhebungen der Dogwood Falls waren nur für eines gut gewesen … nämlich mit Rod herumzumachen.

Doch diese Zeiten waren lange vorbei. Jetzt genoss sie das Wandern, das Knacken der Zweige und das Rascheln des Laubs unter ihren Füßen, die Vogelrufe im Wald und das Gefühl, ihr inneres Selbst mit jedem Schritt ein bisschen mehr wiederherzustellen.

Es ging stetig bergauf. Sie kannte den Weg. Nach einer Stunde erreichte sie den Aussichtspunkt, die höchstgelegene Stelle an den Dogwood Falls. Ein schmaler Felsgrat, ausgespült von jahrhundertelangem Regen, ragte auf den Fluss hinaus, der sich in die Tiefe ergoss. Von hier aus konnte man sogar die aufsteigende Gischt spüren, einhergehend mit dem beängstigenden Gefühl, dass nicht viel fehlte, um über den Rand zu rutschen und abzustürzen.

Natalie war stolz darauf, allein auf den Gipfel gestiegen zu sein. Sie hatte schon immer ein bisschen Höhenangst, jedoch eine regelrechte Phobie vor Wasser. Während ihrer Genesung hatte sie sich eifrig bemüht, sich mit dieser Naturkraft zu versöhnen und sich auf die Schönheit des Wassers anstatt auf dessen Gefahren zu konzentrieren.

Für ihre Angst gab es einen guten Grund. Im Alter von acht Jahren wäre sie im Urlaub mit ihren Eltern beinahe im Atlantik ertrunken. Am ersten Tag hatte sie Disneyworld besucht und Strauben gefuttert, am zweiten Tag eine traumatisierende Begegnung mit dem Tod gehabt.

Ängstlich und vorsichtig war sie allein ins Wasser gegangen, bis der Boden steil abfiel. Sie konnte noch nicht besonders gut schwimmen und wurde nur deshalb gerettet, weil ein Tourist vom Strand aus beobachtet hatte, wie sie ins Wasser gegangen und auf einmal verschwunden war.

Er war ihr nachgeschwommen und hatte sie unversehrt zurück an den Strand gebracht. Die Katastrophe war knapp abgewendet worden.

Ihre fürsorglichen und meist aufmerksamen Eltern hatten von dem Vorfall nichts mitbekommen. Eben noch war die kleine Natalie bei ihnen gewesen, dann war sie plötzlich weg.

Die Vorstellung, dass sie im Handumdrehen hätte sterben können, obwohl sie sich bei ihren Eltern behütet gefühlt hatte, verursachte ihr jahrelang Albträume und Migräneattacken. Das hatte sich inzwischen gebessert, doch die Angst vor tiefem Wasser … vor Flüssen, dem Meer, Seen … hatte sie bis ins zweiundzwanzigste Lebensjahr begleitet.

Dass sie die Sucht überwunden hatte, in die sie sich nach dem Verlust von Rods Baby in der achtundzwanzigsten Woche der Schwangerschaft geflüchtet hatte, motivierte sie, sich allen Dämonen ihres Lebens zu stellen, nicht nur dem Alkohol. Sie begann ihre Angst vor dem Wasser zu bekämpfen, um die Kontrolle über ihr Leben zurückzugewinnen.

Inzwischen war sie vollkommen trocken und hatte große Fortschritte dabei gemacht, sich die Freuden der Natur zurückzuerobern, die sie als kleines Mädchen vor dem Unfall in Florida genossen hatte, doch sie war sich bewusst, dass der Kampf gegen die Sucht und die Angst noch nicht ausgestanden waren.

Süchtige hörten nicht einfach auf, süchtig zu sein. Sie hörten auf, ihrer Sucht nachzugeben, und kämpften darum, sie in Schach zu halten. Ein Leben lang.

Die grauenhaften Momente des Überlebenskampfes und der Angst im Meer an jenem Tag würde sie niemals vergessen, doch solange sie weiterhin nach der im Wasser verborgenen Schönheit suchte, konnte sie damit leben.

Jetzt stand sie etwa dreihundert Meter über dem Erdboden inmitten des donnernden Tosens des Wasserfalls und hatte keine Angst.

Endlich angstfrei.

Natalie setzte sich, um den Sonnenaufgang zu betrachten und die Wunder der Natur und der Freiheit auf sich wirken zu lassen. Das angenehme Prickeln auf ihren Armen machte ihr bewusst, wie glücklich sie war.

Dann kehrten die Erinnerungen zurück, und Traurigkeit drohte sie zu überwältigen. So viel war verloren. Zeit, die sie mit ihren Eltern hätte verbringen können, die Liebe, die sie für Rod empfunden hatte, und vor allem … am schwersten zu ertragen … ihr Kind.

Sie aber hatte überlebt, sich erholt und war zurückgekehrt, gestählt.

In der Therapie hatte sie gelernt, dass es okay war, traurig zu sein. Die Traurigkeit erinnerte einen daran, wie wichtig jemand oder etwas einem war, und es war kein Zeichen von Schwäche, wenn man weinte.

Außerdem hatte sie gelernt, dass es okay war, wütend zu sein. Sie ließ die Gefühle zu und dachte an den Mann, der ihr das Herz gebrochen und ihr Vertrauen missbraucht hatte.

Rod hatte diesen Ort geliebt. Er hatte gemeint, er komme sich vor wie ein freies Tier, wenn sie hier herummachten, während unter ihnen der Wasserfall toste.

Wieso hast du dich als ein solcher Mistkerl erwiesen, Rod? Warum?

Nie im Leben würde sie die Beziehung zu diesem Mann wiederaufnehmen, doch sie musste zugeben, dass sie die Wildheit dieser Momente mit Rod durchaus genossen hatte, wenngleich sie sich nie weit auf den Felsvorsprung hinausgewagt hatte. Alles hatte sich in sicherer Entfernung vom gefährlichen Rand abgespielt.

Damals hätte sie einen Anfall bekommen, wenn sie nur einen Schritt vom sicheren Tod entfernt gewesen wäre.

Keine schlechte Veränderung.

Hinter ihr knackte ein Zweig. Sie schreckte zusammen und wandte mit klopfendem Herzen den Kopf zum Wald um.

Die Dunkelheit starrte sie an. Es war noch nicht hell genug, um im Schatten etwas erkennen zu können.

Wandern in den stillen Morgenstunden, wie? Sie meinte die Stimme ihrer Mutter zu vernehmen. Wahrscheinlich nicht die beste Idee.

Nach einer Weile entspannten sich Natalies Schultern, und sie lachte über sich selbst. Sie befand sich im Wald. Natürlich raschelte es da. Vermutlich ein Eichhörnchen oder ein Kaninchen.

Dies war ein großer Moment, und sie würde sich nicht von der Angst vor dem Unbekannten überwältigen lassen. Sie hatte lange genug eingeschränkt gelebt. Und für den Fall, dass da draußen ein größeres Tier war, hatte sie Pfefferspray im Rucksack.

Unwillkürlich zog sie den Rucksack an den blauen Riemen näher zu sich heran, bis er unmittelbar neben ihr lag. Sie öffnete den Reißverschluss. Sicher ist sicher.

Und jetzt genieß den verdammten Sonnenaufgang!

Der Himmel war unwiderstehlich. Goldene Sonnenstrahlen schossen hinter dem dunklen Gebirgszug hervor. Es sah aus, als stünde der Horizont in Flam…

Knack! Knack!

Das Rascheln kam näher, und Natalie krampfte die Finger um den Metallzylinder mit dem Pfefferspray. Zu laut für ein Kaninchen. Und zu groß. Sie machte einen Schatten aus und hielt die Luft an. Eindeutig kein Kaninchen. Ein Bär vielleicht?

Sie stand auf und entsicherte die Spraydose mit zitternder Hand. Sie vergegenwärtigte sich alles, was sie über Bären wusste.

Schwarzbären kann man verscheuchen. Mit lautem Rufen und indem man sich hoch aufrichtet. Grizzlybären nicht. Lautes Rufen reizt sie eher. Bei denen stellt man sich am besten tot. Aber hier gibt es keine Grizzlys. Oder doch?

Entschlossenheit verdrängte die Angst und brachte ihr Gedankenkarussell zum Stehen. Sie hatte sich zu oft in ihrem Leben totgestellt. Ob Schwarzbär, Grizzly oder Bigfoot, einerlei. Wenn da ein Raubtier war, würde sie standhalten und kämpfen.

Der Schatten löste sich aus den Bäumen und nahm Gestalt an. Ein Mensch. Auf einmal konnte sie wieder atmen.

Keine Klauen, Keine scharfen Zähne. Bloß ein anderer Mensch. Unerwartet? Ja. Aber vermutlich bloß ein anderer Wanderer, der das Morgenspektakel genießen wollte. Damit würde sie fertig. Sie hatte genug durchgemacht, um …

„Hallo, Nat.“

Der Mann kam näher, ihre Muskeln entspannten sich. Gott sei Dank.

„Was machst du denn hier? Du hättest mich beinahe zu Tode erschreckt. Ich hab dich für einen Bären gehalten.“

Mit einem irritierten Seufzer steckte Natalie die Spraydose in den Rucksack. Woher hatte er gewusst, dass sie hier oben war? Bradley hatte bestimmt niemandem von ihrem Vorhaben erzählt, außerdem war es für einen solchen Ausflug eigentlich zu früh. War er ihr gefolgt?

Er hob beide Hände und schaute ernst drein. „Ich schwöre bei Gott und allem, was mir heilig ist, ich hatte keine Ahnung, dass du hier sein würdest. Ich komme manchmal zum Nachdenken her. Und natürlich um mir den Sonnenaufgang anzuschauen.“ Er klang aufrichtig, doch Natalie war immer noch skeptisch.

Sie zog eine Braue hoch. „Das ist ein erstaunlicher Zufall.“

Er tat weiter unschuldig und hob die Schultern. „So was kommt vor. Das habe ich gelernt, und ich habe viel gelernt.“

Natalie überlegte, wie wahrscheinlich es war, an einem Dienstagmorgen auf dem höchsten Punkt der Dogwood Falls einer bestimmten Person zu begegnen. Im Sommer waren die Leute öfters in der Natur unterwegs, zumal in dieser Gegend. Der Wasserfall war ein beliebter Ausflugsort, und es gab auch noch Campingplätze, Wanderwege, Reitwege und …

Schließlich fand sie sich innerlich damit ab. Vielleicht handelte es sich ja tatsächlich um einen unglücklichen Zufall. Um den denkbar unangenehmsten Zufall, aber trotzdem. Möglich war es schon.

„Na gut. Überraschung, hier bin ich“, versuchte sie die peinliche Situation mit trockenem Humor zu überspielen.

Er lachte. „Das sehe ich. Und was genau hat dich heute hergeführt?“

Warum klang das wie ein Vorwurf? Seinen feindseligen Ton konnte sie sich nicht erklären. Sie hatte nichts Falsches getan.

„Echt jetzt? Das ist einfach der perfekte Ort, um ein neues Kapitel meines Lebens aufzuschlagen.“ Natalie hockte sich wieder hin, stützte das Kinn auf die Knie und sah zum Himmel auf. „Der Wasserfall bedeutet mir viel.“

„Okay.“ Ihr Überraschungsgast schien sich ein wenig zu entspannen. „Alles klar. Ein Ort voller Erinnerungen.“

Sie nickte. „Alte Zeiten und hoffentlich auch neue Zeiten.“

„Weißt du, es tut mir so leid, was du durchgemacht hast“, sagte er mit aufrichtig klingendem Mitgefühl. „Das Kind zu verlieren, war bestimmt eine schreckliche Erfahrung. Niemand hat das verdient. Ich wünschte, es wäre anders gelaufen.“

Natalie hob den Kopf und sah ihm in die Augen. „Ich auch.“

„Natalie … das neue Kapitel, das du aufschlagen willst … wird es mit mir beginnen?“

Sie beantwortete seine unausgesprochene Frage mit fester Stimme. „Ich bin hergekommen, um meine Familie zu besuchen.“ Sie wollte keinen Raum für Unklarheiten lassen. Es gab nur einen Grund für ihre Rückkehr. „Ich möchte wieder mit ihr zusammen sein. Das Band wieder festigen.“

Er seufzte. „Du hast dich verändert.“ Er musterte sie forschend. „Du wirkst distanzierter als die Natalie, die ich kenne.“

Er verstand sie nicht, deshalb bemühte sie sich, es ihm sanft beizubringen, auch wenn sie am liebsten geschrien hätte. „Ich glaube, ich habe einen guten Grund, hier zu sein. Ich habe entschieden, den Kontakt zu dir abzubrechen, okay?“ Das hatte sie eigentlich nicht sagen wollen, doch sie stand trotzdem dahinter.

Lass mich einfach den Wasserfall anstarren. Lass mich den Sonnenaufgang genießen. Geh weg.

„Aber … unsere gemeinsamen Erfahrungen.“ Er wirkte fassungslos. „Wir waren einander so nah, Natalie. Wir kennen unsere Geheimnisse. Es kann doch nicht dein Ernst sein, dass du nach Rutshire kommst und nie wieder mit mir sprechen willst.“

Natalie sah ihm in die Augen. „Genau das habe ich vor. Wir waren einander nah, aber jetzt … jetzt möchte ich mich mit meiner Familie versöhnen. Das ist alles, was ich will, okay?“

„Nimmt der gute alte Bradley an der Wiedersehensparty teil? Hat er dich dazu beschwatzt?“ Seine Feindseligkeit war nicht mehr zu überhören.

Sie wurde zornig. „Die Gründe für meinen Sinneswandel gehen dich nichts an.“ Sie versuchte, ihre harten Worte ein wenig abzumildern. „Ich werde niemals auch nur ein schlechtes Wort über dich sagen, okay? Ich möchte hier ein neues Leben beginnen. Es ist meine Entscheidung. Ich weiß, dass du andere Vorstellungen hast.“

Sie konzentrierte sich wieder auf den Sonnenaufgang, fühlte sich aber mehr als nur ein bisschen gestört durch die unerwünschte Gesellschaft. Nach ein paar Atemzügen konnte sie sich dem Farbenkaleidoskop am Himmel jedoch erneut hingeben.

„Ich verstehe, Natalie. Du wirst mir schrecklich fehlen. Es wird nicht mehr wie vorher sein.“ Selbstmitleid triefte aus seinen Worten.

Sie hatte sich vor zwei Jahren schlecht gefühlt. Sie hatte sich vor sechs Monaten schlecht gefühlt. Heute aber war ihr Tag. Ihre Gefühle gehörten ihr allein, und sie weigerte sich, ihre Freude zu teilen.

Je eher diese ‚zufällige Begegnung’ endete, desto besser. Als sie merkte, dass er einfach nicht verschwinden wollte, sagte sie sich, es sei egal. Der Sonnenaufgang war wundervoll, ob allein oder in Gesellschaft, und die unerwartete Begegnung sollte ihr den Neuanfang nicht verderben.

Schließlich hatte sie schon schlimmere ‚Überraschungen’ erlebt.

Etwa zehn Minuten lang blendete sie seine Anwesenheit aus und ließ den farbenprächtigen Himmel auf sich wirken. Als die Orange- und Rosatöne zu hellem Blau verblassten, war es Zeit zum Aufbruch. Sie hoffte, dass er sie nicht den ganzen Rückweg über begleiten würde, sammelte ihre Sachen auf und bedachte den Eindringling mit einem letzten Blick. „Adieu.“

Kraft strömte durch ihre Adern. Sie bestimmte, wo es langging. Sie hatte Fehler gemacht, doch sie war darüber hinausgewachsen. Sie beschritt einen neuen Weg, der sich bis zum sprichwörtlichen Sonnenuntergang erstreckte …

Er packte sie beim Arm, und sie versteifte sich. Manche Menschen kriegten einfach nicht mit, dass sie unerwünscht waren.

Sie schaute sich nicht um. „Hör mal, ich möchte nicht unhöflich sein, aber es ist alles gesagt. Ich gehe jetzt …“

Ihre Worte mündeten in einen Schrei, denn er zerrte sie zum Rand des Felsvorsprungs … auf den Wasserfall zu. „Hör auf, das ist nicht komisch! Was zum Teufel soll das?“ Sie suchte mit den Füßen nach Halt, doch ihre Stiefel rutschten über den Boden. Anstatt zu antworten, legte er ihr die Hand auf den Mund.

Das Blut gefror ihr in den Adern, jedoch nur für einen Moment. Dann setzte ihr Überlebensinstinkt ein. Sie trat um sich, versuchte ihn zu beißen. Sie würde sich befreien. Bestimmt. Sie war zwar klein, aber topfit. Kräftig.

Oder war es gewesen … bis zur Fehlgeburt. Und dem Alkohol. Jetzt war sie schwach. Ihre Muskeln ermüdeten bereits. Sie musste sich erholen. Zu Hause.

Die Hand wurde weggenommen, und sie saugte köstliche Luft in die Lunge. Die Erleichterung benebelte sie, sie schwankte.

Ein Streich. Ein böser, dummer Streich. Oder er wollte sie zwingen, es noch einmal mit ihm zu versuchen.

Wenn sie wieder sicheren Boden unter den Füßen hatte, würde sie ihn zur Schnecke machen. Zunächst aber musste sie zu Atem kommen.

Bevor sie sich erholen konnte, packte er sie auch mit der anderen Hand und zerrte sie weiter, bis gefährlich dicht an den Rand. Das dunkelblaue Wasser in der Tiefe bildete Strudel und rauschte so schnell über die schroffen Felsen hinweg, dass ihr flau wurde.

Sie stand reglos da. Zu perplex, um auch nur mit einem Muskel zu zucken oder sich zu wehren.

„Bitte.“ Ganz ruhig. Sie würde ihn ruhig und präzise anflehen und weiterleben. Alles andere konnte man später klären. „Bitte lass mich los. Ich bin keine Bedrohung für dich. Darauf kannst du dich verlassen. Lass mich einfach los, dann gehen wir beide weg. Ich werde niemandem erzählen, was hier passiert ist.“

Natalie nahm ihren ganzen Mut zusammen und wandte langsam den Kopf, sah dem sehr viel stärkeren Mann, der ihr Leben in Händen hielt, in die Augen. Das musste ihn doch an die Zuneigung erinnern, die sie füreinander empfunden hatten.

Sein Blick war kalt. Hart.

Das darf einfach nicht wahr sein. So etwas gibt es nicht.

„Ich wünschte, es wäre mit uns anders gelaufen, Natalie. Ich mag dich noch immer. Ich werde dich immer lieben, aber ich kann nicht zulassen, dass du alles zerstörst.“ Sämtliche Gefühle hatten sich bei ihm verflüchtigt. Kein Zorn, keine Liebe, kein Bedauern … nur roboterhafte Worte.

Das Blut pochte ihr in den Ohren im Rhythmus ihres rasenden Herzschlags. „Nein! Nein. Ich werde nicht alles zerstören. Ich versprech’s! Du kannst nicht …“

Auf einmal stieß er Natalie nach hinten, und sie stürzte ab. Sie schwenkte die Arme und trat um sich, traf aber auf keinen Widerstand. Da war nichts als Luft.

Ein Moment der Gewichtslosigkeit. Des Schwebens. Dann wurde sie von der Schwerkraft erfasst und hinabgerissen. Der Wind pfiff ihr in den Ohren, als sie mit dem Kopf voran in eine Hölle stürzte, die sie sich nie ausgemalt hatte.

Es tut mir leid, Brad…

Natalie schlug mit dem Kopf auf einem Felsen auf, und der Schmerz explodierte in ihrem Schädel. Eisige Gischt besprühte ihre Haut, und sie tat einen letzten Atemzug, der im Tosen des Wasserfalls unterging, über dessen Anblick sie sich eben noch gefreut hatte. Der gnädige, schnelle Tod rettete sie vor dem Grauen des brodelnden Wassers, das sie verschluckte und in die dunkle Tiefe zog.

Zweites Kapitel

Autumn Trent lehnte den Kopf ans Sofapolster und fuhr mit den Fingern durch Toads dickes Fell. Der kleine Zwergspitzmischling lag auf ihrem Schoß, räkelte sich hechelnd auf dem Rücken und bleckte seine unregelmäßigen Zähne. Manche mochten Toads Unterbiss hässlich finden, doch sie störte er nicht. Toad war ihr treuer Gefährte. Wenn sie nach Hause kam, nahm er ihr ihre Abwesenheit nicht übel, sondern zeigte ihr seine Zuneigung, indem er ihr das Gesicht ableckte und mit dem Schwanz wedelte.

In letzter Zeit hatte er eine Menge zu verzeihen.

Sie kraulte dem Hund die Brust. „Tut mir leid, Kumpel, zwanzig Wochen waren eine lange Zeit. Du hast bestimmt schon gedacht, ich hätte dich im Stich gelassen.“

Als sie von Aiden Parrish als Quereinsteigerin in seine Abteilung für Verhaltensanalyse aufgenommen worden war, hatte der Special Supervisory Agent ihr klargemacht, dass sie eine Spezialausbildung absolvieren müsse, um FBI-Agentin zu werden. Doch die Vorstellung, irgendwann nach Quantico zu gehen, um die Voraussetzungen zu erfüllen, und die Realität waren zwei Paar Schuhe. Selbst jetzt noch kam es ihr irreal vor, dass sie den Kurs abgeschlossen hatte.

Erledigt. Die Ausbildung lag hinter ihr, und heute waren ihre ersten vierundzwanzig Stunden als offizielle FBI-Agentin in der Abteilung für Verhaltensanalyse der Niederlassung in Richmond.

Sie strotzte vor Zufriedenheit. Special Agent. Der Titel hatte einen belebenden Klang. Noch nie hatte sie sich so versiert, so tüchtig, so mächtig gefühlt …

Auch schon nach der Promotion in forensischer Psychologie und Jura hatte sie viele Gründe gehabt, auf sich stolz zu sein. Dennoch hatte sie diesen Job gewollt. Diesen Titel. Die Gefahr und Aufregung, die mit der Arbeit als FBI-Agentin einhergingen.

Wie bei ihren früheren akademischen Erfolgen hatte sie sich ein Ziel gesetzt und es konsequent verfolgt. Jetzt mündete ihre ganze Arbeit in eine Laufbahn, für die sie gekämpft und die sie sich mühsam verdient hatte.

Nach ihrer Rückkehr von Quantico hatte sie sich ein paar Tage Zeit genommen, um die losen Fäden an ihrem Arbeitsplatz zu ordnen und den Papierkram abzuarbeiten. Vor Beginn der Ausbildung hatte sie bei Shadley und Latham gearbeitet, hatte aber dort gekündigt. Die Verbindung war gelöst. Mike Shadley war nicht länger ihr Boss und seine Firma nicht mehr ihr Rückfallplan.

Jetzt arbeitete sie für das FBI. Ausschließlich. Und zwar als Special Agent. Punkt.

Aufregung und Nervosität durchströmten ihren Körper, machten sie auf angenehme Art schwindelig und kribbelig. Sie hatte sich den Arsch aufgerissen, um hierherzukommen. Sie wollte diesen Neuanfang.

Peach miaute auf ihrem Ruheplatz auf der Küchentheke. Die rot-braune Tigerkatze war weniger nachsichtig als Toad und wollte sich nicht streicheln lassen.

Während Toad sich auf Autumns Schoß streckte und es genoss, sich von ihr liebkosen zu lassen, beäugte Peach misstrauisch ihre Besitzerin. Seit Autumns Rückkehr war sie abweisend, doch jetzt wirkte ihr Katzenblick geradezu menschlich. Bösartig.

„Ach, Peachy. Bitte hör auf, mich so anzustarren, als wolltest du mich im Schlaf umbringen.“

Autumn kicherte bei der Vorstellung. Irgendwann würde Peach ihr schon verzeihen. Vermutlich.

An der Tür wurde drei Mal in rascher Folge geklopft. Special Agent Winter Black war da. Heute wollten sie zum ersten Mal zusammen joggen, und Autumn war darauf gefasst, ordentlich gefordert zu werden. Im Gegensatz zu ihr joggte Winter bereits seit Jahren.

Sie öffnete die Tür mit einem Schwung, der ihrer besten Freundin vorbehalten war. Zwanzig Wochen Abwesenheit waren eine verdammt lange Zeit, und sie hatten sich jede Menge zu erzählen.

Und viel aufzuarbeiten.

Schuld. So viel Schuld.

Autumn lächelte ein bisschen angestrengt, und Winter lächelte zurück.

Als Autumn bemerkte, wie mager Agent Black in Shorts und T-Shirt aussah, stutzte sie. Ohne die FBI-Jacke wirkte sie klapperdürr.

Winters feste Muskeln waren fast vollkommen verschwunden, so dass ihre Beine auf den halben Durchmesser geschrumpft waren. Auch der Armumfang hatte abgenommen, und unter dem dünnen, atmungsaktiven T-Shirt zeichneten sich spitze Schlüsselbeine ab.

Das war bestürzend, denn fünf Monate zuvor hatte Winter Idealgewicht gehabt und topfit und kräftig gewirkt.

Das glänzende schwarze Haar, das ihr wahnsinniger Bruder abgeschnitten hatte, reichte zwar wieder bis zu den Schultern, doch die roten Strähnen, die Justin ihr aufgezwungen hatte, waren noch da, und sie wirkte ganz anders als die Frau, die sie zuvor gewesen war.

Eine schlechte Frisur aber war Autumns geringste Sorge. Justin Black hatte zu Jahresbeginn zahlreiche Gräueltaten an ihr begangen. Bei seiner Flucht aus dem Virginia State Hospital, der einzigen psychiatrischen Hochsicherheitsklinik des Bundesstaates, hatte er sie entführt und eine blutige Spur des Grauens hinter sich gelassen.

Drei Tage und zwei Nächte lang war Winter in Justins Gewalt gewesen. Er hatte seine Schwester unter Drogen gesetzt, sie gezwungen, zwei Unschuldige zu töten, ihr in den Arm geschossen, und es hatten nur Minuten, wenn nicht gar bloß Sekunden gefehlt, dann hätte er sie und Dutzende weitere Menschen mittels Sprengstoffgürtel in die Luft gejagt.

Die körperlichen Verletzungen waren schon schlimm genug, doch Autumn bereitete vor allem das psychische Trauma Sorge, das ihre Freundin in den qualvollen achtundvierzig Stunden erlebt hatte.

Und das war noch nicht alles.

Nachdem man sie von der Weste befreit hatte, war Winter von der Polizei und den Medien wochen- und monatelang durchleuchtet worden.

Bezahlter Urlaub.

Eine mögliche Anklage.

Drohende Zivilklagen der Opferfamilien.

Obwohl Winter von der Schuld am Tod der Stewarts freigesprochen worden war, versuchten die Medien, sie auseinanderzunehmen … bis sie sich auf einmal anders besannen und Winter zur Heldin erklärten. Vor allem dieser Stimmungsumschwung hatte sie davor bewahrt, ihren Job zu verlieren.

Als sie so Winters magere Gestalt betrachtete, fragte sich Autumn, wie sehr ihre Freundin wohl noch unter den Nachwirkungen leiden mochte.

„Bereit, Agent Trent?“ Winter wippte auf den Fußballen, doch ihr Blick huschte zwischen Diele, Tür und Straße hin und her.

Autumn zögerte. Sollte sie die Joggingrunde besser absagen und sich stattdessen ausführlich mit Winter unterhalten?

Was hast du erwartet? Vor ein paar Monaten hätte ihr Bruder sie beinahe in die Luft gesprengt. Natürlich hat sie daran noch zu knabbern. Wenn der Gewichtsverlust schon die schlimmste Spätfolge ist, kann sie von Glück sagen.

Winter hielt inne, ihr Lächeln verflog. „Stimmt was nicht, Special Agent Trent?“

Autumn verdrängte ihre Bedenken und grinste ihre Freundin an, dann bückte sie sich und band sich die Schuhe. „Ich hab mich noch nicht an meinen neuen Titel gewöhnt.“ Dafür war sie zu lange Dr. Trent gewesen.

„Das kommt. Glaub mir, du wirst dich dran gewöhnen.“ Winter hielt die Tür weit auf und verneigte sich wie vor einer königlichen Hoheit. Allerdings blieb sie nicht lange bei der Pose, denn sie brachen beide in Gelächter aus.

Siehst du? Du machst dir zu viele Sorgen. Mit Winter ist alles in Ordnung. Es geht ihr sogar gut.

Autumn trat nach draußen, und Winter schloss hinter ihr die Tür. In einvernehmlichem Schweigen gingen sie den Bürgersteig entlang.

Wieder vereint, und das fühlt sich gut an.

Doch jetzt, hier im Freien, gewann sie neue Eindrücke, die nicht in die Kategorie ‚gut’ passten. Winter war nicht nur mager, sie war blass. Eigentlich hatte ihre Freundin nie viel Farbe gehabt, doch ihre extreme Blässe mitten im Juli ließ bei Autumn die Alarmglocken schrillen.

„Also, was zum Teufel war das eben?“, kam Winter ihr zuvor, als sie zu traben begannen.

Autumn schwenkte die Hand. „Ach, nichts. Mit einer Piña Colada täglich wäre das hier ein richtiges Resort.“

Winter lachte, dann atmete sie regelmäßig weiter. „Ich sehe da einen Strand und Cabana-Boys vor mir.“

Autumn lachte so heftig, dass sie anhalten musste, um Atem zu schöpfen. Ihre Freundin hatte ihr wirklich sehr gefehlt. „Okay. Gleichzeitig geht das nicht. Verschieben wir das Erzählen auf später?“

Winter hob vielsagend die Brauen. „Was? Hast du gerade gesagt, wir sollten zuerst joggen? Wurdest du durch ein Alien ersetzt? Einen Roboter?“

„Wart’s ab.“ Autumn richtete sich zu voller Größe auf und streckte die Brust raus. „Laufen macht mir Spaß. Ich trainiere sogar wieder Krav Maga.“

Winter stemmte die Arme in die Hüfte, was ihre Magerkeit betonte. „Ich bin stolz auf dich. Und jetzt beweis mir, wie viel ‚Spaß’ dir das Laufen macht.“

Ohne Vorwarnung setzte sie zu einem Sprint an, und Autumn folgte ihr.

Zehn Minuten und anderthalb Meilen später gelangten sie zu einem Park, den Autumn ‚Wendepark’ getauft hatte. Anstatt anzuschlagen und umzukehren, setzten sie sich ins Gras und machten die Beine lang.

„Du hast nicht übertrieben. Hast ordentlich Pep, Trent.“ Winter streckte den langen, dünnen Arm zu den Zehen aus.

Autumn massierte sich die Wadenmuskeln, um einem Krampf vorzubeugen. „Ich hab dir ja gesagt, in Quantico geht’s zur Sache. Ich kann beinahe verstehen, warum Chris es mir übelgenommen hat, dass ich im Unterschied zu euch allen noch nicht dort war.“

Special Agent Chris Parker war ein Kollege von der Abteilung für Verhaltensanalyse und hatte gegen Autumns Quereinstieg protestiert. Allerdings nahm er meistens kein Blatt vor den Mund. Er war zwar tüchtig, suchte aber bei allem das Haar in der Suppe.

Jetzt, da sie die zwanzigwöchige schwere Ausbildung, die für FBI-Agents Pflicht war, bevor sie Fälle bearbeiten durften, selbst absolviert hatte, konnte sie Parkers Verärgerung nachvollziehen.

Quantico war nicht nur eine körperliche Herausforderung. Das mentale Training und die Tests waren nicht minder anspruchsvoll und erschöpfend. In der kurzen Zeit musste Autumn jede Menge Informationen verarbeiten und sich mit Pistolen und Gewehren, der Terrorismusabwehr und der Bekämpfung von Massenvernichtungswaffen vertraut machen sowie Ermittlungstechnik büffeln.

Jetzt war sie viel besser gewappnet für die vorrangigen Fälle, an denen sie auch schon vor Quantico mitgearbeitet hatte. Die Ausbildung hatte ihr ein solides Fundament vermittelt, das ihr bei schweren Entscheidungen helfen und ihr überaktives Herz ein wenig entlasten würde.

Hoffentlich.

Special Agent Trent war etwas taffer als Dr. Trent. Autumn hatte im Verlauf der Ausbildung eine entsprechende innerliche Veränderung festgestellt und versuchte, sich damit anzufreunden.

Nichts würde ihr Herz je zum Schweigen bringen. Das wussten alle, die sie besser kannten. Doch die Methoden, die sie sich angeeignet hatte, um ihre Emotionen zu bezähmen, sollten sich bei der Arbeit als vorteilhaft erweisen.

„Parker eckt bei allen an. Ich würde nichts auf das geben, was er über dich gesagt hat.“ Winters Miene verhärtete sich. „Chris sorgt sich um Chris. Nicht ums Team. Nicht ums FBI. Er lebt im Parkerland, und dort gefällt es ihm.“

Die angespannten Kiefermuskeln und der ins Leere gehende Blick ihrer Freundin deuteten darauf hin, dass Winter während der vergangenen Monate so manchen bissigen Kommentar von ihm hatte einstecken müssen. Womöglich hatte sie sogar erfahren, dass Chris mit Nachdruck die These vertreten hatte, sie habe Justin freiwillig geholfen. Habe seinen Ausbruch ermöglicht. Habe aus freien Stücken Zivilisten ermordet.

„Dem kann ich nicht widersprechen.“ Jetzt, da die Sonne höher am Himmel stand, traten die dunklen Ringe unter ihren leuchtend blauen Augen stärker hervor. „Wie geht es dir?“

Winter spannte sich merklich an und richtete den Blick auf die Baumwipfel. „Ganz gut. Die Cyberabteilung hat das komplette Video von den Stewart-Morden ziemlich schnell gefunden. Justin musste die ganze Horrorshow ja unbedingt im Darknet posten. Seine Bemerkung, Snuff-Videos seien für ihn alltäglich, war nicht scherzhaft gemeint gewesen.“

Die Videoclips, die Justin während Winters Gefangenschaft an die Medien gemailt hatte, zeigten nur, wie Agent Black Greg und Andrea Stewart den Hals brach, sowie ein Foto ihrer getöteten Tochter auf dem blutverschmierten Boden eines Wohnmobils. Die Medien behaupteten daraufhin, Winter habe mit ihrem Bruder gemeinsame Sache gemacht.

Die Wahrheit kam erst ans Licht, nachdem Justin sie mit einer Sprengstoffweste in Washington D.C. inmitten von tausenden Teilnehmern einer Mahnwache abgesetzt hatte. Sie war nicht seine Komplizin gewesen, wäre aber um ein Haar zu seinem Feuerwerk geworden.

Dieser Vorfall und das unbearbeitete Video, das zeigte, was tatsächlich mit den Stewarts geschehen war – Justin hatte Winter gezwungen, die Eltern zu töten, um ihre beiden Kinder zu retten –, hatten Winter vom Vorwurf des Mordes freigesprochen. Nichts aber würde ihre Freundin davor bewahren, sich mit Vorwürfen zu zerfleischen, weil sie zwei unschuldige Menschen getötet hatte, und sei es nur, um ihnen die Folter zu ersparen, der Justin sie unterzogen hätte, wenn sie sich geweigert hätte.

Außerdem hatte Justin auch noch eines der Kinder getötet. Er hatte Nicole Stewart im Wohnmobil in den Kopf geschossen, nachdem er Winter glauben gemacht hatte, sie könne die Dreizehnjährige retten.

Der jüngere Timothy Stewart wurde weiterhin vermisst. Justin hatte den Achtjährigen entführt, und beide schienen sich in Luft aufgelöst zu haben.

Winter fühlte sich zweifellos verantwortlich dafür, dass sie Timothy nicht vor ihrem gestörten Bruder hatte retten und Nicoles Tod nicht hatte verhindern können. Dabei war beides nicht ihre Schuld. Ihr Bruder hatte seine ältere Schwester gefangen gehalten und sie mit physischer Gewalt, Drogen und psychischem Zwang unter Druck gesetzt.

„Dein Name wird so oder so wieder reingewaschen werden, Winter. Du bist eine gute Agentin. Ein guter Mensch.“ Autumn litt mit ihrer Freundin mit. Ihr Bruder hatte sie in eine unmögliche Lage gebracht.

„Hey“, sagte Winter und zog die eine Schulter hoch, „wenigstens sprang was für mich dabei heraus: bezahlter Urlaub für die Dauer der Ermittlungen. So konnte ich meinen Arm auskurieren.“ Sie tippte auf ihren Bizeps, an dem Justin sie mit einer Kugel verletzt hatte. „Osbourne hat mich so lange zu Schreibtischarbeit verdonnert, bis ich ‚vollständig genesen und wieder arbeitsfähig’ bin.“

Max Osbourne war der Special Agent in Charge der Abteilung für Gewaltverbrechen in Richmond und Winters offizieller Vorgesetzter. Wenn SAC Osbourne sie am Schreibtisch haben wollte, würde sie am Schreibtisch sitzen. Autumn aber fragte sich, ob nicht auch SSA Aiden Parrish seine Hand im Spiel gehabt hatte, als es darum gegangen war, Winters Erholungszeit so lange auszudehnen.

Autumn vertraute Aiden. Wenn er Winter noch nicht für einsatzfähig hielt, hatte er vermutlich verdammt gute Gründe dafür. Welche Beobachtungen mochte er in all den Monaten ihrer Abwesenheit bei Winter gemacht haben? Allein schon die körperlichen Veränderungen waren besorgniserregend.

„Bist du sicher, dass du bereit bist?“ Autumn wollte sich ihre Besorgnis nicht zu sehr anmerken lassen. Sie hatte den Eindruck, ihre Freundin schlafe schlecht und esse nicht genug.
Winter schaute sie an. Jetzt erst bemerkte Autumn in ihrem Blick einen Hauch von Zerbrechlichkeit. „Wie kann jemand nach einer solchen Erfahrung überhaupt bereit sein, irgendetwas zu tun? Ich meine, ich habe mich psychologisch untersuchen lassen. Ich habe alle Kästchen in den Fragebögen angekreuzt, um meine Kompetenz zu zeigen. Nachdem ich meine Unschuld bewiesen hatte, wie du weißt.“ Sie lachte humorlos.

„Du musstest nichts beweisen, Winter. Du warst unschuldig. Du bist unschuldig.“ Autumn hätte ihre Freundin gern umarmt, doch sie zögerte.

Eine Umarmung von Autumn Trent war nicht bloß eine Umarmung. Im Alter von zehn Jahren hatte ihr alkoholsüchtiger Vater sie so geschlagen, dass sie mit dem Kopf gegen die Tischkante geprallt war. Sie musste sich einer Gehirnoperation unterziehen, und als sie aus der Narkose erwachte, besaß sie eine verblüffende ‚Gabe’. Berührte sie eine andere Person, gingen deren Emotionen auf sie über.

Winter wusste von Autumns sechstem Sinn und war sich darüber im Klaren, dass sie bei einer Umarmung ihre Gefühle offenbaren würde. Und zwar alle.

Autumn war sich nicht sicher, ob sie dazu schon bereit war.

„Unschuld ist relativ.“ Winter schluckte mühsam. „Ich bin eine FBI-Agentin, die zwei brave Bürger getötet hat. Die Stewarts waren eine nette Familie. Greg und Andrea waren Vorzeigeeltern. Sie haben Justin und mir geholfen, weil sie um das Wohlergehen von zwei Fremden besorgt waren.“

Agent Blacks Kopf ruckte herum, als sei sie von einer Biene gestochen worden. Dann blickte sie gleich wieder nach vorn, als sei nichts geschehen. Die Bewegung hatte zwanghaft gewirkt, doch Autumn verdrängte ihre Irritation. Sie saßen an einem warmen Julitag im Gras. Hier gab es viele Insekten.

„Dass sie unschuldig waren, ändert nichts an deiner Unschuld.“ Autumn musste sich beherrschen, um Winter nicht in die Arme zu schließen. Sie hatte gewusst, dass ihre Freundin mit Schuldgefühlen zu kämpfen haben würde, doch es tat ihr weh, das aus nächster Nähe zu erleben.

Winter zog die Knie an die Brust und legte die Stirn darauf. „Vielleicht sollte ich Schluss machen beim FBI. Dass ich ‚entlastet’ wurde, hat nichts verändert. Die Schuld … die Schuld frisst mich innerlich auf. Ich weiß nicht, wie ich das stoppen soll. Vielleicht habe ich es gar nicht verdient, dass es jemals aufhört.“ Mit zitternden Händen fuhr sie sich durch ihr seidiges schwarzes Haar.

Stress. Das ist der Stress. Deshalb ist sie so mager, blass und zitterig. Das ist alles zu viel für sie.

Immer wenn Autumn sich einreden wollte, ihrer Freundin gehe es gut, zweifelte sie ein bisschen mehr daran. „Jeder, der so etwas durchgemacht hat, hätte mit Schuldgefühlen zu kämpfen. Das heißt aber nicht, dass du deinen Beruf aufgeben musst. Du musst dir ein bisschen Zeit lassen.“

„Ich habe eine Liste erstellt.“ Winter hob den Kopf, verschränkte die Arme auf den Knien und stützte das Kinn darauf. „Was könnte ich tun, wenn ich nicht mehr Agent wäre? Privatermittlerin steht ganz oben. Ich habe mir schon vor dem Vorfall darüber Gedanken gemacht. Ich wäre eine gute Privatermittlerin.“ Sie nickte, als wollte sie sich selbst überzeugen.

„Du wärst eine hervorragende Ermittlerin. Du wärst auch auf anderen Gebieten gut. Aber es ist noch zu früh, um das Handtuch zu werfen, Winter. Da bin ich mir sicher.“ Fünf Monate reichten bei weitem nicht aus, um die Tortur zu verarbeiten, die ihre Freundin durchgemacht hatte.

Winter senkte die Hand, riss ein paar Grashalme ab und spielte damit. „Zeit kommt mir inzwischen unwirklich vor. Es gibt keinen Zeitpunkt in der Zukunft, an dem das … nicht mehr da ist. Ich weiß, was du sagen willst. Alles wird mit der Zeit leichter, doch das reicht nicht. Ich möchte mich wieder frei fühlen. So wie vor dem Abend, an dem Justin mich überwältigt hat.“

Ein paar Tränen rollten ihr über die Wangen, was Autumn einen Stich versetzte. Sie schloss Winter in die Arme und drückte sie an sich. Ihre Freundin fühlte sich noch magerer an, als sie aussah. Die Schulterblätter ragten wie Flügel aus ihrem Rücken.

Dann trafen sie die Emotionen. Ein Tsunami aus Verwirrung, Zorn und Schuldgefühlen durchströmte sie. Der Schmerz, der von ihrer Freundin ausging, war mehr als nur Traurigkeit … mehr als Bedauern. Verzweiflung erfüllte Winter.

Während Autumn nach Luft rang, nahm sie noch eine andere Emotion wahr … eine Art Sehnsucht. Winter sehnte sich nach …

Unvermittelt entzog sich ihr Winter. „Tut mir leid. Ich weiß, du kriegst im Moment eine Menge Scheiß von mir mit. Es bringt nichts, wenn wir beide leiden.“ Sie wischte sich die Tränen von den Wangen und richtete sich auf.

Auch Autumn erhob sich und schüttelte heftig den Kopf. „Das stimmt doch gar nicht. Wenn du leidest, leide ich auch. Ich versuche dir dabei zu helfen, das durchzustehen. Als Freundin und wenn du möchtest, auch als Therapeutin. Ich weiß, du hast schon eine, aber ich bin immer für dich da. Immer.“

„Du bist eine gute Freundin.“ Winter hatte sich bereits in Bewegung gesetzt. „Und jetzt lass uns rausfinden, ob diese zähe Jogging-Anfängerin ebenso schnell zurückrennen kann, wie wir hergekommen sind!“

Autumn lief ihr nach. Die Unterhaltung war ein bisschen zu weit gegangen, war für einen Morgenlauf zu tiefschürfend geworden. Sie akzeptierte die Zurückhaltung ihrer Freundin, hoffte aber auch, dass Winter nicht ständig dichtmachen würde. Wenn sie diese Tragödie verarbeiten wollte, musste sie ihren Schmerz herauslassen.

Sich dem Monster stellen.

Daran führte kein Weg vorbei.

Sie liefen schweigend nebeneinander her, untermalt vom Geräusch ihrer Schritte auf dem Pflaster. Autumn hatte so Gelegenheit, ihr Angebot, Winter zu therapieren, zu bedauern. Im Nachhinein kam es ihr absurd vor. Sie selbst war einer der Gründe, weshalb Justin Black entkommen war und Winter die Hölle durchgemacht hatte.

Sie hätte die Black-Geschwister voneinander fernhalten können, hatte es aber nicht getan.

Dieser Fehler hatte Justins Flucht ermöglicht und Winters Traumatisierung zur Folge gehabt. Weshalb sollte Winter dann ihren Rat suchen?

Das schlechte Gewissen machte das Joggen noch anstrengender. Als sie sich ihrer Wohnung näherten, wurden sie langsamer und legten das letzte Stück im Schritttempo zurück. Sie waren beide schweißnass, als sie ihr Ziel erreichten, und begannen mit dem Stretching, während das Schweigen fortdauerte. Winter sah sie an, überlegte einen Moment, dann öffnete sie den Mund …

Das Summen ihrer beider Handys durchbrach die Stille.

Autumn nahm ihres vom Tisch. „Aiden.“

„Bei mir auch.“ Winter wischte über das Display.

„Eine Besprechung …“ sagte Autumn.

Winter sah auf die Uhr. „In einer Stunde. Mist. Ich muss nach Hause und duschen. Bis gleich.“ Sie vergeudete keine Zeit und wandte sich zur Tür.

Autumn nickte und winkte zum Abschied. „Bis gleich.“ Sie versuchte zu übersehen, wie stark Winters Hand zitterte, als sie die Tür öffnete.

Stress. So ist das, wenn man Stress hat.

Diesmal vermochte die Erklärung ihre Besorgnis nicht zu dämpfen.

Sie schaltete einen Gang höher und duschte. Im Spiegel sah sie ihr rotes Haar und ihre leuchtend grünen Augen. In der FBI-Niederlassung kannten sie inzwischen alle, nicht nur die Mitarbeiter der Abteilung, doch an ihrem ersten Tag als offizielle Agentin wollte sie besonders professionell wirken.

Was immer das heißen mochte.

Sie eilte in der Wohnung umher und bereitete alles vor für den Tag, doch ihre Sorge um Winter verdrängte die Gedanken an ihr Auftreten bei dieser zweiten Jobpremiere.Winter ging es nicht gut. Überhaupt nicht gut. Autumn hatte zwar nicht erwartet, dass ihre Freundin bei ihrer Rückkehr nach Richmond die traumatische Erfahrung vollständig hinter sich gelassen hätte, doch Winters knochige, gestresste Erscheinung hatte sie geschockt.

Special Agent Noah Dalton, ein weiterer Kollege von der Abteilung für Gewaltverbrechen und Winters Mitbewohner und Partner, war bestimmt ebenso besorgt wie sie.

Sie musste im Büro mit ihm unter vier Augen sprechen. Mit Aiden am besten auch. Vielleicht würde sie dann klarer sehen, wie sie mit Winters Notlage umgehen sollte.

Alles würde gut werden.

Abgesehen von dem kleinen Jungen, den Justin entführt hatte.

Sie hielt inne, das eine Bein in der Anzughose, das andere draußen. Timothy Stewart durchlebte vermutlich gerade einen Albtraum, wie niemand ihn sich vorstellen konnte. Justin war nicht nur ein Serienkiller. Er war bei einem Serienkiller aufgewachsen. Bei seinem Blutsverwandten Douglas Kilroy, dem Preacher.

Kilroy hatte Justin im Alter von sechs Jahren entführt und seine Eltern ermordet. Auch die damals dreizehnjährige Winter hatte er töten wollen, doch sie hatte ihre Kopfverletzung überlebt. Genau wie Autumn die ihre. Nach der Notoperation verfügte Winter über eine neue Gabe.

Ihr beider sechster Sinn trug wesentlich zu ihrer engen Beziehung bei. Kein Außenstehender konnte nachvollziehen, was eine solche ‚Gabe’ an Vor- und Nachteilen mit sich brachte.

Autumn schlüpfte ins zweite Hosenbein und knöpfte die Hose zu. Der Verlust eines Geschwisters war eine weitere Gemeinsamkeit mit Winter. Wie Winter von ihrem Bruder war Autumn plötzlich von ihrer Schwester getrennt worden. Nachdem man ihren Eltern das Sorgerecht entzogen hatte, war sie in eine Pflegefamilie gekommen, während Sarah, ihre kleine Schwester, fortan bei ihrem biologischen Vater gelebt hatte.

Trotz ihrer bisherigen Misserfolge war Autumn entschlossen, Sarah zu finden. Davon würde sie sich nicht abbringen lassen.

Während sie die frisch gebügelte weiße Bluse zuknöpfte, fiel ihr Blick auf eine rosarote Haftnotiz an der Kommode.

A. L. Anzeige erstatten.

A. L.

Adam Latham.

Sie sah den abstoßenden Mann vor Augen und verspürte jähe Übelkeit.

Noch so eine Sache, um die ich mich kümmern muss. Kein großes Ding.

Sie bürstete sich das Haar und machte sich klar, dass es ihre Pflicht war, sich um die Angelegenheit zu kümmern.

Adam war bei Shadley und Latham ihr zweiter Boss gewesen, doch nachdem er Autumn unter dem Vorwand, sie anzuleiten, sexuell belästigt hatte, hatte Mike Shadley sich von ihm getrennt. Mike war in Ordnung, deshalb hatte Autumn ihm Zeit gelassen, seinen Firmennamen zu ändern, bevor sie rechtliche Schritte einleitete.

Jetzt war der neue Name offiziell, und Autumn wollte vor Gericht gehen. Wäre sie untätig geblieben, nachdem ihr Boss sie in einem Hotelzimmer nach einer Zurückweisung geohrfeigt hatte, hätte sie allen anderen Frauen einen schlechten Dienst erwiesen.

Männer wie er mussten zur Rechenschaft gezogen werden.

Diese Woche. Ich rufe Mike diese Woche an und informiere ihn von meinem Vorhaben.

Autumn schnappte sich die Handtasche, küsste Toad auf die Nasenspitze und versuchte die missmutige Peach hinter den Ohren zu kraulen. Das wurde ihr verweigert, doch damit hatte Autumn gerechnet. Sie war fast schon aus der Tür, als ihr einfiel, dass sie ihre kleinen Mitbewohner noch füttern musste.

Sie füllte die Wasserschalen, schüttete Trockenfutter nach und servierte Lachspastete mit beeindruckender Geschwindigkeit. So verfressen Toad und Peach waren, wäre es geradezu kriminell gewesen, ihren hungrigen kleinen Mäulern das Futter vorzuenthalten.

Als sie die Eingangstür hinter sich abschloss, stutzte sie.

Hungrig. Nach diesem Wort habe ich eben gesucht.

Autumn stand reglos auf der Veranda. Der Gedanke war aus dem Nichts erschienen, doch plötzlich fügte sich alles zusammen.

Bevor Agent Black sich im Park von ihr löste, hatte sie gespürt, dass Winter sich nach etwas sehnte. Jetzt wurde Autumn klar, dass es sich eher um ein Hungergefühl handelte. Winter sehnte sich so sehr, dass es sie innerlich verzehrte.

Ich möchte mich wieder frei fühlen. So wie vor dem Abend, an dem Justin mich überwältigt hat. Das waren ihre Worte gewesen, und auf einmal begriff Autumn ihren Sinn.

Die verletzte, gebrochene Winter suchte nach Erlösung.

Sie ging zum Wagen, entschlossen, ihrer Freundin dabei zu helfen. Winter brauchte nicht allein zu kämpfen. Sie würde ihr …

„Was zum …“

Die Kinnlade fiel ihr herab. Langsam umkreiste sie den Wagen. Alle vier Reifen waren aufgeschlitzt, die Flanken mit einem Messer oder einem Schlüssel zerkratzt. Und auf der Motorhaube …

Sie kniff die Augen zusammen und las verblüfft, was jemand in den Lack geritzt hatte.

Ihr größter Fan.

Wer nicht wagt, der nicht gewinnt…

Nach ihrer fünf Monate langen FBI-Ausbildung in Quantico freut Dr. Autumn Trent sich auf ihren ersten Arbeitstag als offizielle Special Agent der Abteilung für Verhaltensanalyse. Sie begann die Ausbildung schweren Herzens, denn sie fühlt sich verantwortlich für all das, was ihrer besten Freundin und Kollegin Winter Black zugestoßen ist. Inzwischen aber ist sie stärker geworden und bereit, an Winters Seite gegen das Böse zu kämpfen.

Kaum wieder zuhause, stürzt eine junge Frau mit ausgeprägter Wasserphobie von einem Wasserfall zu Tode. Read More