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Mary Stone Publishing

A Taste of… Autumns Durchbruch

Erstes Kapitel

Edwin Gallagher wusste nicht, ob er lachen oder weinen sollte.

In der Hand hielt er ein kleines Foto im Silberrahmen, seine müden Beine ruhten auf dem Schreibtisch. Er lehnte sich zurück und nahm einen Schluck vom zwanzig Jahre alten Whiskey. Seine verstorbene Frau hätte gelächelt, wenn sie gesehen hätte, dass seine Füße auf dem alten Farmhaustisch ausgestreckt waren, den sie vor einer kleinen Ewigkeit für sein Büro angeschafft hatte.

Doreen hätte ihn unerbittlich an den Fußsohlen gekitzelt und über seine Reaktion gelacht. „Wenn du dich aufführst, als wärst du in einer Scheune aufgewachsen, hast du eine Bestrafung verdient.“

Er betrachtete das Foto, das an ihrem letzten Hochzeitstag aufgenommen worden war. Sie waren fünfunddreißig Jahre verheiratet gewesen. Das nannte man Leinenhochzeit, angesiedelt zwischen der silbernen nach fünfundzwanzig und der goldenen nach fünfzig Ehejahren. Für sie stand das Jubiläum im Zeichen des Krebses. Ihr letzter Hochzeitstag. Acht Monate, nachdem sie in die Kamera gelächelt hatte, war sie gestorben.

Auf dem Foto ließen sich bereits die ersten Anzeichen der Krankheit erkennen, wenngleich sie damals noch nichts geahnt hatten. Sie war müde gewesen, doch wie es ihre Art war, hatte Doreen sich weder beklagt noch geschont. Obwohl die schreckliche Krankheit schon in ihrem Körper wütete, hatte sie gelächelt wie ein Engel. Mit den Wangengrübchen und den dichten schwarzen Locken hatte sie ganz reizend ausgesehen.

Der Magenkrebs schritt schnell voran. Vor einem knappen Jahr war sie gestorben, und den Schock hatte er noch immer nicht verwunden.

Bevor der Krebs sie dahinraffte – viel zu jung mit ihren achtundfünfzig Jahren -, war sie eine Person gewesen, mit der man rechnen musste. Organisiert, ordentlich und verlässlich. Ein lautes, ansteckendes Lachen. Beinahe schon allzu großzügig. Und äußerst verständnisvoll. Ob sie auch jetzt Verständnis für ihn hätte?

Edwin dachte an das, was er in wenigen Minuten tun wollte, und versuchte sich ihre Reaktion vorzustellen. Doreen würde schnauben, mit den Augen rollen und ihm den Ellbogen in die Rippen stoßen. „Ich hab dir doch gesagt, du sollst auf dich aufpassen, Schmoopsie Poo. Wenn es dich glücklich macht, freue ich mich für dich.“

Er erinnerte sich an ihre letzten gemeinsamen Momente. Die Locken waren ihr wegen der Chemo ausgefallen, ihre Grübchen hatten sich ebenso verflüchtigt wie ihr Körperfett, als der Krebs sich ausbreitete. Ihr schallendes Lachen war zu einem leisen Wispern geworden.

Er schauderte bei der Erinnerung, setzte die Füße auf den Boden und hielt das Foto ins Licht.

Doreen lächelte ihn zärtlich an, als wollte sie jeden Moment loslachen oder ihm sagen, dass sie ihn liebe. In ihrem Blick nahm er einzig und allein Zustimmung für sein Vorhaben wahr.

„Adieu, mein Schatz … Ich habe dir versprochen, dass ich den Rest meines Lebens in vollen Zügen genießen werde. Ich hätte mir bloß nicht träumen lassen, dass ich es ohne dich tun müsste.“ Er küsste behutsam den Rahmen und flüsterte: „Gute Nacht.“

Mit widerstreitenden Empfindungen legte er das Foto in den Aktenschrank unter dem Schreibtisch und zuckte zusammen, als die Schublade sich schloss. Das Geräusch ließ ihn an eine Gruft denken.

Es versetzte ihm einen Stich. Er legte die Hand auf die Brust, seine Augen füllten sich mit Tränen. Doreen hätte sich für ihn gefreut, trotzdem hatte er das Gefühl, sie ein zweites Mal zu verlieren. Diesmal vorsätzlich. Aber hatte er denn eine Wahl?

Er holte tief Luft, wischte sich die Augen und straffte sich auf dem Stuhl. Er brachte es nicht fertig, die Füße erneut auf den Schreibtisch zu legen. Stattdessen schlüpfte er in die bequemen Slipper, die er zu Hause trug.

Es war noch früher Abend, doch es war Mitte Januar, und die Sonne war bereits untergegangen. Er sah auf die altmodische Wanduhr. Fünf vor sechs.

Fünf Minuten, um sich auf ein Ja vorzubereiten.

Fünf Minuten, um sich auf ein Nein vorzubereiten.

Also nicht genug Zeit – oder zu viel, je nach der Perspektive.

Edwin erhob sich und trat ans Fenster, so nervös wie ein Schuljunge. Sein Spiegelbild schaute ihn an, und er runzelte die Stirn. Sein Haar lichtete sich und war eher grau als blond, seine Gesichtsfalten zeugten von einem guten Leben. Er hatte es nicht ganz so ausgekostet wie Doreen, die jeden einzelnen Moment genossen hatte, doch er konnte sich nicht beklagen. Er beschrieb eine halbe Drehung und klopfte sich auf den flachen Bauch, dann spannte er den Bizeps an. Er war zwar Jahrzehnte älter als die Frau, die er nun heiraten wollte, aber immer noch gut in Form.

Er schenkte sich einen weiteren Whiskey ein und stellte sich vor das Fenster, das auf die Einfahrt hinausging. Er streifte den Vorhang beiseite, den Doreen ausgesucht hatte, und erwartete das Aufleuchten von Autoscheinwerfern.

Würde er es wirklich tun? Heute Abend?

Zum wiederholten Mal klopfte er auf die Hosentasche. Es war noch da. Er holte es hervor, ein Samtetui mit abgerundeten Ecken und Goldscharnier. Er klappte es auf und freute sich, als der Zwei-Karäter im Radiant-Schliff im Zwielicht funkelte.

Dieser Ring war einer Frau würdig, und er verspürte einen Anflug von schlechtem Gewissen … nicht zum ersten Mal.

Doreens Ring war viel kleiner gewesen. Als er ihn erwarb, waren sie beide noch jung und hatten kein Geld für Extravaganzen; etwas Besseres konnte er sich damals nicht leisten. Später hatte er ihr vorgeschlagen, ihn durch einen wertvolleren Ring zu ersetzen, doch sie hatte sich geweigert. „Du kannst mir eine Halskette oder teure Ohrringe schenken, wenn dir danach ist, aber das ist unser Hochzeitsring, den geb ich nicht her.“

Und tatsächlich hatte sie ihn niemals abgelegt. Er musste ihr sogar versprechen, sie mit ihm zu begraben. Er wollte nicht daran denken, wie ihre Hand jetzt aussehen mochte, vertrocknet und verschrumpelt …

Ein Scheinwerferpaar bog in seine Einfahrt ein, und Edwin war dankbar für die Ablenkung, denn er empfand seine Gedanken als Verrat. Er warf einen letzten Blick auf den Aktenschrank mit dem einsamen Foto, holte tief Luft und ersetzte die Vergangenheit entschlossen durch die Gegenwart und – hoffentlich – die Zukunft.

Der Wagen hielt weit rechts vom Haus, die Scheinwerfer erloschen. Er wunderte sich, dass sie den Wagen nicht in der Garage abstellen wollte, doch diese Unterhaltung musste warten. In wenigen Augenblicken wäre sein Glück wieder vollkommen.

Die Haustür ging auf, und er leerte das Whiskeyglas und steckte den Ring in die Tasche.

Es sollte eine Überraschung werden.

Er ging vom Arbeitszimmer in die Diele. Kim stand auf dem gemusterten Eingangsteppich und zog gerade die Stiefel aus. Den Mantel hatte sie an den Kleiderständer aus Messing gehängt, die große schwarze Ledertasche hatte sie auf die Bank aus Scheunenholz gelegt, als gehörte sie dorthin.

Ganz so, wie er es wollte.

Er wartete, bis sie sich aufgerichtet hatte, vor Aufregung hatte er einen Kloß im Hals. „Hallo, Schatz“, quetschte er hervor. „Wie war dein Tag?“

Sie streifte sich das lange kastanienbraune Haar aus dem Gesicht, und die alte, verblasste Narbe an der Schläfe leuchtete auf. Er hatte sie mehrmals danach gefragt, doch sie war immer ausgewichen. Die schartige Narbe lenkte nicht von ihrer durchtrainierten Figur ab, die im Moment unter einem blauen Sweater verborgen war, der über die schwarze Strumpfhose fiel. Nichts konnte Kims zahlreiche innere wie äußere Vorzüge schmälern.

Sie musterte ihn blinzelnd durch ihre beschlagene Brille und schwenkte die Arme. „Bist du das, Edwin, oder ist es hier drinnen neblig?“ Von ihrem Lachen wurde ihm leicht ums Herz. „Brrr! Eisig draußen.“

Er lachte leise und breitete die Arme aus. „Komm, ich wärme dich.“

Sie trat vor ihn, stellte sich auf die Zehenspitzen und schmiegte sich an ihn. Sie fühlte sich kalt an, als wäre sie mit ausgeschalteter Heizung und bei offenem Fenster gefahren. Er drückte sie an sich. Zunächst zitterte sie, dann gab sie sich seiner Umarmung hin. Er küsste sie auf den Scheitel, atmete den Duft ihres Veilchenshampoos ein.

Sie wich ein paar Zentimeter zurück und sah durch ihre noch immer leicht beschlagene Brille zu ihm auf. Sie wirkte besorgt. „Ist alles in Ordnung? Du wirkst so …“ Sie schüttelte den Kopf und legte ihm die kalte Hand auf die Wange. „Ist heute etwas passiert?“

Der Ring in seiner Hosentasche wurde schwerer. Er hatte es sich ganz einfach vorgestellt. Doch jetzt schwitzte er. Er musste es hinter sich bringen … jetzt gleich … bevor ihm die Nerven versagten.

Also dann.

Er trat einen Schritt zurück, wischte sich die Handflächen an der Hose ab und ergriff ihre kleine, zarte Hand. Er kratzte sich an der Nase, die immer dann juckte, wenn er nervös war.

Er holte tief Luft und sagte: „Kim, du weißt, wie sehr ich dich liebe.“

Ihre Miene hellte sich auf, ein zaghaftes Lächeln brach sich Bahn. „Ich weiß.“ Ihre Stirn legte sich in Falten. „Du willst mir doch jetzt nicht sagen, du müsstest mich verlassen? Bitte sag nicht, du wärst zu alt für mich oder etwas in der Art.“

Er musste blinzeln, sonst wären ihm die Tränen gekommen. „Nein, nein, das ist es nicht. Ganz und gar nicht. Ich habe nachgedacht und bin zu dem Schluss gelangt, dass das Alter für mich nicht so wichtig ist, wie ich geglaubt habe. Das war ein Vorwand, um mich zurückzuhalten. Nein, mir geht es darum, dich glücklich zu machen.“

Als sich seine Beinmuskeln vorausschauend anspannten, bekam er vor Erregung und wilder Hoffnung Herzklopfen.

Konnte er das?

War er imstande niederzuknien, ohne hinzufallen?

Würde er die richtigen Worte finden?

Konnte er … sich anschließend wieder aufrichten, ohne sich von ihr helfen zu lassen und ohne dass sein Knie knackte oder nachgab?

Ja, dachte er. Das kann ich.

Er würde es tun.

Als sein Knie in den dicken Teppich einsank, nahm er das kleine Etui aus der Tasche. „Kim … noch vor wenigen Monaten glaubte ich, am Ende zu sein, und da bist du herbeigeschwebt und hast mir neues Leben eingehaucht. Ich liebe dich über alles und möchte den Rest meiner Tage an deiner Seite verbringen.“ Er schluckte mühsam und klappte das Etui mit brennenden Augen auf. „Kimberley Elizabeth Benson, willst du mich heiraten?“

Als sie den Ring sah, schlug sie die Hand vor den Mund, und in ihren wunderschönen grünen Augen spiegelten sich die verschiedensten Emotionen wider, während er zitterte. Bestürzung verwandelte sich in Freude, dann zeichnete sich Mitgefühl darin ab, bevor sie besorgt die Brauen zusammenzog. „Ach, Edwin. Bist du dir sicher?“

Er hielt das Kästchen höher. „Ganz sicher.“

Sie leckte sich über die Lippen und verschränkte die Finger. „Was würde Doreen dazu sagen?“

Damit hatte er nicht gerechnet, und der Kloß in seinem Hals schwoll an. „Ob du’s glaubst oder nicht, aber ich habe den ganzen Tag darüber nachgedacht. Ich glaube, sie würde sich für uns freuen.“

Tränen glitzerten in ihren Augen, als sie sich zu ihm herabneigte und ihm den Arm um die Schultern legte. Ihr langes Haar fiel ihm ins Gesicht. Sie lehnte sich an ihn und legte den Kopf auf seine Schulter. Er sog den blumigen Duft ihres Parfüms ein und schloss sie in die Arme.

Er vernahm das leise Sirren eines Reißverschlusses und wäre beinahe nach hinten gekippt, als Kim das Gewicht verlagerte. Brauchte sie ein Taschentuch? Warum hatte sie nicht einfach Ja gesagt?

Es verunsicherte ihn, als sie sich von ihm löste und zu voller Größe aufrichtete. Dann sah er ihr in die Augen, und seine Besorgnis verwandelte sich in Angst. Ihr Blick wirkte nicht mehr liebevoll. Jetzt funkelten darin Zorn und noch etwas anderes … Hass?

Ihre Nasenflügel bebten, als sie die Fingernägel in seine Wange grub. „Falsche Antwort“, fauchte sie.

Er versuchte auszuweichen, doch sie hielt ihn fest. Eine nie gekannte Furcht kroch ihm wie Spinnen über die Haut. „Kim? Schatz, was …“

Ein sengender Schmerz ließ ihn zusammenzucken und zappeln wie eine Marionette. Er vernahm ein grauenhaftes Knirschen, der Schmerz pflanzte sich durch den Rücken bis in die Zähne fort. Seine Nerven brannten, während er sich gegen Kims Umarmung wehrte.

Grunzend drehte sie die Klinge in der Wunde, was eine neue Schmerzwelle auslöste.

Er wollte etwas sagen, sie um eine Erklärung anflehen, bekam aber kaum Luft. „Warum?“ Mehr als ein ersterbendes Flüstern brachte er nicht zustande.

Mit einem letzten Knurren ließ Kim ihn los und trat zurück. Sie sah auf ihn nieder. Irgendwie hielt er sich noch immer auf den Knien. In ihren Augen lag wieder ein Funkeln, diesmal drückte es Genugtuung aus … vielleicht auch Selbstgerechtigkeit.

Edwin versuchte sich aufzurichten, doch Arme und Brust sackten nach vorn wie bei einem schweren Wintermantel, der vom Haken rutscht, so dass er sich mit den Händen abstützen musste. Er hob den Kopf, denn er wollte ihr Gesicht sehen. Sie beobachtete ihn, in der einen Hand ein Messer mit bedrohlich wirkender schwarzer Klinge.

Er blinzelte und fragte sich, wie eine so reizende Frau an ein Militärmesser kam. Ein Blutstropfen löste sich von der Spitze und landete auf dem Perserteppich, den Doreen vor vielen Jahren angeschafft hatte.

Das ärgerte ihn, doch ehe er sie zurechtweisen konnte, gaben die Arme unter ihm nach, und er kippte nach vorn und landete mit der Wange auf dem Teppich, dann wälzte er sich auf die Seite.

Das Licht des Kronleuchters tat ihm in den Augen weh, und er wandte den Kopf so, dass er die Frau ansah, die er liebte … die Frau, die ihn verraten hatte. Ihn getötet hatte.

„Warum?“ Seine Stimme klang noch schwächer als zuvor.

Ihr zufriedener Gesichtsausdruck machte einem boshaften Grinsen Platz. Sie nahm die Brille ab und schleuderte sie weg. Trat einen Schritt vor und ließ sich auf ein Knie nieder.

Das Messer schnellte ihm entgegen, als besäße es einen eigenen Willen und als stünde ihre Hand unter dem Kommando des kalten Stahls.

Als gierte es nach seinem Blut.

„Du bist genau wie alle anderen.“

Offenbar hasste sie ihn aus tiefster Seele. Weshalb hatte er die grausamen Gefühle hinter der reizenden Fassade nicht bemerkt? „Kim, ich …“

Das Messer drang in seinen Hals ein, auf einmal hatte er einen metallischen Geschmack im Mund.

Als seine Geliebte das Messer herauszog, ergoss sich ein warmer Strom aus der Wunde direkt in seine Lunge.

Unwillkürlich fasste er sich an den Hals. Er hatte keine Kontrolle mehr über seine Bewegungen, denn sein Körper kämpfte ums Überleben. Doch nicht einmal seine angeborenen Instinkte konnten ihn jetzt noch retten. Er hatte der Frau zu sehr vertraut und sie so wenig verstanden.

Das Herz klopfte ihm in der Brust, ein Gefangener, der an den Gitterstäben seines Kerkers rüttelte, ein schnelles Trommeln der Angst. Durch den Schmerz hindurch hörte er, wie das Hämmern schwächer und langsamer wurde.

Während sein Blickfeld eindunkelte, fixierte er unverwandt ihr Gesicht. Sie hatte ihn getötet. Den Tod vor Augen, eine finstere Höhle, die ihn verschlucken würde, begriff er noch immer nicht, wie das passiert war.

Weshalb tat sie das?

War sie verrückt?

Hatte er sie enttäuscht?

Gelächter schallte durch den Raum, doch da er ihr Gesicht beobachtete, wusste er, dass es nicht aus Kims Mund kam.

Doreen tauchte neben der jungen Frau auf, ihr zustimmendes Lächeln verfinsterte sich vor Zorn, Hass und Eifersucht, während sich das Kichern zu einem Heulen steigerte.

Er hatte sich geirrt. Vollkommen geirrt. In jeder Beziehung.

Doreen hatte sein Verhalten nicht gebilligt, und jetzt lachte sie ihn aus, machte sich über ihn lustig, weil er zu schnell zu viel gewollt hatte. Viel zu schnell.

Er hatte sie enttäuscht.

Er hatte Kim enttäuscht.

Und sich selbst.

Als ihm die Sicht verschwamm, wusste er nur eines: Er würde allein im Jenseits wandeln.

Zweites Kapitel

Was hatte ich getan?

Schon wieder.

Ich hatte nicht vorgehabt, Edwin Gallagher zu töten. Jedenfalls nicht heute.

Eigentlich hatte ich ihm die Daumen gedrückt und gehofft, er wäre ein besserer Mensch, als er tatsächlich war. Ich wollte, dass er zu Verstand käme und erkennen würde, wie selbstsüchtig es war, seine Ehefrau kurz nach ihrem Tod so brutal im Stich zu lassen.

Aber …

Er hatte Doreen enttäuscht.

Er hatte mich enttäuscht.

Und letztlich auch sich selbst.

Das war alles seine Schuld.

Seine Schuld … seine Schuld … seine Schuld!

Ich holte tief Luft und versuchte meine Atmung zu verlangsamen. Wenn ich nicht aufpasste, würde ich noch hyperventilieren oder eine Angstattacke bekommen.

Einatmen.

Ausatmen.

Noch einmal.

Nachdem ich mich etwas beruhigt hatte, schaute ich mich um. Ging in mich. Was fühlte ich?

Enttäuschung war das erste Wort, das mir einfiel.

Die Enttäuschung ging tief, doch das Töten war mir leichtgefallen, musste ich mir eingestehen.

War das gut? Oder schlecht?

Ich wusste es nicht.

Natürlich hatte ich inzwischen ein wenig Erfahrung, und die hatte mir geholfen, als seine Zeit unerwartet abgelaufen war. Ich hatte nicht geahnt, dass der Scheißkerl mir einen Antrag machen würde. Und hatte nicht mit der Wut gerechnet, die das bei mir auslöste und die mich überwältigte. Die mein Handeln bestimmte.

Ein Nachhall der Wut vibrierte in mir nach, als ich mir den Blick vergegenwärtigte, mit dem Edwin mich angesehen hatte. Dieser Blick, während er behauptete, er liebe mich ‚über alles’. Das war sein Todesurteil gewesen.

Seine Worte hatten Hass und Zorn in mir geweckt. Hatten mich veranlasst, nach der Handtasche zu greifen. Das Messer hervorzuholen. Es ihm in den Rücken zu rammen, was durchaus passend war. Schließlich war er mit seiner Äußerung seiner verstorbenen Ehefrau in den Rücken gefallen.

Auge um Auge, Zahn um Zahn.

Ausgleichende Gerechtigkeit, meiner bescheidenen Meinung nach.

Jetzt aber … hatte ich ein Problem.

Da ich nicht vorgehabt hatte, Edwin zu töten, auf jeden Fall nicht so plötzlich und so blutig, musste ich gründlich saubermachen. Außerdem musste ich mir eine Story überlegen für den Fall, dass die Polizei zu seinem Verschwinden ermittelte, was sie vermutlich tun würde, wenn seine Kinder oder Freunde eine Vermisstenanzeige aufgaben.

Was sollte ich tun?

Sein Leichnam lag auf dem hübschen Perserteppich, der sich mit Blut vollgesaugt hatte und eine einheitliche Färbung aufwies. Ich schaute zu, bis der Blutstrom versiegt war, und atmete gleichmäßig ein und aus, um mich weiter zu beruhigen.

Es dauerte nicht lange, bis kaum noch klebriges Blut nachkam, doch für mich fühlte es sich an wie Stunden. Meine Haut juckte und brannte, als hätte mir jemand Pfeffer in eine Schnittwunde gerieben.

Trotz der Schweinerei wirkte Edwin beinahe gelöst, gewissermaßen mit sich im Reinen. Das aber war eine Täuschung. Edwin Gallagher hatte sich große Mühe gegeben, als guter Mensch zu erscheinen, doch ich hatte ihn durchschaut.

Doreen war vor sieben Monaten an Magenkrebs gestorben, und der Scheißkerl hatte es gar nicht erwarten können, wieder in den Sattel zu steigen. In meinen Sattel, und wer wusste schon, wie viele vor mir gekommen waren.

Der arme kleine Witwer hatte sich geweigert, mir Fotos seiner Frau zu zeigen, und gemeint, er wolle nicht, dass ich das Gefühl hätte, in ihrem Schatten zu leben. Er mochte nicht über sie reden, erwähnte sie höchstens versehentlich. Er fing an, eine Anekdote aus seiner Vergangenheit zu erzählen, und dann brach er entweder ab oder veränderte die Geschichte so, dass seine Frau nicht mehr darin vorkam. Er hielt sich für schlau, doch ich kannte seine Absichten.

„Einmal sind wir zur Kirche gegangen …“, hatte er gestern erst gesagt, dann war er verstummt und hatte überlegt, sich an der Nase gekratzt. Er kratzte sich immer an der Nase, wenn er nervös war. „Ich meine, als ich einmal zur Kirche ging …“

Offenbar glaubte er, mich schonen zu müssen, doch ich wusste es besser.

Seit Monaten versuchte Edwin, sie aus seinem Leben zu streichen.

Alle Spuren von ihr hatte er entfernt. Kein einziges Foto war übrig geblieben. In der kurzen Zeit unserer Bekanntschaft – wir hatten uns erst vor einem knappen Monat getroffen -, hatte ich mich umgesehen. Ich konnte erkennen, wo einmal Fotos gehangen hatten.

Als mehr oder weniger typischer Ingenieur besaß er keinen ausgeprägten Sinn für Ästhetik und hatte sich deshalb nicht die Mühe gemacht, die Kunstgegenstände so zu platzieren, dass sie die Leerstellen an den Wänden und auf den Kommoden sowie die Lücken in den Bücherregalen verdeckten, wo früher Fotorahmen gestanden hatten.

Ihm war das gar nicht aufgefallen.

Mir schon.

Es hatte mich angewidert, dass auch dieser Mann sein Leben herzlos weiterführte, als hätte die Frau, die ihn geliebt hatte, nie existiert. Ich hatte gehofft, Edwin wäre anders. Nicht nur um seinet-, sondern auch um meinetwillen. Wenn nur ein einziger Mann mir bewies, dass nicht alle Männer gleich waren, bräuchte ich nicht das ganze Geschlecht zu hassen.

Leider war Edwin genau wie alle anderen. Er wollte einen jüngeren Ersatz in seinem Bett. Um sich zu beweisen, dass sein schrumpeliger kleiner Schwanz es noch immer brachte. Dass er immer noch ein Mann war.

Aber heiraten?

Absurd.

Ich hatte nicht gewollt, dass er mit seinem Leben bezahlte … seine Ersparnisse hätten mir gereicht. Die Ersparnisse, von denen seine Frau hätte profitieren sollen. Doch dann hatte er mir den Antrag gemacht …

Zitternd erinnerte ich mich an den Moment. An das Funkeln des Diamantrings. Der Edwins Anspruch auf mich bekräftigen sollte.

Ich war durchgedreht.

So, jetzt war es heraus.

Ja. Durchgedreht. Aber nur ein bisschen.

Denn eine Rechnung seiner verstorbenen Frau zu begleichen, kam mir eigentlich vernünftig vor. Ich wünschte nur, es wäre nicht hier passiert. Oder gerade jetzt. Und nicht bevor ich diesem erbärmlichen Mann seine Ersparnisse und seinen gesamten Besitz abgeknöpft hatte.

Indem er um meine Hand anhielt, hatte er mich zum Handeln gezwungen. Der Ironie des Ganzen konnte ich mich nicht verschließen.

Also, wohin jetzt mit dem Leichnam?

Ich könnte das Haus verwüsten und das Ganze wie einen Einbruch aussehen lassen, doch das hatte ich schon einmal getan, und es hatte nicht viel gebracht. Denn klar war: Sobald ich Edwins Konten leerte, würde die Polizei begreifen, dass es sich nicht um einen aus dem Ruder gelaufenen Einbruch handelte.

Bei meinem ersten Opfer hatte ich die Wohnung gezwungenermaßen auf den Kopf gestellt und am Ende nur die paar tausend Dollar ergattert, die er bei unseren Treffen hatte springen lassen. Carl Jameson war sehr großzügig gewesen mit seinen Geschenken, und auch ihn hatte ich nicht umbringen wollen. Aber dann …

Ich schüttelte den Kopf und presste mir die Fäuste auf die Schläfen, damit mir nicht der Kopf platzte. Ich wollte mich nicht daran erinnern, wie er mir dieses dumme Liebeslied vorgesungen und sich auf der Gitarre begleitet hatte. Ich wollte seine Liebesgeständnisse nicht wieder hören. Wollte nicht an meine Reaktion denken. Meinen Mangel an Selbstbeherrschung.

Bislang hatte die Polizei noch keinen Verdacht geschöpft, dass ich Carl getötet haben könnte, und so sollte es auch bleiben. Sie hatte einfach nicht kapiert, dass sein Tod ein Unfall gewesen war. Ein glücklicher Unfall.

Auch Edwins Tod war ein Unfall, sagte ich mir. Ich hatte nicht vorgehabt, ihn zu töten. Er hatte mich dazu gebracht. Mich dazu getrieben! Seine Schuld … seine Schuld … seine Schuld.

Ich öffnete die Augen und bemerkte, dass ich auf dem Boden lag, ohne zu wissen, wie ich dorthin gelangt war. Ich setzte mich auf und fragte mich, ob ich alles nur geträumt hatte.

Aber nein, Edwin lag noch da. So wie zuvor Carl und Brice. Drei Männer, die durch meine Hand gestorben waren.

Serienmörderin.

Ein Zischeln wie von einer Schlange.

Ich wusste aus dem Fernsehen, dass die Bundespolizei eingeschaltet würde, wenn man einen Serienkiller vermutete. Die Wahrscheinlichkeit, dass ich geschnappt würde, bevor ich meine Mission abschließen konnte, würde größer. Und das war nicht gut.

Bislang hatte die Polizei mich noch nicht mit Carl in Verbindung gebracht. Nur mit Brice.

Und nun galt es zu verhindern, dass man zwischen Edwin und mir einen Zusammenhang sah.

Ich musste mich in Acht nehmen und den armen Witwer verschwinden lassen. Ich musste sicherstellen, dass ich keine Spuren hinterließ, die meinen Plan verraten könnten.

Beweise. Dieses Wort machte mir am meisten Angst. Deshalb hatte ich Edwin und meine anderen Verehrer nur selten zu Hause besucht. Meistens hatten wir uns bei mir getroffen.

Natürlich nicht in meiner eigenen Wohnung, sondern in einem hübschen kleinen Apartment, das ich für den Zweck gemietet hatte. Ich bekochte sie, und wir führten lange Unterhaltungen am Kamin. Ich ließ mich von ihnen küssen, und sie durften sogar mit zitternden Fingern meine Brüste befummeln.

Dann schickte ich sie nach Hause, lechzend nach mehr.

Es hatte jedes Mal funktioniert.

Schlief man mit einem Mann, glaubte er, man gehöre ihm. Geilte man ihn auf, verlangte sein Ego nach mehr.

Heute hatte es eigentlich passieren sollen. Es war alles sorgfältig geplant. Er hätte sich mir unterworfen und seine Bestrafung akzeptiert. Anschließend hätte er mir aus der Hand gefressen.

Ich blickte den Verlobungsring an.

Ein Heiratsantrag nur einen Monat nach dem ersten Kennenlernen war ein Rekord, und ich hätte ihn deswegen nicht töten sollen. Jedenfalls noch nicht. Zunächst hätte er bestraft werden müssen. Außerdem dauerte es eine Weile, jemandem seine Ersparnisse abzunehmen, wenn das Opfer davon nichts mitbekommen durfte.

Edwin würde jetzt natürlich keinen Verdacht mehr schöpfen, deshalb sprach nichts dagegen, mich zu bedienen. Aber ich musste wegen der Polizei vorsichtig sein.

Ich betrachtete den Leichnam und wunderte mich, wie schnell er im Tod sein Aussehen veränderte.

Wenn ich mich nicht beeilte … würde ich mir die Gelegenheit entgehen lassen.

Zuerst brauchte ich Zugriff auf Edwins Handy. Ich achtete darauf, mit meinen hübschen Schuhen nicht den blutigen Teppich zu betreten, klopfte seine Hosentasche ab, und tatsächlich, da war das Handy. Als ich es hervorholte, blickte ich auf seine Hände. Sie waren blutverschmiert. Ich musste sie säubern.

Ich lief nach draußen und holte meine Mary-Poppins-Tasche aus dem Kofferraum meines Wagens. Schon in jungen Jahren hatte ich gelernt, stets vorbereitet zu sein, und in der Tasche befand sich alles, was ich für nützlich hielt.

Wäre der Tag nach Plan verlaufen, hätte ich auch alles gebraucht.

Heute hatte ich mir Edwin unterwerfen wollen. Das klappte immer, auch bei den kerligsten Vertretern ihres Geschlechts. Irgendwann knieten sie gefesselt vor mir und flehten um mehr.

So hatte es ich es am liebsten.

Edwin aber war aus einem ganz anderen Grund auf den Knien gelandet, deshalb war es seine Schuld … seine Schuld … seine Schuld, dass er sterben musste.

„Schluss damit“, ermahnte ich mich. Was geschehen war, ließ sich nicht ändern, und ich musste mich auf die nächsten Schritte konzentrieren.

Diese Regel hatte ich von meinem geliebten Daddy. „Lass die Vergangenheit ruhen, sie zählt nicht mehr“, pflegte er zu sagen. Dabei diente ihm sein weiser Rat in Wirklichkeit als Ausrede dafür, wegen dem, was er Mama … anderen Frauen … und mir antat, keine Schuldgefühle zu haben.

„Schluss!“

Ich hatte zu laut gesprochen, meine Stimme hallte durch die stille, kalte Nacht.

Wieder im Haus angelangt, überlegte ich, ob ich die Perücke abnehmen sollte, ließ es aber sein. Falls mir unbemerkt ein Haar ausfiel, könnte man damit eine DNA-Analyse vornehmen. Stattdessen streifte ich die langen Haare zurück und band sie zu einem festen Knoten. Am besten hinterließ ich gar keine Spuren, außerdem hatte mich die maßgefertigte Echthaarmähne ein Vermögen gekostet.

Wenn die Polizei davon ausgehen sollte, dass Edwin einfach verschwunden war, durfte nichts auf eine Fremdbeteiligung hindeuten. Ein langes rotes Haar hätte die Pferde unnötig scheu gemacht.

Als Nächstes packte ich den hautengen Latexanzug aus, den ich mit völlig anderer Absicht mitgenommen hatte. Ich entkleidete mich, zog ihn an und schloss den Reißverschluss. Das gummiartige Material klebte an meiner Haut.

Safe Sex.

Sicherer Tod.

Für mich war das ein und dasselbe.

Nachdem ich die Latexhandschuhe übergestreift hatte, nahm ich das Samtetui mit dem verräterischen Ring in die Hand. Am Diamant klebte Edwins Blut. Feuer und Eis.

Faszinierend.

Ich schmeckte Blut auf der Zunge, noch bevor mir bewusst geworden war, dass ich davon probieren wollte. Sein Blut war kalt … unbefriedigend … und ehe ich mich versah, presste ich meine Lippen auf Edwins Hals und saugte.

Jemand stöhnte … ich war das. Der Laut weckte mich aus meiner Trance, und ich wich so schnell zurück, dass ich auf dem Po landete. Was war los mit mir?

„Was stimmt mit mir nicht?“, schrie ich, denn ich wollte die Frage aus meinem Kopf bekommen.

„Alles in Ordnung.“ Ein Flüstern in meinem Ohr. „Du vermischst seine DNA mit deiner, damit der Moment ewig währt.“

Ja. Das traf es.

Ich würde Edwin Gallagher ewig in mir tragen. Ich nahm ihn auf, damit er meinen Hass speiste.

Ich leckte mir die Lippen und betrachtete das aus der Wunde sickernde Blut. Ich wandte mich ab. Nein. Schluss damit. Einmal probieren hieß, einer spontanen Eingebung folgen. Zwei Mal probieren hieße, ich wäre verrückt.

Ich konzentrierte mich, wischte Edwins Daumen mit einem Feuchttuch ab und drückte ihn anschließend auf den Sensor des Handys. Das konnte nicht warten. Bei meinen Recherchen hatte ich in Erfahrung gebracht, dass die Fingerabdrücke eines Menschen sich nach dem Tod aufgrund von einsetzender Verwesung und Dehydrierung rasch veränderten. Ich hätte an Edwins Daumen saugen können, um ihn zu rehydrieren, doch das Blut wäre kalt gewesen.

Kälte verschaffte keine Befriedigung. Keinen Trost.

Als das Handy entsperrt war, ging ich in die Einstellungen und schaltete den kompletten Passwortschutz aus. Jetzt … konnte ich mir Zeit lassen. Ich konnte stundenlang durch das wunderschöne Haus streifen und den Witwer entsorgen. Und Fotos schießen, die sich im Darknet vielleicht zu Geld machen ließen.

Die Menschen waren ja so verkommen. Aber Geld stinkt nicht. Wenn ich irgendwann für immer verschwinden wollte, zählte jeder Dollarschein und jeder Bitcoin.

Und weil ich mich hatte hinreißen lassen, hielt ich mich besser von Edwins anderen Konten fern.

Verdammt.

Ich drehte mich langsam um die eigene Achse und ließ den Blick durch Edwins geräumiges Zuhause schweifen. Ich war nur ein paar Mal hier gewesen. Wenn ich meine Angel auswarf, gehörte es mit zu meiner Strategie, deutlich zu machen, dass ich nicht auf Geld oder Besitz aus war, weshalb ich den Betreffenden zu mir einlud. Bei meinem ersten Besuch hatte Edwin mich herumgeführt und mir alles gezeigt, mit Ausnahme seines Arbeitszimmers. Auch bei meinem zweiten Besuch war die Tür aus restauriertem Scheunenholz geschlossen gewesen.

Ich hatte keine Ahnung, was er darin versteckte, und hatte ihn bewusst nicht gefragt. Einen Mann, den ich ködern wollte, fragte ich nicht nach seinen Absichten – auch das gehörte zu meiner Strategie. Stattdessen ließ ich ihn erzählen … zeigte großes Interesse an jedem Detail von ihm. Lauschte hingerissen, wenn er sich über seine Arbeit, seine Karriere, seine Hobbys ausließ. Lächelte und lachte, schaute ihn an, als wäre er der faszinierendste Mensch, dem ich je begegnet war.

So machte man das: Haken, Schnur, Angelblei.

Edwins Angelblei war der umwerfende Diamant gewesen, mit dem er mich an sich binden wollte. Ich hatte ihn ausgeschlagen, denn ich wollte mehr. Sehr viel mehr.

Die Scheunenholztür knarrte, als ich die Tür aufschob, und es dauerte nur ein paar Minuten, um seinen Schreibtisch zu durchsuchen. Als Ruheständler erledigte er nicht mehr viel selbst. Rechnungen. Kontoauszüge. Rentenpläne. Schlüssel von Bankschließfächern.

Bingo … ein kleines schwarzes Notizbuch mit sämtlichen Passwörtern.

Ein weiterer Trick von mir war es gewesen, ihn zu bitten, er solle mir ‚beibringen’, wie man ein Depot managte, worauf er freudestrahlend sein Handy gezückt und mir die Apps gezeigt hatte, die er verwendete. Männer hielten gern Vorträge. Sie liebten es, einen mit Erklärungen vollzulabern.

Jetzt, da ich das Handy freigeschaltet hatte, hätte ich seine Konten hacken können, doch die Passwörter ersparten mit eine Menge Zeit. Ich musste mir bloß Gedanken darüber machen, wie ich das Geld auf meine Konten umleiten sollte, falls das jemals gefahrlos möglich war. Vorerst würde ich der Polizei vorspiegeln, sie hätte es mit einem seiner missratenen Kinder zu tun, das keine Geduld gehabt hatte, aufs Erbe zu warten.

Edwin und Doreens Kindern war ich natürlich nie begegnet. Alle drei lebten über ganz Nordamerika verstreut, doch Edwin hatte mir gesagt, er bedaure, sie dermaßen verdorben zu haben. Sie riefen ihn nur dann an, wenn sie etwas von ihm haben wollten.

Vor allem Danielle, die Jüngste. Drogensüchtig und flatterhaft, war sie die perfekte Kandidatin für meinen Plan. Ich blätterte im schwarzen Notizbuch und fand genau das, was ich gesucht hatte: Danielles Bankverbindung. Eine kleine Überweisung von einem von Edwins zahlreichen Konten würde die Polizei schon auf Trab bringen.

Jetzt, da ich einen Plan hatte, setzte ich die Durchsuchung lächelnd fort. Und fand die Quittung des Juweliers, bei dem Edwin vor ein paar Tagen den Verlobungsring besorgt hatte. Hätte er nicht versucht, sich von dem Verrat an seiner Frau freizukaufen, hätte mich die Summe beeindruckt. Die Quittung war im Ordner für steuerpflichtige Ausgaben abgeheftet, wodurch mein Herz sich weiter verhärtete. Der Ordner war für seinen Steuerberater gedacht.

Männer wie Edwin wollten auch die Liebe absetzen.

Ich steckte die Quittung ein, riss die letzte Schublade des Aktenschranks auf und hielt inne, als mich ein Gesicht anstarrte. Genau genommen zwei Gesichter. Edwin und eine schöne Frau mit lockigem schwarzem Haar und Wangengrübchen.

Doreen.

Ich hatte mir bereits online Fotos von ihr angesehen. Sie war in den sozialen Medien aktiv gewesen und hatte in ihrer kostbaren Freizeit für mehrere gemeinnützige Organisationen gearbeitet. Dies war das erste Foto von ihr, das ich bei Edwin zuhause vorfand.

Ein einziges Foto, ganz unten in einer Schublade.

Erbärmlich.

Falls ich auch nur die geringsten Schuldgefühle wegen Edwins Tod gehabt haben sollte, waren sie jetzt verflogen.

Die beiden saßen an einem kleinen Tisch, zwischen sich eine Flasche Chianti und eine rote Rose. Edwin hatte den Arm um Doreen gelegt. Sie war sehr mager, die Haut am Hals erschlafft. Möglicherweise war das Foto kurz vor ihrer Krebsdiagnose aufgenommen worden.

Trotz der Müdigkeit in ihren Augen wirkte ihr Lächeln echt.

Und Edwin? Seine Miene war eher ausdruckslos. Vielleicht sogar frostig.

Ich fuhr mit dem Finger über das lächelnde Gesicht der Frau. „Na, Doreen? Was meinst du? Wie fühlt es sich an, dass deine ‚große Liebe’ nicht mal sechs Monate warten konnte, bevor sie nach jungem Gemüse Ausschau gehalten hat?“

Doreen gab keine Antwort, einerseits, weil sie tot war, andererseits weil sie vermutlich zu gutherzig, offen und großzügig gewesen war, um in anderen Menschen etwas Schlechtes sehen zu können.

Schon immer.

Mir schnürte sich die Kehle zu. Die Frau auf dem Foto schien mich reuevoll anzulächeln, als wollte sie sagen: Liebe macht blind, Schätzchen. Im Nachhinein ist mir das sonnenklar.

„Ja, nicht wahr?“, sagte ich mit ironischem Lächeln.

In den Silberrahmen des Schnappschusses war eingraviert: Glückwunsch zum 35. Hochzeitstag, Edwin & Doreen. Der Rahmen hatte einen Pappaufsteller, deshalb ging ich in die Diele und platzierte ihn auf einem Tisch, damit Doreen mir bei der Arbeit zusehen konnte.

Und es gab eine Menge zu tun.

Den Leichnam zu entsorgen, stand an erster Stelle … und war der gefährlichste Teil. Doch ich hatte keine Wahl. Wenn ich Edwin hier liegen ließ, würde ihn in ein paar Tagen die Putzfrau finden.

Die Entdeckung von Beweismitteln hinauszuzögern, bedeutete automatisch, dass es weniger Beweise gab. Doch mir gefiel auch die Vorstellung, aufzuräumen und den Typ quasi auszulöschen, so wie er seine Frau ausgelöscht hatte.

Ich fand Putzsachen in einem Schrank, die seit Doreens Tod bestimmt nur die Putzfrau angerührt hatte, und wischte mit dem Mopp das Blut auf, das aus dem Teppich gesickert war, denn ich wollte es beim Herumlaufen nicht verteilen.

„Es tut bestimmt noch im Grab weh“, sagte ich zum Foto. „Ein Leben lang einen Mann zu lieben, bis dass der Tod euch buchstäblich scheidet … das ist unverzeihlich, oder?“

Doreen gab keine Antwort. Das in ihrem sterbenden Gesicht fixierte Lächeln wirkte ehrlich gesagt etwas unecht und angestrengt. Nur weil Frauen lernten, ihre Enttäuschungen wegzulächeln, hieß das nicht, dass es einfach gewesen wäre.

Mir wurde bewusst, dass ich die Situation ein bisschen auf die leichte Schulter nahm. Ich sah wieder zum Foto.

„Es tut mir leid. Das ist ein ernster Moment, und ich wollte nicht sarkastisch klingen.“ Ich legte die behandschuhte Hand aufs Herz, um der Toten meine Ernsthaftigkeit zu signalisieren. „Ich empfinde nichts als Mitgefühl mit dir. Ehrlich, ich hatte nie vor, deine Stelle einzunehmen. Ich habe vielmehr gelobt, Dinge in Ordnung zu bringen, die schiefgelaufen sind. Und ich verspreche dir, dich bald hier rauszubringen. Ich muss nur noch ein paar Sachen erledigen.“

Ich sah auf die Uhr und bemerkte zu meiner Überraschung, dass ich Stunden in Edwins Haus zugebracht hatte. Da ich auf den Schutz der Dunkelheit angewiesen war, durfte ich nicht länger trödeln. Es war noch nicht Mitternacht, doch ich brauchte massig Zeit.

Ich eilte in die Küche, schnappte mir die Schlüssel von Edwins protzigem Mercedes GLC und ging in die Garage. Ich öffnete die Heckklappe und klappte die Sitzlehnen um, dann legte ich den Laderaum mit mehreren Schichten dicker Plastikfolie aus, die ich in den gut bestückten Wandregalen gefunden hatte. Anschließend schnappte ich mir aus dem Kraftraum des glücklichen Witwers ein paar Zwanzig-Kilo-Gewichte. Er würde sie nicht mehr brauchen. Die Vorstellung, dass der alte Mann sich für eine jüngere Frau in Form bringen wollte, während er sich in seiner Ehe mit Doreen hatte gehen lassen, machte mich noch zorniger.

Ich atmete tief durch und wollte nicht mehr daran denken. Für den nächsten Schritt brauchte ich einen klaren Kopf. Mich über Dinge aufzuregen, auf die ich keinen Einfluss hatte, hätte mich abgelenkt und zu Fehlern geführt.

Und ich dufte keine Fehler machen. Dafür stand zu viel auf dem Spiel.

Nachdem ich das erledigt hatte, ging ich zurück zur Diele und schlüpfte in den Regenmantel, den ich für den Fall eingepackt hatte, dass es zu Zwischenfällen kam. Ich verwandelte Edwin in einen Burrito, indem ich ihn so fest wie möglich im Teppich einrollte, dann wickelte ich eine Plane darum. Als ich ihn durchs Haus schleifte, war er unerwartet schwer, doch die glatten Bodenfliesen entlasteten mich. Trotzdem schwitzte ich, als ich in der Garage anlangte.

Knurrend und fluchend beförderte ich den Burrito in den Laderaum und vergewisserte mich, dass die Plastikfolie nicht verrutscht war. Dann rammte ich mit einem Seufzer der Erleichterung die Heckklappe zu und setzte meine Arbeit fort.

Ich machte sauber, so gut es ging, und verwendete dabei eine spezielle Mischung aus Peroxid und anderen Haushaltsreinigern, die das Hämoglobin im Blut zerstörten und die Ermittler bei ihren Nachforschungen behindern würden. Zumindest dürfte ihnen der Luminol-Nachweis schwerfallen. Bestimmt gab es noch andere Hightech-Methoden zum Nachweis von Blut, aber wenn ich es klug anstellte, würde man keinen Grund finden, sie anzuwenden. Die Zeit würde es erweisen.

Als das erledigt war, streifte ich durchs Haus und kam in Versuchung, kleine, besonders wertvolle Gegenstände mitzunehmen. Natürlich verzichtete ich darauf. Gegenstände konnten zurückverfolgt werden, und um sie zu verkaufen, bedurfte es eines Käufers. Jeder Mitwisser erhöhte das Risiko einer Entdeckung.

Und es wussten schon zu viele Personen Bescheid.

Doch darüber wollte ich mir im Moment keine Gedanken machen.

Im Keller entdeckte ich einen Teppich, der dem, in den ich Edwin gewickelt hatte, ähnlich war. Meine hohe Meinung von Doreen verpuffte, als ich einen weiteren teuren Perser ausrollte. Wie konnte man ein so schönes Ding im Keller lagern? Was für eine Verschwendung. Vielleicht hatte sie es ja verdient gehabt, dass der Krebs sie dahingerafft hatte.

Als der missachtete Teppich in der Diele lag, packte ich ein paar antibakterielle Tücher aus und wischte alles ab, was ich berührt hatte. Auf allen vieren vergewisserte ich mich, dass ich nicht ein Härchen zurückgelassen hatte, das mich verraten könnte. Dann noch einmal durchgefegt und mit dem Mopp nachgewischt, und ich fühlte mich auf der sicheren Seite.

Bald darauf waren Küche, Diele und Garage wieder blitzblank, und ich packte die Tücher, den Mopp und die Reinigungsmittel in meine Tasche und in Müllbeutel und verstaute alles im Laderaum meines Wagens.

Ich schlüpfte in Edwins Mantel, setzte seinen Hut auf und zog ihn mir in die Stirn. Als ich saubere Handschuhe angezogen hatte, war ich bereit zum Aufbruch. Ich sperrte die Haustür ab, ging in die Garage und startete Edwins Mercedes. Mein eigener Wagen stand an der anderen Seite der Einfahrt, so weit wie möglich von neugierigen Nachbarn entfernt, und ich würde ihn später problemlos abholen können.

Es dauerte nicht lange, dann war ich drei Countys weiter. Im Film setzt der Killer den Toten auf den Fahrersitz, lässt den Motor an und beschwert das Gaspedal mit einem Stein. Er legt den Wahlhebel um, und der Wagen schießt über die Felskante, während die Musik dramatisch anschwillt.

Und dann entdeckt die Polizei den Wagen und findet darin irgendein beschissenes Beweisstück.

Ich hielt auf dem Seitenstreifen, vergewisserte mich, dass sich kein Auto näherte, zerrte den Edwin-Burrito aus dem Laderaum und schleifte ihn zur stromaufwärts gelegenen Seite der Brücke.

Als ich ihn über die Böschung hieven wollte, fiel mir ein, dass ich die Gewichte vergessen hatte. Er durfte nicht gleich wieder auftauchen. Oder überhaupt auftauchen. Ich lief zurück zum SUV, schnappte mir die Gewichte und eine Rolle Klebeband aus meiner Tasche, schob die Eisengewichte in den Teppich und wickelte das Klebeband darum.

Jedes Mal, wenn ich meinte, einen Wagen zu hören, schreckte ich zusammen.

Doch es kam keiner. Ich hatte Glück.

Als alles bereit war, schaute ich zum Himmel hoch. „Jetzt bist du frei, Doreen. Die Rache ist dein, mögest du in Frieden ruhen.“

Mit letzter Kraft wuchtete ich Edwin über die fast senkrechte Böschung und beobachtete, wie er in die Tiefe stürzte. Ich drückte mir die Daumen, dass er sich nicht an einem Stein oder Ast verfing, denn im Dunkeln wäre ich ihm nur ungern hinterhergeklettert.

Doch er landete mit einem satten Platscher im Wasser. Sekunden später hatte ihn das nasse Grab verschlungen.

Ich ging eine halbe Meile flussabwärts und schleuderte an einer besonders breiten Stelle das Messer weit in den Fluss. Es verschwand genau so schnell wie Edwin.

Und das war’s.

Als ich zu Edwins SUV ging, fühlte sich die kühle Luft an meiner Haut wundervoll an. Ich fuhr zurück zum Haus und in die Garage. Nachdem ich das Tor geschlossen hatte, wischte ich alle Oberflächen mit Reinigungstüchern ab und saugte den Boden mit dem Staubsauger aus der Ecke, um sicherzustellen, dass ich keine roten Haare zurücklassen würde.

Dann stopfte ich Edwins Hut und seinen Mantel in einen großen schwarzen Müllbeutel. Ich wanderte durchs Haus und hielt Ausschau nach Gegenständen, die ich übersehen hatte. Wieder in der Diele angelangt, war ich mit Doreen allein.

Ich griff mir das Foto. „Zeit zum Aufbruch, meine Liebe. Bald veranstalten wir einen Damenabend. Versprochen.“

Ich nahm den Zehntausend-Dollar-Verlobungsring in die Hand und betrachtete ihn finster. Ich würde mir später überlegen, wie ich ihn loswerden konnte.

In Anbetracht der ungeplanten Aktivitäten war alles glatt gelaufen. Trotzdem war ich irgendwie unzufrieden. Zunächst hatte ich Genugtuung empfunden, weil ich einen Mann vom Antlitz der Erde getilgt hatte, der es nicht wert war, die Luft von Mutter Natur zu atmen, doch jetzt nach all dem Hantier tat mir alles weh, und ich fühlte mich müde und innerlich ausgehöhlt. Obwohl ich froh war, Edwin um Doreens willen getötet zu haben, verflüchtigte sich der Zauber der Nacht bereits.

Was war falsch gelaufen?

Hatte ich zu viel Zeit aufs Saubermachen verwandt? Hätte ich grausamer vorgehen sollen? Hätte ich ihm klar machen sollen, weshalb ich mich gegen ihn gewendet hatte?

Vermutlich.

Als ich aus der Einfahrt zurückstieß und losfuhr, überlegte ich, wie ich meine zukünftigen Romeos mehr leiden lassen könnte. Der Schmerz war nicht von Dauer. Abgesehen von meinem Schmerz, denn der war endlos.

Ich begriff: Die Erwartung von Schmerz baute die Spannung auf. Das war der springende Punkt.

Wenn ich mein nächstes Opfer auswählte, würde es mehr leiden müssen. Dafür würde ich sorgen.

Willkommen in meinem Schlafzimmer, sagte die Spinne zu ihrem Opfer.

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