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Autumns Chaos - Mary Stone

A Taste of… Autumns Chaos

Erstes Kapitel

Special Agent Winter Black steckte ihren Dienstausweis in die Jackentasche zurück und nickte dem streng blickenden Wächter am Eingang des Virginia State Hospital zu. Ihre Arbeit als FBI-Agent brachte auch ein paar Vorteile und Privilegien mit sich. Nach der offiziellen Besuchszeit noch bei ihrem Bruder vorbeischauen zu dürfen, war bald zu einem wichtigen Pluspunkt geworden.

Sollte man sie nach dem Grund für ihr spätes Eintreffen fragen, könnte sie einfach behaupten, der Besuch erfolge im Rahmen der Ermittlungen zu einem ihrer Fälle. Sie sammele Informationen für ihre Arbeit. Zwar fehlten bei dieser Erklärung die Details, doch gelogen wäre sie nicht. Nicht wirklich. Ohnehin wurde Winter kaum je vom Personal befragt, und das war ein Glück, weil jeder dieser Besuche sie furchtbar stresste.

Winter blieb in der Eingangshalle stehen, um in einem langsamen, stetigen Rhythmus ein- und auszuatmen. Mühsam kämpfte sie gegen die Welle der Verzweiflung an, die jedes Mal in ihr aufstieg, wenn sie das Gebäude betrat. Das wurde nie besser.

Sie trat hier nicht über die Schwelle einer normalen Klinik. Die schiere Zahl seelisch gestörter Verbrecher, die in diesem Haus eingesperrt waren, erzeugte eine nahezu reale Wolke der Boshaftigkeit.

Im Gegensatz zu den alten Backsteinmauern, die der Klinik mit ihrem Rot von außen eine gewisse Wärme verliehen, war das Innere des Gebäudes farblos und steril. Alle Gänge bestanden aus monotonen weißen Betonblöcken. Jeder Raum war eine leblose, seelenzermürbende Zelle.

Der Unterschied zwischen draußen und drinnen war entmutigend.

Winter verstand zwar, dass man das neutrale Farbschema eigens gewählt hatte, um eine Überstimulierung der seelisch gestörten Schwerverbrecher zu vermeiden, die nur hier, in der einzigen Hochsicherheitsklinik des ganzen Bundesstaates Virginia, behandelt werden konnten, doch die Wirkung war verstörend. Sobald man dieses Gebäude betrat, fühlte man sich in eine Geisterwelt versetzt, in der die Zeit keine Rolle mehr spielte, in der sie praktisch nicht mehr existierte.

Machte ihr kleiner Bruder diese Erfahrung jeden Morgen beim Aufwachen? Empfand auch Justin das hier als ein undefinierbares Vakuum, in dem die Zeit jede Bedeutung verlor … in dem es kein Heute, kein Morgen und kein Entkommen gab?

Ein Arzt im weißen Kittel eilte mit quietschenden Sohlen über den Fliesenboden und riss Winter aus ihrer Grübelei. Na toll, jetzt verlor sie sich schon wieder in einer Flut von Mitleid. Wenn sie in der Eingangshalle stand und sich um ihren Bruder sorgte, brachte das niemandem etwas.

Sie stieß ein letztes Mal die Luft aus, ging durch eine weitere Sicherheitstür und warf ihren Schlüsselbund auf ein Tablett, damit der gehetzt wirkende Wächter sie mit dem Handscanner kontrollieren konnte. Mehr als den Schlüsselbund nahm sie nie mit nach hier drinnen. Keine Pistole und noch nicht einmal einen Kugelschreiber. Ohne ihre Waffe fühlte sie sich schutzlos, doch sie sah ein, dass diese Schritte notwendig waren, um ins Gebäude zu gelangen.

„Arbeiten Sie heute Abend allein?“, fragte sie den Wächter. An dieser Sicherheitsschleuse wurden normalerweise immer mindestens zwei Wachleute eingesetzt. Vielleicht machte der andere gerade Pause?

Das grimmige Nicken des Wächters belehrte Winter eines Besseren. „Die ganze Klinik ist unterbesetzt. Wächter … Pfleger … Krankenwärter … überall fehlen Leute. Sie sagten, Sie wollten reingehen? Vielleicht ist heute nicht gerade der beste Abend für einen Besuch.“

Wollte Winter Justin besuchen?

Nein, überhaupt nicht.

Und diese spontane Antwort löste eine neue Welle von Schuldgefühlen aus, die verhinderten, dass sie ihr Vorhaben aufschob. „Ich bleibe nicht lang, aber danke für die Warnung.“

Der Wächter zuckte mit den Schultern und ließ sie im Besucherbuch unterschreiben. Das tat sie mit einem Schwung, den sie nicht empfand, und wandte sich dann dem Hochsicherheitstrakt zu. Patienten schrien und hämmerten an die Türen, während Krankenschwestern und anderes Personal mit ausdruckslosen Gesichtern durch die Gänge eilten.

Dort lebte nun ihr Bruder.

Nein.

Dort gehörte Justin hin.

Gut möglich, dass er hier nie wieder rauskommt. Du darfst ihn lieben, aber nicht bemitleiden. Nicht nach den schrecklichen Verbrechen, die er begangen hat.

Justin war ein Serienmörder, anders konnte man es nicht ausdrücken. Er hatte seine Opfer in einem Rausch von Gnadenlosigkeit ermordet, denn er war in die Fußstapfen jenes Mannes getreten, der ihn großgezogen hatte … Douglas Kilroy, der Preacher.

Dass Kilroy eine wenig traditionelle Auffassung von Familie besaß, hatte er bewiesen, als er den sechs Jahre alten Justin aus Winters Elternhaus entführte. Bevor er mit Winters Bruder verschwand, hatte der Preacher ihre Eltern ermordet und Winter nach einem Hieb auf den Kopf als tot liegenlassen.

Damals, mit dreizehn Jahren, hatte das Leben, wie sie es kannte, sich unwiderruflich verändert. Und das Leben ihres Bruders hatte eine ebensolche Wandlung durchgemacht, als er noch nicht einmal halb so alt war.

Winter fragte sich oft, ob Justin besser daran gewesen wäre, hätte Kilroy ihn zusammen mit ihren Eltern ermordet, statt ihn in den Abgrund seines boshaften Wahnsinns zu zerren. Doch Kilroy hatten ihren früher einmal lieben und unschuldigen jüngeren Bruder großgezogen und seinen Schützling wie eine Figur aus Ton zu einem Teufel geformt, den er als seinen Nachfolger auf die nächste Generation loslassen konnte.

Justin Black war im Brennofen gewesen, hatte das Feuer ertragen und war gehärtet aus den Flammen hervorgegangen.

Brutal.

Ein Serienmörder, erschaffen von einem Serienmörder.

Dank Kilroys Erziehung wuchs Winters Bruder in dem Glauben auf, er sei dazu berufen, das grausame Vermächtnis des Preachers, das Foltern und Morden fortzuführen. Justin hatte bereits große Fortschritte in seinen Bemühungen erzielt, sich als würdiger Schüler zu erweisen, doch dann hatte das FBI ihn festgenommen und eingesperrt. Da eine Geisteskrankheit vermutet wurde und seine Verhandlungsfähigkeit in Frage stand, war er schließlich im Virginia State Hospital gelandet statt im Gefängnis.

Vorläufig.

In dieser Hochsicherheitspsychiatrie gab es für Justin Hilfe – und sogar Hoffnung. Die Psychiater, Psychologen, Therapeuten und Pfleger waren alle dazu ausgebildet, das Fundament an Menschlichkeit freizulegen, das unter Schichten von Trauma und Gewalt schlummerte.

Hier hatte Justin Zugang zu geeigneten Medikamenten, Bildung und zahlreichen Therapieformen … Gesprächs-, Gruppen-, Kunst- und Musiktherapie. Er hatte die Chance, gesund zu werden.

Seine Störung ist vielleicht heilbar. Nichts ist unmöglich.

Allerdings schien sonst niemand eine Genesung Justins für wahrscheinlich zu halten. Selbst Winters Hoffnung war brüchig. Doch sie weigerte sich, von ihr abzulassen, so schwach sie auch sein mochte.

Justin lebte. Und wo Leben war, da war Hoffnung.

Als sie sich dem Lift näherte, glitten dessen Türen auf und gaben zuerst den Blick auf einen vorstehenden Bauch frei, bevor sie sich so weit öffneten, dass das Gesicht des Passagiers sichtbar wurde. Es war Victor Goren. Trotz seiner beträchtlichen Leibesfülle bewegte Justins Pflichtverteidiger sich eilig und schoss zwischen den Lifttüren hindurch, sobald die Lücke groß genug war.

Winter musterte seine Miene. Der Anwalt ihres Bruders wirkte fix und fertig. Sein dünnes Haar war zerzauster als üblich und stand in alle Richtungen vom Kopf ab. Kleine Schweißperlen bedeckten seine Stirn und seine Wangen.

Winter war alarmiert.

Kam Goren gerade von einem Besuch bei Justin? Falls ja, ließ sein Auftreten nichts Gutes erahnen.

„Hallo, Mr. Goren. Wie geht’s?“

Sie fand die gespielte Unbekümmertheit dieser Frage schrecklich. Es klang so, als wären der Anwalt und sie ganz normale Bekannte, die sich beim Besuch eines gemeinsamen Freundes zufällig über den Weg liefen und kurz miteinander plauderten.

Victor begegnete ihrem Blick und lächelte schmallippig. „Danke, gut, Agent Black. Bestens. Ihr Bruder allerdings …“ Er knurrte leise. „Für den kann ich nicht dasselbe behaupten.“

„Was stimmt nicht mit Justin?“ Sie stieß die Worte hastig heraus, plötzlich von Angst ergriffen, sodass ein gewandteres Auftreten nicht mehr in ihrer Macht stand.

Victor tupfte sich mit seinem purpurrot gemusterten Seidentaschentuch die Stirn. „Ich würde nicht direkt sagen, dass etwas mit ihm nicht stimmt. Er scheint eher total geistesabwesend zu sein. Ich weiß nicht, wie viel er von dem mitbekommen hat, was ich ihm heute gesagt habe. Es war, als wäre er … gar nicht richtig da.“

Winter verdaute diese Feststellung und ging im Geist eine Anzahl verschiedener Erklärungen für Justins Verhalten durch. „Vielleicht ist es ein Fehler, sich so spät am Tag mit ihm zu treffen? Es könnte ihm schwerfallen, sich abends zu konzentrieren. Tagsüber wirkt er wesentlich ansprechbarer.“

Sie hatte das nicht als Kritik gemeint, doch Victor fasste es offenbar so auf. Er zuckte zurück, und sein Doppelkinn wackelte vor Empörung. „Dabei sind Sie selber ja auch hier, oder? Die späte Abendstunde scheint Sie ja von nichts abzuhalten.“

Na toll, Winter. Jetzt kränkst du auch noch den Mann, der zu verhindern versucht, dass dein Bruder in einer Gefängniszelle landet.

Sie hob entschuldigend die Hand. „Tut mir leid, Victor. So war das nicht gemeint. Ich weiß, dass Sie angesichts von … angesichts von Justins Verfassung ihr Bestes geben. Ich weiß wirklich zu schätzen, wie viel Zeit und Mühe Sie aufwenden, um meinem Bruder zu helfen.“

Offensichtlich war Victor nicht nachtragend. „Sie sind eine starke Frau, Agent Black. Ich könnte mir vorstellen, dass die Situation sehr schwierig für Sie ist, und ich bewundere Ihr Bemühen, Ihre Familienangelegenheiten mit Ihren Pflichten als Agent in Einklang zu bringen.“

Winter hatte einen Kloß in der Kehle, doch sie wahrte die Haltung. „Danke. Das ist unglaublich nett von Ihnen.“

Und falsch. Vollkommen falsch. Ich bringe überhaupt nichts miteinander in Einklang. Eher schon versage ich in jedem Bereich meines Lebens. Ich bereite den Menschen Sorgen, die mir am meisten am Herzen liegen, enttäusche sie und…

„Einen schönen Abend noch, Agent Black. Grüßen Sie bitte Justin von mir.“

Goren entfernte sich mit merklicher Hast. Höflichkeit hin oder her, Winter wusste, dass der Anwalt es nicht erwarten konnte, dem Virginia State Hospital zu entkommen, das wohl jeder als eine Zeitschleife in der Hölle empfand.

Vorwerfen konnte sie ihm das nicht. Wenn ihr eigener Besuch bei Justin beendet war, wollte sie ebenfalls so schnell wie möglich von diesem düsteren Ort verschwinden.

„Das werde ich. Ihnen wünsche ich auch einen schönen Abend.“

Es war eine reine Höflichkeitsfloskel, die sie nur abspulte, weil man das eben so sagt, doch mehr war nicht drin. Die riesige Anstrengung, sich in dieser Welt des Wahnsinns ungerührt zu geben, machte sie langsam aber sicher fertig.

So tun als ob. Alle taten so als ob, weil das einfacher war.

Nein, nicht nur einfacher … es wurde erwartet.

Im Laufe der letzten Monate hatte Winter auf die harte Tour gelernt, dass die meisten Menschen hässlichen, unangenehmen Aspekten der Wirklichkeit lieber auswichen. Und konnte es einen hässlicheren oder unangenehmeren Aspekt der Realität geben als den Gang in eine Hochsicherheitsklinik, um den eigenen kleinen Bruder zu besuchen, der so viele Morde verübt hatte, dass keiner die genaue Zahl kannte?

Doch die meisten von Winters Freunden und Bekannten zogen es vor, wenn sie ihren persönlichen Albtraum um deren eigenen Seelenfrieden willen überspielte.

Ja, mein Bruder ist ein Mörder. Sollen wir fürs Abendessen etwas beim Chinesen holen?

Nein, er zeigt keine Reue. Überhaupt keine. Hast du gestern Abend das Spiel im Fernsehen gesehen?

Ich werde niemals glücklich sein und mich auch niemals einfach nur normal fühlen, denn jemand, den ich unauflöslich liebe, ist krank. Verrückt. Verloren. Macht mich dieser Pullover hier dick?

Manchmal würde Winter am liebsten tief in den Wald fahren und aus voller Kehle schreien. Aber was würde sich dadurch ändern? In einer Situation, die sie irre machte, würde sie einfach nur Dampf ablassen, mit den Bäumen als Zeugen.

Doch Justin würde trotzdem Justin bleiben.

Sie ließ sich gegen die Wand des Lifts sacken, schloss die Augen und versuchte, Kraft zu sammeln. Sich innerlich zu wappnen.

Mit jedem Ausflug in dieses gottverdammte Gebäude wurde diese Aufgabe schwieriger. Bruder hin oder her, Justin Black forderte seinen Tribut von ihrer psychischen Kraft.

Winter hatte dem neuen Fall, den der Special Agent in Charge ihr zugewiesen hatte, noch kaum ein Quäntchen Energie gewidmet. Als Federal Agent in der FBI-Außenstelle Richmond badete sie nicht gerade in freier Zeit. Irgendwann würde SAC Osbourne merken, dass sie nicht bei der Sache war, und sie zur Rede stellen. Die Abteilung für Gewaltverbrechen konnte sich keine Nichtstuer leisten.

Die traurige Wahrheit war aber, dass Winter sich anstrengen musste, um auch nur ein gewisses Interesse an dem Fall aufzubringen.

Eine geldgierige Frau namens Camilla hatte eine Beziehung zu einem Mann begonnen, der wohl eher seinem Schwanz als seinem Gehirn gefolgt war, falls er Letzteres überhaupt besessen hatte. Das glückliche Paar hatte sich in Las Vegas trauen lassen, der Ruhmeshalle für gescheiterte Ehegelübde.

Nach weniger als einem Monat war der Ehemann tot, und die Witwe stand im Verdacht, das gemeinsame Haus niedergebrannt zu haben, um den Mord zu kaschieren. Oh ja, und zufällig hatte die Frischvermählte vor dem „unglückseligen“ Tod ihres Gatten auch noch eine Lebensversicherung von einer Million Dollar auf ihn abgeschlossen.

Diese Sache würde sich vermutlich leicht lösen lassen, sobald sie Camilla fanden. Wenn dieser Tag einmal eintrat, hatte Winter jedenfalls nichts dafür getan.

In ihrem Inneren begriff sie, dass ihre Gleichgültigkeit ein Problem war. Sie sollte sich Sorgen um ihre Stelle beim FBI machen, für die sie so hart gearbeitet hatte. Doch obwohl die Scham, dass sie ein beschissener Tagedieb war, sich wie Zement in ihrer Brust festgesetzt hatte, gelang es ihr nicht, sich für ihre FBI-Pflichten zu motivieren.

Und da sie ja so ein Glückspilz war, hörte ihr Hang, alles kaputtzumachen, damit nicht auf.

Ihre Beziehung zu Special Agent Noah Dalton war derzeit ebenfalls störanfällig und turbulent. Nicht, dass sie sich jemals für eine Expertin in Liebesdingen gehalten hätte, aber in letzter Zeit erwies Winter sich als eine miserable Partnerin.

Und was war der Hauptanlass für Streitereien? Justin.

Dasselbe galt für ihre Freundschaft mit Dr. Autumn Trent. Autumn war eine begabte Kriminalpsychologin und forensische Psychologin, die bei zahlreichen Ermittlungen mit der Abteilung für Verhaltensanalyse des FBI zusammengearbeitet hatte. Und darüber hinaus war sie Winters beste Freundin.

Auf Winters Drängen hin hatte Autumn die Aufgabe erhalten, im Rahmen des Prozesses, den man Justin für seine grässlichen Verbrechen machen würde, die Verhandlungsfähigkeit des Angeklagten festzustellen. Zugegebenermaßen war das eine Grauzone – dass eine enge Freundin ihren Bruder einschätzte –, und daraus hatten sich einige unangenehme Wendungen ergeben.

Sie gerieten nicht oft aneinander.

Außer wenn es um Justin ging.

Tja, Sherlock, vielleicht ist dir hier ein Muster aufgefallen…

Alles, was Winter aus der Fassung brachte, schien in direkter Linie mit ihrem seelisch instabilen Bruder zusammenzuhängen. Diese Verbindung war so unübersehbar wie eine rot flammende Alarmleuchte.

Das Problem war, wann immer Winter Justin anschaute, sah sie einen sechsjährigen Jungen mit seidigem, schwarzem Haar und blauen Augen in einem Schlafanzug mit Sponge-Bob-Aufdruck vor sich. Einen Jungen, der einfach nur mit seiner großen Schwester schmusen wollte.

Wie sehr sie es auch versuchte, sie konnte dieses Bild nicht auslöschen.

Der Lift klingelte, und sie stieg in Justins Stockwerk aus, wo sofort der Pfleger der Nachtschicht auf sie aufmerksam wurde. Dale Miller hatte Winter schon oft hier gesehen, kannte sie und wusste, warum sie zu so später Stunde auftauchte.

„Kommen Sie mit, Agent Black.“ Diese Anweisung klang verärgert, und er ging ihr schnellen Schrittes durch den Korridor voran.

Winter eilte hinter ihm her und hielt den Mund. Sie sagte erst etwas, als sie an der Tür ihres Bruders vorbeimarschierten.

„Äh…wohin gehen wir?“

Dale behielt sein Tempo bei. „Er ist heute Vormittag verlegt worden.“

Winter, immer noch hinter Dale, runzelte die Stirn. „Warum?“

Der erregte Pfleger hob frustriert die Hände. „Weiß einer, warum irgendwas in diesem Scheißladen passiert?“

Es tat Winter mehr leid denn je, dass sie so spät gekommen war. Keiner vom Personal des Krankenhauses schätzte Besuche nach der offiziellen Öffnungszeit, aber manche Mitarbeiter verbargen ihren Groll besser als andere.

Dale zeigte seine Gereiztheit offen, und Winter nahm es ihm nicht übel. Mit unverstellt gezeigtem Missmut wurde sie fertig.

Dagegen könnte ihr bei einem einzigen weiteren vorgespielten Lächeln das große Kotzen kommen.

Als sie vor Justins neuer Zelle hielten, trat Dale zur Seite, sodass sie durch das Sichtfenster schauen konnte. Winter nahm ihren ganzen Mut zusammen, trat vor, klopfte an und spähte hinein.

Ihr Bruder marschierte zwischen den engen Wänden hin und her, mit Schritten, die ihr aus unerfindlichen Gründen aggressiv erschienen. Justins Mund bewegte sich genauso schnell wie seine Beine, und er murmelte etwas vor sich hin, das wohl eine intensive Gedankenflut sein musste.

Angesichts dieser eindeutigen Zeichen von Verwirrtheit wurde Winter mulmig. Victors Einschätzung traf zu. Justin war körperlich anwesend, doch in Gedanken war er anderswo. Und man konnte unmöglich wissen, zu welcher Art von Realität er an diesem Abend gereist war.

Vielleicht solltest du deinen eigenen Ratschlag befolgen und so späte Besuche vermeiden.

Sie war bereits einen Schritt zurückgetreten, da riss Justin den Kopf hoch. Ein Blick aus flammend blauen Augen heftete sich in ihren, und er fuhr tatsächlich überrascht zusammen, als könnte er nicht glauben, dass sie gekommen war.

Winter verharrte mitten in der Bewegung. Ihr kleiner Bruder hatte ihre Anwesenheit gerade in dem Moment gespürt, als sie sich abwenden und ihn ein weiteres Mal im Stich lassen wollte.

Ihr Verhalten am letzten Abend vor Justins Entführung überfiel Winter mit einer Flut von Bildern, die sie für ewig mit Scham erfüllen würden. Diese grenzenlose Reue konnte sie zwar schultern – sie hatte diese Bürde verdient, und Schlimmeres –, doch was sie niemals würde akzeptieren können, waren die Folgen ihres gedankenlosen Verhaltens in jener schicksalhaften Nacht.

Der niedliche Justin mit seinem molligen Kindergesichtchen hatte einfach mit seiner großen Schwester schmusen wollen. Wie jeder andere Sechsjährige hatte er bei einem Menschen, den er liebte, Trost und Wärme gesucht.

Bei einem Menschen, dem er vertraute.

Doch die grausame Wahrheit war, dass Winter an jenem Abend nur ihre Pläne im Auge gehabt und ihm keine Aufmerksamkeit geschenkt hatte. Da sie bei ihrer Freundin übernachten wollte, hatte die Freude auf den bevorstehenden Film-Marathon, auf Gespräche über Jungs und Popcorn sie zu sehr abgelenkt.

Justin würde ihr niemals vergeben, dass sie ihn im Stich gelassen hatte, und sie selbst sich genauso wenig. Das Grauen der gegenwärtigen Realität war ihre Schuld.

Ihre. Schuld.

Sie überging diese Gefühle in ihrer Brust, lächelte ihn an und winkte ihm zu. Justin richtete einen konzentrierten Blick auf sie, und der verblüffte Ausdruck, den er zunächst gezeigt hatte, wandelte sich für einen Sekundenbruchteil zu etwas Berechnendem. Dann aber leuchtete in seinem Gesicht ein breites Lächeln auf.

Sie hatte keine Zeit, seine Miene richtig zu deuten, da winkte er sie auch schon herein.

Ein plötzlicher, schmerzhafter Stich schoss durch ihre Schläfen, sodass sie beinahe unvermittelt stehen geblieben wäre. Doch sie überspielte das und lächelte sogar, während der Schmerz aufloderte und verging.

Jetzt war wirklich nicht die Zeit für ihre Kopfschmerzen.

Oder eine Ohnmacht.

Winter verharrte zögernd vor der Tür, wollte vor dem Eintreten sicher sein, dass der Anfall vorbei war. Sie schniefte und betastete ihre Nasenlöcher, um sich zu vergewissern, dass kein Nasenbluten eingesetzt hatte.

Noch so ein Teil des brutalen Vermächtnisses des Preachers.

Als Douglas Kilroy mit ihrem Bruder verschwunden war, hatte er angenommen, dass Winter tot sei. Tatsächlich hatte der Preacher sie aber durch seinen Hieb nicht getötet, sondern sie mit einer schweren Gehirnverletzung liegen lassen. Nach der Notfalloperation, die folgte, war Winter für immer verändert. Von da an kam es wiederholt vor, dass Gegenstände oder Bereiche ihres Sichtfeldes sich rot einfärbten, als stumme Warnung, ihre Aufmerksamkeit auf das vom Licht Gekennzeichnete zu richten.

Einschneidender und eine wesentlich schlimmere Beeinträchtigung waren dagegen die Anfälle von heftigen Kopfschmerzen, die meistens auch Bewusstlosigkeit nach sich zogen. Diesen Ohnmachten ging immer Nasenbluten voraus.

Während ihrer Bewusstlosigkeit erlebte Winter Visionen, die mit aktuellen Ereignissen in ihrem Leben zusammenhingen. Manchmal passten die Bilder so gut zu einem realen Problem, dass sie nützliche Informationsschnipsel zurückbehielt. Diese Art von Visionen hatte ihr schon bei vielen FBI-Ermittlungen geholfen, den Fall zu lösen.

Bei anderen Gelegenheiten brachten ihre Visionen ein wirres Durcheinander von Bildern hervor, die unmöglich zu deuten waren. Ihre ‚besondere Fähigkeit’ kam ihr manchmal wie ein Segen und manchmal wie ein Fluch vor und führte zu unvorhersehbaren, Stress erzeugenden Wendepunkten, die sie oft sehr belasteten.

„Herrgott, können Sie sich jetzt endlich entscheiden?“ Dale marschierte an ihr vorbei und stieß den Schlüssel mit einer verärgerten Handbewegung ins Schloss. Voller Abscheu warf er einen sarkastischen Blick auf Winter. „Bei ihm ist immer noch ein Rad ab, falls Sie sich das fragen sollten.“

Winter nahm dem Mann seine Laune nicht übel. Wer tagein, tagaus in diesem Haus arbeitete, hatte das Recht, hin und wieder unleidlich zu sein.

„Danke.“ Sie betrat Justins Zelle mit dem festen Entschluss, das Beste aus diesem Besuch zu machen. Mehr konnte sie nicht tun, als von der Zeit mit ihrem Bruder so viel Gutes wie möglich zu ernten.

„In zehn Minuten gibt’s die Abendmedikamente. Bauen Sie heute keinen Scheiß.“

Dale blaffte den Befehl über die Schulter und machte sich daran, die Tür hinter sich zu schließen.

Überrascht griff Winter nach dem stählernen Türblatt. „Sie gehen?“ Beinahe hätte sie hinzugefügt: Sie lassen mich mit ihm allein? Doch sie konnte die Worte noch rechtzeitig herunterschlucken.

Der Pfleger fuhr zu ihr herum. „Falls es Ihnen bisher nicht aufgefallen sein sollte: Hier fehlt derzeit massenhaft Personal. Wenn Sie sich allein nicht wohlfühlen, überlegen Sie sich einen anderen Termin. Ich schaue alle fünf Minuten durchs Sichtfenster, mehr kann ich nicht für Sie tun.“

Winter warf einen Blick auf ihren Bruder. Wahrhaftige Tränen stiegen in seinen Augen auf, und seine Nasenspitze hatte sich rosa gefärbt.

Sie zwang sich zu einem Lächeln. „Ich bleibe gern hier. Danke.“

Wortlos schlug der Pfleger die Tür hinter sich zu, und der Schlüssel knirschte so laut im Schloss, dass es in der ganzen Zelle widerhallte.

Winter zuckte zusammen, nahm aber keinen Anstoß. Vermutlich war Justins Verhalten gegenüber dem Personal oft bedauerlich schlecht, und wahrscheinlich hatte er die harte Behandlung verdient. Sie wandte sich ihm zu, um ihm ins Gesicht zu sehen, und als ihre Blicke sich trafen, sträubte sie sich gegen den eiskalten Schauer, der ihr den Rücken hinunterlief.

Er starrte sie auf eine Weise an, die…

Neue Schmerzstiche überfielen ihre Schläfen, so dass sie sich beinahe vor Qual krümmte.

„Großvater hast du geil gemacht, große Schwester. Und ich hab einen Steifen.“

Es drehte ihr fast den Magen um, als ihr die gemeinen Worte durch den Kopf gingen. Er hatte sie erst heute Morgen gesagt, und anschließend war er ausgerastet.

Und doch stand sie jetzt allein mit ihm in seiner Zelle.

Bin ich ebenfalls verrückt? Oder vielleicht habe ich Selbstmordabsichten entwickelt, ohne es zu bemerken.

Doch noch während sie sich so hinterfragte, war ihr klar, dass keine dieser Erklärungen stimmte.

Sie war einfach nur eine große Schwester, die zu viel verloren hatte und zu viel bereute. Der Gedanke, zu dieser Last von Reue könnte noch mehr hinzukommen, war unerträglich.

„Dale ist ein Arschloch.“ Justin hob grüßend den Stinkefinger zur Tür.

Ohne das Hämmern in ihren Schläfen zu beachten, legte Winter den Kopf schief. Sie war skeptisch, bemühte sich jedoch, offen zu bleiben. „Und dafür gibt es keinen Grund?“

Justin musterte sie, als bereitete er eine Gegenrede im Gericht vor. „Dale ist ein Arschloch, weil er ein Arschloch ist. Jeden einzelnen Tag droht er mit seiner Kündigung. Und er benimmt sich immer beschissen gegenüber den Pflegern und Krankenschwestern. Da draußen herrscht ständig Streit.“

Winter wunderte sich nicht, dass das Personal des Virginia State Hospital gereizt war. Erst heute hatte das FBI-Team den geheimnisvollen Killer gefasst, der das Haus terrorisiert hatte, doch zuvor hatte er zwei Krankenschwestern ermordet.

Wie sich herausstellte, war der Täter Albert Rice gewesen, ein Krankenwärter eben der Klinik, für die auch seine Opfer gearbeitet hatten. Während der ganzen hektischen Ermittlungen des FBI hatte er sich für alle sichtbar versteckt.

Alberts Schwester hatte als Patientin des Psychiaters Dr. Philip Baldwin Selbstmord begangen. Albert gab dem Arzt die Schuld an ihrem Tod und sann auf Rache. Er wartete, bis Baldwin eine Stelle als ärztlicher Direktor des Virginia State Hospital antrat, und stellte ihm dann eine Falle. Er ließ sich als Krankenwärter beschäftigen, erwürgte zwei Angestellte der Klinik und versuchte, Baldwin die Taten in die Schuhe zu schieben.

Das Vorhaben des gramgebeugten Bruders, Dr. Baldwins Leben zu ruinieren, hatte ein furchtbares Chaos ausgelöst. In diesem Aufruhr hätten sie beinahe Autumn verloren. Um Haaresbreite.

„Bist du noch da, Schwesterherz? Rice zu fassen war hart für euch, hä?“ Justins blaue Augen begegneten Winters ebenso blauen, und einen Moment lang glaubte sie, er könne sich tatsächlich um ihre seelische Verfassung Sorgen machen.

Ihre Gedanken schweiften ab, und wieder stand Winter in flammenden Farben das Bild von Autumn vor Augen, die mit einer Plastiktüte über dem Kopf an einen Stuhl gefesselt war, die Folie so dicht vor Mund und Nase wie eine zweite Haut. Wären sie nur eine einzige Minute später gekommen …

Um Haaresbreite.

„Wow. Du bist ja wahnsinnig abgelenkt. Du brauchst nicht hier zu sein, wenn du…“

Weil Justin so gekränkt aussah, ergriff Winter seine Hand und drückte sie. „Ich bin gern hier. Wirklich. Was macht dein Kopf, nach …“ Sie leckte sich über die Lippen. „Nachdem …“

„Nachdem dein Freund, dieses Arschloch, mich gegen eine Betonwand geschleudert hat?“ Justin entriss ihr seine Hand.

„Justin. Du hast ihn am … Du hast seinen …“ Winter wollte den Satz nicht zu Ende bringen und nicht mehr an den Vorfall denken.

„Ich hab seinen verdammten Schwanz gepackt. Ja und? Verträgt er keinen Spaß? Muss er Leuten wehtun, die halb so groß sind wie er selbst, damit er sich besser fühlt?“ Justin fuhr sich mit der Hand über die Augen und sackte in sich zusammen. Seine Stimmung wechselte innerhalb eines einzigen Moments. „Es war nur eine Platzwunde. Brauchte nicht mal genäht zu werden. Vielleicht hatte ich das verdient.“

„Keiner verdient körperliche Gewalt.“ Winter merkte, dass sie erneut in eine unsichtbare Falle getappt war … sie tröstete den reuigen Serienmörder, der seine Taten wohl gar nicht richtig bereute. Noch nicht. Und vielleicht niemals.

Es war eine harte Wahrheit, die Winter sich heute zum ersten Mal eingestanden hatte.

Justin zuckte mit den Schultern. „Ich habe es für das verdient, was ich zu dir gesagt habe. Das tut mir leid. Ich begreife nicht, wieso mein Gehirn manchmal alles vermasselt. Das macht mich rasend.“

Winters Kopfschmerzen hatten nachgelassen, und sie glaubte, dass der Anfall vorüber war. Es gelang ihr, sich zu entspannen, und sie setzte sich auf den einzigen Stuhl in der Zelle, eine Sitzgelegenheit aus hartem Kunststoff. Justin folgte ihrem Beispiel und ließ sich mit dem Hintern auf seine Pritsche plumpsen wie ein kleiner Junge, was ihr sofort das Herz erwärmte.

Wir sind einfach nur zwei Geschwister, die miteinander plaudern. So ungefähr fühlt es sich jetzt an. Es ist fast so, wie unser Leben hätte sein können, wenn…

„Erzähl mir eine deiner Lieblingserinnerungen aus der Zeit, als wir Kinder waren. Was du willst.“ Sie lächelte ihn erwartungsvoll an und hoffte auf eine ehrliche Antwort. Falls er ihr überhaupt eine gab. Vielleicht erinnerte er sich nicht mehr an viel aus dieser frühen Zeit, aber tief in seinem Inneren hatte er doch sicher ein paar schöne Momente gespeichert, hatte sie im Herzen aufbewahrt, das er hoffentlich noch besaß.

Justin wirkte misstrauisch und neigte den Oberkörper zurück, als hätte sie ihn um ein inneres Organ gebeten. In gewisser Weise hatte Winter das ja auch.

„Ich kann mich kaum an was erinnern. Ich war jünger als du.“ Justin starrte aus dem vergitterten Fenster und wandte sich ihr dann mit einem Lächeln zu. „Aber manchmal denke ich wohl daran, wie es war, wenn du mit mir ‚angeln’ gegangen bist.“ Mit den Fingerspitzen setzte er das Wort in Anführungszeichen. „Hat eine Weile gedauert, bis ich dahintergekommen bin.“

Winter lachte, und der Klang stieg aus ihrem Bauch auf wie ein Vulkan des Glücks. Plötzlich war die Erinnerung da: Justin, damals vielleicht vier oder fünf, hatte neben ihr gesessen und seinen Stock in den tiefen Graben mit Regenwasser vor ihrem Haus gesteckt.

„Du warst so geduldig. Fest entschlossen, einen großen Burschen zu fangen, bevor die Sonne unterging.“ Bei diesen Worten bebten ihre Schultern vor Lachen.

„Du hast mir gesagt, in dem verdammten Wasser schwimmen Fische. Ich war damals vier. Ein bisschen zu klein, um den Unsinn zu erkennen, aber später habe ich es begriffen.“ Justin kicherte, unfähig, ernst zu bleiben. Die Heiterkeit machte seine Gesichtszüge weicher und verlieh seinem gut geschnittenen Gesicht etwas nahezu Kindliches.

Winter stockte der Atem. Wenn sie diesen Moment doch festhalten könnte. Für immer darin verweilen könnte. Tief in Justins Innerem erkannte sie einen Überrest ihres kleinen Bruders, der dort verweilte und wohlauf war. Unter Schichten von Traumata und Gehirnwäsche begraben.

Es war so gemein.

Wenn sie eine Möglichkeit erdenken könnte, Kilroy zum Leben zu erwecken, nur um ihn wieder und wieder zu töten, würde sie seine Gestalt sofort heraufbeschwören. Dieser Drecksack würde niemals teuer genug für das bezahlen, was er ihnen genommen hatte.

Niemals.

„Und was ist mit Weltraumschlachten?“ Justin nahm den betont sachlichen Tonfall eines Piloten an. „Feinde im Anflug. Vorbereiten zum Feuern. Over.“

„Roger“, antwortete Winter mit ebenso nüchterner Sprechweise. Dann brachen beide in eine zweite Runde von Gelächter aus. „Wir mussten die Galaxis retten.“

Justin schnaubte. „Wir saßen auf nach vorn gedrehten Stühlen am Küchentisch und flogen durchs All. Aber du fandest es immer okay, dass ich die Missionen leite“, sinnierte er und kommentierte die damalige Geste mit einem wohlwollenden Nicken.

Winter lächelte. „Du warst viel besser gerüstet, die Welt zu retten.“ Sie wurde ernst, als ein Anfall von Wehmut ihr die Realität vor Augen führte. Der harte Kontrast zwischen damals und heute war quälend.

„Das hat sich wohl einfach verflüchtigt, hm?“ Justins Gedanken schienen perfekt zu den ihren zu passen.

Zu perfekt. Er macht es schon wieder. Er sagt, was du hören willst … spiegelt deine Stimmung. Manipuliert dich unausgesetzt…

„War jeder Tag schrecklich? Mit ihm? Mit Kilroy? Warst du jemals … hast du dich jemals glücklich gefühlt? Gab es auch gute Tage?“ Sobald sie die Worte ausgesprochen hatte, wünschte sie, sie hätte nicht gefragt.

Justin versteifte sich mit derselben entrüsteten Feindseligkeit, die er schon zu Beginn ihres Besuchs gezeigt hatte. Seine Augen loderten von einem teuflischen Feuer. „Großvater hat mich wichtige Lektionen gelehrt. Er hat mir die Augen für die Realität geöffnet, wie sie wirklich ist. Es geht im Leben nicht darum, ‚glücklich’ zu sein. Das ist der Fehler, den ihr alle begeht, weil Menschen selbstsüchtige Schwachköpfe sind.“

Winter fand es schrecklich, dass Justin den Dreckskerl als Großvater ansah. Kilroy war bestenfalls ein entfernter Großonkel gewesen.

„Tut mir leid, Justin. Ich hatte nicht gemeint …“

„Ich weiß genau, was du gemeint hast.“ Mit einem höhnischen Feixen zog er die Knie an die Brust. „Du kannst das unmöglich verstehen. Großvater hat mir klar gemacht, dass nahezu niemand dazu fähig sein würde. Aber er sagte, das sei in Ordnung, es bedeute nur, dass er auf dem richtigen Weg sei. Er war ein Held. Tapfer.“

Mit einem schmerzhaften Stich in der Brust erkannte Winter, dass Justin sich erneut gewandelt hatte. Dass er immer noch irgendwie unter Kilroys Bann stand.

„Aber die Verbrechen, die er begangen hat … bestimmt begreifst du doch, was für ein Unrecht sie waren. Brutal und herzlos. Er hätte seine ‚Botschaft’ auf eine andere Weise verkünden können, ohne unschuldige Menschen zu verletzen, zu foltern oder zu töten.“ Sie sehnte sich verzweifelt nach wenigstens einem winzigen Zeichen, dass ihr Bruder sich von Kilroys Bosheit distanzierte.

Justin zog die Augen zusammen, und das erinnerte Winter daran, in was für ein abscheuliches Ungeheuer er sich verwandelt hatte, als Noah ihren Besuch unterbrach. Er sagte kein Wort. Stattdessen musterte er sie mit einer verstörenden Aufmerksamkeit.

Winter beugte sich vor, verzweifelt darum bemüht, ihn zur Einsicht zu bringen. „Verstehst du denn nicht, wie sehr er dich verändert hat? Wie er dich zu seiner Marionette gemacht hat? Und dass deine Handlungen ebenfalls Unrecht waren?“

Sie merkte, dass sie ihn zu hart bedrängte, aber sie konnte nicht anders. Vor ihren Augen entglitt er ihr wieder, und sie schaffte es nicht, ihn zurückzuholen.

Die Nasenflügel ihres Bruders blähten sich. Sie sah, wie seine Kiefermuskeln arbeiteten, doch gleich darauf erstarrten seine Züge zu einer gleichgültigen, wenn nicht sogar freundlichen Maske.

Dann sackte er in sich zusammen, als wäre eine schwere Last der Schuld auf ihn gefallen und drückte ihn nieder.

„Ich weiß, dass das, was ich getan habe … verkehrt war. Ich hatte genug Zeit, über all das nachzudenken.“

Seine Schultern hingen, und sein Tonfall war reuig.

Aber Winter nahm ihm das nicht ab. Jede Bewegung und jede winzige Veränderung in Justins Miene erfolgte berechnend. Seine Stimmung veränderte sich nicht einfach natürlich, wie es bei anderen Menschen geschieht, wenn Emotionen kommen und gehen.

Justin schlüpfte vielmehr von einem Moment zum nächsten in die jeweilige Rolle, von der er glaubte, dass sie ihm gerade am meisten nutzte.

Im Rahmen ihrer Laufbahn hatte Winter genug über Körpersprache gelernt, um die winzigen Anpassungen zu bemerken und als das zu erkennen, was sie wirklich waren. Justin belog sie. Er tat alles, um ihr die Version seiner selbst vorzuführen, die am ehesten ihr Mitgefühl erregen würde.

Sie könnte ihn weiter bedrängen. Den Trick auffliegen lassen und so lange nachhaken, bis die eigentlichen Gefühle ihres Bruders seine Selbstbeherrschung durchbrachen. Sich erneut beweisen, dass die rasende, verrückte Bestie, in die er sich heute Morgen verwandelt hatte, immer in ihm auf der Lauer lag.

Aber wozu sollte das gut sein? Sie kannte die Wahrheit und begriff, dass die Möglichkeit einer Veränderung ihres Bruders vorhanden, aber nicht wahrscheinlich war. Vorläufig schadete es jedenfalls nicht, einen guten Moment festzuhalten und in Erinnerungen an Angeln im Graben und Weltraumschlachten zu schwelgen.

„Hast du noch Träume, Justin? Bestimmt stellst du dir manchmal ein Leben außerhalb dieser Klinikmauern vor …“ Winter ließ sich gegen die Rücklehne ihres Stuhls sacken, erschöpft von der ewigen Zwickmühle, in die sie bei jedem Gespräch mit ihrem Bruder geriet.

Er zog eine Augenbraue hoch und starrte sie an, als hätte sie den Verstand verloren. Gleich darauf trat ein herzliches Lächeln in sein Gesicht. „Alle wollen ständig mit mir über meine Vergangenheit sprechen. Keiner hat mich je nach meinen Träumen gefragt … meiner Zukunft. Nicht, dass meine Träume jetzt noch eine große Rolle spielten.“

Eine Träne – hoffentlich war sie ungeheuchelt – rollte seine Wange hinunter.

Winter blieb beharrlich, fest entschlossen, ihrem Bruder eine ehrliche Antwort abzuringen. Sie wollte nicht, dass er ihr etwas vorspielte. Sie wollte ihn selbst. „Aber wenn die Lage eine andere wäre. Wenn du jetzt ein freier Mensch wärst. Heute.“

Er begegnete ihrem Blick, und seine Augen verströmten etwas so Böses, wie sie es bisher erst bei einer einzigen anderen Person gesehen hatte. Ein gnadenloser, schneidender Schmerz schoss durch ihren Kopf, als sie sich vorstellte, dass das nicht Justins Augen waren, sondern die Kilroys.

Die Augen eines lebendigen, gesunden Kilroy … der direkt vor ihr saß.

Verräterisch rieselte eine warme Flüssigkeit von ihrer Nase zu ihren Lippen hinunter. Justin sprang erschreckt von seiner Pritsche auf, während sie das stets bereitliegende Papiertaschentuch aus ihrer Jacke nahm und an die Nase drückte.

Die Tür schwang auf, und Dale Miller trat ohne Vorwarnung ein. „Was ist hier los?“, brüllte er.

Winter drehte sich um, wollte ihm versichern, dass alles in Ordnung sei, denn ihr war klar, wonach diese Situation aussehen musste, doch der Pfleger hatte sich bereits eine Meinung gebildet.

„Runter auf Ihre Pritsche.“ Dale deutete auf das schmale Lager, das Gesicht eine Maske des Zorns. „Jetzt. Setzen.“

Justin gehorchte sofort, und Dale schnappte sich eine Lage Verbandsmull, der auf dem Rollwagen mit Medikamenten lag, den er vor sich herschob.

„Dale …“ Wieder explodierte der Schmerz in Winters Kopf, und sie brach mit einem Stöhnen ab.

Sie musste Dale klarmachen, dass das hier nicht Justins Schuld war. Wenn es doch nur in ihrem Kopf nicht dermaßen hämmerte, als schlüge jemand dagegen.

„Immer der gleiche Ärger mit diesem Kerl. Da verletzt er doch seine eigene Schwester. Den wahrscheinlich einzigen Menschen auf der Welt, dem es nicht am Arsch vorbeigeht, ob er lebt oder tot ist.“ Dales leises Knurren war nur zu deutlich vernehmbar. „Dabei sollte ich jetzt eigentlich gar nicht hier sein.“

„Dale…“ Der durchdringende Schmerz in Winters Schläfen wurde schlimmer, als sie einen Blick auf ihren Bruder warf, der die Szene mit unverhohlenem Interesse verfolgte.

„Ich muss eine gottverdammte doppelte Schicht fahren, weil in dieser Klinik das Personal ständig zu knapp ist, ob nun links und rechts Pfleger tot umfallen oder nicht. Keiner möchte in dieser Hölle voller Irrer arbeiten. Mich selbst eingeschlossen.“ Dale stapfte mit einem weißen Lappen in der Hand auf sie zu. Verbandsmull.

Der Schmerz war ein heftiges, stetes Pulsieren gnadenloser Pein. „Nein“, nuschelte sie. „Das ist nicht seine Schuld. Sie irren sich.“

Sie versuchte, wieder zu Justin zu schauen, und als ihre Blicke sich trafen, rammte sich der Schmerz noch tiefer in ihren Kopf

„Machen Sie das nicht. Er mag Ihr Bruder sein, aber verteidigen Sie diesen Verbrecher nicht. Er ist ein gestörter kleiner Irrer, und je eher Sie …“ Dales Stimme verlor sich, während Winters Kopfschmerzen wie wahnsinnig hämmerten und alles vor ihren Augen verschwamm.

Vor Qual benommen, sah sie, dass ihr Bruder sich von der Pritsche erhob, mit etwas in der Hand, das sie nicht erkennen … worauf sie sich nicht konzentrieren konnte. Er näherte sich ihr und Dale und hob dabei den Gegenstand über den Kopf.

Achtung!

Winter packte Dales Hand. Sie wollte ihn unbedingt warnen, doch ihre Zunge klebte am Gaumen, und der Schmerznebel machte sie so benommen, dass sie sich nur unbeholfen bewegen konnte.

Im nächsten Moment griff Justin an und stach Dale seine Waffe ins Genick. Lautlos brach der Pfleger auf Winters Schoß zusammen.

Von seinem Gewicht auf den Stuhl gefesselt, griff sie instinktiv nach der Pistole, die sich im Holster an ihren Körper schmiegte.

Sie war nicht da.

Die Panik versetzte ihr einen eisigen Stich, denn nun fiel ihr ein, dass Waffen im Virginia State Hospital verboten waren. Ihre Pistole lag im Auto.

Sie nutzte ihr nichts.

So wie sie selbst im Moment zu nichts zu gebrauchen war.
Winter kämpfte gegen den grellen Schmerz an und versuchte, sich unter Dales schwerem Körper herauszuwinden. Das gnadenlose Hämmern in ihrem Kopf griff den Rhythmus ihres wild rasenden Herzens auf.

Jetzt nicht ohnmächtig werden. Du darfst jetzt nicht ohnmächtig werden!

Doch trotz dieses Befehls an sich selbst zog ihr Gesichtsfeld sich von den Rändern her zu.

Ihre letzte bewusste Wahrnehmung war die eines schattenhaften Justin, der grinste … der so breit grinste, dass sie einen grässlichen, albtraumhaften Moment lang fürchtete, dieses weit aufklaffende Maul werde sie in einem einzigen Happs verschlingen.

ls seine Hand ein zweites Mal vorschoss, war die Bewegung so schnell, dass sie ihr vor den Augen verschwamm. Etwas Kaltes und Scharfes stach in Winters Haut.

Danach verblasste der Schmerz gnädig, bis Winter überhaupt nichts mehr empfand.

Zweites Kapitel

Autumn Trent schlug schreiend um sich und kämpfte verzweifelt darum, die Plastiktüte abzustreifen, die ihren Kopf umfing. Neben ihr standen ihre Mutter, so reglos wie eine schwarz-weiße Statue, und ihr Vater, der rot glühte und Autumn wütend anstarrte.

Er brüllte sie ohrenbetäubend laut an.

„Nimm die Tüte ab! Hörst du mich? Nimm diese dämliche Tüte vom Kopf und hör auf, dich dermaßen anzustellen! Was ist bloß mit dir los? Warum musst du ständig die Regeln brechen? Warum versuchst du immer, dich in den Vordergrund zu spielen?“

Sarah spähte hinter ihrer Mutter hervor, das Mädchen glänzte in hellem Gelb. Zu hell. Das grelle Licht brannte Autumn in den Augen, und von dort breiteten sich die Flammen durch ihre Adern aus, bis sie überzeugt war, zu lodern wie ein Kerzendocht.

„Hör auf, dich mit deiner Schwester zu messen! Sie ist tot! Diesmal bist du zu weit gegangen!“

Autumn würgte an der Plastikfolie und stählte sich für die Begegnung mit den grausamen Händen ihres Vaters. Er würde ihr die Tüte vom Kopf reißen. Ihr dabei wehtun. Aber sie könnte wieder atmen. Sie könnte tief Luft holen … und vielleicht entkommen.

Nur dass er keinen einzigen Schritt auf sie zu tat. Er brüllte und verfärbte sich dabei immer tiefer rot, bis er sich in einen riesigen Blutstropfen verwandelte, sich wie ein Sturzbach auf den Boden ergoss und Autumns Mutter und Schwester in einer Flutwelle ertränkte.

Autumn konnte ihnen nicht helfen. Sie konnte nicht einmal schreien. Sie konnte nichts anderes tun, als zuzusehen, wie der blutrote Strom Sarahs gelbes Leuchten weiter und weiter forttrug, bis sie nur noch ein schwacher Schimmer in der Ferne war.

„Mom?“

Die Tüte erstickte Autumns Ruf. Doch das spielte keine Rolle. Ihre Mutter war nicht da, war nie wirklich lebendig, sondern immer bloß eine Statue gewesen.

Seit jeher.

Niemand konnte Autumn helfen. Die Plastiktüte war ihr Leben, ihr Tod, ihre Ewigkeit. Die Strafe dafür, dass sie ein böses kleines Mädchen gewesen war, das Theater gemacht hatte. Sie hatte das alles sich selbst zuzuschreiben.

Plötzlich wurde sie von starken Armen ergriffen, und jemand warf sie sich über die kräftigen Schultern.

„Sie haben meine Schwester ermordet.“

Albert Rice schleppte sie weg, und der Griff seiner Arme war nicht aufzubrechen. Philip Baldwin lag hinter ihnen auf dem mit Laub bedeckten Boden, die Augen offen, aber leer. Tot. Albert hatte ihn getötet. Genau so, wie er sehr bald Autumn töten würde.

Philips starrer Blick richtete sich auf sie. Kein Muskel seines Körpers regte sich, abgesehen von seinen Lippen. „Ab mit Ihnen in den Schrank. Da müssen böse kleine Mädchen hin. Wofür haben Sie diese Strafe verdient, Dr. Trent?“

Autumn schluchzte. Ihre Fußknöchel und Handgelenke waren gefesselt, und die Tüte verschmolz fast mit ihrer Haut. Ihre Lunge brannte.

Keine Luft.

Ich kann nicht atmen.

Kann. Nicht. Atmen.

Albert warf sie in den Kofferraum eines Kombis. „Sie haben Ihre Schwester getötet. Ich bringe die Sache in Ordnung.“

Seine grünen Augen wurden reptilienartig, und sein Körper mutierte.

Schuppen durchbrachen seine Haut und bedeckten ihn, bis er kein Mensch mehr war, sondern ein krokodilartiges Tier. Riesige Fangzähne ragten aus seinem schleimigen, blutverschmierten Maul.

Autumn flehte um Gnade, doch die Worte wurden erstickt. Sie blieben in der Plastikfolie hängen, die ihr Gesicht wie eine zweite Haut überzog.

„Hoffentlich kannst du schwimmen, Pippi Langstrumpf.“

Die Szene wechselte, und sie trieben im Meer. Riesige Wellen warfen sie hin und her wie eine weggeworfene Limonadenflasche. Sie müsste schwimmen, doch Arme und Beine waren zu eng gefesselt, und sie konnte sich nicht über Wasser halten. Sie schnappte nach Luft, aber die Tüte behinderte ihren Atem.

Das war unfair. Warum kämpfte hier niemals jemand fair?

Die Kulisse veränderte sich erneut. Harte Hände rissen sie aus dem Wasser. Winter, Noah und Aiden standen mit finsteren Mienen über ihr. Winter kniete sich nieder und klopfte auf Autumns Wange, die so fest wie gebrannter Ton war. Die Tüte hatte ihr Gesicht versiegelt … war ihr Gesicht geworden.

„Sie ist jetzt aus Kunststoff. Wie eine Puppe.“ Winter schaute spöttisch, und nun traten auch Noah und Aiden hinzu, Abscheu in den Augen.

„Für so was haben wir keine Zeit, Agents. Das hier ist kein Kindergarten. Wir können es uns nicht leisten, mit Spielzeug zu spielen“, blaffte Aiden die anderen an und kehrte ihr ohne ein weiteres Wort den Rücken.

Noah kniete sich kopfschüttelnd neben Winter nieder. „Wieso haben Sie Ihre Schwester getötet, Dr. Trent? Wieso stellen Sie sich immer so an?“

Die beiden wälzten sie von dem Holzsteg, auf dem sie lag, und das Meer verschlang sie und zog sie nach unten, tief, tief nach unten … doch sie war nicht allein. Ganz in ihrer Nähe hörte sie Kiefer mahlen … viel zu nah

„Hoffentlich kannst du schwimmen, Pippi.“

Wunderschöne Waldgemälde in reich verzierten Rahmen trieben um sie her im Wasser und sanken langsam hinab. Das schützende Glas hatte Risse.

Die Bilder beruhigten sie. Faszinierten sie.

„Ist das hier nicht besser, Pippi? Würdest du lieber ganz allein in einem Wald sterben? Langsam, schmerzhaft und grausam? Hier hast du Freunde.“ Albert schwamm an ihr vorbei, und sein mächtiger Schwanz erzeugte einen gewaltigen Sog, in dem die Bilder wild taumelten.

Eine Leiche stürzte kopfüber ins Wasser, nur Zentimeter von ihrem Gesicht entfernt. Evelyn Walker, die Krankenschwester, die von oben in Autumns Liftkabine gefallen war. Ihr Blick war noch immer so starr und tot wie damals, doch nun war sie auch noch vom Wasser aufgetrieben und halb verwest. „Man scheißt sich nach dem Tod voll.“ Ein Kichern entkam Evelyns reglosen Lippen. „Ist das nicht komisch? Man ist tot, aber man kann immer noch scheißen!“

Die Frau versank in der tintenblauen Tiefe, doch ihre Stimme drang weiter von unten herauf. „Warum haben Sie Ihre Schwester getötet, Dr. Trent? Und warum stellen Sie sich immer so an?“

Autumn schrie erneut los, aber niemand kam. Sie war jetzt eine Kunststoffpuppe, die im Meer trieb. Keiner konnte ihr Schrei…

Autumn schoss senkrecht im Bett hoch, und es war, als füllte ihr hämmerndes Herz ihre ganze Brust aus. Ihr winziger Zwergspitz war sofort bei ihr und leckte ihr übers Kinn, vermutlich, um seine geliebte Besitzerin nach ihrem Schrecken zu beruhigen. Toads extremer Unterbiss wäre wohl nicht für jeden, der aufwachte, ein beruhigender Anblick gewesen, doch sie liebte das alberne Gesichtchen des Hundes.

Peach, ihre rötliche Tigerkatze, blieb in sicherer Entfernung auf der Frisierkommode liegen und musterte die Not ihrer Besitzerin recht verächtlich. In ihrem Katzenblick lag eine eindeutige Botschaft: Bist du verrückt geworden?

Autumn legte sich die feuchtkalte Hand auf die nasse Stirn. Die Leuchtziffern ihres Digitalweckers zeigten 06:11. Theoretisch könnte sie sich noch einmal für neunzehn Minuten zum Schlafen einkuscheln, doch die Vorstellung, in ihren Albtraum zurückzugleiten, reichte, um sie wachzuhalten.

Das alles ist noch keinen ganzen Tag her. Nicht einmal vierundzwanzig Stunden. Du hast eine Menge durchgemacht. Deine Psyche muss das erst mal bewältigen. Mehr ist das nicht. Dein Gehirn verarbeitet willkürlich Bruchstücke von Informationen.

Die medizinische Betrachtung half dabei, dass Autumns Puls sich wieder normalisierte. Vor weniger als vierundzwanzig Stunden hatte Albert Rice versucht, sie mit einer Plastiktüte zu ersticken. Und nur wenige Tage früher, als Autumn gerade im Lift fuhr, war Evelyn Walkers erkaltete Leiche durch die Decke herabgestürzt. Da die Tote Kot verloren hatte, war dieser ebenfalls heruntergetropft.

Autumn sank auf ihr Kopfkissen zurück und warf die Hand vor die Augen, was Toad ein überraschtes Jaulen entlockte. Wollte sie allen Ernstes heute zur Arbeit gehen? Die Ärzte hatten ihr geraten, sich drei Tage auszuruhen, doch schon ging es wieder los.

Vielleicht war sie wirklich verrückt.

Nur dass die Arbeit ihre Zuflucht war. Oder es zumindest gewesen war, bis sie sich dem FBI angeschlossen hatte. Das dort herrschende Gefahrenpotenzial war wohl zu hoch, um ihren derzeitigen Job als Refugium zu betrachten. Doch trotz des verschlechterten Sicherheitsgefühls genoss Autumn es, sich in ihre neuen Pflichten zu vertiefen.

Die Arbeit hatte etwas Erregendes, und das machte sie total an. Obwohl sie niemals abstreiten würde, dass die Aufträge mit großen Risiken verbunden waren, wurde man doch auch reich belohnt.

Sie musste einfach nur herausfinden, wie sie es künftig vermeiden könnte, ständig ins Epizentrum jeder gefährlichen Situation zu geraten, mit der ihr Team konfrontiert wurde. Für den Anfang sollte sie vielleicht erst einmal Liftkabinen meiden, an denen ein Psychopath sich zu schaffen gemacht hatte. Oder alle Einladungen zu Speed-Dating-Veranstaltungen ablehnen, da sich gezeigt hatte, dass diese schrecklich schiefgehen konnten. Und sie sollte aufhören, aus Hubschraubern in den verdammten Atlantik zu springen.

Letzteres war keine besonders gute Entscheidung gewesen. Doch zu ihrer Verteidigung konnte sie sagen, dass die Alternative zur Helikopter-Eskapade darin bestanden hätte, ein Baby ertrinken zu lassen, oder zumindest hatte sie das damals geglaubt. Dieses Abenteuer ließ sie sich also durchgehen.

Hingegen sollte sie niemals wieder einen ungeplanten Besuch beim Hauptverdächtigen eines Doppelmordes machen … selbst wenn sie den Verdächtigen für unschuldig hielt.

Sie war sich nahezu sicher, dass sie das schaffen könnte.

Nach einer warmen Dusche und mit frischen Kleidern am Leib fühlte Autumn sich wie neugeboren. Sie hatte sich für einen glatten schwarzen Rollkragenpullover entschieden, der den hochroten Striemen um ihren Hals kaschierte – ein Abschiedsgeschenk von Albert Rice und der Plastiktüte, mit der er sie beinahe erstickt hätte. Andere äußerlich sichtbare Zeichen des gestrigen Tumults gab es Gott sei Dank nicht.

Sie war bereit, ein weiteres Mal die Welt zu retten.

Aber erst brauchte Toad einen kleinen Spaziergang, um das loszuwerden, was ich bei ihm inzwischen aufgestaut hatte.

Als beide Tiere nach dem Spaziergang mit Näpfen voll Futter und Wasser versorgt waren, holte Autumn tief Luft und schaute auf die Uhr. Es war gerade erst kurz vor sieben, und so hatte sie genug Zeit, einen Patienten zu besuchen, der sie, wie sie wusste, dringend erwartete.

Ihre letzten beiden Ansätze, Justin Black zu treffen, waren durch unvorhersehbare Widrigkeiten – nämlich eine Leiche im Lift und einen mordenden Krankenwärter – durchkreuzt worden. Dafür konnte sie wirklich nichts. Dennoch empfand Autumn Schuldgefühle, weil sie einen Patienten, der unter einem Verlassenheitstrauma litt, versetzt hatte. Wenn sie ihn heute Morgen besuchte, würde das das schlechte Gewissen lindern, das ihr zu schaffen machte.

Von alldem abgesehen, hatte sie mit Justin noch viel Arbeit vor sich. Sein Fall war kompliziert und sein Trauma tief in ihm verankert.

Autumn fuhr mit ihrem Camry zum Virginia State Hospital, fest entschlossen, Justins innere Dämonen aufs Korn zu nehmen und ihn bei seiner psychischen Gesundung nach Kräften zu unterstützen. Sie stellte ihren Wagen auf den klinikeigenen Parkplatz, vergewisserte sich im Rückspiegel, dass der Rollkragen ihre Verletzungen auch wirklich kaschierte, und stieg aus.

Auf halber Höhe des Parkplatzes wurden ihre langen Schritte immer langsamer, bis sie schließlich stehen blieb. Das riesige Backsteingebäude ragte vor ihr auf. Es hatte zwar schon immer massig und unheilvoll gewirkt, doch nach dem Albert-Rice-Fall erfüllte der Klinikbau sie mit einem noch schlechteren Gefühl als ohnehin schon.

Ein Schauder lief ihr über den Rücken.

An diesem Ort geschieht nie etwas Gutes.

Sie verwarf den Gedanken energisch, riss sich zusammen und ging wieder los. Gutes konnte geschehen, und es würde geschehen, weil sie nicht aufgeben würde. Weder bei Justins Fall noch bei irgendeinem anderen.

Nachdem sie am Eingang ihre Dienstmarke vorgezeigt und die diversen Sicherheitsschleusen passiert hatte, begab Autumn sich zum Patientenflügel.

Sobald sie dort eintrat, überfiel sie ein wildes, wütendes Getöse.

Beim Anblick, der sich ihr bot, verharrte Autumn mitten im Schritt und fuhr sich mit der Hand zum Hals.

Was um Himmels willen…

Chaos. Philip Baldwins straff geführter Betrieb hatte sich in ein Irrenhaus verwandelt, ein besseres Wort fiel ihr nicht ein.

Offensichtlich lief es in der Klinik nach dem Desaster mit der erwürgten Krankenschwester nicht besonders gut.

Manche Patienten schrien. Andere kreischten. Vielleicht wurden in diesem Krach auch verständliche Sätze geäußert, doch das Durcheinander aller Stimmen klang wie das Gebrüll eines verrückten Löwen. Es war unmöglich, irgendetwas zu verstehen … und das alles wirkte gelinde gesagt beunruhigend.

Das Personal kreischte nicht wie die Patienten, doch in den Gesichtern der Pfleger spiegelte sich eine durchaus vergleichbare Hysterie.

„Achtung!“

Autumn sprang gerade noch rechtzeitig zurück, um zu verhindern, dass der Rollwagen, der mit einem Affenzahn vorbeischoss, ihr über die Zehen fuhr. Ein Pfleger mit hochrotem Kopf hatte die Warnung geschrien und raste jetzt mit dem Wagen durch den Gang, wobei er gerade noch einem Zusammenstoß mit einer aufgeregten Krankenschwester auswich.

Wohin Autumn auch blickte, überall eilten Pfleger und Krankenschwestern in großer Hast von einer Zelle zur nächsten, und der Stress war ihren Gesichtern deutlich anzusehen.

Mitarbeiter hetzten herum, teilten Medikamente aus und beruhigten Kranke, doch es gab einfach nicht genug Leute, um mit den Bedürfnissen Schritt zu halten. Wo es nötig war, rannten Krankenwärter herbei, um bei Beruhigungsspritzen zu helfen, und aus jeder Richtung und in jedem Flügel der Klinik schienen Telefone zu klingeln.

Autumn, die innerlich auf das Chaos reagierte, drückte ihre Handtasche an die Brust wie einen Schild.

Diese Idee der ‚Arbeit als Zuflucht’ würde sie wirklich noch einmal überdenken müssen.

Sie vergewisserte sich, dass gerade keine Rollwagen durch den Gang sausten, eilte ins Stationszimmer und bemühte sich um ein aufrichtiges Lächeln. „Ich wollte mich nur für ein Gespräch mit Justin Black eintragen.“

Sie kannte die Krankenschwester, Joan Singleton. Sie hatten schon mehrmals miteinander zu tun gehabt, und das vertraute Gesicht in diesem Tumult erfüllte Autumn sofort mit Erleichterung.

Joan schob ihr ein Klemmbrett hin, selbst um ein Lächeln bemüht, das ihr aber nicht recht gelang.

„Was ist hier eigentlich los? Ich habe diese Station noch nie so …“ Autumn kämpfte um eine treffende Beschreibung.

„Verrückt erlebt? Ha. Tja. Das passt wohl zum Haus.“ Joan strich sich einige verirrte Haarsträhnen aus dem Gesicht. „Einer unserer Pfleger, Dale Miller, hat einfach mitten in der Nacht den Job geschmissen. Er ist aus seiner Schicht abgehauen, ohne irgendjemandem ein Wort zu sagen. Man muss schon ein besonderes Arschloch sein, um so eine Nummer durchzuziehen.“

Autumn kritzelte ihre Unterschrift hin und verwies dann mit einer kreisförmigen Bewegung des Stifts auf die ganze Klinik. „Vielleicht liegt es ja an der tollen Atmosphäre.“

„An dieser ‚Atmosphäre’ trägt zur Hälfte er selbst die Schuld. Wir waren sowieso schon unterbesetzt, und da verschwindet er einfach.“ Joan ließ sich auf ihren Bürostuhl fallen. „Einige der Patienten, die zu seiner Runde gehören, haben nicht einmal ihre Abendmedikamente bekommen. Das dürfte jetzt wohl kaum zu übersehen sein.“

„Hat er vorher irgendjemandem erzählt, dass er den Job schmeißen will?“ Autumn rieb sich die Schläfen, wo sich inzwischen das Pochen von Kopfschmerzen ankündigte.

Was für ein Lärm hier herrscht.

„Er hat den ganzen Abend vor sich hin gemosert, weil er genötigt wurde, eine zweite Schicht anzuhängen. Mehrere Mitarbeiter sagen, er hat öfters damit gedroht, einfach aus der Tür zu gehen. Aber so reden hier leider viele. Keiner hat geglaubt, dass er es ernst meint.“ Joan beugte sich über die Theke. „Und man vermutet, dass Dale einen Rollwagen voller Medikamente hat mitgehen lassen.“

Autumn stutzte. „Einen kompletten Rollwagen?“

Joan zog eine Schulter hoch. „Mir kommt es eigentlich wahrscheinlicher vor, dass er das verdammte Ding aus reiner Gemeinheit versteckt hat. Dale war immer ein Arschloch, aber Drogen hat er nie genommen.“

Die Krankenschwester musste ihre Stimme erheben, um sich beim Pochen und Hämmern, das zum wütenden Schimpfen der Insassen hinzugekommen war, Gehör zu verschaffen. Autumn brauchte einen Moment, um die neue Lärmquelle einzuordnen.

Die Türen. Die Patienten hämmerten gegen ihre Türen.

In all dem Gedröhne konnte Autumn aufgebrachte Forderungen nach Frühstück und gequälte Schreie nach Freiheit verstehen. Die Klinik war eindeutig im Lockdown-Modus, bis der Aufruhr vorbei wäre und wieder ein Beginn von Ordnung herrschen würde.

„Kann ich irgendwie helfen?“ Autumns Mitgefühl und Pflichtbewusstsein waren stärker als ihr Unwohlsein wegen des schrecklichen Radaus.

Sichtliche Erleichterung trat in Joans Züge. „Es kommen bald einige Aushilfskräfte zu unserer Unterstützung, aber wirklich wichtig ist, dass die kommissarische ärztliche Direktorin endlich eintrifft. Wenn Sie so lange bleiben könnten?“

Autumn wusste, dass der eigentliche ärztliche Direktor derzeit in einem Bett des benachbarten Allgemeinkrankenhauses lag und sich von mehreren gebrochenen Rippen und einer schweren Gehirnerschütterung erholte. Nachdem sich seine Unschuld an den jüngsten Würgemorden erwiesen hatte, war Dr. Philip Baldwin wieder in sein Amt eingesetzt worden, doch bis zu seiner Genesung und Rückkehr zur Arbeit würde noch eine Weile vergehen.

Ihr war klar, dass diese Verzögerung Philip nervte. Er war nicht daran gewöhnt, selbst der Patient zu sein. Und obwohl Albert Rice ihn schwer verletzt und beinahe getötet hatte, passte es dem Arzt nicht, so lange untätig ausharren zu müssen, bis seine Verletzungen geheilt waren.

Angesichts ihrer Ausbildung und ihrer fortgesetzten Arbeit mit einem Patienten der Klinik genoss Autumn im Virginia State Hospital gewisse ärztliche Vorrechte. Ihre Referenzen reichten aus, um einige Entscheidungen bezüglich der Behandlung von Patienten zu treffen, zu denen Pfleger und Krankenwärter nicht befugt waren. Sie durfte zwar keine Medikamente verschreiben, hatte jedoch das Recht zu so ziemlich allem anderen.

Dies war eine der Gelegenheiten, bei denen es sich auszahlte, dass Autumn mehrere Diplome erworben hatte. Zusätzlich zu ihrem Master hatte sie in forensischer Psychologie promoviert, mit Kriminalrecht im Nebenfach, und hatte außerdem ein Juris Doctorate erworben.

Sie hatte auch noch eine besondere Fähigkeit, über die sie allerdings fast nie sprach – diese war von einer Verletzung in der Kindheit zurückgeblieben. Ihr Vater, ein haltloser Alkoholiker, hatte ihr ein Schädel-Hirn-Trauma zugefügt, als er sie verprügelte und sie dabei mit dem Kopf ungebremst auf eine Tischkante stürzte. Damals war sie erst zehn gewesen.

Man hatte Autumns Leben mit einer Gehirnoperation gerettet, doch danach war ihre Wirklichkeit für immer verändert gewesen. Irgendwie hatte sie die Fähigkeit erworben, die Gedanken und Emotionen eines Menschen wahrzunehmen und richtig zu deuten, wenn sie ihn einfach nur mit ihrer Hand berührte.

So überwältigend diese Informationsfluten auch waren, sie hatten sich in ihrem Beruf als nützlich erwiesen. Sie hatte ihre anfangs so unerwünschte ‚Superkraft’ neu bewertet und schließlich gelernt, sich ihrer als eines nützlichen Hilfsmittels zu bedienen.

Das galt besonders für ihr Engagement in der FBI-Außenstelle Richmond, wo sie für die Abteilung für Verhaltensanalyse arbeitete. Angesichts der gravierenden Fälle, in denen das Team ermittelte, hatte es sich als bedeutender Pluspunkt erwiesen, über diese Art von sechstem Sinn zu verfügen.

Autumn war überzeugt, dass es ihre Berufung war, den gequälten Seelen dieser Welt zu helfen. Und trotz der schrecklichen Ereignisse des Albert-Rice-Falls, die erst ganz kurz zurücklagen, war sie zum Handeln bereit.

Warum sollte es heute anders sein als sonst?

„Was kann ich als Erstes machen, Joan?“ Sie war hundertprozentig entschlossen und hatte sich auf die neue Aufgabe eingelassen.

„Nun, das größte Problem ist jetzt, die Medikamente für die Patienten fertig zu machen.“ Joans Worte klangen erschöpft und erbittert. „Das Problem ist, dass einige dieser Medikamente auf dem verschwundenen Rollwagen lagen. Ohne Dales Tabelle wissen wir nicht, wer bereits was bekommen hat. Viele Patienten nehmen ihre Tabletten ohnehin nur widerstrebend, wir können sie also nicht einfach fragen und auf eine ehrliche Antwort hoffen.“

„Verstehe. Ich suche den Wagen.“ Autumn hob die Hand, um Joan beruhigend den Arm zu tätscheln, entschied sich dann aber gegen den Kontakt und ging durch den Flur los.

Sie beschloss, im zweiten Stock anzufangen – Justins Stockwerk – und sich von dort nach unten vorzuarbeiten. Wenn Dale aus Wut und Erschöpfung weggegangen war, hatte er den unhandlichen Metallwagen gewiss nicht allzu weit mitgeschleppt.

Sie konnte nichts gegen den Schauder machen, der ihr den Rücken hinunterlief, als sie sich den Aufzügen näherte, die alle funktionierten und startbereit waren. Alles wirkte wieder normal, so als wäre Evelyns Leiche niemals durch die Decke der Liftkabine herabgefallen.

Autumn musterte die Treppe, trat dann aber in die Kabine und drückte auf den Schalter. Sie würde nicht zulassen, dass die Angst an ihrer Stelle entschied. Vielmehr verschränkte sie die Hände und konzentrierte sich beim Zugleiten der Türen auf ihre innere Ruhe und Sammlung.

Der Aufzug fuhr mit einem Ruck los. Autumn zuckte zusammen, und ihr Blick wanderte unwillkürlich zur Decke. Dort war nichts zu sehen. Zwischen den Paneelen tropfte kein flüssiger Kot nach unten. Keine tote Krankenschwester stürzte von oben herab.

Autumn stieß bebend die Luft aus. Die Erinnerung an Evelyn Walkers Leiche war immer noch lebendig, und sie würde das Ganze wohl nicht so rasch vergessen.

Doch sie würde die Nachbeben überstehen. Deren Stärke auf der Richterskala würde im Laufe der Zeit abnehmen. So funktionierte das menschliche Gehirn, und dafür war sie dankbar.

Und noch dankbarer war sie, als sie endlich aus dem verdammten Lift treten konnte.

Autumn ging durch den Flur und überprüfte Putzkammern, Wäschekammern, Toiletten und jeden anderen Raum, der groß genug war für einen Rollwagen. Der Geräuschpegel in Justins Stockwerk war kein bisschen niedriger als zuvor im Erdgeschoss.

Die Insassen nicht zu beachten, die über die Scheibe ihres Sichtfensters leckten, war ihr zur zweiten Natur geworden. Die obszönen Kommentare, die man ihr beim Vorbeigehen zurief, verschmolzen zu einem einzigen verkommenen weißen Rauschen.

„Rotschopf ist zurück!“

„Mein Schwanz steht schon bereit!“

„Ich beiß dir die frechen Nippel direkt von den Titten, Doc!“

Sie blieb zögernd vor Justin Blacks Zelle stehen. Sie war leer.

Ein Krankenwärter kam vorbei, und Autumn packte ihn am Arm. „Wo ist Justin Black?“

Verschwitzt und rot im Gesicht deutete der Mann mit einer Kopfbewegung auf das Ende des Flurs. „Letzte Tür rechts. Er ist gestern verlegt worden.“

Sie war verwirrt. „Warum denn?“

„Keine verdammte Ahnung.“

Achselzuckend ging sie zur Tür, auf die der Mann sie verwiesen hatte, und spähte durchs Sichtfenster. Erleichtert stieß sie den Atem aus. Justin lag still auf dem Bett, das Gesicht der Wand zugekehrt und eine Decke über den Kopf gezogen. Das konnte sie gut verstehen.

Der Lärm in der Klinik war ohrenbetäubend.

Autumn beendete ihre Durchsuchung des Stockwerks, ohne den Rollwagen zu finden. Die Minuten verstrichen, und sie beschloss, keine Zeit damit zu verschwenden, das Stockwerk darunter in Angriff zu nehmen.

Gerade als die gefürchtete Aufzugreihe wieder vor ihr auftauchte, summte ihr Handy. Ein Gefühl akuter Angst ballte sich in ihrem Magen.

Das war einfach nur Nervosität. Eines Tages würde die Angst vor dem Aufzug vergehen.

Sie schnappte sich das Telefon aus ihrer Handtasche und wischte darüber. Eine Nachricht von Noah tauchte auf.
Hast du Winter gesehen? Ich glaube, dass sie seit gestern Abend nicht zu Hause war.

Schuldgefühle sind ein mächtiges Motiv…

Keine vierundzwanzig Stunden nach einer weiteren Beinahbegegnung mit dem Tod muss die Kriminal- und Forensikpsychologin Dr. Autumn Trent schon wieder arbeiten, statt sich endlich einmal erholen zu dürfen. Doch ihr bleibt keine andere Wahl. Ihre beste Freundin, Special Agent Winter Black, ist verschwunden.

Und dasselbe gilt für Winters jüngeren Bruder Justin…einen brutalen Serienmörder. Read More