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Mary Stone Publishing

A Taste of… Autumns Angst

Erstes Kapitel

Lindsay Welsh vergaß nie etwas. Das war eine Eigenschaft, auf die sie immer stolz gewesen war, und selbst jetzt, da der Geburtstermin näher rückte und die berühmt-berüchtigte Zeit kam, in der die Hormone das Regiment übernahmen, ließ sie Fehler nicht zu.

Heute war Taco-Abend, was gleichzeitig bedeutete, dass Lindsay zum Einkaufen in den Supermarkt musste. So hatten sie es schon vor ihrer Heirat gehalten. Josh freute sich auf diese wöchentliche Tradition wie ein Kind auf Weihnachten, und sie würde ihren geliebten Mann nicht enttäuschen. Außerdem hielt sie sich gern an ihren Wochenplan, und wenn sie heute nicht einkaufen ginge, würde sie am Ende noch vergessen, welcher Wochentag war.

Vielleicht war dies ja auch die einzige Zeit in ihrem Leben, in der sie sich keine Gedanken über ihre Figur zu machen brauchte und darauf verzichten konnte, die Kalorien jedes Tacos zu zählen, damit die Anzeige der Badezimmerwaage nicht weit ausschlug. Sie war wirklich unglaublich schwanger und ähnelte schon seit mehreren Monaten eher einem Pinguin als einer Sanduhr.

„Wenn wir Lust haben, werden wir jeden verdammten Taco in ganz Florida verputzen“, flüsterte sie zu ihrem runden Bauch hinunter und streichelte die gedehnte Haut. „Einen nach dem anderen.“ Sie lächelte, weil ihre Hand zur Antwort einen kräftigen Tritt erhielt. Ein intrauterines Abklatschen. Das nahm sie als ein Ja.

Die Kassiererin warf ihr einen Blick zu, der andeutete, Lindsay könnte ein bisschen neben der Spur sein. Bei dem Gedanken musste Lindsay lächeln. Sie würde es einfach auf die Hormone schieben. Was auch immer sie dieser Tage tat, diese Erklärung schien immer zu passen. Jedenfalls wenn man dem Rest der Welt glaubte.

Lindsay war das egal. Sie näherte sich dem bedeutsamsten Ereignis ihres Lebens, einem Ereignis, das weder sie noch ihr Mann für möglich gehalten hatten. Als wollte sie Lindsay daran erinnern, dass die Ärzte nicht alles wussten, vollführte eine ihrer ungeborenen Töchter plötzlich einen olympiawürdigen Doppelaxel und landete energisch auf ihrer Blase. Lindsay schnappte nach Luft und presste die Beine zusammen, überzeugt, dass gleich entweder Urin oder der Kopf ihres Babys herauskommen würden.

„Du kleine Ballerina. Wegen dir hätte Mommy sich um ein Haar in die Hose gemacht“, murmelte sie, nachdem klar war, dass sie nicht zur nächsten Damentoilette eilen musste. Dann holte sie tief Luft und überlegte, ob sie dort nicht doch noch einen kurzen Stopp einlegen sollte. Sie flitzte so oft ins Bad, dass Josh ihr angeboten hatte, ihr ein Klappbett hineinzustellen.

Greengrocer schließt in fünf Minuten“, ertönte eine Stimme über ihrem Kopf, und damit war die Entscheidung gefallen. In ihrer gegenwärtigen Verfassung würde sie mehr als fünf Minuten brauchen, um zur Toilette und zurück zu watscheln.

Außerdem waren es nur ein paar Meilen bis zu Hause, und Lindsay war sich einigermaßen sicher, dass sie es schaffen würde, bevor die Schleusentore sich öffneten. Nun, vorausgesetzt, der Eiskunstlaufwettkampf in ihrem Bauch machte jetzt erst mal eine Pause.

Obwohl Januar war, fühlte sich die Luft hier in Florida drückend feucht an. Die Winter waren hier definitiv anders als die, die sie von Georgia her kannte, auch wenn es im Peach State ebenfalls meistens ziemlich warm war.

Dennoch wirkte Georgia inzwischen eine Million Meilen entfernt. Jetzt gehörten sie hierher nach Florida. Die friedliche Stadt Lavender Lake war ihnen rasch ein Zuhause geworden. Hier wohnten sie nah bei Lindsays Familie, und dass ihre Mutter mit den Babys helfen würde, war ein Geschenk der Säuglings-Götter und würde Lindsay vor dem Wahnsinn retten. Vor einem halben Jahr waren sie umgezogen, und weder Josh noch Lindsay hatten es ein einziges Mal bereut.

Sie hatten sich schon seit einer Ewigkeit Kinder gewünscht und ihre Ersparnisse beinahe vollständig geplündert, um die In-vitro-Befruchtungen möglich zu machen. In Erwartung der Geburt der beiden Mädchen hatten sie alles Notwendige und dazu eine lächerliche Auswahl an Luxusartikeln gekauft. Sie hatten zahllose Elternratgeber studiert, doch Lindsay war überzeugt, dass nichts sie wirklich auf die Veränderung vorbereiten konnte, die sich bald den Weg in ihr Leben bahnen würde.

Es war aufregend. Es war überwältigend. Es war mehr, als sie jemals zu hoffen gewagt hatte. Zwei kleine Mädchen. Nicht mehr lange, und sie würden zwei wunderbare kleine Mädchen haben.

Aber heute Abend gab es erst mal Tacos.

„Mist. Die Sriracha-Sauce.“ Lindsay warf einen letzten Blick nach hinten, doch die strengen Mienen der Kassiererinnen überzeugten sie, dass Josh diesmal ohne sein geliebtes Topping auskommen musste.

Ein bisschen beeinträchtigt die Schwangerschaft meinen Kopf wohl doch.

Sie richtete sich so hoch wie möglich auf und hob das Kinn ein wenig. Mit über ein Meter fünfundsiebzig war Lindsay attraktiv, das wusste sie, auch wenn sie in letzter Zeit einen Pinguinbauch hatte. Strahlend blaue Augen, blondes Haar und ein hübsches Gesicht kamen nie außer Mode. Was machte es schon, dass ihr mal ein kleiner Patzer unterlaufen war? Die Art, wie die beiden Kinder in ihrem Mutterleib herumzappelten, forderte offensichtlich seinen Zoll von ihren Geisteskräften, und was danach von ihrem Verstand noch übrig war, brauchte sie dafür, ihre vorübergehende Ersatzkraft für ihre Stelle als … Anwaltssekretärin anzulernen.

Beeinträchtigung beim Denken hin oder her, sie hatte stets alles meisterhaft im Griff gehabt. Von der Sriracha-Sauce abgesehen, fiel Lindsay keine Gelegenheit ein, bei der sie etwas Wichtiges vergessen hätte. Josh war kein Baby. Er würde es überstehen.

Wichtiger aber, Josh liebte sie und war außer sich vor Freude, nun endlich Vater zu werden. Sie hätte zum Abendessen Käse-Makkaroni machen können, und er würde sie trotzdem anbeten. Dessen war Lindsay sich absolut sicher, und ein sanftes Lächeln trat auf ihre Lippen.

Die süße Träumerei würde allerdings bis später warten müssen, weil sie ihre ganze Kraft dafür brauchte, den beladenen Einkaufswagen zu ihrem Van zu schieben. Und jetzt dudelte auch noch ihr Handy. Der Klingelton wirkte in der stillen Abendluft unglaublich laut, und sie musste stehenbleiben, um den Anruf entgegenzunehmen.

„Josh, ich bin schon auf dem Weg. Gerade verlasse ich den Greengrocer. Gleich gibt es Tacos, Schatz.“ Lindsay hörte das Echo ihrer fröhlichen Worte, und plötzlich konnte sie es kaum erwarten, zu ihrem Mann nach Hause zu kommen. Sie hatten beide in letzter Zeit viel und lange gearbeitet, und tagsüber hatte sie ihn manchmal schrecklich vermisst, obwohl er jede Nacht direkt neben ihr schlief.

„Du solltest mich doch einkaufen gehen lassen. Gibt es irgendeine Macht der Welt, die verhindern könnte, dass du dir die Hacken abläufst, Linds?“ Er klang verärgert, aber Lindsay wusste, dass er absichtlich übertrieb. Sein entnervtes Lachen bestätigte ihren Verdacht.

„Heute ist Taco-Abend, aber keine Sorge, bald bin ich so nutzlos wie ein Zombie und stille nur noch Babys und wechsle Windeln. Lass mich tun, was ich kann, solange ich es noch kann. Es geht mir wirklich prima. Ich fühle mich sogar fantastisch.“

Und das stimmte. Wäre sie nicht hochschwanger, würde sie sich jetzt auf den Einkaufswagen stellen wie ein verspieltes Kind und damit zu ihrem Auto rollen.

„Okay, pass einfach auf dich auf und schaff deinen sexy Po nach Hause. Ich trage die Einkäufe dann rein.“ Ein tiefer Seufzer folgte seinen Worten. Er zeugte von der Erschöpfung, die er ständig vergeblich vor ihr zu verbergen suchte.

„Wie war die Vorstandssitzung?“

„Wechsle nicht das Thema, Linds.“

„Spiel nicht den alten Meckergreis. Sonst kriegst du keine Tacos.“ Lindsay lächelte über ihre eigene Drohung.

Josh schloss sich ihrem Gelächter an. „Das würdest du niemals durchziehen.“

Sie wurde weicher. Er kannte sie so gut. „Nein, würde ich nicht. Aber eines ist wirklich wahr: Ich hab deine Sriracha vergessen.“ Zusammenzuckend wartete sie auf die niedliche Reaktion eines enttäuschten kleinen Jungen.

„Wie konntest du es wagen.“ Den gespielt strengen Worten folgte erneutes Gelächter.

„Dann also bis bald, okay? Lass mich auflegen, damit ich den verdammten Einkaufswagen schieben kann.“ Sofort wünschte sie, sie hätte nicht angedeutet, dass das Schieben anstrengend für sie war.

„Siehst du? Du machst zu viel. Ich hab völlig recht. Komm heim.“

„Bin gleich da. Ich liebe dich.“ Lindsay wartete auf die Antwort und steckte ihr Handy dann wieder in die Handtasche. Manchmal konnte sie kaum glauben, wie sehr sie ihren Mann liebte, und sie hoffte, dass sie immer so vernarrt ineinander sein würden.

In ihre glücklichen Gedanken vertieft, hätte sie die zierliche Frau fast nicht bemerkt. Sie war eher ein Mädchen als eine Erwachsene und stand neben einem zerbeulten Kombi, der seine ‚besseren Zeiten’ schon Jahrzehnte vor ihrer Geburt gesehen hatte. Ein genauerer Blick zeigte, dass die arme Kleine weinte. Sie hielt ein Telefon in der Hand, aber so verzweifelt, wie sie auf die Tasten drückte, war klar, dass es nicht funktionierte.

Lindsay zögerte, doch dann setzte ihr mütterlicher Instinkt ein. „Kann ich Ihnen helfen? Ist alles in Ordnung, Liebes?“

Mit geweiteten Augen blickte ein tränenfeuchtes Gesicht zu ihr auf. Die junge Frau – Lindsay erkannte sofort, dass sie nicht ganz so jung war, wie ihre kleine Statur nahegelegt hatte – strich sich mit der Hand durch die karamellbraunen Korkenzieherlocken. Riesige blaue, verzweifelt schauende Augen suchten Lindsays Blick, und beinahe sofort schien in dem Aufruhr der Gefühle ein Hoffnungsfunke aufzuleuchten.

„Ich glaube, es braucht Starthilfe. Mein Auto. Es springt nicht an, und mein Handy funktioniert nicht. Ich weiß nicht, was ich tun soll!“ Eine neue Träne drohte die noch feuchten Wangen hinunterzulaufen.

„Ich denke, ich habe Starterkabel dabei. Versuchen wir es damit, okay?“

Lindsay erinnerte sich nicht, wann sie diese Kabel zum letzten Mal hatte einsetzen müssen, aber sie war halbwegs zuversichtlich, dass sie es hinkriegen würde. Sie lächelte die Frau freundlich an, denn sie sollte wissen, dass alles gut werden würde. Der zerbeulte Kombi hinter ihnen ließ erahnen, dass sie auch schon früher schwere Zeiten durchgemacht hatte. Lindsay war voll Mitgefühl.

„Ich heiße Sasha.“ Sie wischte sich die Nase am Jackenärmel ab. „Danke. Vielen, vielen Dank. Ich weiß nicht einmal, was ich tun würde …“

Lindsay winkte ab. „Keine Ursache. Ich stehe direkt dort drüben.“ Mit einem fast schlechten Gewissen zeigte sie auf den glänzend neuen Van. „Ich kann es nicht fassen, dass ich jetzt eine Van-Mom bin. Die Babys sind noch nicht mal auf der Welt, aber trotzdem stehen sie schon im Mittelpunkt von allem.“

Darüber musste Sasha lachen, und sie schien sich ein bisschen zu entspannen. „Alle lieben Soccer-Moms.“

Mütter, die eine Bande von Kindern im Van zum Fußballtraining fahren. Grinsend merkte Lindsay, dass das Etikett sie nicht so sehr störte, wie sie immer erwartet hatte.

Ich bin dafür bereit. Ich bin für die nächste Phase bereit.

Es war ein heiterer Gedanke, aber als sie an der schicken Fernbedienung ihres Vans nicht die richtige Taste fand, um den Kofferraum zu öffnen, fragte sie sich sofort, ob sie überhaupt für irgendeine Art von Veränderung bereit war.

„Entschuldigung.“ Sie gluckste verlegen und hielt das Miniaturteil näher vor die Augen, um die Tasten im Halbdunkel zu erkennen. „Wir haben den Wagen ganz neu. Ich bin noch nicht recht an ihn gewöhnt.“ Na ja, das war unübersehbar, und Lindsay bemerkte durchaus zufrieden, dass ihr Kampf die gestrandete junge Frau zumindest kurzfristig aufgemuntert hatte.

„Ein wirklich schönes Auto. Ich weiß nicht, ob ich überhaupt schon mal einen brandneuen Wagen berührt habe. Hat er diesen coolen OnStar Sicherheitsservice, wo gleich ein Berater dran ist?“ Sasha zog interessiert die Augenbrauen hoch, und vorläufig lächelte sie so breit, dass ihre Sorgen verschwunden schienen.

„Jedenfalls etwas in der Art. Mein Mann hat ihn noch nicht eingerichtet, und ich habe keine Ahnung, wie er funktioniert. Aber ja, der ist da irgendwo drin.“ Lindsay lachte über ihre eigene technische Unbeholfenheit, und nun ging auch die Kofferraumklappe auf.

Eine ihrer Töchter versetzte ihr einen Karatetritt gegen die Rippen. Reiß dich zusammen, schien das Ungeborene zu sagen.

„Ich bin mir sicher, dass er einfach nur das Beste für Sie und die Babys möchte. Sie haben doch Babys gesagt, oder?“ Mit glänzenden Augen sprudelte Sasha vor Begeisterung über, und wenn es nicht sorgenvoll verzogen war, sah ihr sommersprossiges Gesicht wirklich reizend aus. „Bekommen Sie Zwillinge? Oder Drillinge?“

„Gott bewahre, nur keine Drillinge. Ich denke, die Zwillinge hier werden auch so schon dafür sorgen, dass wir nie wieder ein Auge zu tun.“ Lindsay beugte sich in den Kofferraum vor und zog das Stück Teppich weg, das den Ersatzreifen bedeckte – und, so hoffte sie, das versprochene Starthilfekabel. Ihre liebenswürdige Antwort überging, dass Josh und sie sich nach der IVF-Hölle, die sie durchgemacht hatten, auch über Zehnlinge gefreut hätten.

Gerade hatte sie die Hand auf das leuchtend gelbe Kabel gelegt, da schien Sasha neben ihr sich merkwürdig tief über sie zu beugen. Doch bevor Lindsays innere Stimme sie vor der möglichen Bedrohung warnen konnte, die in dieser Bewegung lag, ließ ein scharfer Stich im Nacken alle anderen Gedanken verschwinden.

„Tut mir schrecklich leid, Lindsay.“ Diesmal war Sashas Stimme dunkel und kalt.

Einen Moment lang verschwamm alles vor Lindsays Augen, und sie wäre fast rückwärts umgekippt, doch Sasha packte sie mit einem starken Griff und drückte sie direkt auf den Boden des Vans. Die lockige Frau war klein, aber nicht schwach. Lindsay versuchte zu schreien – kein Laut drang heraus. Sie wollte sich wehren, wollte nicht einfach nur daliegen und auf das warten, was als Nächstes kommen würde. Doch ihre Muskeln regten sich nicht. Ihre Arme, Beine, Finger, Zehen … alles stand unter einer plötzlichen Lähmung.

Sie beobachtete, wie Sasha in aller Ruhe die Fernbedienung vom Asphalt aufhob, wohin sie gefallen war, als Lindsays Hände zur Reglosigkeit erstarrt waren. Die Frau schaute auf Lindsay hinunter, doch ihre blauen Augen wirkten jetzt ganz anders.

„So schwierig ist das doch nicht, Lindsay. Die Tasten sind eindeutig gekennzeichnet. Jämmerlich.“ Höhnisch grinsend drückte Sasha die richtige Taste, und die Kofferraumklappe senkte sich langsam herab und fiel zu. Wenige Sekunden später rollte der Van rückwärts und verließ dann den Parkplatz in Lichtgeschwindigkeit.

Kreatürliche Angst und der Wunsch zu fliehen hielten Lindsays Gedanken völlig gefangen, doch ihr Körper war schachmatt gesetzt. Man hatte sie ausgetrickst. Wie eine vollkommen unbedarfte Idiotin war sie auf die Fremde hereingefallen. Und diese Frau – Sasha oder wie auch immer sie hieß – hatte ihren Namen gekannt! Dabei war Lindsay sich sicher, dass sie ihr den nicht genannt hatte.

Was jetzt? Ich kann mich nicht bewegen. Ich kann mich absolut nicht bewegen!

Noch versuchte sie krampfhaft, die Hand zur Faust zu ballen, da erfasste sie ein unvorstellbarer Schrecken. Sie konzentrierte sich, hoffte, sich geirrt zu haben. Alles, nur das nicht. Sie wartete auf das vertraute Gefühl, das sie immer gespürt hatte, wenn ihre kleinen Mädchen sich in ihr gemeldet hatten.

Lindsay Welsh konnte nicht einmal weinen, als sie begriff, dass ihre geliebten Babys sich ebenfalls nicht mehr rührten.

Zweites Kapitel

Autumn Trent betrachtete sich prüfend in dem Ganzkörperspiegel, der an ihrer Schlafzimmertür hing. Sie wusste selbst nicht recht, wonach sie schaute. Ihr langes, rötlich schimmerndes Haar war ordentlich und geradezu adrett gepflegt und gekämmt. Ihre forschenden grünen Augen glänzten klar. Ihr schwarzer Blazer und die frische weiße Bluse machten deutlich, dass sie ein Profi war, der ernst genommen werden wollte.

Aber war sie wirklich aus dem Holz, aus dem man FBI-Leute schnitzt?

Die Umstellung fand sie immer noch verwirrend, um das Mindeste zu sagen. Ihre gegenwärtige Rolle bei Shadley und Latham, wo sie auf Bedrohungsanalyse spezialisiert war, hatte sie nie mit Selbstzweifeln erfüllt. Sie war gut in diesem Job und mehr als qualifiziert dafür. Ihr hart verdienter Doktor in Forensischer Psychologie und ihr Master in Kriminalpsychologie, ganz zu schweigen von ihrem Juris Doctorate, hatten ihre Arbeitgeber und Kollegen vollkommen von ihren Fähigkeiten überzeugt.

Und gerade wegen dieser Fähigkeiten hatte Special Supervisory Agent Aiden Parrish so beharrlich versucht, sie zum Wechsel in die Abteilung für Verhaltensanalyse der FBI-Außenstelle von Richmond, Virginia zu bewegen. Dieser Mann zeigte großes Vertrauen in Autumns Fähigkeiten und vermittelte ihr, dass ihre Erkenntnisse eine wichtige Bereicherung für die Abteilung für Verhaltensanalyse, die AVA, darstellen würden, doch sie selbst war sich dessen nicht so sicher. Gerade wurden alle formalen Schritte unternommen, um sie zu einer offiziellen Mitarbeiterin des FBI zu machen, doch Autumn fragte sich, ob Aiden seine Meinung irgendwann in der Zukunft ändern würde.

Hatte sie gewisse Dinge denn nicht schon in Oregon vermasselt? Und es in Pennsylvania noch verschlimmert? War in solchen hochriskanten Fällen wie denen, in denen sie eingesetzt worden war und weiter eingesetzt werden würde, überhaupt Platz für ihre Unerfahrenheit?

Seufzend wandte Autumn sich von ihrem Spiegelbild ab. Es wurde Zeit, zur Arbeit aufzubrechen, und sie wollte sich nicht verspäten. Sie gab Peach einen Kuss auf den Kopf, erntete von ihrer orangeroten Katze aber nur einen desinteressierten Blick. Sie versuchte, ihren Zwergspitz genauso zu küssen, doch da war die Herausforderung immer ein bisschen größer. Toad beherrschte die Kunst des traurigen Welpenblicks, der in Autumn jenes schlechte Gewissen auslöste, das nur ein vierbeiniger Freund hervorrufen konnte.

„Ich komme wieder“, versprach sie dem Hund, erhielt aber nur ein Winseln zur Antwort.

Wieder der innere Stich.

Auf dem Weg zur FBI-Außenstelle wurde Autumn klar, dass es immerhin eine Tatsache gab, derer sie sich absolut sicher war und an der auch ihre Sorge nichts änderte: Sie wollte das machen. Ein Einsatz mit der AVA erregte sie in seiner Sinnhaftigkeit auf eine Weise, die etwas in ihr zutiefst berührte. Beim FBI konnte sie mehr bewirken. Sie konnte mehr Menschen helfen. Ihre speziellen Einblicke konnten auf eine Weise genutzt werden, die für die acht Milliarden, die diesen kreisenden Planeten mit ihr teilten, von besonderem Wert waren.

Und sie hatte spezielle Einblicke. Sehr spezielle.

Die Gehirnoperation, der Autumn im zarten Alter von zehn Jahren unterzogen worden war, hatte bei ihr einen ‚sechsten Sinn’ hinterlassen. Die einfache Berührung eines Menschen genügte, und sie war sofort von intuitivem Wissen über die Psyche dieser Person erfüllt. Es war ein Wissen, das sie sonst auf absolut keine andere Weise erlangen konnte.

Ein Sekundenbruchteil der Verbindung genügte, und die Gedanken, Gefühle und Motive dieser bestimmten Person sprangen Autumn an. Gelegentlich erlebte sie sogar eine Art von Vision und konnte einen kurzen Blick in die Vergangenheit des betreffenden Menschen werfen. Während ihrer Kindheit hatte sie diese neu erworbene Fähigkeit noch mit Misstrauen betrachtet, doch im College hatte sie gelernt, sie als wertvolles Werkzeug zu betrachten.

Und nun, da sie erwachsen war, entging ihr nicht, wie viel Gutes sie durch die Nutzung ihrer Gabe bewirken konnte. Sie konnte dem FBI und den zahlreichen Opfern, mit denen sie dort zu tun bekamen, auf eine Weise helfen wie keine andere. Autumn war eine wertvolle und durch niemanden zu ersetzende Kraft. SSA Aiden Parrish wusste das, aber wichtiger noch, Autumn wusste es ebenfalls.

Dazu kamen noch die Zeichen.

Gerade als Autumn die Nachricht erhalten hatte, dass ihre Schwester, die sie vor langer Zeit aus den Augen verloren hatte, vielleicht in Florida war, hatte Special Agent Sun Ming sie über die Schwangeren informiert, die im Sunshine State auf unerklärliche Weise verschwanden. Es war definitiv nicht das Gleiche wie zwei Freifahrscheine für die Disney World, doch Autumn fasste es als einen Hinweis auf, dass ihre neue Laufbahn beim FBI einem unvermeidlichen Schicksal entsprang.

Andere mochten es Zufall nennen, Autumn dagegen hatte schon vor langer Zeit gelernt, dass die Stimme des Zufalls immer laut von einem Plan sprach. Ließ man ihre Zweifel einmal beiseite, fühlte sich die neue Entwicklung bedeutsam an. Belastbar.

Und es war jetzt ohnehin zu spät, es sich anders zu überlegen. Erst gestern Abend hatte sie mit Mike Shadley gesprochen. Zwar war Autunn offiziell noch seine Angestellte, aber beiden war klar, dass ein Wechsel stattfand. Sie hatte keine Probleme mit Mike, und, soweit sie wusste, er auch nicht mit ihr, doch Autumn hatte in seiner Stimme Erleichterung wahrgenommen, als sie die Einzelheiten bezüglich ihres Abschieds von der Firma besprachen.

Ihr anderer Chef, Adam Latham, hatte massenhaft Probleme mit ihr. Adam hatte ganz allgemein massenhaft Probleme. Mikes Geschäftspartner hatte sich eher als Last denn als Stütze erwiesen – eine riesige, chauvinistische, narzisstische Last.

Autumn dachte kurz an den leuchtend roten Handabdruck, den Adam in dem Hotelzimmer in Oregon auf ihrer Wange hinterlassen hatte. Er war überzeugt gewesen, sie fühle sich körperlich von ihm angezogen, und hatte sich nicht nur als ihr Chef, sondern auch als ihr allwissender Mentor wahrgenommen.

Beides war ein großer Irrtum, und als Adam dieser Tatsache ins Auge blicken musste, hatte er für einen Moment die Beherrschung verloren. Autumn hatte gezeigt, dass sie unglaublich kenntnisreich und gleichzeitig für ihn nicht zu haben war. Und Adam hatte gezeigt, dass er genau der absolute Drecksack war, den sie in ihm schon immer vermutet hatte. Und nachdem nun einige Zeit verstrichen war, war Autumn zu dem Schluss gelangt, dass sie Adam tatsächlich anzeigen würde.

Bei dieser Entscheidung bedachte sie nicht so sehr ihr eigenes Wohlergehen als die Tatsache, dass sie nicht Adams erstes Opfer war und mit Sicherheit nicht sein letztes bleiben würde. So abstoßend Adams Berührung auch gewesen war, sie hatte Autumn ein klares Bild darüber vermittelt, wie viele Frauen er in der Vergangenheit ausgenutzt hatte.

Egal welche Auswirkungen eine Anzeige für ihre eigene Karriere oder sogar Mike Shadleys Firma haben mochte, sie konnte den Vorfall nicht einfach auf sich beruhen lassen. So viele Frauen schwiegen über Belästigungen, Unanständigkeiten und Übergriffe. Autumn kannte die Gründe für dieses Schweigen gut, doch sie wusste außerdem, dass es wichtig war, die Stimmen der Opfer zu hören.

Wenn Autumn wirklich das Leben der Menschheit – zumindest eines Teils davon – verbessern wollte, musste sie bei sich selbst anfangen. Anführer schwiegen nicht, auch nicht, wenn sie Angst hatten. Die schwierigeren Aufgaben des Lebens waren mindestens genauso wichtig wie der Rest. Ob es nun schwer war oder nicht, Adam Latham würde für seine Fehltritte nicht ungestraft bleiben. Diesmal nicht.

Als Autumn gerade zum Aufzug des FBI-Gebäudes von Richmond treten wollte, vibrierte ihr Handy in der Jackentasche. Ein paar Mal wischen, und die Nachricht von Victor Goren, dem Strafverteidiger des jungen Justin Black, leuchtete auf.

Die Überstellung Justin Blacks ins Virginia State Hospital wurde genehmigt.

Autumn holte tief Luft. „Das ging schnell.“ Mit gerunzelter Stirn sah sie auf das Display. Erst am Vortag hatte sie dem Gericht ihre Einschätzung von Justins geistigen Fähigkeiten übermittelt. Jetzt hatte sie das eindeutige Beispiel einer Situation, die sich falsch anfühlte.

Justin Black war erst neunzehn, doch das hatte nicht verhindert, dass er sich als ausgereifter Serienmörder erwiesen hatte. Die Frage lautete, ob er zurechnungsfähig war und vor Gericht gestellt werden konnte, und Autumn mit ihren vielen Auszeichnungen war für die Einschätzung Justins unbedingt qualifiziert.

Nach ihrer Rückkehr nach Virginia war sie von den zuständigen Stellen genötigt worden, Justins Beurteilung oberste Priorität zu geben. Die zweitägige Frist hatte es Autumn nicht gestattet zu entscheiden, ob Justin seine Geisteskrankheit tatsächlich nur vortäuschte. Zwar hatte sie versucht, dem Gericht vollkommen klar zu machen, dass sie nicht genug Zeit gehabt hatte, um Justin eventuell als Simulanten zu entlarven, doch darum hatte sich anscheinend keiner geschert. Justin war einfach nur ein gestörtes, widerspenstiges Rädchen in einem überarbeiteten Getriebe. Je früher er mit Medikamenten ruhiggestellt wurde und innerlich leer hinter den Mauern einer Anstalt vegetierte, desto besser.

Das Virginia State Hospital war die einzige vom Bundesstaat betriebene Institution mit einem Hochsicherheitsprogramm für die Behandlung Erwachsener. Und obwohl Justin selbst unbedingt den Weg hatte einschlagen wollen, der heute genehmigt worden war, konnte Autumn sich beim Gedanken an ihn eines unbehaglichen Gefühls nicht erwehren.

Justin war kein durchschnittlicher Serienmörder. Kein anderer als Douglas Kilroy, der Preacher, hatte ihn großgezogen, und später hatte man festgestellt, dass er genetisch mit dem Preacher verwandt war. Was auch immer Justins Veranlagung noch offengelassen hatte, seine Erziehung hatte sein Schicksal besiegelt. Er war ein Psychopath, dessen genetische Ausstattung und dessen Erfahrungen ihn zum besten Lehrling des Preachers gemacht hatten. Er war sorgfältig dafür ausgebildet worden, zu quälen und zu morden, und hatte schon als Jugendlicher eine ausgeprägte Neigung zur Verdorbenheit bewiesen.

Autumn war sich bisher nur einer Sache sicher, nämlich dass Justin unglaublich intelligent war und zweifellos raffiniert genug, die Symptome von Geistesgestörtheit, die er während Autumns Besuchen gezeigt hatte, nur vorzuspielen. So oder so, sie konnte ihm nicht wirklich helfen, solange sie seine Geistesverfassung nicht vollständig und eindeutig ermittelt hatte, und das richtig zu machen, war ein langwieriger Prozess.

Ich brauche mehr Zeit.

Es gab noch einen weiteren Grund, aus dem Autumn Justin Blacks Fall unglaublich ernst nahm. Er war der jüngere Halbbruder ihrer besten Freundin Winter Black. Winter war Special Agent in der Abteilung für Gewaltverbrechen der FBI-Außenstelle Richmond und zu einem wichtigen Teil von Autumns Leben geworden. Autumn wusste, dass Winter mit so ziemlich allem klarkam, was man ihr in den Weg warf, aber die Erkenntnis, dass ihr kleiner Bruder ein kaltblütiger Mörder war, hatte ihrer Freundin einen Tiefschlag versetzt, den sie noch nicht verwunden hatte.

Autumn wollte unbedingt die volle Wahrheit über Justin herausfinden, vor allem weil Winter das verdient hatte und es brauchte, um innerlich mit der Sache abschließen zu können. Auch jetzt noch war Autumn fest entschlossen, ihr diesen Dienst zu erweisen. Früher oder später.

Ihre Finger flogen über das Display. Weiß seine Schwester Bescheid?

Goren antwortete sofort. Winter Black wurde noch nicht informiert.

Autumn seufzte bedrückt. Jemand musste es Winter sagen, und dieser Jemand würde anscheinend sie selbst sein. Hastig tippte sie eine weitere Nachricht, in der sie Goren mitteilte, dass sie wegen eines Falls Virginia verlassen und sich bei ihm melden würde, wenn sie zurückkam.

Gerade als Autumn ihr Handy wieder eingesteckt hatte, rief eine vertraute Stimme ihr etwas zu. Special Agent Bree Stafford, eine der erfahrensten Agentinnen der Abteilung für Gewaltverbrechen, kam mit einem breiten Lächeln auf sie zu.

„Ich schätze, du bist wieder mit an Bord, hmm?“ Die Vorstellung schien Bree zu freuen. „Weißt du, wenn du so weitermachst, wird Aiden dich noch zum Bleiben überreden.“

„Ha. So viel hab ich mir schon selbst gedacht.“ Autumn erwiderte das Lächeln und hätte gerne länger mit Bree geplaudert, doch nun tauchte Aiden Parrish auf, als hätte der Klang seines Namens ihn hergelockt. Bei seinem unerwarteten Erscheinen wäre sie beinahe zusammengefahren, schaffte es aber, gelassen zu wirken … mit Mühe.

„Dr. Trent. Dürfte ich kurz mit Ihnen reden?“ Aidens blaue Augen blieben auf Autumn geheftet, bis sie lächelnd nickte, auch wenn sie einen Blick auf die Uhr warf. Sie würden sich beeilen müssen, sonst kämen sie zu spät zur Besprechung. Allerdings hatte Aiden die Leute selbst einberufen, und so könnte sie jederzeit dem Chef die Schuld geben, sollten sie unpünktlich sein.

Obwohl er normalerweise ein ausdrucksloses Gesicht machte, erwiderte er jetzt ihr Lächeln, und in seine Augenwinkel traten Fältchen. Sein hellbraunes Haar verbarg die Stelle, an der er neulich genäht werden musste, nur ungenügend.

Bei der Erinnerung spannte sich Autumn an. Aiden war von dem letzten Serienmörder, den sie in Pennsylvania aufgespürt hatten, schlimm zusammengeschlagen worden. Nach mehreren Hieben auf den Kopf war Aiden mit einer Gehirnerschütterung im Krankenhaus eingeliefert worden, und auch die Platzwunde an der Stirn hatte genäht werden müssen.

Autumn folgte ihm pflichtschuldig in sein Büro, konnte aber eine wichtige Frage nicht unterdrücken. „Sind Sie sich sicher, dass Sie jetzt schon zur Arbeit kommen sollten? Ihr Aufenthalt im Krankenhaus liegt nicht mal eine Woche zurück.“

Aiden wandte sich ihr ein bisschen weniger rasch zu, als es sonst seine Art war. Sein teurer Anzug und die Krawatte waren genauso makellos und frisch gebügelt wie nur je, und trotz der jüngsten Ereignisse in Pennsylvania wirkte er vollkommen entspannt. Oder zumindest so entspannt, wie das für SSA Aiden Parrish möglich war. „Wenn die Ärzte einen gehen lassen, geht man.“

Autumn hatte das Gefühl, dass ihre eigentliche Frage damit nicht beantwortet war, aber eine aussagekräftigere Erwiderung würde sie von diesem zurückhaltenden Mann wohl nicht erhalten. Beide saßen kurze Zeit in verlegenem Schweigen da. Dabei war Autumn sich ihrer Erleichterung, Aiden lebendig und überwiegend heil und gesund zu sehen, sehr bewusst.

„Autumn, bei unserem letzten Gespräch bin ich Sie ein bisschen hart angegangen, fürchte ich.“ Aiden räusperte sich und hielt ihren Blick erneut fest. „Das tut mir leid.“

Ihr Gesicht rötete sich, brannte von den Gefühlen, die sie seit Tagen quälten. Schuldgefühle. Leid. Zorn.

„Aiden, mir tut es leid.“ Sie schlug sich mit der Faust an die Brust. „Ich hab es vermasselt. Ich bin schuld, dass meine Tarnung aufgeflogen ist, dass Winters Tarnung aufgeflogen ist und dass um ein Haar die ganze Ermittlungsarbeit in Gefahr geraten wäre. Sie hatten allen Grund, wütend auf mich zu sein. Ich bin wütend auf mich selbst.“ Autumn war es mit jeder einzelnen Silbe ernst.

Aidens Kopfschütteln fiel so schwach aus, dass man es kaum als Bewegung wahrnehmen konnte. Erneut fragte Autumn sich, wie gut seine Kopfverletzung wohl verheilt war. „Das ist jetzt Vergangenheit. Wir müssen es abhaken und uns auf den neuen Fall konzentrieren.“ Er beugte sich vor, bemüht, das Zucken um seine Mundwinkel zu unterdrücken. „Nachdem das gesagt ist, möchte ich noch eines anmerken: Wahrscheinlich hat niemand in der Menschheitsgeschichte beim Speed-Dating je eine so schlechte Figur gemacht wie Sie.“

Autumn warf den Kopf zurück und lachte, vollkommen überrumpelt von Aidens trockenem Humor. Als sie wieder sprechen konnte, zog sie die eine Augenbraue hoch und sagte nur ein einziges Wort: „Vanille.“

Der erfahrene Agent lief knallrot an und legte die Hand vors Gesicht. „Ich bring Dalton um.“ Doch bei diesen Worten lachte er. „Das war vermutlich der verrückteste Fall, in dem ich je ermittelt habe.“

Autumn war noch nicht an vielen Ermittlungen beteiligt gewesen, aber sie musste ihm recht geben.

Ein Schwesterntrio hatte Witwer entlang der ganzen Ostküste aufs Korn genommen und die reichen Männer um jeden Dollar betrogen, den sie ihnen abluchsen konnten. Dann hatte eine der Schwestern buchstäblich Geschmack an Blut gefunden und begonnen, mehr als Geld zu nehmen. Nämlich das Leben.

Autumn räusperte sich und wurde wieder ernst. „Ich werde mich vollkommen auf diesen Fall konzentrieren und alles geben. So, wie das hier läuft“, Autumn warf die Hände hoch, „habe ich wohl eine ziemlich steile Lernkurve vor mir.“

Aiden nickte und zuckte bei dieser Bewegung zusammen. „Sie sind definitiv keine durchschnittliche Einsteigerin.“ Autumn wünschte, sie könnte ihn wenigstens ganz kurz berühren, um herauszufinden, ob diese Feststellung einen doppelten Boden hatte. Sie legte die Fingerspitzen beider Hände zusammen, um nur ja nicht nach ihm zu greifen.

„Jedenfalls tut es mir einfach leid, dass Sie verletzt worden sind.“ Bei diesen Worten bemühte sie sich, nicht auf die Wundnaht zu schauen.

Aiden berührte seine Schläfe mit einem leisen Schnauben. „Ich wette, das war nicht die erste Frau, die mir gern eins über den Schädel gezogen hätte.“ Autumn und er wechselten ein kurzes Lächeln, doch dann wurde sein Gesicht mit einem Mal ganz ernst. „So, auf zur Besprechung.“

Die Arbeit ruft.

Innerhalb weniger Minuten hatte Aiden alle Agents versammelt. Autumn warf Winter und Winters Freund Special Agent Noah Dalton ein Lächeln zu. Das Lächeln wanderte zu Bree weiter, und dann wollte Autumn auch Sun einbeziehen. Aber Sun interessierte sich wie üblich nicht für freundliche Begrüßungen.

In der Zeit, als Sun einen anderen Agent gedated hatte, war sie viel zugänglicher gewesen, doch es wäre ihr extrem peinlich, falls sie erfahren sollte, dass ihre kurze Beziehung mit Bobby Weyrick ein schlecht gehütetes Geheimnis war. Die Psychologin in Autumn hätte sich gern nach dem Stand der Dinge erkundigt, besonders angesichts der schneidenden Bemerkungen, die Sun während des Schwarze-Witwen-Falles in Pennsylvania über Männer abgegeben hatte, doch sie hielt lieber den Mund. Die mürrische Agentin hätte Autumns Besorgnis nur als einen Übergriff auf ihre Privatsphäre gewertet.

Die einzigen Mitarbeiter, die Autumn nicht kannte, wurden ihr sofort von Aiden vorgestellt. Es handelte sich um die Special Agents Chris Parker und Mia Logan, beide Agents der Abteilung für Verhaltensanalyse, die zur Mitarbeit an dem neuen Fall hinzugezogen wurden. Autumn zwang sich, mit straffen Schultern dazustehen, obwohl sie noch keine etablierte Mitarbeiterin des FBI war. Zwischen all diese klugen Köpfen musste ihr unbedingt bewusst bleiben, dass sie selbst es ebenfalls wert war, hier zu sein.

„Also, die Lage ist folgende, Agents. Zwei Schwangere sind verschwunden, und zwar in Lavender Lake, einer Stadt mit etwa hundertfünfzigtausend Einwohnern in Central Florida.“ Noch während Aiden sprach, tippte Sun etwas in ihren Laptop, und gleich darauf erschienen die Gesichter der Frauen auf dem Smartboard. „Die erste, Sheila Conlon, wird seit zwei Jahren vermisst, und die andere, Patricia Gorski-Wilson, gerade erst seit letztem Monat.“

„Hier, nehmen Sie selbst.“ Sun warf Aiden die Fernbedienung zu, damit er die übrigen Fotos aufrufen konnte. Sie knurrte etwas wie: „Faule Säcke, ihr Männer, ich bin nicht eure Sklavin“, aber Autumn war sich nicht sicher, ob sie richtig gehört hatte.

Aiden bedankte sich mit einem Nicken. „Vor zwei Wochen hat ein Angler eine Hand gefunden, die sich dort in einem Sumpf an einem Baumstamm verfangen hatte.“ Die Fotos auf dem Bildschirm wurden durch die abgetrennte Hand ersetzt. „Vor drei Tagen kamen die Ergebnisse des DNA-Tests zurück und bestätigten, dass es die Hand von Ms. Gorski-Wilson war.“

Suns Finger flogen erneut über die Tastatur, und bei ihren nächsten Worten blickte sie nicht auf. „Laut CODIS und N-DEx sind während der letzten fünf Jahre allein in Central Florida ungewöhnlich viele schwangere Frauen verschwunden.“ Die Worte – auch die Namen der DNA-Datenbank und der Datenbank der Strafverfolgungsbehörden – nuschelte sie hastig vor sich hin.

Aiden tippte erneut auf die Fernbedienung, und die Hand verschwand zum Glück. „Sobald er diese Information hatte, rief der Detective des dortigen Sheriffbüros bei uns an und bat um Hilfe beim Verbinden der Fälle. Dieser Anruf liegt erst wenige Tage zurück, doch gestern Abend ist eine weitere Schwangere aus Lavender Lake verschwunden. Lindsay Welsh. Die Sache hat nun oberste Priorität. Wir brechen noch heute nach Florida auf.“

„Gibt es irgendwelche Hinweise darauf, wie Lindsay Welsh verschwunden ist?“ Winter sprach die Frage aus, die sie sich, wie Autumn wusste, alle stellten.

„Die Überwachungskameras eines Supermarkts haben es aufgezeichnet. Anscheinend wollte Lindsay einer anderen Frau helfen, die ein Problem mit ihrem Wagen hatte. Doch als Mrs. Welsh die Kofferraumklappe ihres Vans öffnete, verlor die Kamera die Frauen aus dem Blick. Nachdem die Klappe wieder geschlossen war, fuhr der Van weg, und nur der Einkaufswagen blieb zurück. Darin lag noch immer Mrs. Welshs Handtasche.“

„Hat man den Ehemann vernommen? Der Hauptverdächtige bei solchen Taten ist immer der Partner des Opfers, besonders wenn eine Schwangerschaft mit im Spiel ist.“ Brees Stimme klang selbstsicher, und Autumn wusste, dass sie ihren zwanzig Jahren als Agentin ein Fülle von Erfahrungen verdankte.

„Genau. Hat denn keiner erwogen, dass dieser Fall vielleicht absolut nichts mit den vorhergehenden beiden zu tun haben könnte? Mir scheint, hier wird vorschnell eine Verbindung hergestellt.“ Chris Parker sprach, als wollte er den SSA überschreien. Er strich sich sorgfältig durch sein perfekt frisiertes Blondhaar, und Autumn hatte die Vorahnung, dass Special Agent Parker vermutlich nicht ihr neuer bester Freund werden würde.

Aiden stieß langsam die Luft aus. Er hatte dunkle Ringe unter den Augen, und Autumn fragte sich erneut, ob er dieser Sache so bald nach seiner Krankenhausentlassung gewachsen war. „Es dürfte sich von selbst verstehen, dass die Polizei die Standardregeln für Entführungsfälle einhält, und die sehen die Befragung der Partner vor. Aller unterschiedlichen Arten von Partnern. Wir selbst werden diese nach unserem Eintreffen ebenfalls vernehmen, dazu Familie, Verwandte, Nachbarn und alle anderen denkbaren Augenzeugen.“

Chris verschränkte leicht genervt die Arme vor der Brust. Er hatte offensichtlich noch mehr zu sagen, entschied sich aber klugerweise zu schweigen. Seine Miene war allerdings auch ohne Worte beredt.

„Wir ziehen keine voreiligen Schlüsse, trotzdem müssen wir es für möglich halten, dass dies kein üblicher Vermisstenfall ist. Wenn sich nicht der Gedanke aufdrängte, dass in Lavender Lake etwas weit Komplizierteres stattfindet, würden wir weder Zeit noch Ressourcen dafür aufwenden. Sie dürften alle intelligent genug sein, das zu begreifen.“

Aidens Worte übermittelten seine offensichtliche Verärgerung. Er schaltete weiter, und auf dem Bildschirm erschien eine hübsche Frau mit blondem Haar. Chris machte den Mund auf, klappte ihn aber wieder zu, als Aidens Blick ihn traf.

Autumn fragte sich, was hinter der offensichtlichen Feindseligkeit zwischen den beiden Männern stecken mochte. Waren das einfach nur Machtspielchen, oder hatte die Missstimmung einen tieferen Grund?

Als Aiden sich wieder den anderen zuwandte, entspannte sich seine Miene ein wenig. „Ich gehe davon aus, dass Mrs. Welshs Zwillinge in den nächsten Wochen zur Welt kommen werden. Die derzeitige Arbeitshypothese lautet, dass der Entführer oder die Entführerin die Mutter am Leben lassen wird, bis die Babys geboren sind. Danach …“ Er zog die Schultern hoch, und Autumn brauchte keine Hilfe, um die Geste zu interpretieren.

Aiden rief ein weiteres Foto von Lindsay Welsh auf. Offensichtlich eine teure Profi-Aufnahme der Schwangeren. In ihrem fließenden saphirblauen Kleid, das sich um ihren mächtigen Bauch schmiegte, sah Lindsay umwerfend aus. Ihre Schönheit überstrahlte beinahe den Sonnenuntergang auf dem Hintergrundbild.

Am Tisch regte sich Geflüster, und beim Anblick der heiteren Miene, mit der Lindsays Hand auf ihrem Bauch lag, wurde Autumn schwer ums Herz. „Wie schön sie ist“, sagte Winter leise. Um sie her wurde genickt.

Wir müssen sie retten. Müssen alle drei retten.

„Die Geburt könnte jeden Moment einsetzen.“ Aiden blickte so grimmig, wie sie alle sich fühlten. „Jeder Tag zählt, daher machen Sie sich für den Flug nach Süden bereit, Agents. Wir brechen in zwei Stunden auf.“

Aiden klickte, und der Bildschirm erlosch. Die vermisste Frau mit ihren Zwillingen im Bauch verblasste, doch Autumn überlief ein Schauer.

Gerade waren die drei noch da gewesen. Und im nächsten Moment waren sie weg.

4.4/5

Fürchte nicht die Dunkelheit. Licht ist das, was blendet … und tötet.

Dr. Autumn Trent, forensische Psychologin und Kriminalpsychologin, will beim Wechsel in die Abteilung für Verhaltensanalyse des FBI weiter Erfahrung sammeln und routinierter werden. Doch hält sie mit ihrem weichen Herzen den Schocks stand? Wird sie mit ihrer impulsiven Art auch künftig in Schwierigkeiten geraten? Wahrscheinlich.

In ihrer Kindheit hat sie ihre Schwester aus den Augen verloren, und bei der Suche nach ihr hat sie ihre neuen Beziehungen eingesetzt. Schließlich hat sie einen Treffer in Florida erhalten… Read More